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Im Herbst 1999 war Veit Lindau bei Gangaji und Eli in Kalifornien zu Besuch, um sie in zwei Interviews über ihren Lebensweg zu befragen. Anlässlich des aktuellen Themas unserer Ausgabe bringen wir hier einen Ausschnitt zum Thema Beziehungen.

V: Ich nehme an, dass sich eure Beziehung durch die Begegnung mit Papaji sehr verändert hat?

E: Es hat alles auf den Kopf gestellt. Ich hatte ja keine Vorstellung! Oder besser gesagt, ich hatte schon Vorstellungen: Ich dachte, wir würden weiterhin gemeinsam lehren und alles würde so sein wie bisher, nur noch besser. (Lacht.)
In Wirklichkeit hat es alles aufgewirbelt. Einfach alles. Jeder Pfeiler unserer Beziehung wurde auf den Kopf gestellt: Vorher war ich der Lehrer und obenauf, jetzt war sie die Lehrerin und obenauf.  Vorher hatte ich das Geld verdient und stand in der Öffentlichkeit, jetzt verdiente sie das Geld, stand in der Öffentlichkeit und ich stand hinter den Kulissen. Es war ein großer Test für unsere Beziehung. Eine Feuerprobe.
Ich stoppte damals meine eigenen Gruppen und unterstützte Gangajis Satsang, weil dies für mich ganz klar die tiefste Vermittlung von Wahrheit war, die man im Westen empfangen konnte. Ich muss unterstützen, was ich als das Höchste und Beste ansehe.
Die Art und Weise, wie mich viele Menschen damals behandelten, war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich konnte viel daran lernen. Meine spirituelle Arroganz aus der Vergangenheit kam auf mich zurück und ich erlebte sieben Jahre, in denen mich viele sehr schlecht und geringschätzig behandelten. Dadurch verbrannte mein tiefer Stolz.

G: Wenn ich jetzt zurückschaue, kann ich nicht einmal eine kleine Störung in unserer Beziehung sehen. Es gab definitiv Tests und emotionale Anspannungen. Doch inmitten all dieser Herausforderungen gab und gibt es etwas in unserer Beziehung, das tiefer ist. Es ist sehr vertrauenswürdig und hat mit unseren Persönlichkeiten nichts zu tun. Es ist sowohl älter als auch frischer als jede Persönlichkeit. DAS hat uns immer geführt. Unsere Beziehung hätte sonst kein Jahr gehalten. Wir hätten nach dem Ende der Flitterwochen niemals  zusammenbleiben können.

E: Es waren großartige Flitterwochen, nicht?

G: Es waren wunderschöne Flitterwochen und es ist immer noch eine intensive Beziehung, weil wir sehr verschieden sind. Doch zusätzlich zu der Liebe, die wir füreinander empfinden, wird unsere Beziehung offenbar auf eine Weise benutzt, die für manche Menschen hilfreich ist.
Wir wissen das und haben uns dem hingegeben. Zu verschiedenen Zeiten unserer Beziehung, wenn der eine oder der andere gehen wollte und sagte: „Jetzt reicht‘s! Ich kann absolut nicht mehr!„ – und wir beide haben das zu unterschiedlichen Zeiten gesagt – dann hat immer der Andere beharrt: „Oh nein, du wirst nicht gehen! Du kannst nicht gehen! Was muss ich tun? Du wirst nicht gehen!“ – Es war entweder eine tiefgehende Entschuldigung oder inständiges Bitten oder ein entschiedenes: „Du wirst nicht gehen!“

Von dem Augenblick an, da ich wusste, dass Eli der Mann für mich ist, ist mir klar gewesen, dass für Eli die Wahrheit mehr als alles andere bedeutet. Er liebte die Wahrheit mehr, als er mich liebte. Am Anfang war das schmerzhaft, doch nachdem ich dem eine gewisse Zeit Widerstand geleistet hatte, erkannte ich, dass ich genau das immer gesucht hatte: Jemanden, der die Wahrheit mehr liebte als mich. Jemanden, den ich nicht bezaubern, verführen oder beherrschen konnte – weil die Wahrheit wichtiger ist. Das war und ist das Fundament unserer Beziehung – die Liebe zur Wahrheit.

E: Ich würde sagen, meine Liebe zur Wahrheit und Gangajis Integrität waren ebenbürtig. Denn ihre makellose Integrität und Entschlossenheit, wahrhaftig zu bleiben, waren es, was die Wahrheit für uns beide erst möglich machte.

G: Es ist schwer für so unterschiedliche Charakter-Typen zusammen zu sein – vielleicht sogar für alle Menschen schwierig. Ich weiß, dass es gelegentlich Paare gibt, die niemals kämpfen, sondern immer in Harmonie leben.  Aber wir beide haben sehr starke und sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Es gab unzählige Gespräche bis zwei oder drei Uhr morgens. Wir haben auch jetzt noch Auseinandersetzungen, Differenzen und verschiedene Meinungen. Auf der persönlichen Ebene gibt es Differenzen und gleichzeitig eine tiefe Freude und Genuss an diesem Spiel.

V: Wie geht ihr heute mit Auseinandersetzungen um?

G: Weißt du, Veit, natürlich haben wir Auseinandersetzungen. Wir halten uns nicht an starre Regeln, um sie zu vermeiden. Wir sind menschliche Wesen und unser Menschsein ist auch mit im Spiel. Aber es ist nicht der eigentliche Zweck unseres Zusammenseins. Es ist nicht der Zweck unseres Seins.

