Was haben Respekt und Würde mit inneren Haltungen zu tun? Warum verhalten wir uns und handeln so, wie wir es tun und wieso sehen wir die Welt so, wie wir sie sehen?

Wie ist die Verbindung zu persönlicher Entwicklung? Was kann passieren, wenn wir uns erlauben, wirklich erwachsen zu werden? Und was können wir dazu tun?  Um diese Fragen soll es in den folgenden Abschnitten gehen. 

Von Hermann Häfele

Haltungen

Innere Haltungen sind wie „Sichten auf die Welt“ – sie sind Filter, die nicht nur festlegen, wie wir etwas wahrnehmen, sondern auch, was wir überhaupt wahrnehmen können.
Es ist überaus hilfreich, von oben zu schauen und festzustellen, wie man die Gesellschaft wahrnimmt, die Kultur des Unternehmens oder der Organisation, für die man womöglich arbeitet und – vor allem – zu verstehen, wo man selbst gerade steht. Daraus resultierende Erkenntnisse können sich auf alle Lebensbereiche auswirken, etwa auf das Berufsleben, auf Beziehungen allgemein wie auf Liebesziehungen und auf den Umgang mit sich selbst.
Solch ein Blick von oben bedingt eine ordentliche Portion Selbstehrlichkeit und Mut.
Diese Positionsbestimmung ist jedoch die Voraussetzung für ein grundlegendes Verständnis sowie für potenzielle Perspektivwechsel. Martin Permantier hat u.a. auf Basis der Arbeiten der Entwicklungspsychologin Jane Loevinger sechs Haltungen definiert, die uns eine Einordnung ermöglichen. Sie seien nachfolgend kurz skizziert:

1. Selbstorientiert-Impulsiv 

Bestimmendes Bedürfnis ist Sicherheit.
Vieles wird sofort als Angriff gewertet. Fokus auf sich selbst sowie tendenziell in Verteidigungshaltung.

2. Gemeinschaftsbestimmt-Konformistisch 

Bestimmendes Bedürfnis ist Ordnung.
Identität wird durch das ‚Wir‘ bestimmt; Tendenz zu Regeltreue und Konfliktvermeidung.

3. Rationalistisch-Funktional 

Bestimmendes Bedürfnis ist Effizienz.
Wunsch nach Abgrenzung; Fähigkeit andere Perspektiven zu sehen. Getrieben von „Funktionieren-müssen“. 

4. Eigenbestimmt-Souverän
Bestimmendes Bedürfnis ist Anerkennung.
Eigenen Werte und Vorstellungen. Akzeptanz von Komplexität und Unterschieden.
Zielorientierung und Wunsch nach Selbstoptimierung; oft jedoch Unfähigkeit, eigene blinde Flecken zu sehen.

5. Relativierend-Individualistisch

Bestimmendes Bedürfnis: Selbsterfahrung.
Wahrnehmen und Hinterfragen der eigenen Sicht auf die Welt und der anderer, u.a. durch Einfühlen. Das eigene emotionale Innenleben wird als Wahrnehmungsressource genutzt.

6. Systemisch-Autonom 

Bestimmendes Bedürfnis ist sinnerfülltes Handeln.
Fähigkeit zur Multiperspektivität und zum Umgang mit Mehrdeutigkeit sowie konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Akzeptanz der Autonomie des Gegenübers und Übernahme der vollen Verantwortung für uns selbst. Erkennen der Subjektivität eigener Gedanken und Gefühle, dadurch mehr kooperative Handlungsoptionen.  

Die Beschäftigung mit dieser Thematik kann wie ein Augenöffner wirken. Martin Permantier hat eine Website mit einem ‚Selbsttest‘ zur Verfügung gestellt, durch den man, herausfinden kann, wo man zurzeit selbst steht: http://quickcheck.haltung-entscheidet.de/. Außerdem gibt es dort
noch deutlich ausführlichere Beschreibungen der sechs Haltungen. 

