Anzeige

Das Ego ist in der spirituellen Literatur allgegenwärtig. Aber was ist das Ego? Wie funktioniert das Ego? Und wie kann mensch sich von seinen Ego-Mustern befreien und als authentisches Ich leben? Eine Betrachtung von Wolfgang Wiesmann.

Was ist das Ego?

Die wachsende Popularität des Wortes Ego macht neugierig und wirft die Frage nach seiner Bedeutung auf. Auf den ersten Blick würde man das Ego in den Bedeutungszusammenhang der Begriffe Egoist und Egoismus stellen, aber diese oberflächliche Zuordnung würde dem komplexen und tiefgründigen Wesen des Egos nicht gerecht. Ein signifikanter Unterschied liegt allein darin begründet, dass Egoismus sich an typischen und offensichtlichen Erkennungsmerkmalen festmachen lässt. Das Ego steckt hingegen viel verzweigter im Menschen und kann in seiner Struktur und seinem Umfang nur schwer identifiziert werden. Das Ego neigt dazu, aus dem Verborgenen zu operieren. Der Egoist ist schnell entlarvt.

Bedeutung und Popularität des Wortes Ego stehen heute auch unter dem Einfluss spiritueller und esoterischer Literatur. Bekannte neuzeitliche Philosophen wie Eckhart Tolle widmen dem Ego beträchtliche Aufmerksamkeit. In der Tat handelt es sich um ein lohnendes Objekt mit höchster Relevanz für das Verstehen des menschlichen Verhaltens. Der Klarheit halber sei kurz angemerkt, dass Freuds Ego etwas völlig anderes darstellt.

Das Ego zu erkennen, ist eine der schwierigsten Lebensaufgaben, denen man sich stellen kann. Während jeder Mensch ein Ego hat, sind es die wenigsten, die es kennen. Will man aber sein Ego bearbeiten, um sich von seiner eigennützigen Manipulation zu befreien, muss man es kennen. Sich bewusst von etwas zu lösen, setzt im Allgemeinen voraus, dass man dieses Etwas kennt. Es gibt therapeutische Verfahren, bei denen das nicht der Fall sein muss, aber wenn ein generelles Interesse besteht, sich von Egoanteilen seiner Psyche zu befreien, geht man besser den Weg der Erkenntnis. Erkenne dich selbst ist jedem ein Begriff. Sein Selbst zu erkennen, läuft über das Entdecken des Egos. Da das Ego aber viele verborgene Gesichter hat, ist der Weg der Selbsterkenntnis kein einfacher. Ihnen einige Wegweiser vorzuschlagen, ist Ziel dieser Erörterung.

Das Ego und sein Nachbar

Das Ego bezeichnet die Subjektbezogenheit des Denkens und Fühlens einer Person. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich das Ego gerne mit dem Wort Ich meldet, und darüber hinaus die Tendenz verfogt, die Persönlichkeit eines Menschen durch sich ganz allein definieren zu wollen.

Nun ist aber bekannt, dass der Mensch nicht nur egoistisch handelt und denkt, sondern auch mitfühlend, sozial, empathisch, liebend, kreativ, und intuitiv. Diese kleine Auswahl enthält ebenfalls sehr bestimmende Elemente für Persönlichkeitsbildung, die aber nicht primär zum Ego passen. Neben dem Ego existiert eine weitere Fraktion in der Psyche, deren Eigenschaften darauf hinweisen, anders als das Ego zu sein.

Um den Begriff Fraktion mit bedeutungsvollem Inhalt zu füllen, sei hier vorgeschlagen, dass es sich um das authentische Ich handelt. Der große Unterschied zum Ego besteht darin, dass das authentische Ich sich selbst bewusst werden kann. Nur das authentische Ich einer Person kann mit dem Bewusstsein arbeiten. Das Ego ist unbewusst. Es kann sich selber nicht erkennen.
Aus dem Zweiergespann von Ego und authentischem Ich ließen sich folgende, einfache Bausteine für eine Konstruktion der Psyche entwerfen, die einen großen praktischen Nutzen mit sich bringt. Das vorgeschlagene Modell erleichtert das Verständnis eigener Bewusstseins- und Entscheidungsprozesse und liefert mehr Transparenz für das Verhalten anderer.

Punk1: Der Mensch kann vollkommen vom Ego beherrscht werden. Er ist sich dessen nicht bewusst. (Beobachten und Verstehen der Emotionen und Gefühle kann diesen Zustand verändern.)

