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Spirituelle Baustelle im Aufwind

„Menschen suchen Orte, an denen sich etwas bewegen lässt, Orte, an denen man etwas von sich im Ganzen realisieren kann.”

Das Lichtwerk Berlin ist eine Insel zwischen Plattenbauten und Frankfurter Allee, ein Kulturzentrum und Gemeinschaftsprojekt nahe U-Bahnhof Magdalenenstraße und Bahnhof Lichtenberg. Seit einem Jahr bereichert das Haus mit einem stetig wachsenden kulturellen Veranstaltungsprogramm, das von Konzerten, Ausstellungen, Meditationsangeboten über Yoga bis hin zu Räumen für Weiterbildung reicht, das Berliner Kulturleben.

Die Anfänge

Im Jahr 2002 sprach Projektentwickler Heinz Günter Schmich den Architekten Sebastian Wagner darauf an, gemeinsam ein Konzept für das leer stehende Bahngebäude zu entwickeln. Nachdem beide über Jahre Menschen für ein solches Lebensprojekt suchten, kam es zur Vertragsfindung. Noch vor Unterzeichnung zogen Amrit Kaur Khalsa aus Mexiko und Sebastian Wagner in das leere Haus ein, damit auch andere den Sprung wagen.

Die Umgebung

Lichtenberg wandelt sich. Dem Ruf der Fremdenfeindlichkeit und Hakenkreuzschmierereien zum Trotz tauchen die ersten Blüten künstlerischer Befruchtung an verschiedenen Brachflächen auf. Die Verdrängung aus dem Zentrum mit den immer schickeren Galerien bewegt Studenten, Stadtnomaden und nach gestaltbarem Freiraum Suchende über den Bahndamm des Berliner S-Bahn-Rings hinaus, jener unsichtbaren Schwelle im Zug der Frankfurter Allee, die für einige Berliner noch die ‚Grenze im Kopf’ darstellt. Eine durchaus sinnvolle Entwicklung, da das geographische Zentrum der Stadt von hier wesentlich näher liegt und einfacher zu erreichen ist als etwa vom Kudamm.
Manchmal erreichen in kleinen Schüben experimentierfreudige junge Menschen das Lichtwerk Berlin. Plötzlich spielen  sechs Hackysack-Profis in der Turnhalle bei Hip-Hop-Musik.
 
Ein Baugerüst am gegenüberliegenden Schulbau, dem ehemaligen Sozialamt von Lichtenberg und ebenfalls ein Backsteinbau aus wilhelminischer Zeit, deutet weitere Entwicklungen an. Die Kiezküchen, ein europäisch vernetzter Ausbildungsträger für Gastronomie und Veranstaltung, errichten ein weiteres Ausbildungszentrum. Die schamanische Schülergruppe von Takan´sina, einem nordamerikanischen Indianer, der das Wissen seiner Ahnen an seine Schüler weitergibt, wurde bei ihrem ersten Wochenendseminar von den Kiezküchen mit kulinarischen Gaumenfreuden versorgt.
Auf dem Hof zeugen Reifenspuren von schweren LKW. Die Baustelle brummt. Wenn das Gerüst abgenommen wird, sind die gezeichneten Visionen eines Gartens der Kunst mit einem Pavillon aus der zweidimensionalen Welt auf dem Weg zur Verwirklichung. Wer die erdverbundene Seite von Spiritualität kennen lernen will, ist hier zu Hause. Hinter den Kiezküchen blinzelt die Atzpodienstraße hervor. Über sie erhebt sich ein dunkles großes Gebäude. Die Fenster sind zugenagelt, der Eingang ist zugemauert. Dahinter verbirgt sich die 1928 fertiggestellte, zu ihrer Zeit größte Badeanstalt Europas. Der Bezirk, das Lichtwerk Berlin und eine Gruppe von Betreiberinteressenten sehen das Hubertusbad als potenziellen Raum, in dem die motorische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gefördert werden kann (Psychomotorik Verein, Blaues Kreuz u. a.) und Wellness und Gesundheitsangebote (Deutscher Well-nessverband u. a.) für Familien entstehen können. Das Oskar-Ziethen-Krankenhaus und seine neu entstehende Kinderklinik runden das Ensemble ab.