Querverbindung zu persönlicher Entwicklung 

Die Haltungen stellen zwar durchaus einen Entwicklungsfaden dar, doch die Haltungen sind
nicht statisch: Wir wechseln, auch themenweise mal zurück und mal bewegen wir uns wieder vorwärts (es sei denn, wir haben den Stillstand gewählt, das ist eine weniger gute Idee). 

Der französische Autor und Lehrer Bernard Enginger (Satprem, 1923-2007) brachte es mit folgendem Satz auf den Punkt: „Sobald etwas eine feste Form hat, ist es tot. Was wir brauchen ist Leben“. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es gilt, in den Fluss (des eigenen Lebens) zu kommen oder wieder zu kommen. 

Erwachsen werden und in Beziehung treten (können)

Susan Neiman zitiert in ihrem Buch Warum erwachsen werden den amerikanischen Philosophen Stanley Cavell: „Warum machen wir es so, wie wir es machen? Urteilen so, wie wir urteilen, wie sind wir an diese Scheidewege geraten? Was ist der natürliche Boden unserer Konventionen, wem oder was dienen sie? (…)“. Sie selbst kommentiert dazu: „Jede der oben aufgeworfenen Fragen muss individuell beantwortet werden (…). Die politische Dimension ist unausweichlich.
Sie verlangt von uns, selbst noch hinter Interessen zu blicken, die mit den allerbesten Absichten daherkommen(…)“.

Und Neiman selbst erinnert uns an Kant: „Kant [bezeichnete] unsere Unmündigkeit als selbstverschuldet und drängte uns, den Mut aufzubringen, uns davon zu befreien. Mut ist nötig, um den Kräften zu widerstehen, die weiterhin gegen Mündigkeit arbeiten werden, denn wirklich mündige Erwachsene lassen sich nicht lange mit Brot und Spielen ablenken“.
Rolf Arnold sagt im Zusammenhang mit Beziehungen, man könne seine Beziehung(en) nur nachhaltig entwickeln (inkl. der zu sich selbst), indem man sich selbst entwickelt (und weiß, was das konkret bedeutet).
Es bedeutet die Bewusstheit, dass der Kopf uns ständig Geschichten erzählt – sie sind der Schlüssel. Von wem oder was stammen sie? Hinterfragen wir sie oder sind wir voll identifiziert mit ihnen? Gelingen kann das, wenn wir eine positive Selbstdistanzierung einnehmen.
Wir sind mehr als unsere Körper, unsere Gefühle und unsere Gedanken. 

Respekt und Würde

Das Wort Respekt kommt aus dem Lateinischen, respicere, das bedeutet zurückschauen, sich umschauen. Sind wir dazu in der Lage?
Oder bleiben wir gefangen in den Tunnelblicken, die unsere Glaubenssätze in uns generieren?
Wir halten das, was wir sehen, für die Wahrheit und kreieren uns unsere ganz eigene Wirklichkeit. Würde wiederum kommt vom althochdeutschen wirdî, das verwandt ist mit dem Wort wert(!).

Da ist jemand oder etwas wert, gesehen zu werden – das lat. Wort dignitas bedeutet neben Würde auch Ansehen. 
Sehen wir wirklich uns selbst? Und unser Gegenüber? Und zollen wir unserem Selbst bzw. unserem Gegenüber den Respekt, den es wert ist? Respekt und Würde stehen also ganz dicht beieinander – Respekt fängt bei mit uns selbst und unserem Leben an er muss neben der Würde immer wieder aufs Neue definiert, eingefordert und behauptet werden. 

Damit schließt sich der Kreis: Begegnen wir uns selbst und unserem Leben mit genügendem
Respekt? Sind wir uns die Entdeckung unserer selbst wert und ihrer damit würdig? 

Oder glauben wir alles, was uns erzählt wird und alles, was unser Kopf uns erzählt?  

