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In allem liegt Einfachheit – leider für unseren auf Komplexität, Schwierigkeiten und Probleme ausgerichteten Verstand oft kaum ersichtlich. Der Schotte Duncan Lorien hat sich seit 50 Jahren der Mission verschrieben, diese Einfachheit in der Musik sichtbar zu machen und sie zu vermitteln. Was dabei herauskommt, sind nicht nur Aha-Erlebnisse in der Welt der Noten und Tonleitern, sondern auch ein neuer, unverbauter Blick auf das Leben – Musik als spiritueller Weg.

SEIN: Kann wirklich jeder lernen, Musik zu machen?

Duncan Lorien: Musik scheint irgendwie ein Mysterium zu sein. Viele Menschen glauben, dass Musizieren nur etwas für Auserwählte ist. Sie glauben daran, Spanisch oder Englisch lernen zu können, aber Musik…? In meinem Seminar erfahren sie, dass diese Beschränkung ein Irrglaube ist. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben spüren sie, dass der Zugang zur Musik auch für sie offen ist. Es ist dann einfach nur noch ihre Entscheidung, diesen Weg auch zu gehen.

Warum soll man bei dir Musik leichter verstehen als in anderen Workshops – hast du etwas grundlegend Neues entdeckt?

Jedes Konzept baut auf anderen, früheren Konzepten auf, nichts ist wirklich neu. Für mich ist das System der Musik wie ein großes Puzzlespiel. Es ist, als wenn du einen großen Sack hast, in den du sechs verschiedene Puzzles mit je 1500 Teilen reinwirfst. Zusätzlich zu dem ganzen Durcheinander fehlen einige Teile, an anderen sind die Kanten ausgefranst, wieder andere sind fast unkenntlich ausgebleicht und man weiß gar nicht, was sie darstellen. Ich habe einfach in den letzten 50 Jahren herausgefunden, wie diese ganzen Teile zusammengehören.

Was ist das Besondere an deiner Art zu lehren?

Ein traditioneller Lehrer hat keine Wahl. Er muss sein Programm durchziehen mit dem Stoff, der vorgegeben ist. Wenn du allerdings ein vorgegebenes Programm auf eine bestimmte Art und Weise durchziehen musst, dann nimmst du dir die Möglichkeit, dich zu entfalten. Ich hatte die Möglichkeit, meine eigene Art zu lehren zu entwickeln. 95 Prozent von dem, was ich tue, basiert auf Beobachtung. Das Seminar entwickelt sich ständig weiter. Alle zwölf Monate gehe ich die ganzen Seminardaten noch einmal durch und überlege mir, was funktioniert und was nicht. Und dann verändere ich es auf der Basis dessen, was ich beobachte. Die Grafiken, die ich verwende, sehen sehr einfach aus. Aber die Arbeit, die dahinter steht, ist oft immens und kann bei einer einzigen Grafik mehrere 1000 Stunden betragen.

Und ich bin ein Schauspieler, ein Showman, ein Entertainer. Weil ich spiele und es mich jedes Mal wieder begeistert, bleibt das Seminar lebendig. Klar, es gibt auch Stimmen, denen das alles zu amerikanisch ist, zu wenig ernsthaft, aber das Letzte, was ich möchte, ist, dass sich irgend jemand an die Schule erinnert fühlt.

Ich hatte das Gefühl, dass alle deine Ratschläge und Anweisungen, wie wir Musik am besten lernen, uns letztlich unterstützen sollen, über die Musik hinaus einen neuen Blick aufs Leben zu werfen, um unsere Potenziale zu erschließen und alles für möglich zu halten.

Ja, so ist es. Als Kind hast du Träume. Du willst Feuerwehrmann werden, Astronaut, ein berühmter Musiker – alles ist möglich. Und dann werden wir etwas älter und unsere Lehrer sagen: “Nein, das kannst du nicht, dazu hast du kein Talent, du musst realistisch sein, das ist eben einfach nicht möglich für dich.” Und so stirbt ein Traum nach dem anderen und zum Schluss wirst du Steuerbeamter. Nichts gegen einen Steuerbeamten, aber das ist weit entfernt von einem Astronauten-Traum. Und irgendwann hast du bestimmte Blickwinkel auf das Leben, die mehr oder weniger unverrückbar erscheinen: Du kannst kein Rockstar werden, kein Astronaut – und um Millionär zu werden, ist es auch zu spät. Auf dieser Basis richtest du nun dein Leben ein. Du nennst das: “Ich stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen. Ich bin 50 Jahre,  verheiratet, habe Kinder, einen Mercedes, für den ich die Raten zahle, und irgendwann lande ich im Sarg und Ende. So ist nun mal das Leben.” Und jetzt stell dir vor, dass jemand kommt und sagt: “Verrate mir einen deiner Träume, und ich zeige dir eine Möglichkeit, wie du ihn verwirklichen kannst. Gib mir 48 Stunden und ich zeige dir, wie du deinen Blickwinkel total verändern kannst.” Ich zeige das im Bereich der Musik, aber wenn es dort möglich ist, warum nicht bei allem anderen? Und darin liegt letztlich die Kraft dieses Seminars. Alles, was ich machen möchte, alles, was ich sein möchte, ist möglich – wenn ich mich dafür entscheide. Das ist die Botschaft, die ich an die Menschen weitergeben möchte.

