Anzeige

Aus der Psychologie kennen wir vor allem Geschichten von Kindern, die zu wenig Liebe erhalten haben und zu kurz gekommen sind. Doch es gibt auch noch eine andere Seite: Kinder, die aufgrund erdrückender Zuneigung und übermäßiger Kontrolle und der Eltern völlig unselbständig sind und andererseits ein unglaubliches Anspruchsdenken entwickelt haben. Beide Probleme haben ihre Ursache unter anderem in der ausschließlichen Beziehung der Kinder zu einem einzigen Elternpaar. Eine mögliche Lösung ist darum ein Leben in einer größeren Gemeinschaft.

In der Psychologie und Psychotherapie ist viel die Rede von den ungeliebten und vernachlässigten Kindern, davon, dass man zu kurz gekommen ist, nicht bekommen hat, was man brauchte. Selten kommt aber das Gegenstück dazu zur Sprache, dem man mindestens so oft in der Psychotherapie begegnet und das ich unter der Diagnose des Syndroms des zu wenig vernachlässigten Kindes in den Krankengeschichten meiner psychotherapeutischen Praxis führe. Solche Patienten zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine eigenartige Mischung von unglaublicher Anspruchshaltung – sie sind verwöhnte Kinder, die gewohnt sind, ihre Bedürfnisse unmittelbar und jederzeit gestillt zu bekommen – und großer Unselbständigkeit – sie wurden zu sehr kontrolliert und bevormundet – in sich vereinigen. Sie sind sehr schwer zu therapieren und können einem Therapeuten mit ihrer Prinzen- beziehungsweise Prinzessinenhaltung arg zusetzen.

Persönlich bin ich in einer Großfamilie mit neun Kindern als Zweitältester aufgewachsen. Das hieß teilen und oft auch zu kurz kommen. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, sah ich oft überfordert. Trotzdem erkannte ich im Lauf der Jahre während meiner Therapieausbildung, dass die große Kinderschar mir einen riesigen Vorteil bezüglich meiner Entwicklung gebracht hatte. War ich doch durch die intensive Beanspruchung meiner Eltern weitgehend geschützt vor ihrer „Abrichtung“, vor ihrer übermäßigen Kontrolle, vor ihren Erziehungsmaßnahmen überhaupt. Sicher hatte ich dadurch auch Nachteile zu verkraften, soziale Defizite zum Beispiel oder Im-Stich-gelassen-Sein mit meinen kindlichen Nöten, aber der Vorteil, dadurch den neurotisierenden Folgen einer durchschnittlichen Erziehung in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts entronnen zu sein, war ungemein größer. Ich lernte früh, selbstständig zu sein, mich allein zu behaupten, mit jeder Lebenssituation allein zurechtzukommen und mich in ungeführten Gruppen in der Beziehung zu gleichwertigen Partnern zu behaupten.

Gemeinschaft als Schutz vor übermäßiger Elternkontrolle

Meine eigenen Kinder – bald werden es auch neun sein, die ich mit ihren beiden Müttern zusammen großziehe – wachsen in einer Gemeinschaft auf, die sich im Verlauf der Jahre als Auswirkung unserer Tätigkeit um uns herum gebildet hat. Auch sie sind kaum in Gefahr, später wegen des schwer therapierbaren Syndroms eines zu wenig vernachlässigten Kindes eine Therapie aufsuchen zu müssen. Nicht nur genießen sie bei uns viel beschäftigten Eltern denselben Vorteil, den ich schon kennen gelernt hatte, sich nämlich einer übermäßigen Bemutterung und Kontrolle entziehen zu können, sondern über dies hinaus leben sie in einem offenen System, wie ich es selbst nicht kannte, in dem sie mit einer Vielfalt von Erwachsenen in Beziehung stehen können. Unsere Gemeinschaft umfasst inzwischen über hundert Personen, die Kinder eingeschlossen.

