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Eine wundervolle Geschichte über einen afrikanischen Stamm, in welchem jeder Mensch mit einem Seelenlied auf die Erde kommt.

Das Seelen-Lied

Es heißt, es gibt einen Stamm in Afrika, bei dem das Geburtsdatum des Kindes nicht der Tag ist, an dem es geboren wird, auch nicht der Tag, an dem es empfangen wurde, sondern der Tag, an dem das Kind erstmals als Gedanke im Kopf seiner Mutter erschien. Und wenn eine Frau beschließt, dass sie das Kind empfangen wird, geht sie aus dem Dorf hinaus und setzt sich unter einem Baum, und sie lauscht in sich hinein, bis sie das Lied des Kindes hören kann, das durch sie geboren werden will. Und nachdem sie das Lied des Kindes gehört hat, kehrt sie zurück zu ihrem Mann, welcher der Vater des Kindes sein wird, und lehrt auch ihn das Lied. Wenn sie sich dann lieben, um das Kind körperlich zu empfangen, dann singen sie gemeinsam das Lied des Kindes, als eine Einladung.

Wenn die Mutter schwanger ist, lehrt sie auch die Hebammen und die alten Frauen des Dorfes das Lied zu singen, so dass die Menschen um sie herum während der Geburt das Lied des Kindes singen können, um es zu begrüßen. Und dann, wenn das Kind aufwächst, haben auch die anderen Dorfbewohner sein Lied gelernt. Wenn das Kind fällt und seine Knie schmerzen, schließt es jemand in die Arme und singt sein Lied dazu. Wann immer das Kind etwas Wunderbares tut, wenn es durch die Riten der Pubertät geht, wenn es heiratet – auch dann singen die Menschen des Dorfes sein Lied, um seine Seele zu ehren.

In diesem afrikanischen Stamm gibt es noch eine weitere Gelegenheit, zu der die Dorfbewohner für das Kind singen: Wenn diese Person zu irgendeinem Zeitpunkt während seines oder ihres Lebens, ein Verbrechen begeht, wird sie in das Zentrum des Dorfes gerufen und die Menschen seiner Gemeinschaft bilden einen Kreis um sie herum. Und dann singen sie behutsam das Lied für diese Person. Der Stamm fühlt, dass sein Verhalten nicht nach Bestrafung ruft, sondern nach Liebe und nach Erinnerung an die wahre Identität seiner Seele.

Ein Freund, so sagen sie, ist jemand der das Lied deiner Seele singt, wenn du es selbst vergessen hast.

Und auf diese Weise geht das Kind durch sein Leben. In der Ehe singen die Partner ihre Lieder füreinander – und sie singen sie gemeinsam. Und schließlich, wenn unser Kind eines Tages auf dem Sterbebett liegt, bereit, diese Welt zu verlassen, dann kommen die Dorfbewohner zusammen, und sie singen – ein letztes Mal – das Lied für diese Person.

Frei nach Alan Cohen, aus dem Buch „Wisdom of the Heart“

4 Responses

  1. Dietrich Möhring

    Danke liebes ? — mir ist unbekannt, wer diesen Beitrag schrieb; darum ? —

    Ich finde diesen Beitrag sehr sehr schön. Er gibt mir eine Erklärung für den Satz einer afrikanischen Frau, den ich vor vielen vielen Jahren (war es so um 1990 herum?) einmal im Rundfunk hörte:

    „Vergeßt eure Lieder nicht!“

    Die Welt um uns herum ist laut geworden, so laut daß jeder ständig die Ohren voll hat und kaum einer auf die leisen Töne hören kann. Aber auch aus dem Säuseln des Windes kann Leben entstehen z.B. durch Weitertragen eines Pollens; aber Wind kann mehr als nur säuseln, er kann als Sturm auch Dinge umreißen.
    In einem meiner ‚Seminare‘ fand ich einmal ein Buch, das auf der Titelseite einen Löwenzahn abbildet, mit dem Hiweis, daß er bei jedem Wind samt. Es ist das französische Lexikon „PETIT LAROUSSE ILLUSTRÉ“ von 1910, der genau Satz ist:“JE SÈME À TOUT VENT“