Also: sich nicht auf Probleme und Hindernisse fokussieren, sondern auf Möglichkeiten.

Genau darum geht es. Du musst kein Musiker werden. Das ist nicht das  Ansinnen des Seminars. Aber es geht darum, dass du siehst: Du kannst es, wenn du willst. Und das gilt für alles. Es spielt sich alles nur in unserem Kopf ab. Viele Leute, die dieses Seminar gemacht haben, schauen jetzt anders auf das Leben. Denn was sich aus dem Seminar ergibt, ist diese Veränderung des Blickwinkels. Und ich bin es nicht, der das macht. Ich bin nur die Brücke. Ich bin nur dafür da, dass die Menschen diese Realität erkennen können. Und Musik eignet sich einfach sehr gut dafür, weil damit sehr viele Träume verbunden sind. Träume, die bisher von vielen Menschen einfach nicht gelebt wurden. Nicht jeder möchte ein Einstein sein, aber in sehr vielen Menschen existiert der Wunsch, Musik machen zu können.

Vielleicht liegt es daran, dass Wissenschaftler zu sein erst einmal wenig damit zu tun hat, sich besonders auszudrücken. Aber die Momente, in denen ich Musik mache und etwas Größeres durch mich hindurch spielt – das macht einfach glücklich.

Ja, und sogar in dem Stadium, in dem du deine technischen Fähigkeiten erwirbst und verbesserst, kannst du kreativ sein.

Du hast gesagt, dass wir Hindernisse, die beim Üben auftreten, nicht als unüberwindbare Probleme sehen sollen, sondern als eine neue Möglichkeit zu wachsen. Vor vielen Jahren war ich mit jemandem befreundet, der extrem gut und professionell – so auf dem Level von Pat Metheny – Jazzgitarre spielen konnte. Eines Tages ging er allein zum Klettern in die Berge. In einer Wand stürzte er ab, wobei sich mehrere Finger seiner linken Hand in einer Schlaufe des Kletterseils verfingen und abrissen. Er sammelte die Finger auf, packe sie in eine Plastiktüte und fuhr in die nächste Klinik. Einen Finger konnten sie wieder annähen, so dass ihm noch drei Finger blieben. Als ich ihn in der Klinik besuchte, lag er im Bett und komponierte schon wieder. Als ich zu ihm sagte, dass er sich jetzt wohl einen neuen Beruf suchen müsste, meinte er nur: “Wieso denn, ich lerne einfach von der linken auf die rechte Hand um, und drei Finger reichen ja, um ein Plektrum zu halten”. Ich war tief beeindruckt von dieser inneren Stärke.

