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Heutzutage praktizieren mehr und mehr Menschen die verschiedensten Yogarichtungen. Sie suchen einen Ausgleich für ihr stressiges Leben, brauchen Entspannung und Ruhe und wollen zu einem bewussteren Leben gelangen.
Doch ist das der ursprüngliche Sinn des Yoga, oder sind es nur einige der positiven Nebeneffekte?

Wenden wir uns für eine Antwort auf diese Frage den alten Yoga-Schriften und großen Meistern zu. Wohl als eine der wichtigsten und ältesten Quellen für Yoga gilt Patanjali Maharishi, der als Erster das sonst nur mündlich weitergegebene Yogawissen schriftlich festhielt. Patanjali stellt in prägnanten Lehrsätzen den achtgliedrigen (ashtanga) Yogaweg vor. Dazu gehören soziale und persönliche Verhaltensregeln (Yama und Niyama), Körperübungen (Asana) und Atemübungen (Pranayama), sowie die Stufen der Konzentration (Dharana), Meditation (Dhyana) und schließlich Samadhi. Die höchste Stufe der Yogapraxis ist somit der Samadhi! Aber was ist eigentlich dieser ominöse Samadhi?

 

Samadhi: das Erkennen der Einheit

In der westlichen Psychologie werden vor allem drei Geisteszustände unterschieden: der bewusste, der unbewusste und der Traumschlaf. In diesen drei Bewusstseinszuständen bewegen wir uns täglich. Der bewusste Zustand ist unser „normaler“ Wachzustand. Wir sind uns unserer selbst als wahrnehmende Person bewusst und spüren eine Trennung von Ich und Umgebung.

Eine Ebene darunter ist der unbewusste Zustand. Dies ist ein Zustand, in dem kein Ich-Bewusstsein, kein Gefühl der eigenen Identität existiert. Das ist im Schlaf der Fall. Im tiefen Schlaf bin ich mir meiner selbst nicht mehr bewusst. Es gibt keine Trennung mehr von mir als Subjekt und den Objekten, den Dingen um mich herum. Dies ist auch der Grund, warum alle Menschen diesen Zustand in der gleichen Weise erleben. Ein dritter Zustand ist der Traum, in dem nur ich als Subjekt existiere. In meiner Traumwelt kreiere ich mir die Objekte selbst. Sie existieren nicht von mir getrennt als eigene Realität, sondern verschwinden, sobald ich erwache oder in den Tiefschlaf übergehe.

Nun wird in der Wissenschaft des Yoga noch ein weiterer Zustand auf einer höheren Ebene beschrieben: der überbewusste Zustand, der Samadhi.
Es ist ein Zustand vollkommenen Wachseins, ein unendliches Gewahrsein. Diese Wachheit ist so allumfassend, dass es nichts mehr gibt, was unbewusst sein könnte. Ein Zustand uneingeschränkten Wissens. Und gleichzeitig mit dieser Wachheit beinhaltet es jene Qualität des Tiefschlafes, in der sich jede Subjekt-Objekt- Trennung vollkommen auflöst. Es gibt niemanden, der eine Erfahrung macht, sondern der Wahrnehmende und das Wahrgenommene, Subjekt und Objekt verschmelzen zu einer Einheit. Jede Dualität verschwindet und wir werden eins mit allem. Wie ein Tropfen, der sich mit dem Ozean verbindet.

Wir erkennen die Wahrheit, dass wir in Wirklichkeit nicht dieser Körper und dieser Geist sind, mit dem wir uns normalerweise identifizieren, sondern unendliches, reines Bewusstsein. Was uns das Gefühl höchster Glückseligkeit beschert, das Ende allen Suchens und Leidens.