V: Ich finde es so entspannend, das zu hören! Weil dieses Konzept, dass erwachte Menschen zusammen leben …

G: … und sich niemals streiten sollten. Ja, das kommt vom Über-Ich unseres Verstandes. Es liebt es, Regeln aufzustellen. Bewusstsein selbst hat kein Problem mit streitenden Menschen. Alles ist Teil des Leela, des göttlichen Spiels. Alles ist Teil der Show. Es ist wie mit dem Gärtnern. Du kannst den Garten wild wachsen lassen oder ihn pflegen. Genauso gibt es auch eine Kunst, sich zu streiten. Es gibt viele Menschen, die dir dabei helfen können zu entdecken, wie du am besten streitest.

E: Wir haben auch Regeln benutzt. Zuerst die Regel – keine Gewalt, keine körperliche Gewalt. Das ist sehr lange her. Dann erinnere ich mich, dass wir einmal mit dem Auto fuhren  und uns anschrien, während ich fuhr. Ich aß gerade etwas, dann drehte ich mich um und spuckte es alles in ihre Richtung aus. Also mussten wir eine neue Regel aufstellen – kein Anspucken mehr! (Lacht.)

G: Mit der Zeit merkst du, was funktioniert. Es gibt Zeiten, da sitzen wir einander gegenüber und wechseln uns einfach darin ab, all das auszusprechen, was wir nicht mögen. Egal wie trivial, absurd oder falsch es sein mag. Wir sprechen es einfach aus und der andere hört nur zu. Danach zählen wir alles auf, was uns gefällt. Das reinigt die Luft. Aber das passiert nur so, weil es unser Interesse ist. Es muss nicht sein.

E: Stell dir vor, du hast ein Haus mit Garten. Wenn du an Gartenarbeit überhaupt nicht interessiert bist, dann arbeitest du nie darin, du kümmerst dich nicht um den Garten. Es ist in Ordnung. Dem Garten ist das egal. Du kannst dabei erwacht sein oder nicht.
Aber wenn du an dem Garten interessiert bist, dann pflegst du ihn, du kümmerst dich um ihn. Du gießt die Blumen, du zupfst das Unkraut, du beschneidest die Hecken – du tust, was für den Garten wichtig ist, weil du ihn liebst. Er ist dann eins deiner Interessen. Es ist Teil dessen, was in deinem Leben auftaucht. Was in unserem Leben aufgetaucht ist, ist eine Beziehung. Sie ist wie ein Garten, um den wir uns beide kümmern.

V: Ein wunderschöner Garten.

G: Und manchmal sehr wild.

V: Ihr beide habt großes Glück. Ihr habt jemanden gefunden, der die Wahrheit so sehr wollte wie ihr selbst. Ich treffe oft Menschen in Gruppen, die das Problem haben, dass der Partner nicht in die spirituelle Richtung geht. Was würdet ihr ihnen sagen?

E: Na und? Das ist kein Hindernis für dein Erwachen. Papajis Frau war auch keine spirituelle Person, sie war nicht im Geringsten an seinem spirituellen Weg interessiert und wollte auch nicht, dass er das tat.

V: Wann ist es wichtig in einer unharmonischen Beziehung zu bleiben, und wann ist der Zeitpunkt zu gehen?

E: Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt. Wenn dein Geist still ist, gibt es keinen Zweifel und keine Entscheidungsmöglichkeiten mehr. Dann tritt das Offensichtliche ans Licht und du hast keine andere Wahl, als dem zu folgen.

V: Wenn es also noch irgendeinen Zweifel gibt, was ich tun sollte …

E:
… dann sei still. Die Menschen benutzen Zweifel als Anlass, etwas zu unternehmen. Zweifel ist in Wirklichkeit ein Zeichen, dich nicht zu bewegen.

E: Der Zweifel ist die Bewegung. In innerer Bewegung findest du nie Klarheit. Also sei still. Denn Stille ist Klarheit. Dann wird es ohne Zweifel, ohne Wahl Momente geben, in denen du Nein sagst, und andere, in denen du Ja sagst. Momente, in denen du gehen musst und andere, in denen du bleiben musst.

V:
Viele Menschen leben in dieser Zeit allein, als Single. Etliche glauben, ihren Seelengefährten finden zu müssen, um glücklich zu sein.

G: Das ist ein Ablenkungsmanöver des Verstandes, um die volle Erfahrung von Alleinsein zu verhindern. Die Menschen beschäftigen sich lieber mit Phantasien: „Wenn ich nur den Einen finden könnte!“ Ich selbst wuchs sehr einsam auf und ich sehnte mich oft: „Wenn ich nur jemanden finden würde, wenn nur jemand für mich da sein würde, dann wäre ich gerettet.“ Damit lenkt sich der Verstand von dem ab was ist. Wie auch immer es ist, so ist es. Gute Ehe oder schlechte Ehe oder allein. Werde dort still, wo du bist.

E: Wo du bist, ist genau richtig.

G: So wie es ist, ist es das perfekte Feuer. Genau jetzt. Steh still in dem Feuer und verbrenne, so dass du entdecken kannst, wer Du wirklich bist.

E: Dieser Moment ist vielleicht nicht perfekt im Sinne des perfekten Traumes, aber perfekt im Sinne von: Genau der richtige Moment, um aus dem Traum aufzuwachen.

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