Ja, schau dir beispielsweise den großen Gitarristen Django Reinhardt an. Er hatte zwei Finger bei einem Brand verloren und entwickelte einen vollkommen neuartigen Gitarrenstil, der darauf basierte, dass er nur noch Zeige- und Mittelfinger benutzen konnte. Immer wieder lesen wir von Menschen, die unglaubliche Schwierigkeiten überwinden konnten. Ich habe Leute in meinen Seminaren gehabt, die Finger, Hände oder Arme verloren hatten, blind auf einem oder sogar auf beiden Augen waren oder taub auf einem oder auf beiden Ohren. Die größte Vibraphon-Spielerin der Welt ist eine junge Frau, die seit ihrer Geburt taub ist. Sie improvisiert mit Größen wie Chick Corea und Herbie Hancock. Wie kann das funktionieren? Sie zieht ihre Schuhe aus und spürt die Vibrationen durch ihren Körper. Wenn also einer zu mir kommt und sagt: Ich kann nicht Klavier oder Gitarre spielen, weil mein kleiner Finger nicht lang genug ist, dann sehe ich nur die Beschränkung in seinem Denken. Auch mir hat man gesagt: Duncan, du wirst niemals gut Klavier spielen können, weil du keine Musiker-Hände hast. Und ich habe ihnen gezeigt, dass sie unrecht haben. Ich sage immer: Womit du geboren bist, das kann du nicht ändern. Die einzige Frage ist: Was machst du damit? Die einzig sinnvolle Antwort: Du machst das Beste aus dem, was du hast. Teil der menschlichen Erfahrung ist es, die eigenen inneren Berge zu bewältigen. Und diese Berge sind ja einfach nur da, weil wir sie selbst hingestellt haben. Wir sagen: Meine Eltern haben das gesagt, meine Lehrer usw., aber das beeinflusst uns ja nur, weil wir es mit uns herumtragen und zu unserer Realität haben werden lassen. Das Gleiche könnte einem anderen Menschen geschehen sein, der vollkommen anders darauf reagiert und sagt: Ha, was für eine interessante Herausforderung. Schau mich an, ich habe in den letzten Jahren ziemlich zugelegt und jede Form von Diät versucht, aber ich nehme nicht wirklich ab. Ich könnte jammern und sagen: Warum sehe ich nicht aus wie Tom Cruise? Doch was bringt das? Ich habe nun einmal den Körper, den ich habe, und es geht darum, das Beste daraus zu machen.

Alles ist ein Spiel. Es geht einfach darum, ein neues Spiel zu kreieren, ein Spiel, das heißt: ich kann es und ich tue es – ein größeres Spiel, als wir es bisher gespielt haben. Wenn du dein ganzes Leben lang das Spiel spielst: ”Ich versuche… (Musik zu machen)”, dann kannst du dabei zwar nicht wirklich verlieren, aber du wirst auch nicht wirklich gewinnen. Es ist ein lauwarmes Spiel. Das neue Spiel heißt: ” Ich mache… (Musik)”. Das ist kein lauwarmes Spiel mehr. Über das Erlernen eines Instruments ist es möglich, in diese Energie zu kommen.

In deinem Seminar wirfst du viele Gewissheiten, vieles, was wir in der Schule gelernt haben, über den Haufen. Wie gehen die Menschen damit um?

Alles, was ich in dem Seminar präsentiere, habe ich in Jahrzehnten ausprobiert und recherchiert. Ich habe es mir also in langen Jahren angeeignet. Es ist klar, dass ich etwas, das das bisherige Wissen über den Haufen wirft, sehr einfach, verständlich und klar darlegen muss. Denn es ist ja auch so, dass unser Wissen – auch, wenn es falsch ist – für uns eine gewisse Stabilität darstellt. Und dann kommt einer daher und sagt: Das, woran du bisher geglaubt hast, stimmt einfach so nicht. Das kann durchaus bedrohlich sein, weil wir auf diesem bisherigen Wissen bestimmte Dinge in unserem Leben aufgebaut haben. Dieses Seminar ist also auch eine Herausforderung in puncto Loslassen. Denn es kann ja sein, dass dann, wenn ich etwas Bestimmtes loslasse, alles auseinanderfällt. Für mich als Seminarleiter besteht  die Herausforderung darin, einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem dieses Loslassen geschehen kann, damit das Neue Raum einnehmen kann. Darum sage ich auch nicht: “Was ihr bisher geglaubt habt, ist falsch”, sondern: “Hier ist eine neue Information, vergleicht sie mit dem, was ihr bisher wisst. Welche Information bevorzugt ihr? Und wenn es die neue ist, wollt ihr sie anwenden? Es ist eure Wahl.” In diesem Sinne geht es in diesem Seminar auch um Freiheit. Es geht darum, aus dem alten Schüler-Lehrer-Spiel auszusteigen. Mich eben nicht als Autorität zu akzeptieren, sondern als bewusster Mensch die Fakten zu vergleichen und selbst zu entscheiden, was man will. Ich will keine Autorität sein, ich bin nur ein Vermittler. Ich pflanze keine neuen Pflanzen und erfinde auch keine neuen Kreuzungen. Ich bin, wie es Walt Disney von sich sagte, “nur eine Biene, die die Pollen einsammelt”.

Was für Leute kommen zu dir?