Über den Verstand hinaus

Nur wenige Menschen haben diesen Zustand, der im Yoga als höchste Form der Selbstverwirklichung beschrieben wird, so gemeistert, dass sie über längere Zeit oder sogar dauerhaft in ihm verweilen können. Und doch wurde er von den großen Yogis aller Zeitalter immer wieder erreicht und erfahren. Swami Sivananda (1887-1963), ein großer Yogameister aus Indien, beschreibt seine Erfahrungen wie folgt: „Der Zustand des Samadhi ist jenseits der Reichweite des Verstandes und der Sprache. Auch in der weltlichen Erfahrung ist es nicht möglich, jemandem den Geschmack eines Apfels zu erklären, der ihn nicht gekostet hat. Samadhi ist wonnevolle Vereinigung, ist völlige Freude, Glückseligkeit und Frieden. Es ist ein Zustand reinen Bewusstseins.“ Die Erfahrung des Samadhi lässt sich nicht einfach durch ein wenig Übung erreichen. Samadhi ist das Ergebnis einer tiefen Meditation. Nur wer eine sehr, sehr reine Seele hat, kann diesen Zustand erreichen. Swami Sivananda schreibt: „Der Geist muss völlig gereinigt sein. Nur dann kann der Mechanismus oder das Gefäß ausreichend bereit sein, (…) um dem Druck einer plötzlichen Bewusstseinserweiterung standzuhalten und eine kosmische Sicht zu ertragen, die jenseits des Geistes liegt und die ganze Existenz mit einem einzigen Strich überdeckt.“ Sind diese Voraussetzungen jedoch gegeben, dann kann die Selbstverwirklichung in nur einem einzigen, winzigen Augenblick geschehen.

Der Weg des Yoga

Die Voraussetzungen dafür gezielt zu schaffen – das ist der Weg des Yoga. Um den Geist rein zu halten, dienen die Verhaltensregeln, die Yamas und Niyamas. Ein Leben ohne Gewalt, Lüge, Ausschweifung, Neid, Habgier und Bestechung ist die Voraussetzung, um den Geist zur Ruhe zu bringen. Patanjali beschreibt als zweiten nötigen Schritt noch weitere Punkte wie innere und äußere Reinheit, Zufriedenheit, oder Selbstdisziplin. Auf dieser Grundlage kann nun mit der Praxis der Körperübungen (Asana), begonnen werden, um den Körper gesund und kräftig zu halten. Wie wichtig diese beiden ersten Schritte des moralischen Denkens und Handelns noch vor der Asana-Praxis sind, betonen alle großen Yogameister. Leider gehen die wenigsten Yogaschulen im Westen darauf ein.
Der nächste Schritt ist dann Pranayama. Atemübungen reinigen und stärken die Energiebahnen im Körper, erhöhen die Lebensenergie und bereiten auf die Bewusstseinserweiterung vor.
Und schließlich folgen die Vorgänge, die weitläufig als Meditation bezeichnet werden, die Patanjali jedoch in pratyahara, dharana und dhyana unterteilt. Zuerst das Zurückziehen der Sinne von der Außenwelt und dann die einpünktige Konzentration, die, falls stark und konstant genug, zur eigentlichen Meditation führt: ein gleichförmiges, ununterbrochenes Fließen eines einzigen Gedankens. Das ist Yoga.

„Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedankenwellen.“(Patanjali)

Wird der Geist vollkommen still, ist der Mensch fähig, sein wahres Selbst zu erkennen. So wie man den Grund eines Sees erst erkennen kann, wenn die Wasserwellen sich glätten.