    Und um den Bogen zu spannen zu dem Seelenlied: mir war damals plötzlich ‚bewußt‘, daß ‚dieses‘ Buch — von wem auch immer — in einer besonderen Situation meiner Mutter ‚anvertraut‘ worden ist mit der Weisung: „Annerose soll das Buch bewahren“. Wir haben alle in dieser besonderen Situation eine Sache (vielleicht einen Gegenstand) anvertraut bekommen um sie auf unserem Weg zu bewahren und viele, sehr viele haben ‚ihre‘ Sache (aus den Augen) verloren und kranken dadurch und können ’nur‘ gesunden, wenn sie diese Sache wiederfinden. Dazu kann es aber nötig sein, auf der Wanderung, die wir alle vor (und hinter?) uns haben, innezuhalten und wohlmöglich umzukehren und die Sache zu suchen. Meine Mutter hat ihr Leben lang sehr viel gelesen — obwohl sie sieben Kinder zur Welt gebracht hat — aber relativ kurze Zeit nach diesem Ereignis ‚konnte‘ sie nicht mehr lesen, was aber mit Sicherheit an etwas Anderem lag als an ihren Augen denn auf einem ihrer täglichen Spaziergänge, auf dem ich sie begleitete, verlor sie einmal eine Nadel aus ihrem Haar und fand sie auf dem unbefestigten Weg wieder, wo ich selbst sie nicht sehen konnte!
    Ich ergänze also die Aussage: Vergeßt eure Lieder nicht um diesen Satz:

    „Sucht den Gegenstand, der euch anvertaut wurde“

    Ihr könnt jeden fragen, ob er weiß, wo er zu finden ist, denn im Inneren weiß jeder, welcher Gegenstand einem Anderen anvertraut wurde aber ‚holen‘ >muß< ihn allein Derjenige, dem er anvertraut wurde, das kann keiner für ihn übernehmen, denn jeder hat soviel und genau soviel anvertraut bekommen, wie er tragen kann und nicht mehr und nicht weniger und kann keines Anderen Sachen tragen, wohl aber kann er sie aus dem Wege räumen, daß sie von all den anderen Wanderern auf dem Weg nicht zertreten wird. Tschüß Dietrich

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  2. Guadda Massabi

    Wunderbar dieses Bild. Und so einfach. Ich würde gerne ein paar dieser Lieder hören.

    Wir haben alle unser eigenes Lied. Es ist an jedem einzelnen selbst, seines herauszufinden und zum Klingen zu bringen. Dies geht vor allem in Stille und Meditation. Im Einklang mit seinem Lied wird man eins mit dem Ganzen.
    Aber es es ist noch mehr dabei. Alles ist Musik, Musik und Tanz, die Sprachen unserer Seele. Unser Lied-Thema begleitet uns in unendlichen Variationen und Durchführungen auf unserem Weg durch das Leben. Wir sind Sinfonien. Wir klingen in den Anderen und Andere klingen in uns. Wir sind der Klangkörper, wir sorgen für die Stimmung. Verstimmung ist Schmerz.
    Und auch wenn ich nicht mehr „Ich bin“ denke, klingt mein Lied in anderen weiter. Obwohl ich weiß, dass ich sowieso ein Teil des Ganzen bin, erfüllt mich dieser Gedanke mit Freude, beseelt mich. Hier ist mein Lied:

    „Das Lied des Lebens“

    Ich singe das Lied des Lebens,
    ich male die Bilder meiner Träume,
    ich schreibe die Geschichte der Wahrheit,
    ich atme die Essenz des Seins,
    ich esse aus dem Garten der Natur,
    ich lebe die Liebe,
    ich tanze mit den Winden der Existenz,
    ich lache voll unbeschreibbarer Verrücktheit.

    Ich bin in Demut und voll Dankbarkeit
    gegenüber dem Unerklärlichen.
    Tag für Tag
    wieder und wieder
    im Puls der Mutter Erde,
    bis ich eines Tages nicht mehr bin.

    Denn jeder Anfang hat ein Ende
    und jedes Ende hat einen Anfang.

    (Guadda Massabi 2013)

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