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Aus den Unterweisungen des Dalai Lama am 26.Oktober 1998 in Schneverdingen

Alle Lebewesen sind gleich darin, daß sie Glück wünschen und Leiden vermeiden möchten.
Untersuchen wir nun die Natur unse-res Geistes. Viele negative Emotionen wie Gier und Ärger kommen und gehen und versetzen unseren Geist in Aufruhr, aber wir haben auch positive Seiten. Fragen wir uns, welche Geistesfaktoren uns als Menschen, unserem Körper und unserer Natur mehr entsprechen, so sind dies die positiven Qualitäten wie Sanftmut, Mitgefühl und Ausgeglichenheit. Nach buddhistischer Ansicht besitzen alle Lebewesen ein natürliches Potential, um die Erleuchtung, einen vollkommenen Zustand, zu erreichen. Der Grund für diese Annahme liegt darin, daß die Natur unseres Geistes klar und erkennend ist, und diese Grundnatur immer besteht, auch wenn negative Faktoren unseren Geist beherrschen.
Ein Merkmal der negativen Emotionen ist, daß sie vergänglich sind: Sie bestehen kurze Zeit und verschwinden dann wieder. Die bloße klare und erkennende Natur des Geistes aber existiert permanent. Die eigentliche Natur unseres Geistes ist positiv, sie birgt das Potential für eine Entwicklung des Geistes in sich.

Wie entstehen Leiden und Glück in unserem Leben? Hier kann man zwei Arten unterscheiden. Die eine Art ist mit körperlichen Faktoren verbunden, zum Beispiel das Leiden an Krankheiten oder das Glück, das durch das Erleben von Sinnesgenüssen, also materiellen Substanzen entsteht. Andere Formen von Glück und Leiden hängen mit dem Geist zusammen. Das wissen wir aus eigener Erfahrung. Über manche Geschehnisse freuen wir uns, andere Dinge lösen in uns Unbehagen und Sorgen aus. Leiden und Glück auf der Basis des Geistes sind stärker als Erfahrungen, die auf dem Körper beruhen. Geistiges Glück oder Leiden kann körperliches überstrahlen. Umgekehrt ist körperliches Glück oder Leiden nicht in der Lage, den Geist zu dominieren.
Körperliches Leiden läßt sich beseitigen, körperliches Glück ist erreichbar, wenn gute materielle Bedingungen vorhanden sind. Und darum bemühen wir uns Tag für Tag. Wir versuchen, durch das Schaffen guter äußerer Bedingungen, Leiden zu vermeiden und das ersehnte GJück zu erlangen. Dieses Bemühen ist notwendig, aber auf diesem Weg läßt sich geistiges Glück nicht verwirkJichen. Es gibt viele Menschen, die reich sind und denen es materiell an nichts fehlt. Trotzdem mangelt es ihnen an Glück, und sie erleben viele Schwierigkeiten. Das ist ein klares Indiz dafür, daß die Weiterentwicklung auf äußerem Gebiet und der Besitz materieller Güter allein kein echtes Wohlergehen bringen. Daraus folgt, daß es sich lohnt, den eigenen Geist so zu verändern, daß wir von innen heraus echtes Glück erreichen und Leiden überwinden.

Manche Faktoren in unserem Geist versetzen uns in Unruhe und nehmen uns die Ausgeglichenheit. Wenn wir beispielsweise auf Umstände treffen, die wir als sehr angenehm erleben, entsteht ein starkes Verlangen, mit ihnen zusammenzubleiben oder sie in Zukunft wieder vorzufinden. So ist unser Geist ganz geprägt von dieser Begierde, die uns die innere Balance raubt. Andere Bedingungen erleben wir als feindlich und schädlich, und wir reagieren mit Aggression. Wir möchten etwas unternehmen, um uns aus der mißlichen Situation zu befreien und die vermeintlichen Widersacher aus dem Weg zu räumen. Solche Emotionen werden im Buddhismus Leidenschaften genannt und als Ursachen für Leiden angesehen. Es ist eine Tatsache, daß es Faktoren im Geist gibt, die unseren Frieden stören. Stehen wir unter dem Einfluß von starkem Verlangen, verlieren wir die Kontrolle über unseren Geist und unser Verhalten. Sind wir voller Ärger und Aggression, schwindet im gleichen Moment unsere geistige Freude, nichts macht uns mehr Spaß. Wohlschmeckendes Essen können wir nicht genießen, wenn der Ärger von uns Besitz ergreift.

