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Spiritual Skin: Magical Tattoos and Scarification

Spiritual Skin: Magical Tattoos and Scarification

Titel: Spiritual Skin: Magical Tattoos and Scarification

Author: Lars Krutak

Verlag: Edition Reuss

Preis: 98

ISBN: 978-3943105117

Magie unter der Haut

Anders, als es der englischsprachige Titel vermuten lässt, ist der großformatige Bildband zweisprachig verfasst und bietet alle Texte auch in deutscher Sprache an. In den letzten Jahren finden Tattoos immer mehr ihren Weg in die gesellschaftliche Mitte. Davor waren sie jahrhundertelang Zeichen von Randgruppen, galten außerhalb dieser oft halbseidenen Welt sogar als Stigmata, über das „gute“ Bürger die Nase rümpften. Aber dort nahm diese Körperkunst nicht ihren Anfang.

Schon vor tausenden von Jahren gab es Menschen, die sich mit Bildern, die unter die Haut gehen, oder mit Scarification (Narbenkunst) dauerhaft verzierten. Natürlich war hierbei die Optik der Tätowierungen mit entscheidend, aber nicht allein. Der Untertitel „Weisheit. Heilung. Schamanismus. Beschützung.“ verrät noch einiges mehr über den Inhalt. Einleitend beschreibt der aus Colorado stammende Kulturanthropologe, Fotograf und Autor Dr. Lars Krutak, wie es dazu kam, dass er sich die Schaffung dieses monumentalen Werkes zur Aufgabe machte.

2002 war er mit einem Team von National Geographic am Skrang-Fluss im malaysischen Borneo. Es kam die Nachricht, dass der alte und hochverehrte Tätowiermeister und Stammesälteste Maung, den das Team einige Tage später erst besuchen wollte, im Sterben liege. Das Kamerateam wollte allerdings strikt dem Drehplan folgen.

Zwei Verwandte und Krutak machten sich daraufhin – im Anschluss an eine ohnehin schon lange und gefährliche Tagesetappe – selbst auf den Weg zu dem Sterbenden und kamen gerade noch rechtzeitig an, um einige Stunden mit ihm zu verbringen und seinen Erzählungen zuzuhören. In derselben Nacht verstarb der Stammesälteste und mit ihm sein Reichtum an Erfahrungen, Erinnerungen, spirituellen Überlieferungen, Legenden und Erkenntnissen.

Dies war die Wurzel zu dem Wunsch des Autors, all dies aufzuzeichnen. So kam es dazu, dass er, der westliche Mann, nun die Geschichten, Weisheiten und Geheimnisse von tätowierten und skarifizierten Männern und Frauen aus den indigenen Stämmen Asiens, Melanesiens, Afrikas und Südamerikas aufschreibt, fotografiert und festhält. Er lauscht den Schamanen, Tätowierkünstlern und Kriegern und betreibt hier aktive Wissensbewahrung – mit dem gleichzeitigen Bedauern um all das, was im Laufe der letzten hundert Jahre schon alles an geistigen Schätzen verloren ging.

Die vielfältigen und oft sehr intimen Fotografien stammen nicht von Krutak allein, sondern von Fotografen aus der ganzen Welt. Als Leser/in gleitet man fasziniert immer mehr in diese bisher nur aus der Ferne wahrgenommene Welt hinein und begreift, dass Tattoos eben nicht nur simple Pigmente sind, die unter die Haut gehen, sondern, dass die gestochenen, geschnittenen und teilweise sogar genähten Kunstwerke bewusst genutzt werden, um einen Körper magisch zu wandeln. Sie sollen beispielsweise Stärke, Schutz, Unverwundbarkeit oder Gesundheit gewähren, sind Ausdruck von spirituellen Weltbildern und transformieren den lebenden Menschen zu einem immerwährenden rituellen Raum. Mit dem Bildband reist man zu den verschiedensten ursprünglichen Völkern dieses Planeten, lernt ihre Körperkunst kennen und stellt fest, dass auch die eiszeitliche Gletschermumie Ötzi vielfältig tätowiert war oder dass man Tattoos auch als Akupunktur verwenden kann.

Aber auch moderne Künstler wie der Tattoomeister Colin Dale, der versucht alte und vergessene Techniken wiederzuentdecken, werden mit ihrer Arbeit vorgestellt.

Fazit: Ein stolzer Preis, der hier aber allemal gerechtfertigt ist. Das Buch ist – im Gegensatz zu vielen anderen, oft nur oberflächlichen Veröffentlichungen in diesem Themengebiet – ein Werk, das seinesgleichen sucht und inhaltlich in seinem Umfang wirklich einzigartig ist. Lars Krutak gelingt es außerdem auch sprachlich, seine Leser in weit entfernte Länder und zu anderen Völkern mitzunehmen. Wer sich für die Kunst auf der Haut interessiert und darin nicht nur dekorative Arschgeweihe und 08/15-Tribals sieht, sollte auf jeden Fall mal einen sehr ausführlichen Blick in dieses bildgewaltige Grundlagenwerk werfen. Obwohl ein klassisches Coffee Table Book, besticht es doch auch durch die transportierte Informationsvielfalt.

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