Anzeige

Unser Finanzsystem ist auf Konkurrenz und nicht auf einem Miteinander aufgebaut. Doch für Elisabeth Karnasch ist genau dieses Miteinander die Natur des Menschen. Elisabeth leitet die ufaBäckerei und die Holzfeuerbackstube in der ufafabrik und dort ist ihr zentrales Anliegen, Verbindung zwischen Menschen zu schaffen. Ein Interview von Jörg Engelsing.

 

Warum hast du dir eigentlich einen Holzofen zum Brotbacken zugelegt? Es ist ja nicht unbedingt ökonomisch, auf diese althergebrachte Weise Brot zu backen.
Ich mache nichts, um nur Gewinn zu erzielen. Klar denken jetzt viele: Die ist wohl bescheuert? Mit ihrem Geschäft zum Sterben verurteilt. Aber ich habe die Holzfeuerbackstube aufgebaut, weil ich die Absicht hatte, das Handwerk der Bäckerei den Menschen näherzubringen. Schon seit Bestehen der ufaBäckerei – auch vor meiner Zeit – haben wir Back-Erlebniskurse organisiert, bei denen die Kinder selber Teig kneten konnten und ihre Tiere – oder was auch immer sie geformt hatten – dann gleich backen. Ich fand diese Arbeit unheimlich wertvoll, weil die Kinder dadurch ein Gespür erhielten, wo unsere Lebensmittel überhaupt herkommen. Die kommen ja nicht aus dem Supermarktregal. Im Prinzip hat jedes Lebensmittel seinen Ursprung in der Erde. Und dieses Wissen wollte ich transportieren. Darum heißt die Holzfeuerbackstube auch “von der Erde zum Brot”, denn unsere gesamte Lebensgrundlage kommt aus der Erde.

Ich mache auch Backkurse für Erwachsene, in denen gemeinsam Brot gebacken wird oder Pizza. Die Gruppe muss alles selber erledigen, Holz ranschaffen, Holz spalten, den Ofen feuern und dann auskehren, den Teig herstellen und kneten, backen, und nach dem gemeinsamen Essen auch wieder sauber machen. Dabei müssen die Aufgaben verteilt werden, es muss eine Handwerksgruppenseele entstehen, ein Gruppengeist. Es ist wunderbar, so einen Gruppenprozess zu beobachten und zu begleiten.

Ich höre da echte Begeisterung…
Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen. Die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit haben mit Zusammenarbeit und Miteinander zu tun. Beispielsweise, wenn wir die Ernte eingebracht haben und in der Ferne schon das Gewitter donnerte und wir wirklich wie ein einziges Wesen zusammengearbeitet haben, damit wir noch vor dem Regen fertig werden. Es war die absolute Glückserfahrung, sich in einem gemeinsamen Energiefeld zu bewegen, ohne zu kommunizieren, jeder fühlbarer Teil eines Ganzen, alle Trennung in Form unterschiedlicher Meinungen und Gedanken aufgehoben. Solche Erfahrungen sind sicher der Keim meiner Leidenschaft, Verbindung zu schaffen. Zu lernen, Verbindung herzustellen, ist für mich ein viel größeres Glück, als auf der materiellen Ebene Gewinn zu machen.

Ist das auch mit ein Grund, warum du seit 30 Jahren in der ufafabrik lebst?
Ja, es geht mir um die Menschen und wie die Menschen miteinander umgehen. Wobei ich natürlich selber viel zu lernen habe. Das, was mir vorschwebt im Umgang der Menschen miteinander, wie sie sich mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit begegnen könnten, das kann ich ja selber auch noch nicht wirklich.

Wie geht ihr miteinander um?
Die ufafabrik ist ein experimentelles Feld, bei dem es auch darum geht, zu sehen, wie man Verbindung leben kann. Mehr Verbindung, als das in einer normalen Alltagsbeziehung gang und gäbe ist. Aber das Projekt besteht hier schon 33 Jahre, und in 33 Jahren passiert auch einfach sehr viel an Schicksalsschlägen und Streitereien. Wir sind ganz genauso mit allen menschlichen Gefühlen konfrontiert wie andere auch. Und vieles kannst du auch einfach gar nicht aufarbeiten. Die Herausforderung liegt darin, auch dann, wenn der Gruppengeist gar nicht mehr spürbar ist, wieder einen Weg dahin zu finden. Ich suche nach Möglichkeiten, wie man das schaffen kann, auch ohne die ganzen alten Sachen aufzurollen. Einfach, indem man dort, wo man gerade steht, wieder neu anfängt sich zu begegnen und ein innerliches Verzeihen lebt.

Natürlich ist es wichtig, überhaupt erstmal dort hinzuschauen, wo Verletzung ist, und nicht den Groll zu begraben und wegzudenken. Viele Sachen sind einem nach vielen Jahren überhaupt gar nicht mehr bewusst. Es ist wirklich eine Riesenherausforderung, in Gemeinschaft so eng zusammen zu leben und trotzdem in sich selbst und miteinander lebendig zu bleiben. Aber das gilt natürlich nicht nur für Gemeinschaften: In den wenigsten Familien oder Betrieben gibt es eine wirklich herzliche Lebendigkeit, mit der wir den anderen alles gönnen und unser Gegenüber wirklich an uns heran lassen. Meistens hat der Umgang miteinander etwas Aufgesetztes.

