Systemische Therapie

Titel:  Acht Gesichter der Schuld

Author: Bertold Ulsamer

Verlag: Scorpio, 2015

Preis: 240 Seiten, 17,99 Euro

ISBN:  978-3958030022

Der Jurist und Diplom-Psychologe Bertold Ulsamer ist im Bereich des Familienstellens nach Bert Hellinger kein Unbekannter und hat schon etliche Bücher in diesem Themenbereich verfasst (zum Beispiel „Ohne Wurzeln keine Flügel“, „Inneren Frieden finden mit den Eltern. 7 Schritte zur Versöhnung“ oder „Das Handwerk des Familienstellens“). Er arbeitet zudem auch als Coach und und Trainer und auch Bücher über NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) stammen aus seiner Feder.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert.  Der erste beschäftigt sich mit Themen der individuellen Schuld – also zum Beispiel die Schuldgefühle, die man als Einzelner gegenüber seinen Eltern, sich selbst und seinen eigenen Maßstäben gegenüber empfindet oder weil man beispielsweise der/die Überlebende nach einem Unglücksfall ist oder als Angehörige/r nach einem Selbstmord zurückbleibt. Bertold Ulsamer stellt die These auf, dass Schuld(gefühle) immer eine Funktion und einen Sinn haben. Versteht man den Sinn, kann man die Schritte erkennen lernen, die aus der Schuld herausführen können – was je nach Art der Schuld unterschiedliche Wege sein können.

Dieser Abschnitt nimmt etwas mehr als die Hälfte des Buches ein und ist in dieser Form auch schon vor drei Jahren als eigenständiges Buch („Schuld verstehen und heilen“) bei einem anderen Verlag erschienen. Im neu hinzugekommenen zweiten Abschnitt setzt sich Ulsamer mit der sehr brisanten Schuld auseinander, die die Deutschen in ihrer Gesamtheit durch das Dritte Reich tragen. Im Nachwort berichtet er auch über seine eigenen Schwierigkeiten, sich dieses kaum zu fassenden Themas anzunehmen.

Mitwisser, Mitläufer, Gehorsame – jeder kann zum Täter werden. Unzählige Deutsche wurden zu Mördern, nur ein ganz geringer Prozentsatz davon waren Sozio- oder Psychopathen – das Gros ganz normale Durschnittsbürger, die das Töten und Massenmorden lernten und aus der inneren Überzeugung ausführten, das Richtige für ihr Land zu tun. Und sehr viele führten nach dem Krieg ein normales, glückliches Familienleben, spalteten diese Jahre von sich ab, ohne von Schuld gebeutelt zu werden, während die Schuld sich so in die nächste Generation forttrug. Was übrigens ein menschliches und kein spezifisch deutsches Phänomen ist.

Fazit: Spannend und gut wegzulesend geschriebenes Buch, das zur Selbstreflexion und dadurch zur Auflösung von Schuld anhält. Gerade der zweite Teil ist natürlich ein äußerst heißes und noch immer brandaktuelles Thema. Bertold Ulsamer betont mehrfach, nur Bruchstücke bearbeiten und fassen zu können, fast klingt es wie eine vorauseilende Rechtfertigung.

Es liegt so viel Klares, Interessantes, Richtiges und Logisches in diesem Buch, aber Ulsamers Forderung, mit Rassisten in den Diskurs zu gehen, um ihre Fronten aufzubrechen, sein Verlangen danach, dass Politiker rechten Politikern, mit denen sie zusammenarbeiten müssen, menschlich freundlich begegnen sollen da diese ebenfalls demokratisch gewählt wurden, der wiederholte Hinweis auf andere Länder und dort stattgefundene Massaker und Volksverbrechen (die gefühlt die deutschen Taten relativieren, weil es eben Teil der menschlichen Natur ist)… sind aber eben mehr als nur ein wenig schwierig und stellen schwerst die Nackenhaare auf.