Punkt 2: Es gibt Mischzustände, wo sich der Mensch entweder im Ego-zustand oder im authentisches Ich-zustand befindet. Nur das authentische Ich kann Dank des Bewusstseins sich selbst und das Ego erkennen. Das hat große Konsequenzen für viele Bereiche des Lebens, aber besonders für Entscheidungen. Das Ego entscheidet nach Ego-kriterien. Nur das bewusste, authentische Ich besitzt die Fähigkeit eine echte Wahl zu treffen.

Punkt 3 steht für den Fall, dass ein Mensch frei vom Ego ist und nur seinem Selbst, seinem originalen, authentischen Ich folgt. Dieser Fall beschreibt jedoch einen idealisierten Zustand, der bisher kaum je von Menschen erreicht wurde. Das Ego wäre dann ausgelöscht, der Mensch wäre sich allgegenwärtig bewusst. Damit würden auch die Bedürfnisse und das Verlangen des Egos aufgelöst sein. Wie ein so idealisierter Mensch sich verhalten würde, fällt gänzlich in das Gebiet der Spekulation. Dennoch existiert dieses authentische Ich in vollem Umfang. Dass es aber nur anteilmäßig zur Geltung kommt, liegt daran, dass es vom Ego verdrängt wird.

Egobotanik

Der Deutlichkeit halber lässt sich die Persönlichkeit eines Menschen in zwei Lager aufteilen, ein Egolager und ein authentisches Lager. Beide zusammen bestimmen das Persönlichkeitsbild. Um dieses Bild weiter zu verfeinern, lässt sich folgende Vorstellung entwickeln:

Das authentische Ich repräsentiert das eigentliche originale Ich des Menschen, während das Ego sich nur als Ich ausgibt und als ein entarteter Abzweig des authentischen Ichs verstanden werden kann. Das Ego besäße nach dieser Auffassung viele Qualitäten des originalen Ichs, wodurch einleuchtet, dass es schwierig sein kann, zwischen Ego und authentischem Ich zu differenzieren.
Die Verwandtschaft von Ego und authentischem Ich lässt sich folgendermaßen veranschaulichen:

Wenn eine Mutterpflanze von wilden Trieben befallen wird, kann es sein, dass diese Triebe der Mutterpflanze nicht nur den Boden, sondern auch Licht und Wasser streitig machen. Das Ego benimmt sich exakt wie ein wilder, schnell wuchernder Trieb, der die Mutterpflanze (authentisches Ich) ersticken würde und dabei selber am Ende stirbt. Damit die Mutterpflanze überleben kann, muss der wilde Trieb gestutzt werden. Je mehr er zurückgeschnitten wird, umso mehr kann die Mutterpflanze erblühen.

 

Der Pelz und der Wolf

Es lässt sich die Überlegung anstellen, dass ein authentisches Ich eine Persönlichkeit formen würde, die sich weitgehend an eigenen (authentischen) Kriterien orientiert. Dazu gehören Talente, das Temperament, Fähigkeiten, das Äußere und besondere Stärken und Schwächen. Die Person nimmt ihre Eigenschaften bewusst wahr, setzt sie zur Persönlichkeitbildung ein, macht sich aber im Unterschied zum Ego davon nicht abhängig. Sie kann sich auch gar nicht davon abhängig machen, weil es ja ganz eigene Charakteristika sind, die nicht verloren gehen können.

Das Ego hingegen versucht eine Persönlichkeit aufzubauen, die einer künstlichen, von außen adoptierten Identität entspricht. Hier kommt alles infrage, womit sich der moderne Mensch identifizieren könnte. In erster Linie sind das: Ansehen, Titel, berufliche Stellung, materieller Besitz, politische, gesellschaftliche und religiöse Zugehörigkeiten, Vereine, Freunde, Familie, Partner, Hobbys, Wissen und Kenntnisse. Zerbrechen diese Teile einzeln oder als konstruiertes Glaubensgebilde, leidet die Persönlichkeit, weil das Ego sich davon abhängig gemacht hat. Das Ego baut nicht auf eigene, originale Eigenschaften, sondern auf die Errungenschaften, Vorteile und Nutzen, die mit persönlichen Eigenschaften erzielt werden.