Die Leute, die zu mir kommen, sind ganz normale Durchschnittsmenschen, die nie die Chance hatten, Berufsmusiker zu werden und die Musik bis in die tiefsten Tiefen zu verstehen, sondern die einfach Musik machen wollen – ohne sich dabei mit Wissen zu beschweren, das sie gar nicht brauchen. Was traditionelle Musiklehrer lehren, beispielsweise Sachen wie den Quintenzirkel, ist ja nicht falsch, aber es ist für das, was die meisten Menschen brauchen, um Musik zu machen, nicht notwendig. Klar, wenn ich den Leuten erzähle, wie sie Beatles-Songs spielen können, kann ich durchaus die Theorie des Quintenzirkels einbringen.

Warum gibt es das, was du vermitteln willst, nicht als Buch oder auf DVD?

Weil es nur als Seminar funktioniert. Weil jeder neue Schritt auf dem echten Verständnis des vorherigen aufbaut. Wenn da eine Unklarheit besteht, funktioniert alles Weitere nicht. Darum gehe ich im Seminar auch erst weiter, wenn wirklich alle den momentanen Schritt verstanden haben.

Wie bist du auf die Idee gekommen, alles um dich herum zu vereinfachen, sei es das Lesen – du kannst ja mehrere Bücher am Tag lesen – oder die Musik? Ist das eine besondere Gabe?

Nein, das ist es nicht. Ich habe Musik gemacht, seit ich drei Jahre alt war, und begann mit acht Jahren zu lehren. Irgendwann kamen einfach die Kinder der Nachbarn rüber und  fragten: Kannst du mir zeigen, was du da machst? Und ich habe es ihnen halt gezeigt. Das Spannende war, dass die anderen Kinder normalerweise kein Problem hatten, zu verstehen, was ich ihnen zeigte. Dann kamen deren Eltern und sahen, was ihre Kinder musikalisch auf einmal drauf hatten. Und sie hörten auf ihr Nachfragen: Duncan hat es mir gezeigt. Dann kamen die Eltern zu mir und fragten: Kannst du mir auch zeigen, wie das geht? Und ich sagte: Klar kann ich das. Und so begann ich, auch Erwachsene zu unterrichten.

Das Interessante war, dass die Erwachsenen mit exakt den gleichen Fakten und Unterrichtsmethoden Probleme hatten. Ich beobachtete das und fragte mich: Was ist der Unterschied zwischen einem Kind und einem Erwachsenen? Und ich fand heraus, dass die Erwachsenen die sonderbare Gabe haben, alles kompliziert zu machen. Wenn du ihnen drei Finger zeigst und willst ihnen daran etwas erklären, dann können sie das nicht einfach so stehen lassen, sondern fragen: Warum drei Finger und warum gerade diese drei Finger und warum die der linken Hand – hat das irgendeine Bedeutung? Ich erkannte dabei, dass die einzige Kompliziertheit, die es gibt, die Kompliziertheit ist, die die Menschen selbst mitbringen.

Daraufhin begann ich mich zu fragen, was die Menschen denn sehen und wahrnehmen, wenn ich etwas erkläre. Denn es schien, dass die Wahrnehmung sehr unterschiedlich ist. Also fragte ich die Menschen beispielsweise, was es für sie bedeutet, wenn ich sage: ”Spiel eine weiße Note!” Ich bekam unglaubliche Antworten. Und ich erkannte wieder, dass die Erwachsenen Kompliziertheit erzeugen, wo gar keine Kompliziertheit existiert. Ich fragte mich: Geschieht das auch in anderen Bereichen? Und ich sah, dass das tatsächlich so war. Ich erkannte, dass die Verwirrung der Menschen, wenn sie sich mit Algebra beschäftigten, einfach dadurch entstand, dass sie auf die Komplexität und Kompliziertheit des Ganzen schauten statt auf die Einfachheit. Denn die Einfachheit war ja da. In dem Moment, in dem ich ihren Blick auf die Einfachheit lenken konnte, löste sich die Kompliziertheit ganz einfach auf. Das zu sehen, war sehr beeindruckend.

Dinge auf die Einfachheit zu reduzieren, ist also keine Gabe, sondern ein erlerntes Talent. Aber Stück für Stück dehnte sich dieses Talent auf alles aus. Und ich entschied mich, Einfachheit zur Basis meines Lebens zu machen. Ich sagte zu meinen Lehrern: Wenn ihr es mir nicht einfach vermitteln könnt, will ich es gar nicht wissen. Sie mochten mich nicht, denn ich habe nie gelernt, geübt oder Hausaufgaben gemacht. Sie drohten: Du wirst durch das Examen rasseln. Und ich antwortete: Warum sollte ich eure komischen Aufgaben machen? Ihr wollt, dass ich die richtigen Fakten hinschreibe – wie ich das mache, ist doch wohl egal, oder? In ihren Augen habe ich anscheinend bei der Wissensaufnahme nicht genug gelitten. Aber ich hatte mir einfach diesen Blick angeeignet, mit dem ich in mathematischen oder physikalischen Formeln immer die Einfachheit sehen konnte, so dass sich mir die Inhalte ebenfalls einfach erschlossen.

