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Kreativ sein: Das heißt nicht nur Malen, Musizieren, Schreiben. Kreativität ist das Grundprinzip eines erfüllten Lebens. Es ist Spontaneität, Spiel, Freude, das lebendige Gestalten jeden Augenblicks. Wer hier ein Meister ist, wird zum Schöpfer seines Seins.

Wenn man es sagen könnte, wäre es kein Geheimnis mehr. Wenn es eine Regel gäbe, die zu befolgen einen Menschen kreativ machen würde, dann wäre das Befolgen dieser Regel doch nur ein Nachmachen, also nicht wirklich kreativ.
Ja, ja, das Tao, über das man sprechen kann, ist nicht das wahre Tao. Und doch … lässt sich einiges sagen über sie, die Göttliche, die Heilige, die Kreativität. Wir dürfen sie umkreisen wie die Kaaba oder den Berg Kailash. Und indem wir die Angebetete umkreisen, kommen wir ihrem Geheimnis ein wenig näher und nehmen etwas von ihrem Geist auf.
Auf jeden Fall hat Kreativität sehr viel mit Spiritualität zu tun, mit dem Religiösen, der religio, der Rückbindung ans Ganze, der ‚connection‘ zum Kosmos. Der kreative Akt ist ein Schöpfungsakt, und als Schöpfer werden wir Gott gleich. Wem würde nicht bang vor solcher Größe? Der Größenwahn des Künstlers liegt hier so nahe, aber auch die Demut, im Schaffen niemand zu sein, nur ein Werkzeug Gottes.

Zu viele Ideen

„Was ist das Geheimnis der Kreativität?“ werde ich immer wieder in meinen Schreibkursen gefragt. Oder „Wie schafft ihr es nur immer, so viel neue, interessante Themen in jede neue Ausgabe eurer Zeitschrift zu bringen, wie fällt euch da nur immer wieder was ein?“ Es ist ganz anders, sage ich dann. Die Themen fliegen nur so rum, wir haben immer zu viele davon, auf das Aussortieren kommt es an.
Ich habe immer zu viele Ideen, viel mehr als ich realisieren kann. Sind die Ideen neu, sind sie originell? Jede Idee ist schon einmal dagewesen. Die Tatsache aber, dass sie mir jetzt in den Sinn kommt, ist neu. Ich kombiniere sie neu, mit meiner jetzigen Situation und mit anderen Ideen, die auch wieder uralt sein mögen. Jedes Wort der Sprache, das ich verwende, ist schon Millionen mal gesprochen worden, sonst könnte es ja gar nicht von so vielen verstanden werden. Aber: Wie ich es heute kombiniere mit anderen Worten, das ist neu und einzigartig. Einzigartig? Ja, einzigartig. Wenn man nur genau genug hinsieht, ist jede Situation, und erst recht jedes Individuum, einzigartig. Das eine für eine Kopie des anderen zu halten beweist nur einen Mangel an Unterscheidungsvermögen. Langeweile? Habe ich seit meiner Jugend nicht mehr empfunden. Wer sich langweilt, hält diese Minute für eine Wiederholung der vorigen, was nur einen Mangel an Sensibilität beweist, an Sinn für den feinen Unterschied. Jetzt, diese Minute, fühle sie, sie ist so anders als die vorige. Dieser Mensch, so anders als alle, die du zuvor getroffen hast. Diese Idee, jetzt, in diesem Kontext: einzigartig!
Wer mit dieser Offenheit, mit diesem Staunen aufbricht in jede Minute eines jeden neuen Tages hat das Problem der Suche nach Kreativität, Orginalität und Einzigartigkeit nicht mehr, denn nun ist alles neu, originell und einzigartig.

Sieben goldene Regeln

Ich will mich damit aber nicht über die ganz gewöhnliche Suche nach einer guten Idee oder dem Ausweg aus einer vertrackten Situation erhaben wähnen. Wer sich die Haare rauft auf der Suche nach einer Lösung, nach „dem“ rettenden Einfall, der göttlichen Eingebung, die alles anders macht, der wird den Hinweis, doch bitte auf der Stelle zum Mystiker zu werden, um immerdar im Strom der kosmischen Glückseligkeit dahin zu schwimmen und alles als eins und originell zu finden, als nicht besonders originell empfinden.
Deshalb hier ein paar praktische Tipps. Was ihre Alltagstauglichkeit angeht, haben sie schon diverse Tests bestanden und dürfen sich hier als „goldene Regeln“ schminken.