Dennoch, so könnte man meinen, schneidet das Ego gar nicht so schlecht ab. Welcher Mensch würde sich freiwillig außerhalb der Lebensnähe stellen, die vom Ego mitgeschaffen wird? Menschen wünschen sich ein möglichst erfülltes Leben und dazu gehören Beruf, Familie, Partner und ein gutes Stück Selbstverwirklichung. Warum sollte man sich also bemühen, den Egoeinfluss auf seine Leben kritisch zu untersuchen? Nur um sein authentisches Ich kennenzulernen? Für viele wäre das sicher Grund genug. Ein unschlagbarer anderer Grund besteht jedoch darin, dass das Ego Leiden schafft und zwar für den Einzelnen, die Weltgemeinschaft und die Natur. Dieses Leiden ist unsagbar groß. Fast das gesamte Leiden der Menschheit und der Missbrauch an der Natur werden vom Ego erzeugt.

Wenn sich jemand fragt, wie er verantwortungsvoll mit seinem Leben und dem anderer umgehen kann, dann lautet die Antwort: Das eigene Ego reduzieren. Um das zu tun, muss man wissen, wo genau das Ego steckt.

 

Egomanie

HahnDas Ego sucht nach fremder Identität, die es zu seiner eigenen macht. Die Egoidentität versucht die eigentliche Identität des authentischen Ichs zu unterdrücken. Ziel dieser Operation ist die Sicherung und Stärkung der Ego – Persönlichkeit. Der Grund für dieses Verhalten lässt sich wie folgt darstellen:

Das Ego handelt aus dem intensiven Bedürfnis heraus, sich vor der Wiederholung von psychischen Verletzungen, zumeist aus der Kindheit, zu schützen und ähnlichen negativen Ereignissen vorzubeugen. Daraus wird ersichtlich, dass das Ego ein starkes Sicherheits- und Schutzbedürfnis entwickelt. Es ist also ständig auf der Suche nach Bedrohungen, was eine von Angst gesteuerte Charakteristik des Egos zeigt.

Das Ego neigt dazu, überall Gefahren zu sehen, auch dort, wo keine sind. Weil es ständig Angst hat, tritt ein anderer Menchanismus in Kraft, es projiziert Gefahr, es bildet sich Bedrohungen ein, es dramatisiert Situationen, um seine Angst zu befriedigen. Durch den Entwurf von künstlicher Gefahr, hat sich die Angst des Egos eine existenzielle Basis im Entscheidungsapparat des Menschen geschaffen. Diese Basis besitzt großen Einfluss auf das Handeln Einzelner und der Gemeinschaft. Sie bestimmt heute weitgehend die Geschicke der Menschheit.

Dieser Teufelskreis wird vom Ego seit frühester Kindheit geschickt eingefädelt, weiterentwickelt und weitervererbt. Viele persönliche, religiöse und politische Entscheidungen richten sich nach Kriterien, die Schutz vor dem Angriff auf die künstliche Identität gewährleisten. Überall, wo es zur Ausgrenzung kommt, treibt dieser Teufelskreis sein Unwesen.

Hinter den Kulissen

Im Laufe des Lebens, aber ganz besonders in der Kindheit, passieren psychische Kränkungen und Verletzungen, die zum Aufbau eines Schutzverhaltens führen. Für Kinder stellt die Beziehung zu den Eltern die wichtigste Bindung dar. Um eine als schmerzhaft empfundene Trennungsangst zu vermeiden, oder auch um die Liebe der Eltern zu sichern, nimmt das Kind Verhaltensweisen an, die nicht zu seiner Natur, seinem eigentlichen Ich gehören. Diese adoptierten Verhaltensweisen kommen einer fremden Identität gleich.
Die Schutzhaltung des Egos hat die Aufgabe, das angesammelte Leiden aus der Vergangenheit zuzudecken. Dieses Vertuschen oder Unterdrücken wird über fremde Identitäten gewährleistet, die zu programmatischem Verhalten anleiten. Unbewusst entstehen so auf Dauer Programme, die in Notsituationen aktiviert und abgespielt werden. Signifikant für diese Programme sind die damit verknüpften Emotionen. Gerät eine Identität in irgeneiner Form in Gefahr, schalten sich sofort Emotionen ein. Wenn eine Situation emotional aufgeladen ist, kann man davon ausgehen, das Identitätsverluste auf dem Spiel stehen. Die niederschmetternde Schlagkraft der Emotionen sorgt dafür, dass das Ego nicht erkannt wird, denn im emotionalen Zustand ist ein rational-objektives Verhalten stark unterdrückt. Dadurch kann das Schutzprogramm ungehindert ablaufen, auch wenn es durch seine Emotionen, die Situation nur verschlimmert. Dafür kann aber das Ego nichts, weil es nicht weiß, wie es anders handeln soll. Das kann nur das authentische Ich!