Eltern sind beschränkte Wesen. Als Vater kann ich nicht allen Ansprüchen und Neigungen meiner Kinder entsprechen. Als Mutter bin ich oft zu beschäftigt, um auf alle ihre Wünsche einzugehen. In einem Feld von Beziehungen, wie es unsere Gemeinschaft vorgibt, findet sich aber für alle Bedürfnisse der geeignete Mann beziehungsweise die geeignete Frau. Und alle unsere Kinder – in unserer Gemeinschaft leben über vierzig – scheinen außerordentlich befähigt zu sein, sich das, was sie brauchen und nötig haben, am richtigen Ort zu suchen. Voraussetzung ist allerdings, dass man sie lässt, dass man sie nicht in der für die meisten Beziehungen (auch die Eltern-Kind-Beziehung) typischen Besitzhaltung gefangen hält, sondern ihnen zugesteht, sich ihr eigenes Beziehungsnetz aufzubauen, sie ganz einfach frei lässt. Eltern können noch so liebende Wesen sein, wenn sie sich auf die Paarbeziehung und die Kleinfamilie beschränken, werden sie ihren Kindern nie das breite Auseinandersetzungsangebot ersetzen können, das sie in einer Häusergemeinschaft, in der sie freien Zugang zu jeder Familie haben, finden können. Man könnte sagen, dass die Gemeinschaft das verloren gegangene Feld, das sich vielleicht früher in der Großfamilie oder in der intakten Dorfgemeinschaft gefunden hat, wieder herstellt.

Eigenverantwortung des Einzelnen als Basis blühender Gemeinschaft

Dies kann natürlich nur funktionieren, wenn Eltern nicht dazu neigen, die Gemeinschaft zu missbrauchen, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen, diese nicht voll wahrzunehmen. Natürlich wird man als Mutter oder Vater einerseits tatsächlich entlastet, wenn die Kinder sich auch an anderen Erwachsenen orientieren können, andererseits hat man aber die gleiche Aufgabe gegenüber den Kindern der anderen anzunehmen. Es ergibt sich also eine andere Verteilung der Aufgaben, nicht eigentlich eine Entlastung. Dort, wo Gemeinschaft dazu benutzt wird, dem Alleinstehen in irgendeiner Weise aus dem Weg zu gehen, blüht sie nicht, auch in diesem Bereich nicht. Da trifft man dann wirklich vernachlässigte Kinder, für die niemand Zeit hat. Darum geht es natürlich nicht.

Ein anderer Nachteil, dem sich ein Kind, das in einer Gemeinschaft mit vielen Kindern aufwächst, gegenüber sehen kann, besteht darin, dass es „unter die Räder kommt“, das heißt, dass es zu viel Stress ausgesetzt ist dadurch, dass es sich immer in einer Horde behaupten muss, zu wenig für sich allein ist und nur selten einen Erwachsenen als Gegenüber für sich allein hat. Auch dies ist aber ein Problem der Eltern und nicht eine Folge der Art des gesellschaftlichen Zusammenlebens. In diesem stellen sich einfach andere Fragen und Problematiken, und es ist natürlich genauso wie sonst die Aufgabe der Eltern, diese im Auge zu behalten.

„Ersatzeltern“ vermitteln in Krisensituationen

Fehlentwicklungen oder andere schwierige Wachstumsprobleme können denn auch in einer Gemeinschaft von verantwortungsbewussten Erwachsenen besser aufgefangen werden. Nicht nur können Eltern, die in einer tiefen, freundschaftlichen Beziehung zueinander stehen, einander auf blinde Flecke, neurotische oder anderweitig ungünstige Verhaltensweisen aufmerksam machen, sondern den Kindern ist es auch möglich, starke Bindungen zu anderen Bezugspersonen als den Eltern aufzubauen, die in Krisensituationen wie zum Beispiel der Pubertät, tragend werden können. Dadurch, dass die Eltern sich nahe stehen, können solche Ersatzeltern viel besser ausgleichend und vermittelnd auf das ganze familiäre System wirken. Neben diesen grundlegenden psychologischen Vorteilen bringt ein Leben in Gemeinschaft für die Kinder und im Umgang mit den Kindern natürlich auch ganz praktische Erleichterungen. Mehr Freiheit etwa für die Eltern dadurch, dass sich praktisch immer und auch spontan und kurzfristig jemand findet, der einspringen kann zum Hüten, wenn die Eltern für sich etwas unternehmen oder einer Arbeit nachgehen wollen. Auch ältere Kinder übernehmen spontan für die jüngeren Erziehungsverantwortung, so dass die Mütter sich anderen Dingen zuwenden können. Auch dies sind natürlich gegenseitige Geschenke, die sich über die Zeit wieder ausgleichen, aber sie fördern die Bezogenheit untereinander und geben allen ein Gefühl des Getragen- und Aufgehobenseins und der Freiheit.