Licht in Lichtenberg

Im Süden der Frankfurter Allee macht sich erst einmal „Ödland Bahn” breit. Aldi erscheint, etwas weiter Lidl. Na bitte, erste zivilisatorische Spuren der Dauerversorgung von Berlin. Zur Linken steht mit hohem Turm ein altes Kraftwerk, das die Ambition ausstrahlt, zum Lichtwerk 2 zu werden. Etwas weiter befindet sich die neu entstandene „Kiezspinne”, ein weiteres zivilisatorisches Neuland. Paritätischer Wohlfahrtsverband und Nachbarschaftshilfen haben einen aktiven Treffpunkt innerhalb der Plattenbauten geschaffen. Lichtinstallationen  an der Brücke … sollten da Künstler am Werk gewesen sein? Licht in Lichtenberg – bildet den Übergang in ein tadelloses Gründerzeitviertel namens Victoriastadt mit vielen kleinen Kiezeinrichtungen.

 

Heutige Realität – ein Rundgang

Konträrer kann eine Mischung nicht sein. Betritt man das Lichtwerk Berlin in der Bürgerheimstraße durch die große Holztür und begibt sich in den rechten Flügel des ehemaligen Schulgebäudes, empfängt einen das ruhige Hellblau der Malereien Volker Nickels, der seine Arbeiten in den Räumen des Altbaus temporär ausstellt. Ihm werden weitere Künstler und Architekten mit wechselnden Ausstellungen folgen. Der weiß geflieste Boden erzeugt zusammen mit Nickels Meerstücken eine weite, maritime Atmosphäre.
Im Erdgeschoss befindet sich das Studio des Vereins Square Blue e.V., einem Verein zur Förderung junger Architekten, die Pächter des Gebäudes sind. Von hier aus gehen Impulse für die Transformation des Umfeldes, Veränderungen des täglichen Lebensraumes aus. Sebastian Wagner lädt Architekten und Künstler aus verschiedenen Kontinenten ein, mit Konzepten, Bildern und Planungen das Lichtwerk Berlin und seine Umgebung zu gestalten. Sieben Stipendiaten haben dies bereits wahrgenommen.

Wohn- und Lebensraum

Aus einem Bild auf dem nächsten Treppenabsatz springt ein bewegtes Rot-Grün ins Auge, begleitet von dem Sound einer Bohrmaschine. Hier entstehen unter dem Namen „art-unit” multifunktionale Studios, die als Atelier, Büro, Galerie, Gemeinschafts- und Wohnraum nutzbar sein werden. Der Bau- und Fluxuskünstler (Fluxus ist Ausdruck für Fließendes, für in Bewegung sein, Anm. d. Red.) Aram Peter Tunkel beschreibt sein Ziel mit „art-unit” so: „In einem Fluss ist am Rand die höchste Artenvielfalt, dort wo die Strömung durch Widerstände gebremst ist, die das Wasser dazu bringen sich zu verwirbeln.” Diesen Gedanken setzt die Architektur von „art-unit” in konkreten Lebensraum um:
Die Lage von „art-unit” im Kulturzentrum und Gemeinschaftsprojekt Lichtwerk Berlin ermöglicht preiswerte Mietkonditionen und bietet ein interessantes Umfeld, das Kulturbetrieb, Arbeit und Wohnen vereint und fruchtbare Verwirbelungen zulässt. Zweckdienliche Architektur gibt Neutralität, Qualität, hohe Energie, Ruhe, Offenheit und dient unterschiedlichen Ansprüchen auf unspektakuläre Weise. Damit richtet sich „art-unit” an kreative Menschen, die ihren privaten Raum an einen Gemeinschaftsbereich anknüpfen möchten, der als Ort der Begegnung und des Experimentellen fungiert.

Ort der Begegnung

Eine Etage höher hat der Lebensbaum e.V., ein Träger verschiedener Wohn- und Gemeinschaftsprojekte, seine Räume. Hier richtet sich der Psychomotorik-Verein mit seinem Konzept der ganzheitlichen, bewegungszentrierten Päda- gogik an Erzieher der Lichtenberger Kindertagesstätten und bildet in Bobat-Kursen Physiotherapeuten für die Arbeit mit behinderten Menschen aus. Heinz-Günther Schmich, der schon mehreren Wohn- und Gemeinschaftsprojekten ein Zuhause gegeben hat, überlegt zusammen mit dem Psychomotorik-Verein, den Schwerpunkt der generationsübergeifenden Kiezarbeit weiter auszubauen. Angeschlossen an den Garten, in dem Installationen zur Sinneserfahrung nach Hugo Kükelhaus ihren Raum finden werden, könnte im Haus ein Kinder- und Familienzentrum entstehen. Eine Begegnungsstätte mit Angeboten zu Kreativität, Gesundheit und Förderung wird in Lichtenberg dringend benötigt.

