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Schon seit 2006 gibt es Berlin-Vegan, einen losen Zusammenschluss von 30 bis 50 Menschen, die hier seit fast zehn Jahren großes persönliches Engagement und viel Herzblut einfließen lassen. Unter www.berlin-vegan.de finden sich zig Angebote für das On- und Off – lineleben, wie das Blog, Rezensionen, eine vegane Stadtkarte, Stammtische, Schnupperwochen, ein Sommerfest und vieles mehr. Es gibt inzwischen sogar eine Unterseite für eine vegane WG-Vermitt – lung und eine kostenfreie eigene App, die einem bei der veganen Orientierung im Berliner Großstadtdschungel hilft. SEIN war im Gespräch mit Jöran Fliege, einem Mitglied der ersten Stunden.

SEIN: Wer seid ihr eigentlich genau?

Jöran Fliege: Wir verstehen wir uns als Informationsbündnis und wollen den Menschen, die in Berlin leben oder als Touristen herkommen, die vegane Welt so schmackhaft und einfach wie möglich gestalten – damit niemand mehr die Ausrede braucht, man kann doch nichts mehr essen oder wäre gesellschaftlich benachteiligt und ausgegrenzt. In Berlin ist es so einfach, veganes Essen zu finden – und wir zeigen mittels Webseite und App, wo! Damit können wir aktiv dazu beitragen, Barrieren und Hürden abzubauen, und mehr Menschen an den Veganismus heranführen – zum Wohle der Lebewesen, auf deren Kosten wir sonst leben würden und deren Leid nicht zu sehen ist!

Arbeitet ihr mit anderen Organisationen zusammen

Viele Personen, die sich bei uns engagieren, sind auch in anderen Gruppentätig oder nehmen an anderen Aktionen teil. Darüber hinaus arbeiten wir seit Jahren eng mit dem Vegetarierbund und der Albert-Schweitzer-Stiftung zusammen. Dies hat den Vorteil, dass wir gemeinsam noch größere Events planen und umsetzen können und somit mehr Leute erreichen.

Ihr seid aber kein gemeinnütziger Verein?

Wir sind ein loser Zusammenschluss von Einzelpersonen. Jedes Engagement ist freiweillig und unentgeltlich. Dennoch haben auch wir laufende Kosten, vor allem, was die Server- und App- Kosten betrifft – hier sind wir auf Spenden angewiesen, weil wir ansonsten keine Einnahmen haben.

Ist eure Seite komplett werbefrei? Oder werdet ihr gesponsort?

Wir verzichten auf Werbung, weil es einerseits problematisch ist, mit den bekannten Online-Werbenetzwerken zusammenzuarbeiten, da deren Inhalte nicht immer in unserem Sinne kontrolliert werden können (keine rein „vegane Werbung“). Zudem haben wir uns gegen eine Monetarisierung unserer Arbeit entschieden, da sowas nach außen hin auch immer eine Form der Kapitalisierung von ethischen Themen beinhalten könnte – wir sehen hier keinen Grund uns angreifbar zu machen, da es bisher für uns nicht existenziell war.

An wen richtet sich euer Angebot? Nur an Veganer/innen?

Unser Angebot richtet sich an alle, die gegenüber der veganen Lebensweise aufgeschlossen sind. Die Karte ist natürlich vor allem für Veganer/innen interessant, die wissen wollen, wo sie etwas essen können, jedoch ist sie damit auch perfekt für Leute, die umsteigen oder mal etwas Neues ausprobieren wollen. Wir sind daran interessiert, jedem Menschen unter die Arme zu greifen, und zu unseren Stammtischen dürfen natürlich auch fleischessende Menschen kommen, denn sie haben sicherlich noch die meisten Fragen und Unsicherheiten – die wir im gemeinsamen Gespräch bei leckeren veganen Gerichten anschaulich ausräumen helfen!

Seid ihr inhaltlich gewachsen? Haben sich der Sinn und die Inhalte der Seite im Laufe der Jahre gewandelt?