„Es lohnt sich, den Geist so zu verändern, dass wir von innen heraus echtes Glück erreichen und Leiden überwinden.“

So fügen die Leidenschaften uns sowohl im Moment als auch langfristig Schaden zu. Deshalb ist es angemessen, Methoden anzuwenden, um diese negativen Faktoren, die uns so viel Leiden eintragen, zu reduzieren.
Medizinische Untersuchungen be- legen, daß Menschen, die sehr stark von selbstzentriertem Denken bestimmt sind, größeren Gefahren für ihre Gesundheit, besonders Kreislaufkrankheiten und Herzinfarkt, ausgesetzt sind.
Eine Person, die immer die Worte „Ich“ oder „Mein“ im Munde führt oder denkt, macht sich sehr viel Sorgen um sich selbst und lebt in ständiger Angst, daß ihr etwas passieren könnte, was sich negativ auf den Körper auswirkt. Aufgrund ihrer Beobachtungen kommen die Mediziner zu dem Schluß, daß ein Mensch, der weniger selbstzentriert denkt und redet, der das ständige Kreisen um sich selbst aufgibt, ruhiger und ausgeglichener ist; damit ist auch seine Gesundheit weniger bedroht. Wir können dies aus eigener Erfahrung nachvollziehen: Denken wir immer „Ich, ich, ich“, dann ist der Geist eingeengt und der Horizont begrenzt – mit der Folge, daß alle Probleme und Schwierigkeiten riesig groß, als unüb erwindbare Bedrohung erscheinen. Denken wir dagegen mehr an andere, weitet sich der Geist aus – bis zu einem unbegrenzten Altruismus, der alle Menschen, ja alle Lebewesen einschließt. Dadurch erscheinen die täglichen Probleme in einem anderen Licht – viel kleiner, geringfügiger, belangloser, und man muß ihnen nicht seine ganze Aufmerksamkeit widmen. Der Geist wird ausgeglichener.

Selbstzentriertes Denken und ständige Sorge um die eigene Person führen im Fall von Leiden, die wir natürlicherweise erleben, zu noch mehr Unbehagen.
Mit einer eingeengten Sichtweise sind wir nicht in der Lage, das Leiden freiwillig anzunehmen, sondern erleben es als Unerwünschtes, Ungewolltes, und so entstehen Angst und Widerstände, die das Leiden noch verstärken. Richten wir den Blick jedoch mehr auf das Wohl der anderen und teilen ihr Leiden, relativieren sich die eigenen Probleme, und wir können diese leichter akzeptieren. Daraus erwächst eine innere Stärke, mit Schwierigkeiten fertigzuwerden, weil das Hauptaugenmerk nicht einem selbst, sondern den vielen fühlenden Wesen gilt. Obwohl die Person in beiden Fällen Leiden erfährt, ist das Leiden im ersten Fall bedrohlich, im zweiten FalI verleiht es ihr noch mehr innere Kraft. So entsteht aus einer mitfühlenden Geisteshaltung innere Stärke, die zu mehr Frieden und Ausgeglichenheit des Geistes führt. Die Probleme des Alltags lassen sich besser ertragen.

Mitgefühl, die Sorge um den anderen, kommt also auch dem eigenen Wohlergehen zugute. Ich bin der Überzeugung, daß deshalb in allen großen Weltreligionen die inneren Werte wie Mitgefühl, Toleranz und Vergebung im Vordergrund stehen.

Allen großen Religionen ist gemeinsam, daß sie sich darum bemühen, die positiven menschlichen Qualitäten zu stärken, durch die der einzelne mehr Glück erlangt.

Die buddhistische Lehre sagt, daß Glück und Leiden allein von unserem eigenen Geist verursacht werden.
Daraus ergibt sich die Konsequenz, daß am eigenen Geist arbeiten muß, wer Glück erleben und Leiden überwinden möchte. Die Veränderung des Geistes kann nicht durch äußere Mittel oder Substanzen bewirkt werden, sondern nur durch den Geist selbst. Der Geist ist von seiner Natur her neutral, er ist nicht grundsätzlich verdunkelt und mit negativen Faktoren behaftet, und er kann umgewandelt werden. Auch gibt es Gegenmittel gegen die negativen Emotionen wie Gier und Haß, die all unsere Leiden verursachen. Wenn wir zwei Dinge zusammenbringen, die sich widersprechen, wird am Ende das eine durch das andere überwunden; dies ist ein Naturgesetz. Setzen wir den negativen Eigenschaften unseres Geistes die positiven entgegen, haben diese positiven Qualitäten die Kraft, die negativen zu reduzieren, da sie der eigentlichen Natur des Geistes und der Wirklichkeit mehr entsprechen.

Auf diesem Prinzip basiert die buddhistische Geistesschulung. Solange unser Geist unter dem Einfluß von negativen Emotionen steht, erleben wir zwangsläufig eine endlose Kette von Problemen und Schwierigkeiten. Dies wird Daseinskreislauf (Samsara) genannt.

