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Vom 7. bis zum 18. Dezember findet in Kopenhagen die große UN-Klimakonferenz statt, auf der viele Hoffnungen für eine internationale Wende im Klimaschutz ruhen. Doch die Zeichen stehen nicht sehr günstig. Die Vertragsstaaten feilschen um Reduktionsziele, von denen selbst die ambitioniertesten viel zu gering sind, um einen desaströsen Klimawandel aufzuhalten.

 

 

Während die Nachrichten aus der Verhandlungssphäre immer ernüchternder werden – auf der letzten Vorbereitungskonferenz in Bangkok stellten die USA sogar wieder die grundlegenden Vereinbarungen aus dem Kyoto-Protokoll von 1997 in Frage –, sind die Neuigkeiten aus den Klimawissenschaften von Monat zu Monat dramatischer. Eine neue Studie des englischen Met Office für die britische Regierung mit dem Titel „Beyond 4°“ prognostiziert, dass die globale Erwärmung bereits bis zum Jahr 2060 vier Grad erreichen könnte, wenn nicht sehr schnell weltweit umgesteuert wird. Vier Grad im globalen Durchschnitt, das bedeutet für große Teile Afrikas eine effektive Erwärmung von bis zu 10 Grad und für den Amazonas-Regenwald endgültig das Aus.

Angesichts solcher Szenarien wirken die Stellungskämpfe im Vorfeld der UN-Konferenz geradezu surreal. Die Schere zwischen dem, was von Kopenhagen zu erwarten ist, und dem real Notwendigen klafft sogar noch weiter auseinander, wenn man die Mechanismen betrachtet, die für den Kyoto-Kopenhagen-Prozess grundlegend sind und die bestimmen, auf welche Weise Klimaschutz konkret umgesetzt werden soll.

Auf der Konferenz in Kyoto trat Al Gore 1997 als Vertreter der Clinton-Regierung auf und verkündete, dass die USA einem Vertrag nur zustimmen würden, wenn so genannte „flexible Mechanismen“ eingeführt werden. Diese Mechanismen sehen – im Gegensatz zu direkter Begrenzung fossiler Energienutzung – vor, dass den Verschmutzern zunächst einmal Rechte auf die Verschmutzung der Atmosphäre zuerkannt werden und diese Rechte dann beschränkt und in einem weltweiten Emissionshandel handelbar werden. Die EU und andere Staaten waren damals gegen diese exotischen Instrumente, doch die USA setzten sich durch. Die Ironie der Geschichte: Der US-Senat hat das Abkommen nie ratifiziert, die flexiblen Mechanismen sind uns aber erhalten geblieben.

 

Emissionshandel: kontraproduktiv

Die flexiblen Mechanismen – entwickelt von Vertretern der marktradikalen „Chicago School“, die auch Derivate und andere riskante Finanzinstrumente erfunden haben – werden von zahlreichen Umweltaktivisten kritisiert, weil sie im Verdacht stehen, effektiven Klimaschutz an vielen Punkten eher zu verzögern als zu fördern. Bereits der Grundgedanke des Emissionshandels, Einsparungen zuerst dort vorzunehmen, wo sie am billigsten sind, kann sich als kontraproduktiv erweisen. Denn die zentralen, großen Investitionsentscheidungen für die Zukunft müssen jetzt getroffen werden. Werden die drei- bis vierhundert neuen Kohlekraftwerke noch gebaut – zum Beispiel, weil man sich aus anderen Sektoren günstige Emissionsrechte kaufen kann – wird ein ernstzunehmender Klimaschutz eine Sache der Unmöglichkeit. Deswegen fordern Vertreterinnen und Vertreter des Klimabündnisses Climate Justice Now! auch anstelle von windigen Marktmechanismen internationale Vereinbarungen, um fossile Energieträger im Boden zu lassen.

Mehr noch als der Emissionsrechtehandel steht der so genannte „Clean Development Mechanism“ – „Mechanismus zur umweltverträglichen Entwicklung“ – in der Kritik vieler Umweltschützer. Denn was so blumig klingt, hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur als Flop für den Klimaschutz, sondern oft sogar als Verhängnis für Länder des Südens erwiesen. Statt zu Hause Emissionen zu reduzieren, können Unternehmen aus Industrieländern unter CDM zum Beispiel in Eukalyptusplantagen in Brasilien investieren, die CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen sollen – und erhalten damit einen Freibrief, zu Hause weiterhin ungebremst Dreck in die Atmosphäre zu pusten. Abgesehen davon, dass diese Plantagen aufgrund von Veränderungen der Bodenökologie oft mehr Treibhausgase freisetzen als sie aufnehmen, entziehen sie auch den Bauern ringsum das Wasser. Beispiele dieser Art sind Legion. Nicht nur richten viele dieser Projekte massive soziale Schäden an, sie sind auch noch überwiegend wirkungslos für den Klimaschutz. Eine Studie der Stanford University ist zu dem Schluss gekommen, dass zwei Drittel aller CDM-Projekte wirkungslos sind – und damit zu einer faktischen Emissionserhöhung beitragen, weil sie Reduktionen vortäuschen, die keine sind. Zu befürchten ist also, dass in Kopenhagen, selbst wenn noch ein Abkommen zustande kommt, für das Klima wenig Gutes zu erwarten ist.

 

Statt warten: selbst handeln

Was aber folgt aus alledem? Die Zukunft des Planeten können wir offensichtlich weder dem Markt noch Regierungskonferenzen anvertrauen und uns im Übrigen zurücklehnen. Es geht um nichts Geringeres als um eine grundlegende Transformation der gesamten Gesellschaft, die auf allen Ebenen stattfinden muss, lokal, regional und international. Dabei geht es um eine rasche Abkehr von fossiler Energienutzung, aber auch von einem ruinösen Wachstumsdogma, um eine Neudefinition von Arbeit und Wohlstand, um Dezentralisierung, um die Frage, was wir auf welche Weise, warum und für wen produzieren wollen. Und es gibt überall auf der Welt bereits Initiativen, die damit begonnen haben, den Wandel auf den Weg zu bringen, ohne auf Kopenhagen zu warten – von „Transition Towns“ bis zu den Münchener Stadtwerken, die bis zum Jahr 2015 komplett auf erneuerbare Energien umsteigen wollen. Die Zeit zu handeln ist jetzt. Und wenn wir es nicht tun, tut es niemand für uns.

 


Abb.: © Patrizier-Design

 

 

 

 

 

 

 

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