Würde sich das Ego nicht vehement gegen Bewusstwerdung wehren, liefe es Gefahr vernichtet zu werden. Das Ego muss zum Überleben geschickt Strategien entwickeln, um nicht gefunden zu werden. Insofern wird verständlich, dass das Ego sich nur ändern will, wenn seine Interessen gewahrt werden. Dass es gegenüber Veränderung skeptisch ist, liegt daran, dass es glaubt, erfolgreich den alten Schmerz aus der Vergangenheit zugedeckt zu haben. Das Ego hält sich selbst für unabkömmlich. So wird verständlich, dass viele Menschen ihr Ego nicht entdecken möchten oder auch Hilfe nicht in Anspruch nehmen. Hierzu ein Beispiel: Dass jemand raucht, entscheidet sein Ego. Das Leiden, das mit dem Rauchen zugedeckt wird, ist für den Raucher beängstigender als die Gefahr, die vom Rauchen ausgeht. Viele Raucher, die diesen Teil ihres Egos plötzlich erkennen, wenden sich beschämt von der Zigarette ab.

Die Ego-Realität

Das Ego baut Widerstände gegen eine bewusste Veränderung des Selbstbildes auf, wenn dieses sich in Richtung auf das authentische Ich verschieben soll. Das Ego hat andererseits aber ein starkes Interesse daran, seine adoptierten Identitäten zu verbessern. Ein Plus an Ansehen, Berufsstand, Besitz, Schönheit, Stolz, Angepasstheit, Ausgeflipptheit stützt das Sicherheits- und Schutzbedürfnis des Egos. Alles, was der Zugehörigkeit zu irgendeiner x-beliebigen Gruppe dient, ist willkommen, wird vermehrt und gefestigt.

Durch diese kontinuierlichen Prozesse verschiebt sich langsam die Wahrnehmung des Menschen. Er sieht vor allen Dingen die Elemente der Realität, die dem Ego dienen, was aber gleichzeitig bedeutet, dass sich die Interpretation der Außen- und Innenwelt eines Menschen als eine Art Scheinwelt (Parallelwelt) darstellt. Die Realität wird nur bedingt wahrgenommen. Reaktives Verhalten mit hoher Emotionalität sind das Musterbeispiel für verdrängte Realität. Sie sind ein Charakteristikum des Egos. Dazu gehören auch das Suchen nach Glück in der Zukunft oder das Anhaften an Ereignisse und Erinnerungen aus der Vergangenheit. Alles, was von der Gegenwart ablenken will, darf mit Argwohn betrachtet werden. Dahinter steckt meistens das Ego.

Wo bin Ich?

Der Schutzmechanismus des Egos führt nicht zu einer friedlichen und harmonischen Persönlichkeit. Einerseits will das Ego schützen, zum anderen sorgt es für einen künstlich hochgehaltenen Angstpegel. Bringt man einer Person zum Beispiel nicht den erwarteten Respekt entgegen, fühlt sie sich unter Umständen gekränkt und reagiert unverhältnismäßig mit Gewalt, verbalem Protest, oder mit einem Rückzug in depressive Stimmungen. Das Schutzverhalten des Egos sorgt so in der Welt für emotionale Missstimmungen und Konflikte. Auch depressive, melancholische, süchtige, übermäßig trauernde, lustbetone, besessene Sportler oder Fans, Workaholics, Sektenanhänger und solche, die eine starke Identitätszugehörigkeit brauchen, befinden sich im Dunstkreis des Egos und suchen dort Schutz.

Je mehr Schutzmechanismen oder Schutzzonen aufgebaut wurden, um so mehr hat sich der Mensch von seinem eigentlichen Ich entfernt. Nach vielen Jahren wird es immer schwieriger, seinem Ich noch mal zu begegnen.