  1. Unterscheide! Ideen brauchst du nicht zu suchen, sie sind schon da. Höre auf, sie zu verscheuchen und erkenne unter den tausenden die Richtige.
  2. Ehre das Einfache! Fast immer ist das Richtige einfach. Es kommt auf leisen Pfoten daherspaziert und macht nicht viel von sich reden. Um „es“ zu erkennen, musst du still sein und brauchst die Augen eines Spions. Erst wenn du weißt: „Das ist sie!“, beginne die himmlische Braut zu schminken und sie für die Hochzeit mit der (oh so harten) Realität vorzubereiten.
  3. Scheue das Geniale nicht! Gewöhne dich an die Tatsache, dass der Geist allgegenwärtig ist. Es braucht einen Aufwand, ihn zu verleugnen. Das eigentlich Anstrengende ist die Anpassung an die Realität der Kopisten, die das Originelle, Authentische, Geniale verleugnen.
  4. Bewahre deine Kindlichkeit! Künstler sind Erwachsene, die ihr Kindsein in sich bewahrt haben, die Wildheit des spontanen, ungezähmten Menschen, bevor er domestiziert wurde. Um nicht als verrückt zu gelten (und in der Psychiatrie zu landen), haben sie gelernt, ihr Kind zu zügeln, es manchmal auch zu verstecken.
  5. Sei mutig! Mut ist die wichtigste Tugend des Kreativen, denn die Konfrontation mit dem Neuen schockiert unweigerlich. Sie schockiert das Alte, das sich wiederholt.
  6. Vertraue! Der Widerstand der Spießer ist kein Zeichen, dass deine Idee schlecht ist. Er ist allerdings auch kein Beweis, dass sie gut ist.
  7. Habe Geduld! Wahr ist, was bleibt, sagt ein indisches Sprichwort. Wenn etwas vergeht, war es nicht das Richtige, du kannst es getrost gehen lassen. Das Wichtige, Richtige, Wesentliche wird sich durchsetzen.

 

Kreative Abwaschlogistik

Kreativ sein heißt: malen, basteln, musizieren! So haben wir es gelernt. Doch den Abwasch machen, einkaufen, die Werkstatt aufräumen, sich mit begrenzten Mitteln (zeitlich und finanziell) gesund ernähren, Kinder aufziehen und dabei noch Geld verdienen, alles das erfordert viel mehr Kreativität als bunte Farben aufs Papier zu bringen oder ein bisschen Hausmusik. Kreativ sein heißt doch, etwas Neues, Eigenes zu erschaffen. Warum sollte da der Abrieb von Wachsmalkreide auf Papier mehr Originalität in sich haben als die Einrichtung einer Küche oder das Erfinden eines unmissverständlichen Ablagesystems im Büro?
Kreativität ist in jeder Lebenslage möglich und gefragt, vor allem dann, wenn man nicht im Traum darauf käme, hier einen Raum für Kreativität zu sehen, gerade dann. Die „kreative Buchhaltung“ ist zum Spottobjekt geworden, gerade hier sollte mensch doch ordentlich sein und eben gerade nicht kreativ, heißt es. Und doch: Wie die Ordnung der Zahlen herzustellen ist, und sie dann aufschlussreich zu präsentieren, mit minimalem Aufwand, kostengünstig und schnell, dazu muss man sich schon was einfallen lassen.

Neben den kleinen die große Aufgabe

Neben den kleinen Aufgaben, gibt es eine große Aufgabe. Neben all den einzelnen Herausforderungen an die Kreativität, denen man im Lauf eines Lebens so begegnet, gibt es eine große, alles andere überragende Aufgabe: das eigene Leben zu gestalten. Nicht immer nur Schauspieler zu sein von Rollen, die andere sich ausgedacht haben, sondern selbst das Drehbuch zu schreiben für das eigene Leben. Selbst Regie zu führen in diesem ‚Autorenfilm‘ und selbst zu bestimmen, wohin die Lebensreise geht. Das ist die eigentliche kreative Aufgabe, neben der alle anderen erblassen.
Das erfordert als erstes ein Bewusstsein der Rollen, die man spielt und die man sich so vielleicht gar nicht ausgedacht hat („Ich glaube, ich bin hier im falschen Film!“). Dann braucht es den Mut, die Rolle zu wechseln, und in dem Wechsel die Freiheit zu spüren, immer wieder wechseln zu können. Und dann den noch radikaleren Mut, die eigene Rolle zu (er)finden, das eigene Profil, den Ruf von innen: die Berufung, die Lebensaufgabe. Erst hier wird der Mensch wirklich zum Schöpfer. Und erst hier stellt sich tatsächlich die Frage des Größenwahns, der Hybris: Bin ich hiermit Gott geworden? Werde ich wieder abstürzen aus dieser maßlosen Selbstüberschätzung?
Von außen betrachtet mag ein solcher „maßloser“ Kreativer blasphemisch sein, von innen her aber ist die Antwort einfach: Bin ich ganz ich selbst? Dann bin ich wie ich bin auch ohne Lob und Anerkennung.
Wenn ich beim Erfinden meiner Identität – zu ‚entdecken‘ ist da nichts, man muss sich schon erdreisten, sie zu ‚erfinden‘ – wenn ich dann zufrieden bin mit mir selbst, auch ohne jeglichen Beifall von anderen, dann habe ich mich gefunden. Dann bin ich Schöpfer meiner selbst geworden.
Der Pokal für den Erfolg, mich selbst gefunden zu haben, geht dann an mich, ganz ohne Neider, denn es gibt da keine Mitbewerber. Diesen Job kann nur ich ausführen, ich allein.

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