Aber im Grunde kann das jeder. Gewöhnlich machen es viele Menschen in ein oder zwei Bereichen ihres Lebens. Beispielsweise sagt einer: Ich weiß einfach nicht, warum nichts von dem, was ich koche, jemals schmeckt. Ein anderer stellt ihm einfach nur ein paar Fragen: Hältst du dich an die Rezepte? Stellst du die richtige Herd-Temperatur ein? Und derjenige stellt fest, dass sein Problem darin liegt, dass er solche einfachen Anweisungen nicht befolgt. Dass dann das Essen nicht gelingt, hat wenig mit Zauberei zu tun. Was ich mache, ist nichts anderes, als diese Klarheit und einfache Struktur auf die Musik anzuwenden. Aber das kann man auf alles übertragen.

Als du in dem Seminar erzählt hast, wie auf die ganz einfache Struktur der Musik eine unglaubliche Komplexität aufgepropft wurde – vor allem auch von der Kirche, so dass nur noch Eingeweihte die Musik  verstehen konnten -, da kam mir der Gedanke, dass vieles in den spirituellen Systemen oder Religionen auch einfach Ablenkungen vom richtigen Weg sind – vom Weg der Einfachheit zu Gott, zu uns selbst, zu unserer Essenz. Unser Verstand wird in diesen spirituellen Systemen derart mit Einzelheiten gefüttert, dass er den Kern dessen, um was es geht, gar nicht mehr erkennt und vergisst, ihn zu leben.

Ja, die meisten Religionen haben ihre Priester, und die Priesterschaft hat es so an sich, sich selbst für die Autorität in Sachen Spiritualität zu halten. Die Priester haben lange studiert, viele Bücher gelesen, oft sogar ein Diplom gemacht, aber die Wahrheit ist, dass sie eigentlich nur dafür da sind, anderen auf ihrem Weg in ihre spirituelle Freiheit zu helfen. Sie sollten nicht sagen: Hier ist der Kasten, in den du hinein musst, wenn du ein Christ, ein Moslem oder ein Buddhist sein willst. Das darfst du, das darfst du nicht, das ist das rechte, das das falsche Denken. Das ist in meinen Augen keine Spiritualität. Für mich ist Spiritualität eine kontinuierliche Suche, eine Evolution, bei der es kein Richtig und kein Falsch gibt. Wir alle sind hier auf einer großen Entdeckungsreise, und das Problem der traditionellen Religionen und vieler spiritueller Richtungen besteht darin, dass sie uns vorgefertigte Lösungen anbieten und nicht wollen, dass wir darüber hinaus Fragen stellen und uns weiterentwickeln.

Auf einer Meta-Ebene ist das Leben für mich ein Spiel. Und das Spiel ist, dass wir in eine Verwicklung hineingezogen werden mit dem Ziel, da wieder herauszufinden. Bei deinem Seminar hatte ich das Gefühl, dass es auf einer bestimmten Ebene genau diese Bewegung, diesen Bewusstseins- und Befreiungsprozess unterstützen will.

Ich will niemanden von der Richtigkeit meines Denkens überzeugen. Ich möchte, dass jeder für sich selber denkt. Wenn du dich beispielsweise für einen spirituellen Weg entschieden hast, dann darf das doch nicht heißen, dass du ab jetzt aufhörst, für dich selber zu schauen und zu denken. In diesem Sinne ist das Thema Musik, wie ich es präsentiere, eine Möglichkeit, selbst zu schauen. Wenn ich den Menschen die Einfachheit in der Musik präsentiere, dann können sie selber für sich entscheiden, ob sie einen Vorteil darin sehen, ebenfalls diesen Weg der Einfachheit zu gehen, oder nicht. Das Seminar bietet Musik als eine Transportebene an, aber was auf einer tieferen Ebene vermittelt wird, ist der Anreiz, auf alles im Leben immer wieder neu zu schauen, nichts als gegeben hinzunehmen. Es geht um Wachstum, um Entwicklung. Und das geht nur, wenn sich in unserem Körper ein junger, offener Geist befindet.

