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Mit dem Casanova-Tarot führt uns der bekannte italienische Comic-Zeichner Luca Raimondo, der u.a. auch das Tarot des Olymp gestaltet hat, in das Venedig des 18. Jahrhunderts, in die Serenissima, die Stadt der Heiterkeit, die Stadt der Liebenden. Er zeigt uns Szenen aus dem schillernden Leben des berühmtesten Sohnes der Lagunenstadt, des Giacomo Casanova (1725-1798): Abenteurer, Freimaurer, Okkultist, Autor eines denkwürdigen Memoirenwerkes, in dem er nicht nur sein Leben mit all den zahllosen Liebschaften und Affären, den Leiden des Eingekerkerten, den Abenteuern des aus den Bleikammern Entflohenen beschreibt, sondern zugleich ein Sittengemälde einer ganzen Epoche entwirft.

Von den 22 Großen Arkana sind nur 8 von explizit erotischem Gehalt. Natürlich die VI-Die Liebenden, eine Karte, die ohnehin auch in anderen Tarot-Decks für erotische Akzente prädestiniert ist, steht sie doch in ihrer Grundsymbolik für die Sehnsucht nach Liebe und der gleichzeitigen Furcht davor, für die Suche nach der „besseren Hälfte“ in der Liebe und die damit verbundene Gefahr, sich nicht zum ganzen Menschen zu entwickeln.
Oder die XIV-Die Mäßigkeit, die hier vordergründig so unmäßig erscheint, sitzt sie doch in verzückter Eindeutigkeit auf der Brunnenkante eines maskulinen Wasserspeiers, dem das Naß üppig aus allen nur denkbaren Öffnung, pardon, spritzt. Oder das üppig-morbide Prachtweib mit Skeletthänden auf der Karte XIII-Der Tod, trauerschleierverhüllt am Sterbebett Casanovas. Noch im Tode wunderschön.

Die Zahlenkarten zeigen dann verschiedenste Spielarten amouröser Abenteuer und Verstrickungen des (neben Don Juan) größten Liebhabers aller Zeiten, etwa eine kleine Orgie auf Münzen 2, eine leidenschaftliche Umarmung im Heu auf Stäbe 3, voyeuristische Augen-Blicke auf Stäbe 4 und 9 oder Kelche 7, eine Menage a trois auf Kelche 3, die vom zürnenden Vater Ertappten auf Kelche 8, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Aber auch gänzlich unerotische Lebensszenen tauchen auf: die Verquickung von Liebe und Spiel (Münzen 4, Stäbe 9), Degengefechte (Stäbe 5) und Pistolenduelle (Stäbe 7) mit düpierten Gatten oder eifersüchtigen Nebenbuhlern, der verzagte Gefangene in der kalten Bleikammer-Zelle (Schwerter 4), der alternde Liebhaber in vereinsamter Ermattung (Schwerter 10). Und immer wieder Masken des venezianischen Karnevals als roter Faden und Symbol für das Maskenspiel und die Geheimnisse der Liebe.

Erotik ist „die mit sensorischer Faszination erlebte, den geistig-seelischen Bereich einbeziehende sinnliche Liebe“, definiert der Duden. Umfassende Sinnlichkeit, sinnenhaftes und Sinn gebendes Erleben also sind die Kennzeichen der Erotik. Erotik geht über bloßen Sex weit hinaus.

Natürlich gibt es in diesem erotischen Tarot viel (gezeichnete) nackte Haut zu sehen. Doch sind die in Aquarelltechnik gefertigten Bilder von großer Ästhetik, von dezenter, natürlicher Farbigkeit, transparenter Vielschichtigkeit und überraschender Tiefenwirkung. Sie sind sinnlich und voller Lebensfreude. Vom Ruch der Pornographie sind diese Karten weit, weit entfernt. Vielen ist in unserer heutigen hypervisualisierten Zeit der Sinn für Erotik, der Sinn für das umfassende tiefe Erleben mit allen Sinnen, abhanden gekommen. Sex, vielfach mit Erotik gleichgesetzt, ist zum schnell konsumierbaren, allgegenwärtigen „Fast-Food“ geworden. Schnelle Triebbefriedigung steht im Vordergrund, nicht ganzheitliches, sinnliches Erleben. Doch vielen Menschen friert es buchstäblich in dieser emotionalen Kälte. Sie sind auf der Suche nach neuer Sinnlichkeit und neuem Sinn in allen Lebensbereichen.

Tarot-Karten werden dabei seit Jahrzehnten fernab esoterischer oder divinatorischer Traditionen als „Landkarten“ für die Entdeckung der Innenwelten genutzt. Die Erkenntnisse der analytischen Psychologie und die Deutung der Symbolsprache Tarot im Sinne von C.G. Jung, Erich Fromm und Sigmund Freud haben diesen neuen, psychologisch fundierten Zugang zu den seit 500 Jahren bekannten 78 Bild-Karten ermöglicht. Neben Fragen wie: Wer bin ich ? Was will ich? Wovor habe ich Angst? steht natürlich auch die Frage: Wie und was liebe ich?

Erotische Elemente finden sich allenthalben in vielen Tarot-Decks. Erotik und Sexualität sind schließlich essentielle Triebfedern der menschlichen Existenz und gehören somit ganz natürlich in die Tarot-Karten, die als Spiegel des Lebens alle Aspekte des Daseins ansprechen, den Blick auf das lenken, was sich näher zu betrachten lohnt.

