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Die Dämmerung bricht über Istanbul herein. Und wieder sind Menschen auf den Straßen unterwegs, der Klang von Töpfen und Pfannen, auf die anfeuernd geschlagen wird, ist der Soundtrack dieser bürgerlichen Revolution. Kann sich ein Land denn innerhalb von nur zwei Wochen wandeln? Die Türkei kann es. Was als kleines Flackern des mutigen Widerstands begann, wuchs sich zu einer großen Flamme aus, die auch andere Städte erfasste.

 

Die Vorgeschichte: Der Gezi-Park, die letzte Grünfläche der Innenstadt Istanbuls, soll einem Einkaufszentrum weichen. Das beliebte Atatürk-Kulturzentrum am angrenzenden Taksim-Platz soll ebenfalls abgerissen werden und unter anderem Platz für eine Moschee machen. Am 28. Mai gibt es die ersten Proteste, die gewaltsam unterbunden werden. Der Konflikt eskaliert, die Proteste weiten sich aus. Ein großes Camp, angelehnt an die Occupy-Bewegung, entsteht. Es geht nicht mehr nur um ein paar Bäume. Der Gezi-Park ist zum Symbol ­geworden. Das Symbol des Widerstands der Zivilgesellschaft gegen Bevormundung und Beschneidung von Freiheitsrechten durch Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und die islamisch-konservative Regierungspartei AKP.

 

Polizeibrutalität at its best

Unglaublich gewaltsam geht Erdogan gegen seine eigenen Bürger, für deren Schutz er in seinem Amt doch eigentlich eintreten sollte, vor. Mit dem Gehabe eines allmächtigen Sultans nimmt er sie ins Visier und behandelt sie wie den Feind. In 20 Tagen des Protestes wurden über 130.000 Kartuschen mit Tränengas verschossen, es gab vier zivile Todesopfer, mehr als doppelt so viele haben ein Auge verloren, Tausende wurden verletzt. Laut Berichten werden Ärzte verhaftet oder davon abgehalten, sich um Verletzte zu kümmern. Ähnlich ergeht es Anwälten und ihren Klienten. Provokateure werden unter die Menschen geschmuggelt, Gasgranaten werden geworfen, Wasserwerfer beschießen gezielt Menschen mit Chemikalien. Brennende Autos zeichnen sich vor dem Nachthimmel ab, die Wohngebiete werden ohne Rücksicht mit Tränengas attackiert, auch Touristen entkommen dem nicht. Die großen Hotels am Taksim-Platz – allen voran das Divan-Hotel – öffnen ihre Lobbys als Schutzräume.

Nach der brutalen Räumung des Gezi-Parks spitzt sich alles noch mehr zu. Die Atmosphäre bei den Demonstrierenden wurde zuvor immer wieder als betont friedlich und gewaltfrei beschrieben, das Camp im Park sei wie ein großes Happening mit vielen Kindern und auch alten Menschen gewesen. So etwas habe er noch nie gesehen, sagt ein gestandener Korrespondent im ZDF-Fernsehen, der fassungslos live vom Geschehen sendet. Er berichtet sonst aus Afghanistan.

Erschütternd gewaltsame Szenen spielen sich vor Ort ab, man sieht Bilder von Schwerverletzten, Menschen, die sich hilflos am Boden krümmen. Auf Twitter liest man von Eltern, die verzweifelt ihre Kinder suchen. Die Polizei greift die Lobby des Divan-Hotels mit Tränengasbomben an, es bricht Panik aus.

Mitten dabei: Grünenpolitikerin Claudia Roth. Fotos von ihr mit tränengasverquollenem Gesicht machen bald im Netz die Runde. Von einigen erntet sie Spott und Häme, viele sind aber einfach dankbar, dass sie da ist und inoffiziell Unterstützung gegen diese menschenverachtende Verhaltenweise des Staates zeigt. Das ist gut, mutig und richtig.