Mehr Freiheit, Offenheit, Lebendigkeit und Lebenssinn

Wenn ich all die vielen Vorteile des Zusammenlebens in Gemeinschaft gegen die Vorteile eines Lebens in einer Kleinfamilie gegen einander abwägen müsste, würden die Vorteile für die Kinder vielleicht an oberster Stelle stehen. Aber selbstverständlich beschränkt sich das Glück eines solchen Zusammenlebens nicht auf die Versorgung der Kinder. Neben den vielfältigen Möglichkeiten einer für alle idealen Arbeitsteilung und damit verbundener Nebenverdienstquellen, ist vor allem das breitere und innigere Beziehungsangebot auch für die Erwachsenen zu erwähnen. Denn was für die Kinder gilt, gilt ebenso für die Großen: Wer kann sich schon in einer Paarbeziehung, und wenn sie noch so beglückend ist, alle Bedürfnisse gegenseitig abdecken, ohne dass es eng wird und zu Konflikten führt? Mehr Nähe, mehr Leben, mehr Sinn sind die Qualitäten, die ein gemeinschaftliches Leben hervorbringt. Und darüber hinaus bildet man zusammen natürlich eine Forschungseinheit, die das Unbekannte, das noch nicht Entdeckte erobern will. Heute könnte ich mir nicht mehr vorstellen, auf die übliche Weise zu leben. Man kann nicht atmen darin.

Wenn ich unsere Kinder beobachte, sehe ich, dass sie sich unter diesen Bedingungen sehr gut entfalten. Sie sind im Schnitt selbstständiger, kommunikativer und sozialer als andere Gleichaltrige. Sie lernen sehr früh, sich schnell auf neue Bedingungen einzustellen und der Bereich ihrer Interessen umfasst ein deutlich weiteres Spektrum als das anderer Kinder. Sie wirken reifer und intelligenter. Früh machen sie sich auf für ein vielfältiges und reiches Leben mit vielen Herausforderungen.

Aus der Opferrolle aussteigen und Eigenverantwortung übernehmen

Den Begriff des Syndroms des zu wenig vernachlässigten Kindes habe ich im Verlauf meiner 25-jährigen Tätigkeit als Psychotherapeut auch in Opposition zu einer Überbetonung und Überbewertung der Opfer-Situation, wie sie im psychotherapeutischen Umfeld, aber auch in unserer Gesellschaft überhaupt, grassiert, gebildet. In unserer Welt wird man geradezu ermuntert, schnell und bei jeder Gelegenheit eine Opfer-Haltung einzunehmen. Für jedes Missgeschick und jeden Schicksalsschlag schiebt man die Verantwortung auf andere. Sich durch Schuldzuweisung einen vor allem finanziellen Vorteil zu ergattern, ist zu einem richtigen Sport geworden. Entsprechend findet man unter den Erwachsenen eine Mehrzahl von unmündigen und unausgereiften Menschen, die voller kindlicher Ansprüche geblieben sind. Das Leben in Gemeinschaft wirkt diesem (wie so vielen anderen) Übeln entgegen. Es heilt das kollektive Leiden unseres beziehungslosen Zusammenlebens auch auf dieser Ebene. Leider unterstützt die gängige Psychotherapie eine derart „verantwortungslose“ Haltung im Patienten. Er wird nicht oder wenig angehalten, die Verantwortung für sein Leben und sein Leiden selbst zu übernehmen. Man unterstützt ihn endlos darin, sein Opfersein ein Leben lang in unsinnigem Selbstmitleid auszuagieren. Natürlich hält man einen Menschen auf diese Weise abhängig, was wohl auch der Sinn der Sache sein soll. Man kann ihn auf diese Weise leichter lenken und ausbeuten. Das Aufwachsen unter den Bedingungen einer Gemeinschaft hilft den Kindern, freie und starke Menschen zu werden, die ein Gefühl für die Kräfte des Schicksals haben und bereit sind, die Verantwortung für ihr eigenes Schicksal zu übernehmen. In unserer Arbeit haben wir immer wieder erfahren, dass man zwar nur allzu oft auf Opfer ungünstiger Situationen trifft, aber viel häufiger noch, scheint uns, stößt man auf massive, durch falsche Erziehung und „Förderung“ geschaffene Widerstände gegenüber der eigenen Verantwortung bezüglich seines Leidens, das heißt, auf das Syndrom des zu wenig vernachlässigten Kindes.

Über den Autor

Avatar of Samuel Widmer ­Nicolet

 ist Samuel Widmer Nicolet.

Wie ­jeder andere Mensch bemüht er sich zwar, kompetent aufzutreten und möglichst vorzugeben, dass er genau weiß, wer und wo er ist und worum es geht – und dies auch durch entsprechende Titel und ­vergangene Ereignisse zu untermauern. ­

Tatsächlich erkennt er allerdings im Prozess des tantrischen ­Erwachens mehr und mehr, dass er genauso wie jeder andere Mensch bezüglich des Wer, Wo und Warum keine Ahnung hat.

 

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*