Während das Manara-Tarot in seiner Bildlichkeit teilweise recht deutlich wird, schlägt des Primavera-Tarot sehr viel zartere Töne an (sowohl hinsichtlich der Farbigkeit als auch hinsichtlich der erotischen Darstellungen). Unbefangen verschlingen sich dort VI-Die Liebenden in inniger Kußumarmung, während die verzückt dahin Geschmolzene den Widderkopf als Gürtelschnalle um die Taille trägt: das Symbol erotischer Leidenschaft schlechthin. Athletisch gebaute Adonisse als Buben der Kleinen Arkana lassen hier das Herz ebenso höher schlagen wie die Scharen mehr oder minder verhüllter, reizvoll-verführerischer Damen. Und erst die inhärente Leidenschaft des mit dem Kentauren kämpfenden Herkules auf der Karte XI-Die Stärke. Das braucht es eigentlich den Strahlenkranz der Phallussymbole und die vielfältige „Stab“-Symbolik nicht, um hier kraftvolle Sexualität pur zu ahnen. Oder der schöne Magier, für den zweifelsohne Michelangelos David Modell stand. Das alles dargestellt in so blumiger Farbigkeit und spielerischer Leichtigkeit, daß wohl niemand primär an das eine denkt und dennoch kaum dem hintergründigen Prickeln sich entziehen kann. Ein Deck, das Frühlingsgefühle weckt.

Selbst in einem so „harmlosen“ Deck wie dem Elfenzauber-Tarot von Giacinto Gaudenzi blitzt die Erotik auf: unschuldig-nymphenhaft in den Königinnen der Kleinen Arkana, unendlich romantisch in den libellenbeflügelten Liebenden, die bis zu den Hüften im kirschblütenbespiegelten Wasser stehen, in wollüstiger Geilheit in der Figur des Teufels. Von Gaudenzi erscheint übrigens im Herst 2002 ein explizit erotisches Tarot (Decamerone-Tarot), auf das man sich schon freuen darf.

Natürlich ist es Geschmackssache, ob ein solches Deck gefällt oder nicht. Nicht jeder wird Tarot problemlos mit Erotik verbinden können. Richtig ist sicher auch, daß sich manche mit der traditionellen Tarot-Symbolik in diesen Karten schwer tun. Dennoch lohnt es sich durchaus, den erotischen Aspekten im Tarot nachzuspüren. Aus ästhetischer Sicht und weil neue Sichtweisen oft auch neue Erkenntnisse ermöglichen. (Bertram Keller-Krohn)


Casanova Tarot, 78 Karten mit dt. Anleitung und Untertiteln, 66 x 120 mm.
Erotisches Tarot von Luca Raimondo. ISBN 3-933939-69-0, EUR [D] 19,90 / Königsfurt

Decamerone Tarot, 78 Karten mit dt. Anleitung und Untertiteln, 66 x 120 mm.
Erotisches Tarot von Giacinto Gaudenzi. ISBN 3-89875-515-0, ca. EUR [D] 19,90 / Königsfurt (erscheint Herbst 2002)

Elfenzauber Tarot, 78 Karten mit dt. Anleitung, 66 x 120 mm.
Von Giacinto Gaudenzi. ISBN 3-933939-93-3, EUR [D] 14,90 / Königsfurt

Manara Tarot, 78 Karten mit dt. Anleitung und Untertiteln, 66 x 120 mm.
Erotisches Tarot von Milo Manara. ISBN 3-933939-68-2, EUR [D] 19,90 / Königsfurt

Tarot des Olymp, 78 Karten mit dt. Anleitung und Untertiteln, 66 x 120 mm.
Von Luca Raimondo und Manfredi Toraldo. ISBN 3-89875-510-X, EUR [D] 17,90 / Königsfurt

Primavera Tarot (Tarot Art Nouveau) 78 Karten mit engl. Anleitung und dt. Untertiteln,
66 x 120 mm. Von Antonella Castelli. ISBN 3-933939-21-6, EUR [D] 14,90 / Königsfurt


Abb.1: Berühmte Palazzi und andere Bauwerke Venedigs sind das Bühnenbild dieser Karten, als tragendes Bildelement (z.B. das atemberaubende Treppenhaus des Palazzo Contarini dal Bobolo auf der X-Das Rad, der Innenhof der Casa d`oro auf der VI-Die Liebenden oder die vom fahlen Mondlicht bestrahlten Kuppeln von San Marco auf der VIII-Der Mond) oder als Hintergrund amouröser Szenen. Auf den Assen der Kleinen Arkana beflügeln wunderschöne Kanal-Perspektiven die Phantasie: Was mag hinter diesen Fassaden wohl alles geschehen sein?
Abb.2: Tarot und Erotik – Manche(r) mag jetzt leicht mit der Augenbraue zucken, vielleicht verwundert, vielleicht erwartungsvoll, oder unwillig die Nase rümpfen: jetzt auch hier noch Sex. Aber Obacht: Erotik ist nicht gleich Sex, wenngleich die beiden Begriffe heute vielfach fälschlicherweise synonym verwendet werden.
Abb.3: Nehmen Sie z.B. einmal das Primavera-Tarot zur Hand, ein ebenfalls in Aquarelltechnik gestaltetes Deck von Antonella Castelli, das stilistisch die Zeit des Art Nouveau aufleben läßt. Ein Deck, das mitnichten im Rufe steht, ein erotisches Deck zu sein. Manche Karten dort stecken jedoch derart voller prickelnder Erotik, daß sie dem Casanova-Tarot oder dem erotischen Manara-Tarot der Comic-Ikone Milo Manara allemal das Wasser reichen könnten.

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