Das Leben in Samadhi

In allen Zeitaltern haben immer wieder die unterschiedlichsten Menschen aus verschiedensten Kulturen und Traditionen den Zustand von Samadhi erlangt. Auch kamen sie aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus. Da gab es große Yogameister aus den hohen Priesterkasten Indiens, aus den angesehensten Familien mit höchster Bildung wie Swami Sivananda. Dagegen wurde die große Heilige Anandamayi Ma in eine sehr arme, einfache Familie aus einem Dorf geboren. Sie lernte weder lesen noch schreiben und verkörperte dennoch die absolute Selbstverwirklichung. Ramana Maharshi fiel schon mit sechzehn Jahren in den Samadhi, hatte bis dahin kaum etwas von der Welt zu Gesicht bekommen und blieb auch nach der Selbstverwirklichung die letzten 50 Jahre auf einem Berg in Südindien. Paramahansa Yogananda dagegen wurde von seinem Meister in den Westen geschickt und bereiste ganz Amerika, um die Lehre des Yoga zu verbreiten. Er hielt Vorträge, wobei er große Säle, wie etwa die Carnegie Hall in New York, bis auf den letzten Platz füllte, und war zu Besuch beim Präsidenten im Weißen Haus.
So verschieden die Lebensumstände der Selbstverwirklichten, so unterschiedlich auch ihre Persönlichkeit. Samadhi ist nicht das Verlöschen der Persönlichkeit. Es ist die Vervollkommnung der Persönlichkeit. Die Eigenheiten des Charakters bleiben durchaus erhalten. Da gibt es Weise mit einem ruhigen, stillen Gemüt. Andere dagegen sind eher brummbärig und ruppig. Wieder andere strahlen ständig über das ganze Gesicht, sind voller Humor und kindlicher Freude. Aber Samadhi ist kein Zustand, der nur in der indischen Yoga-Tradition bekannt ist. Auch in vielen anderen Traditionen gibt es immer wieder Hinweise auf Personen, die eine ekstatische Erfahrung des Einswerdens mit einem übergeordneten Prinzip oder Gott erleben. In der christlichen Mystik, wo die Erfahrung des Samadhi als Unio Mystica beschrieben wird, sind wohl die bekanntesten Erwachten Franz von Assisi oder Hildegard von Bingen.

Der nächste Schritt

Viele Menschen üben heutzutage Yoga, und damit meinen sie eigentlich nur einen Teil des ganzen Systems, nämlich die Körperpraxis der Asanas. Sie üben, um zu entspannen und ein wenig zur Ruhe zu kommen. Das ist ein wirklich guter Grund, um Yoga zu praktizieren! Und doch können wir noch einen großen Schritt weiter gehen. Wir sollten unser Bewusstsein für das gesamte System des Yoga öffnen. Ein System von klaren Techniken, die sich über tausende von Jahren immer wieder bewährt haben. Die uns die Möglichkeit geben, unsere wahre Natur zu entdecken, über unseren begrenzten Geist hinauszuwachsen und unendliches Glück zu erfahren.

„Samadhi ist ein Zustand, in dem du das Gefühl hast, du könntest Millionen Jahre so bleiben. Samadhi ist das Geheimnis der Jugendlichkeit, das Geheimnis überschäumender Begeisterung, das Geheimnis der Erneuerung des Lebens.“ (Sri Sri Ravi Shankar)

Wir können bis zur absoluten Befreiung gehen, dem Ende von allen Leiden. Wahrscheinlich glauben viele Menschen, dass sie von so einer hohen Selbstverwirklichung weit entfernt sind und dass ein Zustand des Samadhi nur etwas für große Yogis ist, die tagein tagaus in tiefen Höhlen im Himalaya sitzen und meditieren. Dem ist nicht so! Es ist für jeden von uns möglich! Auch noch in diesem Leben!

„Samadhi ist das Eigentum jedes Menschen, ja, jedes Tieres. Vom niedersten Tier bis zum höchsten Engel wird jeder, früher oder später, diesen Zustand erreichen müssen.“ (Swami Vivekananda)

Bild 1: © Marlies_Plank-fotolia.de
Bild 2: Ananda Mayi Ma
Bild 3: Ramakrishna

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2 Responses

  1. Awareness

    „Nur wer eine sehr, sehr reine Seele hat, kann diesen Zustand erreichen.“

    Was zum Teufel ist eine sehr sehr reine Seele ?

    Ich dachte es geht hier um Non-Dualität. Hmm.

    Antworten

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