Anzeige

Geben wir beim Channeling unsere Selbstverantwortung ab wie einen Mantel an der Garderobe? Und wenn ja: Geht es nicht vielmehr darum, das Ich zu stärken und eine immer klarere Entscheidungsfähigkeit zu erlangen? Kritische Anmerkungen zu einer esoterischen Mode.

Die allgemeine Begeisterung über das so genannte Channeling in der einschlägigen Szene ist groß. Tendenz: steigend. Sicher gab und gibt es kritische Stimmen, aber diese finden wenig Resonanz. Wie kommt das? Wie erklärt sich die enorme Popularität dieses Phänomens, das ja nur eine moderne Ausdrucksform des uralten Mediumismus ist? Die Pythia im antiken Delphi (eine Priesterin) versetzte sich durch rätselhafte Dämpfe aus einem Erdspalt in einen veränderten Bewusstseinszustand, aus dem heraus sie dann „gechannelte Botschaften“ formulierte, Antworten auf Fragen gab, die ihr gestellt wurden. (Männliche Priester im übrigen machten dann die für die Öffentlichkeit zugängliche und zuträgliche Schlussredaktion!) Im alten Tibet spielte das Staatsorakel in Nechung bei der Auffindung des neuen Dalai Lama eine zentrale Rolle. Schamanische Trancetechniken, auch in Verbindung mit psychoaktiven Stoffen, finden sich in allen traditionellen Kulturen. Stets herrscht die Grundüberzeugung vor, dass es eines veränderten Bewusstseinszustandes bedarf, um mit Göttern und Geistern in unmittelbaren Kontakt zu treten, ja, zu deren Mundstück oder Sprachrohr zu werden.

Sprechen in Götterzungen

Dieser veränderte Bewusstseinszustand wurde durch sehr differenzierte und auch „raffinierte“ Trancetechniken ausgelöst, Die „Techniken des Heiligen“ (Stanislav Grof) sind eingehend erforscht worden, und sie sind im Prinzip auch für so genannte moderne Menschen zugänglich, u.a. unter Zuhilfenahme psychoaktiver Substanzen (um das Wort „Drogen“ bewusst zu vermeiden). In traditionellen Kulturen wurde der oft radikal veränderte Bewusstseinszustand, der das Sprechen mit „Götterzungen“ oder „Geisterzungen“ ermöglichte, rituell abgefedert und integriert; der kollektive Bewusstseinsraum schloss den Einzelnen ein, gab ihm Halt und Schutz.

Ein solcher Bewusstseinsraum existiert in der herrschenden Intellektualkultur nicht mehr. Restbestände mag es geben, aber sie haben keine wirklich verbindliche Kraft. Dafür gibt es Gründe, die mit der Bewusstseinsgeschichte, speziell der des so genannten Abendlandes, zu tun haben. Wie immer man diese Bewusstseinsgeschichte nun wertet, ob als Siegeszug oder als Absturz in die Katastrophe, als Fortriss vom ursprünglichen Sein, Tatsache ist, dass der Mensch der heute herrschenden Bewusstseinsformation das eigene Ich als Fokus und Spiegel der Welt begreift und sich mit ihm identifiziert. Das geht vom schöpferischen Selbst bis hinab in die Niederungen des modernen Egos, das sich unaufhörlich selbst inszeniert, heute schriller denn je.

Wahnhaft: das moderne Ego

Wer nicht völlig blöd ist, erkennt das Wahnhafte in dem Gieren und Krallen und der Maskerade des modernen Egos. Dieses Ego wirkt wie eine Karikatur des eigentlichen Ichs, das ein Gewinn, eine Errungenschaft, ein hohes Gut ist. Werden Ego und Ich verwechselt, wie dies häufig geschieht, gehen alle Maßstäbe verloren. Das ist das Problem, mit dem wir auch beim so genannten Channeling konfrontiert sind, auch wenn dies zunächst gar nicht offensichtlich ist.

Wenn ein zeitgenössischer Mensch der herrschenden Intellektualkultur sich über psychoaktive Stoffe oder Trancetechniken in einen Bewusstseinszustand begibt, in dem sein Ich zum Korken wird, der auf machtvollen Wellen tanzt, und er somit jede höhere Kontrolle abgegeben hat, kann die Sache kritisch werden. Auch dann, wenn er nun in diesem unterichhaften Zustand Botschaften „channelt“, die einem höheren Bewusstsein angehören sollen. Treten wirklich „die Götter“ auf den Plan, wird man wirklich zum Sprachrohr eines höheren, gar kosmischen Wesens? Ich will nicht ausschließen, dass dies möglich ist. Es rundweg zu leugnen, wäre borniert. Aber meist bestimmen ganz andere Mächte und Wesen das Spiel.

Botschaften aus höheren Sphären?

Als jemand, der viele Jahre über Bewusstsein und auch über andere/höhere Bewusstseinszustände nachgedacht und darüber geschrieben hat (aus vielfältigen Erfahrungen heraus), muss ich sagen, dass die meisten der „gechannelten“ Texte, die ich gelesen habe, auf mich einen ambivalenten, einen eher zwiespältigen Eindruck machen. Ich kann wenig Höheres oder Kosmisches darin entdecken (von wenigen Ausnahmen abgesehen, das muss eingeräumt werden). Meist lese ich Texte, die das ohnehin in den jeweiligen Szenen Behandelte noch einmal ausdrücken, die keineswegs eine andere oder überlegenere Ebene andeuten.

Das moderne Ego ist in der Regel ich-schwach. Und gerade die Ich-Schwäche, so scheint es mir, ist ein Charakteristikum der Gegenwart. „Shoes and minds are to be left at the gate“, hieß es einst im Poona des Bhagwan (Osho). Der „Weg nach Asien“ – jetzt ganz pauschal gesagt – ist für viele Westler der Ausdruck ihrer Ich-Schwäche. Sie sind ihres Egos überdrüssig, wollen den peinigenden „mind“ abwerfen und werfen zugleich ihr wahres Ich mit Inbrunst über Bord. „Gechannelte“ Botschaften werden genauso begeistert aufgenommen wie das Wort des jeweiligen Gurus. Mediumismus und Gurnismus gehören eng zusammen. Dabei gibt´s im Ich und am Ich, wenn es mehr ist als nur die bekannte Kümmerform des Ego, viel zu entdecken. Auch im Zusammenhang mit Grundüberlegungen zur Bewusstseinsentwicklung überhaupt. Warum das Ich abgeben an der Pforte? Eher müsste und sollte man die gegenteilige Parole aufstellen. Trau keinem, der channelt, trau keinem Guru, trau keinem, der dich klein macht, der dich entmündigt! Das tiefste Sein ist sicher grenzenlos, aber du erreichst es, wenn du dein wirkliches Ich ernst nimmt, es nicht voreilig und naiv zum Tenfel jagst.

Ich will und kann niemandem den Spaß am Channeling verderben, nur sollte man sich darüber klar werden, was hier faktisch geschieht, ob es wirklich der Ich-Findung und Eigenverantwortung dient und das eigene schöpferische Potential stärkt, oder das Bewusstsein eher in die Regression treibt…

Über den Autor

Avatar of Jochen Kirchhoff

lebt als Philosoph und Bewusstseinsforscher in Berlin.

Lehrtätigkeit an der Humboldt-Universität und an der Lessing-Hochschule.

Autor zahlreicher Veröffentlichungen, zuletzt der Bücher „Was die Erde will“ und „Räume, Dimensionen, Weltmodelle“. Jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Feld der anderen oder transpersonalen Bewusstseinszustände.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*