Die Frage heißt immer wieder: Bist du gewillt, alles im Leben ständig neu anzuschauen, oder trägst du deine ganzen Beschränkungen und Lasten mit dir herum und lässt zu, dass sie dein Leben bestimmen. Ich habe von der Frau eines 90-jährigen Seminarteilnehmers einen Brief bekommen. Der Mann sagte im Seminar, dass es sein größter Wunsch sei, die Toccata-Fuge von Bach öffentlich zu spielen – er hatte vorher nie Klavier oder Orgel gelernt. Und sie schrieb, dass er nach einem Jahr intensiven Übens die Toccata öffentlich aufgeführt hat und danach am nächsten Tag starb – als glücklicher Mann. Das ist für mich ein Beispiel, dass jeder, der seinen Willen vollkommen auf sein Ziel ausrichtet, alles erreichen kann.

In einem anderen Seminar war ein autistisches Mädchen dabei, weil seine Mutter es nirgendwo anders lassen konnte. Sie saß die ganze Zeit herum, ohne zu kommunizieren, und machte nicht den Eindruck, dass sie irgendetwas vom Seminar mitbekam. Am Ende des Seminars, als wir alle schon zusammenpackten, ging sie zu einem Keyboard, setzte sich dran und begann etwas zu spielen. Der Mutter und allen 40 Teilnehmern liefen die Tränen. Es war das erste Mal, dass sich das Kind mit der Welt verbunden zeigte – durch die Musik. Ich habe keine Ahnung, was das Seminar bewirken kann. Für manche Teilnehmer sind es einfach zwei schöne Tage, aber manchmal geschieht ein persönliches Wachstum, das phänomenal ist. Darin liegt meine Motivation, darum mache ich dieses Seminar seit 20 Jahren.

Für zwei Tage ist das Seminar auf den ersten Blick – verglichen mit anderen Workshops – ja nicht so besonders günstig…

Sehr viel von meiner Zeit fließt in die Optimierung und Verbesserung des Seminars, Zeit, die man so nicht sieht. Nach jedem Seminar schaue ich: Was hat gut funktioniert, und was könnte noch besser sein? In eine Grafik, habe ich mir mal ausgerechnet, habe ich über 2000 Arbeitsstunden reingesteckt – von daher relativiert sich das. Ich halte das Seminar ja auch nicht jede Woche. Um es überhaupt zu diesem Preis anbieten zu können, nehme ich für Einzelstunden einen Preis von 1000 Dollar – und jeder Klient bekommt nur zwei Stunden pro Jahr. Das hört sich jetzt vielleicht viel an, aber wenn ein Rockstar daraufhin einen Hit schreibt oder ein Komponist eine erfolgreiche Filmmusik, dann hat sich das mehr als rentiert. Und die Profis bekommen dasselbe wie in meinen Seminaren geboten. Dazu sage ich Ihnen: Buche keine neue Stunde, bevor du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast. Dann erkennen sie auch, dass sie eine Eigenverantwortung haben, dass sie meine Hilfe nicht einfach konsumieren können, sondern dass der Fortschritt von ihnen selbst abhängt, nicht von einem Lehrer, der dafür verantwortlich wäre. Und wenn ich gerufen werde und dann merke, dass der Klient seine Übung nicht gemacht hat, dann berechne ich 2000 Dollar die Stunde.

Deine besten Tipps?

Jeder sucht nach dem „Stein der Weisen“, dem geheimen Code. Doch es geht nicht ohne Üben. Wenn du jemanden auf der Bühne siehst, der eine perfekte Performance abliefert, dann denkst du nur: “Wow, wie toll“, aber du siehst nicht, wie viele tausend Stunden Üben dahinter stehen. Also: Üben, üben, üben. Und der zweite Tipp: Mach es langsam, werde langsamer und noch langsamer. In der absoluten Langsamkeit liegt der Same, aus dem sich Perfektion entwickelt. Versuchst du, eine Notenfolge schnell zu spielen, wenn du es noch nicht einmal langsam richtig kannst, wirst du immer wieder Fehler machen. Die perfekte Finger- und Gehirnkoordination entsteht in der Langsamkeit. Schau dir Tai-Chi- oder Qi-Gong-Meister an. Für sie liegt in jeder Sekunde die ganze Welt.