Was hältst du denn dann von Weihnachten?
Für mich ist Weihnachten ein rotes Tuch, weil es nicht wirklich um den Menschen geht. Es geht um das Äußerliche, um das Materielle. Aber dass die Menschen sich wirklich begegnen, sich wirklich einmal in die Augen schauen und in den anderen hineinspüren und ihn wahrnehmen, das ist einfach völlig hinten runter gefallen. Weihnachten ist der Versuch, eine äußere Harmonie herzustellen, die mit den momentanen seelischen Gegebenheiten oft nichts zu tun hat. Es ist unglaublich, wie viel Energie wir zu Weihnachten aufwenden, um dieses äußere Bild von “wir sind gut drauf” zu wahren. Sich zusammenreißen und aushalten anstatt sich zu begegnen. Was könnte man mit dieser Energie Wunderbares machen…

Man könnte ja so etwas wie eine Weihnachtsvorbereitung schaffen, um vor Weihnachten schon mal Ärgernisse aus dem Weg zu räumen und emotional klar Schiff zu machen, damit an Weihnachten ein echtes Miteinander entstehen kann, das man dann auch wirklich genießen kann.
Weihnachten kann ohne eine wirkliche Vorbereitung gar nicht richtig gelingen, wenn die ganzen unbewussten Strukturen nicht offen gelegt sind und nur einfach eine oberflächliche laue gute Laune drüber gelegt wird. Es gibt dann eine Seeleninstanz, die sich dagegen wehrt, eine Lüge zu leben. Und alles, was verdrängt ist, kommt an die Oberfläche. Wenn du dann Weihnachten noch sowieso gestresst bist von den ganzen Vorbereitungen, dann reicht oft ein kleiner Anlass, und du gehst hoch oder bist zutiefst enttäuscht.

Zurück zur Bäckerei. Was sind dort deine Qualitätskriterien?
Bio ist ja sowieso klar und möglichst frische Verarbeitung. Natürlich auch Rohstoffe so weit wie möglich aus der Umgebung und keine chemischen Zusätze. Es geht mir auch nicht darum, dass jedes Brot perfekt aussieht. Wichtig für die Qualität des Brotes sind vielmehr die Menschen, die das Brot herstellen. Ein Großteil jedes Brotes besteht aus Wasser, und Wasser ist besonders fähig, Informationen und Energien aufzunehmen. Daher ist es wichtig, dass Friede in der Backstube herrscht, dass keine Konkurrenz zwischen den Bäckern ist, kein Streit, kein Hader. Dazu gehört auch, dass die Bäcker wissen, für wen sie das Brot herstellen, nämlich für den Menschen und nicht vordergründig, um Geld zu verdienen. Ich sage den Bäckern immer: Ihr entscheidet mit, wie der Tagesbeginn eines Menschen aussieht, ob er gut oder schlecht gelaunt in den Tag startet. Wir kommen hierher, um den Menschen etwas Gutes zu geben. Wir sorgen für einen Teil ihrer Lebensqualität. Ist der Bäcker schlecht gelaunt und voller Ärger, dann wird sich diese Energie auch im Wasser und damit im Brot wiederfinden. Ist der Bäcker gut drauf und kommt gerne zur Arbeit und macht es ihm Spaß, zusammen mit den anderen Bäckern zu arbeiten, dann wird sich das auch energetisch im Brot manifestieren.

Ich glaube, dass wir dann, wenn wir ein Produkt in die Hand nehmen und sensibel genug sind, genau spüren, wie derjenige, der es produziert hat, sich dabei gefühlt hat. Und wenn du ganz offen bist, dann spürst du beispielsweise, ob mit dem Produkt Kinderarbeit zusammenhängt oder Ausbeutung.
Ja, ich denke, wir haben alle diese Sensibilität, sie ist uns nur einfach abtrainiert worden. Wenn ich als Kind bestimmte Sachen gespürt habe, die andere nicht spüren wollten,  hieß es einfach: Du spinnst, hör auf mit dem Quatsch. Wenn unsere Wahrnehmung in der Kindheit als Blödsinn abgetan wird, stellen wir sie als Erwachsene schon permanent infrage. Aber es gibt immer mehr Menschen, die ihre Sensitivität wieder entdecken. Und sie als Wahrheit begreifen. Ich übe das auch.

2 Responses

  1. massel

    ich seh das genauso, es immer schön zu hören, wenn Menschen noch mit soviel Liebe bei ihrer Arbeit sind – die das Wesentliche nicht im eigenen Wohle, sondern im guten Zusammenleben aller sehen.

    möge das der beständigste Energiestrom auf Erden sein.

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*