Das Wiederfinden des ursprünglichen Ichs machen sich viele Menschen heute zu ihrer wichtigsten Aufgabe. Der Lösungsweg ist schon lange bekannt. Nur ein trainiertes Bewusstsein kann den schrittweisen Abbau des Egos vollziehen. Ein Element des Egos, das den Weg der Selbsterkenntnis hemmt, ist der Schmerzkörper.

 

Schmerzkörper

Das Ego lebt nicht nur aus dem Schmerz, den man als Kind oder später erlitten hat. Hinzu kommt der kollektive Schmerz der Außenwelt, in der man aufgewachsen ist und in der man zur Zeit lebt. Die Summe aller angesammelten Schmerzen und Verletzungen kann man sich als den Schmerzkörper eines Menschen oder einer Gesellschaft vorstellen. Dazu gehören auch ererbte und überlieferte Leidensfaktoren, wie Krankheiten und körperliche und psychische Defekte, aber auch kulturelle und traditionelle Eigenheiten, die künstliche Identität und Ausgrenzung fördern, sowie überlieferte Schmerzen aus Kriegen und Katastrophen. Der Schmerzkörper kann als reaktivierbares Potential für den Teufelskreislauf verstanden werden.

Elemente aus dem Schmerzkörper werden oft angestoßen, ohne dass man diesen Vorgang bemerkt oder überhaupt wahrnimmt. Man fühlt Groll, ist missgelaunt oder aggressiv und weiß nicht warum. Da steckt wahrscheinlich der Schmerzkörper dahinter. In solchen Situationen ist das Untersuchen von Gefühlen und Emotionen ein guter Leitfaden hin zur Ursache
Schmerzkörper sind wie Magneten. Treffen zwei Menschen mit identischen oder komplementären Schmerzkörpern aufeinander, kann es passieren, dass sich diese Menschen für Außenstehende paradox verhalten. Ihre Schmerzkörper passen derart „gut“ zueinander, dass sie sich aneinander befriedigen können. Der eine neigt durch Schuldgefühle zur Aggression, der andere neigt durch Schamgefühle zum Bestraftwerden. Das mag erklären, warum der Gepeinigte bei seinem Peiniger bleibt.

Ist der Schmerzkörper einmal aktiviert, gibt es oft kein friedliches Zurück mehr. Die eigentlichen Anlässe werden negativ verzerrt und aufgebauscht. Im Außen wird nur noch das gesehen, was dazu dient, den Schmerzkörper weiter zu aktivieren. Hat sich der Schmerzkörper ausgetobt, beginnt das Ego wieder mit seinem Schutz. Dieser Schutz wird aber nun noch dringlicher, da der Schmerzkörper sich vergrößert hat. Das Ego glaubt, das es wegen des Streits, oder des Verdachts, oder der Enttäuschung Recht hatte mit seiner Schutzhaltung, übersieht aber, dass die Schutzhaltung Verursacher der Misere war. Auf diese Weise dreht das Ego am Teufelskreis und erzeugt Leiden, ohne es zu wollen. Das Ego kann sein eigenes Handeln nicht reflektieren.

Es hilft niemandem, das Ego zu verteufeln. Damit würde man dem Ego nur einen Gefallen tun, denn es sehnt sich nach emotionaler Aufmerksamkeit. Im Gegenteil, es kann nur darum gehen, das Ego aufzuspüren, und es zunächst als sein unbekanntes Ich zu akzeptieren. In dem Moment, wo sich ein Mensch seines Egos bewusst wird, ist er ohne Ego. Da hat dann das authentische Ich Glück gehabt. Es durfte ganz allein, Sie selber sein.

 

Mehr Artikel zum Thema Ego:

Dem Ego auf die Schliche kommen

Von Psychotherapie zu erwachtem Bewusstsein

 

Autoren Info


Wolfgang Wiesmann

Wolfgang Wiesmann

ist vor gut 10 Jahren mit seiner Frau nach Irland ausgewandert und arbeitet dort als Therapeut und Schriftsteller. Er ist Vater von vier Kindern und Autor des Buches „Hansi und Lilo – oder wie man ein guter König wird“, das im Kontrast Verlag erschienen ist.

 

http://focusbalance.ie

5 Responses

  1. David
    Beeindruckend!

    Das ist wahnsinnig gut geschrieben. Es ist wahrscheinlich das erste Mal, dass ich „echte Selbstreflexion betreibe“.
    Vielen Dank!