Im Dachgeschoss des Altbaus befindet sich das Rajasang Yoga Center mit dem Lichtsaal. Er bildet zurzeit das Kernstück der spirituellen Arbeit im Lichtwerk. Hier verwirklichen Amrit Kaur Khalsa und Sebastian Wagner ihre spirituelle und praktische Erfahrung im Lichtwerk Berlin, während sie über weitere Projekte in Mexiko, Brasilien und Afrika nachdenken. Angeleitet durch Amrit Kaur Khalsa findet hier die morgendliche Sadna, Tai Chi und Kundalini Yoga statt. Zur Eröffnung des Lichtwerks hat der Künstler Hermann Flint eine Netzstruktur durch den Saal gespannt, welche die Ausdehnung des Universums für die Verdichtung des Raumes verwendete und somit die Energie im Raum erhöhte. In den vergangenen Monaten ereigneten sich hier lebendige Momente der Transformation durch Gong-Meditation, „Healing with Sound” mit Nanak Dev Singh und „Sound Diving“, der totalen Entspannung mit Klängen, mit Carlos Michael. Die Einführung in den Schamanismus durch Takan´sina, Juan Guerras’ Azteken Trommel- und Tanzworkshop und dem von Regina Schulz geleiteten Trance Dance vervollständigten das Programm. In manchen Momenten hat der Raum die Töne so übernommen, dass durch die Eigenvibration des Raumes die Musiker getragen wurden. Subtil, fast unhörbar, aber immer erfahrbar.
So entsteht aus Erfahrung ein neues Konzept, das “Sound Healing Center”, das Nanak Dev wie folgt umschreibt: „Pressure – Heat – Transformation”.

Angeschlossen an den Altbau liegt die ehemalige, denkmalgeschützte Turnhalle. Mit 200 m2 und über sieben Metern Höhe bietet sie Raum für größere Veranstaltungen. Ihre direkte Anbindung an den Garten erzeugt im Sommer ein wunderbares Ensemble, das für rauschende Gartenfeste wie geschaffen ist.
Neben der Halle der Schule befindet sich zur rechten Seite ein schlichter, grauer Neubau. „Die Villa” nennt die Kulturwissenschaftlerin und Künstlerin Michaela Ruhfus diesen Teil des Hauses. Hier wohnt sie seit einem halben Jahr und betreibt ihr Atelier. Unter dem Namen ruhfuskunst bietet sie Kurse zur Kreativitätsförderung nach dem ‚Weg des Künstlers’ von Julia Cameron an. Donnerstags abends lädt das ruhfuskunst-Atelier dann ein, mit Hilfe von Farben und Form durch die Intuition geleitet in die Welt der inneren Bilder zu reisen.

Visionen

Das Lichtwerk Berlin

  • trägt neue Visionen in den Großraum Lichtenberg, um Anteil an der Entwicklung Lichtenbergs für eine angemessene Position im Gesamtgefüge Berlins und über die Grenzen hinaus zu realisieren. Hierbei werden bewusst vorhandene Leerstände, Brachflächen und „Problemecken” mit neuen Konzepten bedacht nach dem Motto: „Was heute ein Problem ist, kann morgen schon die Lösung beinhalten”
  • schafft neue Qualität als Startrampe und Modell zur Beschleunigung des Transformationsprozesses von der dritten zur vierten Dimension.

Über den Autor

Avatar of Sebastian Wagner

Architekt, internationale Aktivitäten als Chief Architect vom Parmath Niketan Ashram (Rishikesh, Indien), Universität für Aryuveda (Deradhun, Indien). Für seinen  Entwurf zum Ideenwettbewerb der International Archtecture Academy nach der Zerstörung des World Trade Centers wurde er mit einer Professur ausgezeichnet. Zurzeit entwickelt er und  Amrit Kaur Khalsa ein holistisches Zentrum im Palazzo Pitti in Rathenow.

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