Da sich das Angebot in Berlin über die Jahre immens gesteigert hat (auch zu erkennen am Angebot in den Supermärkten und an neu eröffneten Restaurants), haben wir nicht mehr die Notwendigkeit ausschließlich Aufklärungsarbeit zu leisten. Wir können uns somit mehr darauf fokussieren aufzulisten, was es alles gibt. Auch haben andere Gruppierungen die Aktionen „auf der Straße“ übernommen und wer mag, kann sich parallel dort einbringen. Früher ging es vor allem noch darum aufzuklären, was Veganismus überhaupt bedeutet und warum man daran nicht sterben wird – heutzutage erhalten wir viel Rückenwind von positiven Medienberichten und einem roh/bio/veggie-Lifestyle, sodass wir lediglich zeigen müssen, wo man diesen direkt in der Stadt realisieren kann. Die theoretisch-ethische Aufklärungsarbeit muss also nicht mehr von uns geleistet werden.

Gibt es obskure Erlebnisse bei der Arbeit?

Ich erinnere mich an einen Radiobeitrag zum Thema Veganismus, der sich hauptsächlich auf die Frage gestützt hat, ob ich denn als Veganer jetzt auch eine Fleischesserin küssen würde. Das war schon etwas obskur, aber abgesehen davon, dass es den tierethischen sowie alle anderen Aspekte wie Gesundheit, Umwelt und Kapitalismus total ausblendet, zeigt dies natürlich, wie sehr Veganismus inzwischen im Alltag angekommen ist. Wenn das letztlich unsere einzige Sorge sein sollte – dann bitte! Ich finde es aber beispielsweise auch faszinierend, von außen das Feedback zu bekommen, dass Berlin quasi das „vegane Mekka“ ist, zu dem die Menschen aus weiten Teilen Europas für ein Fress-Wochenende pilgern.

Wie kam es zu dem veganen Wohnungsmarkt?

Vor allem junge Menschen kommen zum Studium oder für ein FÖJ (Freiwilliges Ökologisches Jahr) nach Berlin. Sollten sie dann schon vegan leben oder dies von Anfang an planen, steht für viele die Frage im Raum, wie sie das mit potentiellen Mitbewohner/innen vereinbaren können. Es ist nachvollziehbar, dass man sich in einer Welt, die allerorten von Tieren profitiert und auf deren Leid fußt, einen kleinen privaten Schutzraum schaffen möchte. Entweder, um ein wenig „das richtige Leben im falschen“ zu haben, oder um Stress aus Empathiegründen zu entgehen. Uns haben also viele Anfragen per E-Mail erreicht, ob wir nicht jemanden kennen, der ebenfalls kein Fleisch im Kühlschrank lagert oder die Pfanne für Steaks benutzt. Deswegen haben wir vor ein paar Jahren einen Unterpunkt auf der Webseite eingerichtet.

Sucht ihr noch Leute?

Auf jeden Fall! Wir freuen uns über jede helfende Hand. Wir haben allein 200 Restaurants auf einer Liste, die darauf warten, besucht und getestet zu werden. Es ist immer Bedarf an Texten für die Webseite. Ebenfalls gibt es die Möglichkeit Aktionen zu planen und umzusetzen. Wer mitmischen will, erfährt auf der Webseite mehr. Oder besucht uns im Sommer auf dem Alexanderplatz oder bei unseren Stammtischen und lernt uns kennen! Wir freuen uns, wenn wir dazu beitragen können, dass Tierrechte nicht mehr zwangsweise negativ mit asketischen Körnern in Verbindung gebracht werden – denn diesem Irrglauben ist der Veganismus heutzutage lange entwachsen.


Jöran_Fliege

Jöran Fliege ist seit der Gründung dabei. Er wurde 1986 geboren und arbeitet hauptberuflich als Art Director und Musikproduzent. www.berlin-vegan.de

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