    Antworten
  2. Marvin
    Lieber spät als nie

    WoW ! Ich wusste schon seit längerem das da was in mir Schwellt was in gewissen Situationen hervor bricht wie ein Vulkan aus unerklärlichen Gründen ….. bis jetzt . Dieser Text hilft mir enorm , Danke !!

    Antworten
  3. Giovanni

    Das Ego ist mit grosser Sicherheit ein Teilbereich unserer Seele und zwar mit Sicherheit eine ’niedere‘ Teilebene. Wir waren mit ziemlicher Sicherheit schonmal in den niederen Sphären unterwegs und haben ‚dank‘ dem Überlebenswillen der erst durch unser Ego geschaffen wurde, es bis hier her geschafft. Nur will er uns nicht für die höheren Seelenanteile so einfach hergeben und versucht uns zu manipulieren. Das tut er solange bis man durch Leid, egal in welcher Form, gezwungen wird, das Bewusstsein zu erweitern.

    Auf dem Weg dahin muss man jedoch auf einige Stolperfallen aufpassen und die wichtigsten Kriterien hierfür sind der Glaube es zu schaffen, der Hang zum ‚Guten‘ (Die Suche nach der Anbindung zu den höheren Seelen, statt sich diesen zu widersetzen, wie es Dämonen beispielsweise tun, die nur noch ihr Ego besitzen). Dabei ist die Gefahr grösser wenn man mit bewusstem Vollzug, eigene Anteile verdrängt, so wie es beispielsweise Schwarzmagier tun. Dieser Weg ist sehr gefährlich..

    Im Endeffekt sehe ich am Ego sowohl den ‚oberflächlichen‘ Aspekt eines Gedankenkonstrukts, als auch die Wurzel die seine wahre Identität widerspiegelt (die niedere Seele die man auch als den Teufel in uns bezeichnen kann).

    Völlig loslösen kann man sich von ihm nicht vollends, man kann aufjedenfall die Erleuchtung erreichen und erkennen wer man wirklich ist (und das ist ganz sicher nicht ein virtuelles Schein-Ich, dass uns als Sklave an ihn binden will, scheinbar ohne Hoffnung auf Erlösung, bis der Weg zurück angestrebt wird, falls dies möglich überhaupt möglich ist..

    Ohne dieses Ego wäre unser Ziel eigentlich auch verfehlt, schliesslich möchten wir zugleich die Ich-Identität behalten, sie aber durchschauen und lediglich als Instrument verwenden (statt als das es uns beherrscht). In Kombination mit der Macht der höheren Seelenanteilen, kann man ein solches Wesen bei Vollendung auch als Gott bezeichnen.

    Ich glaube daran dass wir dass sind, was wir als Umwelt wahrnehmen. Im Endeffekt sind wir sogar das ganze Universum, mit allem was es umfasst. Nur muss man dies erstmal erkennen. Im Endeffekt lebt jeder in seiner eigenen Parallelwelt und unterstützt zugleich andere Seelen, sich selbst zu erkennen. Ist das nicht fantastisch?

    Ich höre dann mal Gayatri weiter!

    Antworten
  4. StefanG.

    Ego ist notwendig in die Welt der Form, damit er sich als getrenntes Teil der Schöpfung erleben kann. Dieses ist wieder gut noch böse. NUR aus der Position des Egos kann Trennung erlebt werden, dass dann langsam in das Bewusstsein der Einheit erwacht, nicht umkehrt.
    Anders gesagt, Licht lässt sich NUR aus der Dunkelheit(Trennung) selbst erkennen, niemals umkehrt!
    Fazit, die 3-D Welt lässt sich NUR aus der Perspektive des Egos erleben, ist gar nicht anders möglich. Das globale Ego im irdischen morphogenetischen Feld existiert eben solange, bis die Menschen dieses eben täglich mit Energie des Glaubens der Trennung füttern. Ein Prozess, der langsam umkippt, denn es gibt immer mehr Menschen, die sich nicht mehr als getrennte Wesen fühlen, gegenüber zum allem Mitmenschen der Erde, zur Natur und zum Universum.

    Antworten
  5. Peter

    Obgleich ich den Inhalt schon kannte, ist doch dieser Artikel so geschrieben, dass ich zum ersten Mal den Inhalt aufnehmen konnte.
    Auf einmal fallen bei mir Mosaiksteinchen zusammen und ich beginne zu VERSTEHEN.

    Vielen Dank
    Peter

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*