Die Frage ist: Bist du der Effekt, oder bist du die Ursache? Wenn du die Kontrolle über dein Spiel hast, dann bist du ein Meister. Wenn du diese Kontrolle nicht hast und machst einen Fehler, weil du zu schnell ist, dann bist du der Effekt, nämlich der Effekt des Problems schlechter Kontrolle. Du bist Teil des Problems. Wenn du langsam übst und die Kontrolle hast, dann bist du die Ursache dafür, dass die Noten korrekt erklingen. Du bist nicht mehr das Problem. Du bist von dem Problem getrennt. Du kannst den Ablauf sehen und kontrollieren. Je schneller du spielst, desto unbewusster wirst du darüber, was du spielst, du kannst dir nicht mehr folgen. Letztlich geht es darum, für alles die Ursache in deinem Leben zu sein und nicht der Effekt. Der Effekt ist Unbewusstheit und Ohnmacht, die Ursache ist Kontrolle. Die Dinge aus diesem Blickwinkel zu sehen bedeutet, dass das Meistern eines Instrumentes ein spiritueller Weg ist. Ob du nun Qi-Gong-Kurse besuchst, Yoga machst oder was auch immer – im Grunde ist alles das Gleiche. Du musst nur etwas finden, das deine Begeisterung weckt und dem du dich verschreiben kannst. Und an dem du dran bleibst und nicht gleich bei der ersten Schwierigkeit die Flinte ins Korn wirfst.

Kann Musik tatsächlich eine spirituelle Disziplin sein?

Ja, Musik ist eine spirituelle Disziplin. Einige Leute gehen den Weg der Spiritualität über den Körper, andere über den Geist, die Emotionen oder eine bestimmte Disziplin. Alles, was dich in den Moment bringt, ist letztendlich ein spiritueller Weg. Und Langsamkeit – wie beim Üben – ist ein Weg, sich dieses Momentes immer mehr und immer subtiler bewusst zu werden.
Je mehr du dich in der Kompliziertheit verlierst, im Bereich des Verstandes verläufst, desto mehr entfernst du dich von der Bewusstheit des Momentes. Einfachheit und Langsamkeit führen zielgerichtet in den Moment und in die Bewusstheit. Das gilt natürlich erst einmal in einem bestimmten Bereich. Doch wenn du beispielsweise die Langsamkeit im Bereich der Musik übst, also beim Üben von Tonleitern immer mehr in die Bewusstheit und in den Moment kommst, dann hat das auch Auswirkungen auf andere Bereiche deines Lebens. Sich in einem Bereich des Lebens auf diese Langsamkeit und Bewusstheit zu konzentrieren ist, wie einen Samen zu setzen für dein gesamtes Leben.

Bisher waren alle meine Übungen auf der Gitarre – beispielsweise Arpeggios oder andere Läufe – darauf ausgerichtet, mein Ziel zu erreichen, also sie fehlerfrei und mit möglichst hoher Geschwindigkeit spielen zu können. Langsames Üben am Anfang war so etwas wie ein notwendiges Übel. Jetzt wird mir klar, dass gerade darin eine besondere Qualität liegt, die nicht nur dem Gitarrenspiel, sondern meinen ganzen Wesen zugute kommt und die ich bisher noch nicht sehen konnte.

Die Unfähigkeit zu lernen basiert zu einem großen Teil auf Ungeduld. Alles soll schnell gehen. Dadurch trampeln wir über die wichtigen Stationen des Lernens hinweg. Ein Instrument wirklich zu erlernen ist wie eine Meditation der Selbstmeisterung. Und es ist keine innere Meditation, sondern eine äußere. Sie gelingt nicht, wenn du in dich sinkst, sondern nur, wenn du dich ganz tief mit dem verbindest, was du machst. Es gibt einen Moment, beispielsweise beim Gehen, da ist es schwerer, langsamer zu gehen als schneller, weil du nicht mehr das Gleichgewicht halten kannst. Wo also liegt die größere Herausforderung? Da, wo wir uns bemühen, immer schneller und schneller zu rennen, oder dort, wo wir immer langsamer werden?

Eines der schönsten Dinge ist es für mich, miteinander Musik zu machen, zu spüren, wie man zusammen in etwas Größerem schwingt.

Musik ist etwas Verbindendes. Heute ist es doch so, dass in den Familien einer die Kopfhörer seines MP3-Players auf dem Kopf hat, ein anderer schaut Fernsehen und der nächste spielt Nintendo. Aber wie wäre es, wenn einer eine Gitarre in die Hand nimmt, der nächste eine Trommel und der dritte sich ans Klavier setzt? Würde da nicht auf ganz einfache Weise wieder Verbindung zwischen den Menschen entstehen?

