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Nachhaltigkeit: Das Wort hätte eigentlich gute Chancen „Wort des Jahres“ zu werden. Wir alle sollen nun „nachhaltig wirtschaften“ und „nachhaltige Produkte“ kaufen. Wegen dem Klimawandel, für die Umwelt, weil die Ressourcen knapp werden. Das ist ja auch grundsätzlich begrüßenswert – aber mehr Konsum ist noch immer mehr Konsum und viele Teile des planetaren Puzzles werden dabei nicht mitgedacht.

Nachhaltigkeit ist eine große Erleichterung: Wir brauchen nichts zu ändern, die bösen alten Produkte werden einfach durch gute, unglaublich nachhaltige neue ersetzt und alles ist wieder in Ordnung. Wir machen schön weiter wie bisher, man merkt es fast gar nicht. Obama nennt das den „Green New Deal“: Neue Technologien und Produkte sollen nicht nur den Planeten retten, sondern nebenbei auch Millionen von Arbeitsplätzen schaffen und – jetzt kommt’s – der Wirtschaft zu raktengleichem Wachstum verhelfen, denn Wachstum ist das einzige, was Politikern heilig ist. Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Letztendlich geht es vielleicht sogar mehr um Wachstum, als um alles andere. Nachhaltigkeit ist sozusagen der Plan B des gescheiterten neoliberalen Kapitalismus, die letzte Chance, das System mit seinen Machtstrukturen zu erhalten, ohne Wesentliches daran zu ändern. Und noch immer heißt das Heilmittel Wachstum. Und noch immer sind, wenn die Politiker von „uns“ sprechen, nur jene 20% der Weltbevölkerung gemeint, die in den Industrienationen leben.

 

Wachstum ist eine Sackgasse.

Der schweizerische Autor P.M. bringt es folgendermaßen auf den Punkt:

„Die Hoffnung, mit einem Wirtschaftssystem, das kollabiert, wenn es nicht wachsen kann, nachhaltige Lebensweisen auf einem endlichen Planeten herzustellen, ist gleich null.“

Wirklich nachhaltig ist nämlich nur, was wir bis in alle Ewigkeit tun könnten, ohne dass es negative Auswirkungen auf das Gesamtsystem hat.

Und ganz egal was für ein Produkt wir haben: Wenn bis in alle Ewigkeit immer mehr davon verkauft werden muss, damit das System funktioniert, dann ist das kein besonders aussichtsreicher Plan. Unser Wirtschaftssystem mit seinem Wachstumszwang verlangt aber nunmal genau das und darum ist es mit grünen Produkten allein nicht getan. Es ist das System als Ganzes, das die Grundlage des Problems darstellt. Wenn wir nur den Inhalt austauschen, wird dies allenfalls eine vorübergehende Verbesserung bringen. Solange „nachhaltig wirtschaften“ aber noch immer einen Großteil des Gesamtsystems ausblendet, bedeutet es letztenendes lediglich „langsamer zerstören“.

„Neue Technologien können unser Problem nicht lösen. Nur wenn wir unser Verhalten ändern, kommen wir weiter. Aber wir wollen immer noch mehr, das kann nur zum Kollaps führen. Die Frage ist nur: Wann?“, sagt Dennis Meadows, Mitautor des bahnbrechenden Buches „Die Grenzen des Wachstums“ (1972).

Ganz sicher brauchen wir auch einen technologischen Umbau, eine Wirtschaft, die sich an natürlichen Kreisläufen organisiert, umweltverträglichere Materialien und neue Transportmittel. Aber wenn wir glauben, damit allein wäre das Problem gelöst, dann irren wir uns wahrscheinlich.

 

Ende der Märchenstunde

Ende der MärchenstundeKathrin Hartmann hat mit „Ende der Märchenstunde“ ein wütendes Buch über so genannte Lohas und Lifestyle-Ökos geschrieben: Das sind jene Menschen, die „nachhaltig“ einkaufen und glauben, dass sie allein dadurch die Welt verbessern. Konsumieren für den Weltfrieden. Was daran ein Märchen ist?

„Das Märchen, das die Lifestyle-Ökos und Lohas erzählen, ist, dass man die Welt, die durch schlechten Konsum böse geworden ist, durch guten Konsum wieder gut machen kann“, erklärt die Autorin.

Sie kritisiert, dass Konsumenten nun zwar Bio-Tomaten kaufen, diese aber immer noch mit verheerendem Energieaufwand und unglaublichen Wasserverbrauch in Spanien produziert werden, damit sie auch im Dezember im Bio-Regal stehen können. Und das über Hintergründe und Zusammenhänge noch immer nicht nachgedacht wird.

Ein wirkliches Umdenken, das zu der Erkenntnis kommt, dass wir ganz einfach auf Kosten des Planeten und der ärmeren Länder grob über unsere Verhältnisse leben, hat noch immer nicht stattgefunden. Und in einer durch und durch globalisierten Welt wieder zu regionalen Produkten und Wirtschaftskreisläufen zurückzukehren, scheint auch nicht besonders einfach zu sein.

 

Global denken. Lokal handeln.

Solange „nachhaltig“ lediglich „weniger schädlich“ bedeutet, ist noch nicht viel gewonnen. Denn die Zukunft kann nur global gedacht werden. Unsere grausame Ausbeutung der Dritten Welt muss aufhören, die Menschen dort haben das gleiche Anrecht auf einen gehobenen Lebensstandard wie wir. Das kann nur gelingen, wenn sich ein neues Wirtschaftssystem, neue Technologien und eine Reduktion des Konsums zu einer wirklich nachhaltigen Zukunftsstrategie verbinden.

Wirkliche Nachhaltigkeit verlangt auch Genügsamkeit und Gerechtigkeit und braucht einen grundlegenden Strukturwandel, eine tiefgreifende Revolution, wie sie die Welt vielleicht zuletzt mit der industriellen Revolution gesehen hat.

Derzeit scheint es aber manchmal eher, als würden Konzerne und Politik versuchen, die Menschen mit der ganzen scheinbaren Nachhaltigkeit von dieser Erkenntnis mit allen Mitteln ablenken wollen. Und die meisten Konsumenten lassen sich auch nur allzu gerne blenden – so kann man erleichtert weiter einkaufen, mit dem Wohlgefühl etwas Gutes zu tun – und ohne allzu viel nachzudenken.

 

 

Bilder

Nachhaltigkeit: heinrichmorf.ch
Ende der Märchenstunde: Random House

 

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