Spirituell-philosophische Dimension

Es geht also darum, sich seiner selbst und seines Lebens bewusst zu werden (siehe oben).
Sich „umschauen“ und es sich wert, unserem Leben „würdig“ zu sein bedeutet, immer mehr aus sich selbst heraus zu schauen. Das hat nichts mit Egozentrik zu tun, sondern ist eher das Gegenteil davon.
„Lass dich von unzähligen Dingen fesseln und du gehst tiefer und tiefer in die Irre“

Diese Zeile stammt von dem Zen-Meister Ryokan Taigu (1758-1831).
Immer wieder sind wir in unserem Leben auf der Suche: Wir richten unseren Blick und den inneren Scheinwerfer auf Objekte im Außen. Unglaublich viele Kräfte zerren tagtäglich an uns und wollen eben diese unsere Aufmerksamkeit und Ablenkung. Dabei finden wir uns nicht. Rastlos schauen wir also weiter, von Objekt zu Objekt.
Der Autor und Lehrer Daniel Herbst sagt dazu: Es ist so, als würde die Sonne Planeten und
Sterne bestrahlen, um dort sich selbst und ihr eigenes Licht zu finden.
Doch sie ist das Licht ja bereits. Es heißt ja auch Erleuchtung und nicht Beleuchtung(!). 

Satprem (Bernard Enginger, 1923-2007, frz. Autor und Lehrer), sagte einmal „Was ist das Feuer, das in Dir brennt? Das Feuer bist Du!“. 

Und jetzt? 

An dieser Stelle passen die wunderbaren Worte von Marianne Williamson: 

„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich, unsere tiefste Angst ist, dass wir über die Maßen machtvoll sind. Es ist unser Licht, vor dem wir am meisten erschrecken, nicht unsere Dunkelheit. (…) Dich klein zu halten, dient der Welt nicht. Dich klein zu halten, damit die anderen um dich herum sich nicht unsicher fühlen: das hat nichts mit Erleuchtung zu tun. Wir sind dazu bestimmt, zu leuchten wie Kinder. Wir sind geboren, um die Größe Gottes, der in uns lebt, zu verwirklichen. Und diese Größe ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem Menschen.“

Das Leben selbst fordert uns auf, uns auf dieses Abenteuer und das des Erwachsen-Werdens einzulassen. Es will sich selbst verwirklichen. 
Was also ist unser Licht? Wie können wir leuchten und was macht unser individuelles Leuchten aus? Das herauszufinden ist gelebter Respekt vor dem Leben und es ist das, was auch unsere Würde lebendig werden lässt. Wir wertschätzen damit das Leben. 

Hier und da gilt es, für eine Positionsbestimmung innezuhalten. Den Raum innen wie außen wahrzunehmen und sich umzuschauen. Wer innehält, hält sich selbst von innen, sagen die Taoisten. Das ist geradezu die Voraussetzung dafür, weitergehen und sich dem Lebensfluss anzuvertrauen zu können. Hermann Hesse (1877-1962) gibt uns in seinem wunderbaren Gedicht Stufen dazu folgendes auf: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden … Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Wir können erwachsen werden und bewusst sein. Wenn wir dem eigenen Leben wirklich nicht länger im Wege stehen, dann kann es sich selbst entdecken – so erweisen wir uns ihm gleichzeitig als würdig. Sind das nur theoretische Worte? Überhaupt nicht. Wenn wir uns bewusst machen, dass wir das Feuer sind, dann kann das – ganz praktisch – die Lebendigkeit, Lebensfreude und Gelassenheit mit sich bringen, die wir uns wünschen.   

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Hermann Häfele bietet Begleitung, um den eigenen Roten Faden zu finden oder wiederzufinden und bei der Frage, wie die Dinge alle zusammenhängen.
Ganz persönlich und privat und auch für Unternehmen bzgl. strategischer Unternehmensführung sowie Kommunikation, /  Er ist ausgebildeter Unternehmensberater, Trainer, Coach sowie Heilpraktiker für Psychotherapie.
Weitere Infos unter www.roter-faden-coaching.de sowie www.roter-faden-consulting.de.

Über den Autor

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Hermann Häfele berät und begleitet Menschen sowie Unternehmen, den Roten Faden zu finden – für die eigene Positionierung und ihre Umsetzung, bei Krisenüberwindung und für Weiterentwicklung. 

Siehe www.roter-faden-coaching.de
und www.roter-faden-consulting.de

Kontakt: hh@roter-faden-coaching.de 

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