 

Der Krieg gegen das eigene Volk

Derweil sieht man Erdogan im türkischen Fernsehen, der – von einer Art diktatorischem Größenwahn befallen – vor jubelnden Anhängern ekstatisch in sein Mikrofon brüllt, dass das Komplott der „Verräter“ und ihrer „ausländischen Komplizen“ niedergeschlagen wurde und die Demokratie erneut gesiegt habe. Es liest sich wie eine noch bizarrere Neuauflage der alten Dolchstoßlegende und gemahnt, leise Schauer auf dem Rücken erzeugend, an Syriens Baschar al-Assad. Was ist von einem Ministerpräsidenten zu halten, der einen Großteil seines eigenen Volkes kriminalisiert, sie als „Capulcu“ (deutsch: Wegelagerer/Räuber) bezeichnet und versucht, sie in die Ecke von Terroristen, anarchistischen Chaoten und Randalierern zu stellen?
Ein Gesamtbild zeigt sich, geformt aus Staatswillkür, Terror und dem irrational-autoritären Regierungsstil des Ministerpräsidenten. Ein Staat, der friedliche Proteste unbarmherzig niederschlägt und Wohnungen von Anti-Terror-Einheiten durchwühlen lässt, gibt sich aber auch eine Blöße. Er zeigt Angst vor der eigenen Zerbrechlichkeit und vor seinen Bürgern. Erdogan führt einen Krieg gegen das eigene Volk. Aber selbst wenn er als „Sieger“ aus dieser Schlacht gegen die eigenen Bürger hervorgeht: Welche Wunden werden hier gerissen? Welche Gräben geschaffen? Wie viele Verletzte und Tote wird es geben? Wie viele Kinder und Erwachsene sind traumatisiert? Wie sollen letztendlich auch diejenigen damit umgehen, die im Auftrag des Staates hier gezwungen sind, den sprichwörtlichen Knüppel zu schwingen?

 

Die Frage nach dem Warum

Eine schleichende Islamisierung hat das Land ergriffen, die vielen Türkinnen und Türken, die mit dem laizistischen Gründungsgedanken der Türkei durch Mustafa Kemal Atatürk aufwuchsen, zu weit geht. Zum Beispiel die massive Beschneidung der Meinungs- und Pressefreiheit, des Internets, aber auch die Beschränkung des Alkoholkonsums, die Förderung einer Mindestens-drei-Kinder-Politik und die Verschärfung des bisher liberalen Abtreibungsrechts. Auch über eine Wiedereinführung der Todesstrafe wird derzeit nachgedacht. Erdogans Verhalten und seine Reminiszenzen an historische Gewaltexzesse lassen darauf schließen, dass dies eher der Anfang als das Ende dieser Einschnitte ist. Es ist also kein Aufstand gegen den Islam, sondern für die Demokratie und ein freies, mündiges und selbstbestimmtes Leben. Ein hohes Gut – für jeden Menschen. Der Gezi-Park und der Taksim-Platz sind überall. Auch bei uns.

 

Wer steht auf der Straße?

Viele gebildete Menschen sind dabei, ein sehr hoher Frauenanteil ist erkennbar. Auch wenn Erdogan es als einen Kampf von Kemalisten gegen Religöse darzustellen versucht, die Realität sieht anders aus und ihm ist etwas vorher nie da Gewesenes gelungen: Er hat es geschafft, dass verfeindete Gruppierungen des Volkes gemeinsam agieren. Kurden, Türken, Linke, Gewerkschafter, Nationalisten, Fußball-Ultras, Religiöse, Traditionalisten, Liberale, Säkulare – sie alle stehen für ihre Freiheitsrechte ein und treten ihm Schulter an Schulter entgegen. Menschen der unterschiedlichsten Schichten finden hier zusammen …Wenn selbst 70-jährige Mütterchen mit Kopftuch und Guy-Fawkes-Maske – dem Wahrzeichen der Anonymous-­Aktivisten – auf die Straße gehen und für ihre Freiheitsrechte eintreten, dann sollte eigentlich auch bei Herrn Erdogan langsam Begreifen einsetzen.