Befreien wir den Geist mit den Mitteln der Geistesschulung von den leidbringenden Faktoren, ist der Weg frei zu echtem Glück und dauerhafter Leidfreiheit. Damit erreichen wir das Nirvana – eine Leidfreiheit, die sich daraus ergibt, daß im Geist die Ursachen für Leiden mit den Mitteln der Erkenntnis aufgegeben wurden. Das so erreichte Glück ist dauerhaft, es besitzt Stabilität. Es ist wichtig zu wissen, daß der Daseinskreislauf keine äußere Umgebung ist, in der wir leben, sondern der Geisteszustand, bei dem wir selbst unter dem Einfluß negativer Emotionen stehen. Nirvana ist das Gegenteil davon, nämlich die Freiheit von diesen leidverursachenden Faktoren.
Im Rahmen der Geistesschulung wird gelehrt, welche Faktoren Leiden im eigenen Geist hervorrufen und welches die entgegengesetzten Eigenschaften sind, mit denen man diese transformieren kann. So ist die Kenntnis, das Studium wichtig. Darüber hinaus ist es unabdingbar, die grundsätzliche Bestehensweise der Phänomene zu ergründen. Zu diesem Zweck gibt es im Buddhismus viele Einteilungen des Existierenden.

In den verschiedenen buddhisti-schen Fahrzeugen finden sich Erklä-rungen zur Natur des Geistes und zu den positiven und negativen Geistesfaktoren. Sie legen dar, was die korrekten und falschen Geisteszustände sind, wie diese entstehen, welche Auswirkungen sie haben, wie die einen überwunden und die anderen gestärkt werden.
In diesem Zusammenhang hat das Thema der Gültigen Erkenntnis eine große Bedeutung. Eine Erkenntnis wird gültig genannt, wenn sie ein Objekt so erfaßt, daß es der Wirklichkeit entspricht. In allen buddhistischen Systemen wird darauf hingewiesen, daß die Resultate der Geistesschulung nur auf der Basis korrekter, verläßlicher Erkenntnisse möglich sind. Ob vorübergehendes Glück oder das endgültige Glück der Befreiung – sie beide basieren auf korrekten Erkenntnissen. Geisteszustände, die im Einklang mit der Realität stehen, führen zu mehr Glück, und andere, die im Widerspruch zur Wirklichkeit stehen, bereiten Leiden. Deshalb ist es wichtig, die Bestehensweise der Objekte zu untersuchen – sowohl die vielfältige konventionelle Realität als auch die endgültige Seinsweise. Nur auf der Basis korrekter Erkenntnisse kann man den Geist vollständig ent-wickeln.

Positive Geisteszustände wie Liebe und Mitgefühl haben in Verbindung mit korrekten intellektuellen Erkenntnissen eine viel stärkere Basis und eine größere Kraft, als wenn sie mit Täuschung verbunden sind. Andererseits ist die Weisheit um so tiefer und klarer, je mehr sie mit Liebe und Mitgefühl einhergeht. So müssen Weisheit und Methode zusammen entwickelt werden und sich gegenseitig stützen. Das Prinzip der buddhistischen Geistesschulung ist es, positive Qualitäten auf der Basis verläßlicher, untrügerischer Erkenntnisse zu entwickeln. Aus diesem Grund haben die Erkenntnistheorie und Logik im Buddhismus eine herausragende Bedeutung.

Wir haben von Natur her das Potential, den Geist bis zu einem vollkommenen Zustand zu entwickeln. Dieses Potential wird „natürlich anwesende Veranlagung zur Erleuchtung“ oder „Buddhanatur“ genannt. Um diese Buddhanatur zu entwickeln, müssen wir zuerst verstehen lernen, worin dieses Potential besteht. Dann wenden wir Mittel an, um dieses Potential zu manifestieren, so daß der Geist allmählich eine Wandlung erfährt. Wichtig ist in diesem Prozeß die Erkenntnis, wie das Bewußtsein existiert, was die klare und erkennende Qualität des Geistes ist, wie das Bewußtsein von den Fehlern getrübt ist und welche Möglichkeiten der Reinigung es gibt.

Der indische Meister Naghabodhi hat sinngemäß gesagt: Die Erleuchtung hat niemand an sich genommen oder einem anderen gegeben, sondern sie entsteht dadurch, daß Menschen ihr Potential entfalten. Mit der Erleuchtung eignet man sich nicht etwas völlig Neues an oder erhält etwas geschenkt, sondern man nutzt das eigene Potential, indem man die positiven Qualitäten des Geistes stärkt und zur Vollkommenheit ausbaut und die negativen, hinderlichen Aspekte verringert und beseitigt.

 

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