Über den Autor

Avatar of Duncan Lorien

ist ein bekannter Studiomusiker und Komponist. Er hat das Talent, die Kunst der Musik für jedermann leicht zugänglich zu machen. Eine einzigartige Kombination von Theorie, Hand- und Fingerkoordination ermöglicht durch einen speziellen Übungsplan mit nur zehn Minuten Üben pro Tag schnelle Fortschritte an jedem westlichen Instrument.

Mehr Infos

Seminar “Musik Lesen & Spielen”
21. bis 23. Oktober 2011
Ort: Best Western Hotel President Berlin, An der Urania 16-18, 10787 Berlin www.president-hotel.de
Teilnahmebeitrag: 476 €
Info und Anm. bei Bernd Jäger, Tel.: 030 – 821 17 36 oder 0173 – 641 78 02
bernd-jaeger@freenet.de

Das gleiche Seminar findet in Stuttgart vom 4. bis 6. November statt

3 Responses

  1. Heiko Bassin

    Sehr geehrter Herr Jäger,

    ich habe mal wieder auf diese Seite geschaut und Ihren Kommentar zu meinem Kommentar gelesen. Dazu möchte ich Ihnen folgendes sagen:

    Ich möchte Ihre persönlichen Erfahrungen nicht anzweifeln und auch nicht die „Erfolgberichte“ von denen Sie sprechen. Allerdings verstehe ich nicht, dass Sie weltweit angefeindet werden, nur weil in den Seminaren von Herrn Lorien die Menschen auf eine einfache Art lernen, zu musizieren.

    Aus welchem Grund werden Sie und Herr Lorien wirklich „weltweit angefeindet“?

    Mit freundlichen Grüßen

    Heiko Bassin

    Antworten
  2. Bernd Jäger

    Lieber Herr Bassin, liebe Leser,
    ich habe den Kommentar jetzt erst entdeckt.

    In unseren Seminaren waren jede Menge Musiklehrer, viele die Musik studiert haben, und auch einige Musikprofessoren!
    Alle waren von den Seminaren und der Einfachheit des Lernens begeistert.

    Ich selbst habe 2,5 Jahre einen guten Klavierlehrer gehabt. Als ich das erste Mal das Seminar besucht hatte, habe ich mehr begriffen und konnte viel mehr als in den 2,5 Jahren vorher.

    30.000 Absolventen reichen wohl als Reverenz aus.

    Seit einem Jahr bin ich nun der Veranstalter der Seminare, weil ich der Meinung bin, das dieses Wissen weitergegeben werden muß.
    Wenn jemand Erfolgsberichte von Teilnehmern haben möchte, so habe ich davon jede Menge zur Verfügung.

    Auch wenn jemand einen persönlichen Kontakt zu Seminarteilnehmern haben möchte, ist dieses möglich, da die meisten dazu bereit sind.

    Leider werden wir auch weltweit angefeindet, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt was passiert, wenn sehr viele Menschen auf eine einfache Art lernen zu musizieren.

    Liebe Grüße Bernd Jäger
    bernd-jaeger@freenet.de

    Antworten
  3. Heiko Bassin

    Lieber Herr Engelsing,

    mich haben einige Aussagen von Herrn Duncan Lorien im Interview mit Herrn Engelsing zum Teil sehr befremdet. Er hat dort viel gesagt und eigentlich nichts besonderes. Richtig ist, dass Musik sehr viel mit Spiritualität zu tun hat, sprich mit unseren Gefühlen.
    Ich bin Berufsmusiker und unterrichte an einer staatlichen Musikschule. Ich würde jedem empfehlen, der wirklich ein Instrument lernen möchte, dies an einer Musikschule zu tun. Dort kann jeder ein Instrument erlernen. Der Unterricht wird dort von sehr gut ausgebildeten Musikpädagogen gegeben. Für den Seminarpreis von Herrn Lorien kann man dort ein Jahr lang Einzelunterricht erhalten und auch mit 10 Minuten täglichem Üben gute Fortschritte erreichen. Dort gibt es auch die Möglichkeit Musik in verschieden Bands und Gruppierungen unter Anleitung zu üben.

    Schade, dass es in Ihrer Zeitschrift keine Rubrik für Leserbriefe gibt oder im Internet ein Forum, wo man sich über Inhalte ihres Magazins austauschen kann.

    Viele Grüße

    Heiko Bassin

    Antworten

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