 

Mit Humor und Kreativität gegen die Staatsmacht

Die Proteste in der Türkei profilieren sich vor allem auch durch ihren Witz, ihre Ironie und Kreativität, die die Staatsmacht alt aussehen lässt. Da schallt den gepanzerten Polizisten auch schon mal im Chor ein freudig-ironisches „Hurra, Pfeffergas!“ entgegen. Oder gesprayte Parolen wandeln Sprüche ab: „If God gives you tear gas, make lemonade!“ (Wenn Gott dir Tränengas schenkt, mach Limonade draus!“) Die neueste Form des Protestes ist dem Künstler Erdem Gündüz zu verdanken. Er stellte sich einfach auf den Taksim-Platz und starrte stumm und über Stunden hinweg auf das Portrait des Staatsgründers. Die Polizisten wussten kaum, wie sie darauf reagieren sollen. Das stille Stehen trendete im Kurznachrichtendienst Twitter direkt als „#durunadam“ (Durun Adam = stehender Mann) und fand im ganzen Land Nachahmerinnen und Nachahmer.

 

Türkei = Europa?

Passt eine Türkei, in der sich solche furchtbaren Dinge abspielen, wirklich zu Europa? Gerade dieser Volksaufstand ist der beste Passierschein, den die Türkei sich verdienen konnte. Gruppierungen, die sich vor kurzem noch bekriegten, haben hier ein gemeinsames Ziel gefunden. Der gesamte Querschnitt der Zivilgesellschaft geht auf die Barrikaden und wehrt sich gegen die islamisierende Staatsmacht. Es könnte die Geburt einer fortschrittlichen demkoratischen Entwicklung sein. Europa ist hierbei gefordert, mit Rückgrat zur Seite stehen.

 

Türkei, welchen Weg wirst du gehen?

Abschließend bleibt nur zu sagen: Momentan dauern die Proteste noch an, Erdogan droht allerdings mit noch härteren Vergeltungsmaßnahmen gegen führende Figuren der Demonstrationen. Razzien und Verhaftungen finden statt. Wer weiß, wie lange die Menschen bei dieser Angst um die eigene Sicherheit noch die Kraft und den Mut für den Widerstand aufbringen? Für ein monatlich erscheinendes Magazin ist es schwer, über ein Geschehen zu schreiben, das noch im vollen Gange ist, während der Artikel schon für den Druck abgegeben werden muss. Egal welchen Weg die Proteste letztendlich nehmen – friedlicher Erfolg, brutale Niederschlagung, verzweifeltes Versanden, gleichberechtiger Kompromiss – die Türkei und ihre Menschen sind gewachsen an diesem Aufstand. Die Gedanken von uns allen sind in dieser Zeit bei ihnen.


alle Bilder: Mstyslav Chernov www.mstyslav-chernov.com / CC-BY-SA-3.0  via Wikimedia Commons

Eine Antwort

  1. Irena Weiss

    Liebe „sein.de“ – Gestalterinnen und Gestalter

    „Ist dieser Artikel wertvoll?“ fragt Ihr.
    Ja, für mich ausserordentlich wertvoll, da ich wenig im Internet bin und kein Fernsehen schaue, aber trotzdem gerne informiert sein möchte.

    Lange habe ich gesucht, um fair informiert zu werden.
    Bei Euch habe ich jetzt den dritten Artikel gelesen und ich bin begeistert über diese Art von Journalismus.

    Dies ist eine notwendige Grundlage, um in der Welt aktiv werden zu können, so wie wir dies mit unserem Friedensnetzwerk tun.

    Danke für Eure wundervolle Arbeit.
    Ich beabsichtige nun regelmässig Eure Artikel zu lesen und wenn mich die Qualität weiterhin so motiviert, werde ich Euch auch Spenden zukommen lassen, sobald unser Netzwerk gross genug ist und wir entsprechend auch finanzielle Mittel zu Verfügung haben. – Vielleicht mögt Ihr uns auch helfen, dass dies möglich wird ? Vielleicht mögt Ihr unsere Idee verbreiten ?

    Wir setzen nun den grossen Traum der Menschheit von Frieden und Freiheit um und es geschieht ein Wunder, das Wunder, dass es möglich wird, wenn wir das nur alle wollen.

    Danke, für Eure wundervolle Arbeit.
    Möge die Erde in Frieden neu erblühen.

    Irena Weiss
    Initiatorin des Friedensnetzwerks:
    www.die-goettliche-welle.de

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