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Wie gehen wir eigentlich mit Krisen und Problemen um? Lassen wir sie überhaupt an uns heran, ohne gleich in einen Schutz-Aktionismus zu verfallen? Und wenn ja, wie kommen wir zu neuen, kreativen Lösungen, statt im Hau-Ruck-Verfahren den momentanen Herausforderungen mit den ewig alten Werkzeugen zu begegnen? Barbara Stützel über Krisen, Gemeinschaft und andere Hoffnungen.

 

Wir befinden uns in einer weltweiten Krise, wirtschaftlich und ökologisch. Klimawandel, Zusammenbruch der Finanzmärkte, die Medien sind voll davon. Dass die Krise da ist, ist ein Fakt, über den eine ungewohnte Einigkeit herrscht. In meiner Lebensspanne gab es noch nie so viel Einigkeit über Fakten. Wenn ich an früher zurück denke, gab es immer eine linksalternative oppositionelle Gruppe, die Dinge kritisierte, und den Mainstream, der überzeugt war, dass alles gut ist, so wie es ist. Aber plötzlich sind sich alle einig: Wir sind in einer Krise. Sie ist in den Medien und im Bewusstsein der Masse angekommen.

Zum Glück, sage ich.

Im Chinesischen besteht das Schriftzeichen für Krise aus den beiden Zeichen für Gefahr und Chance. Gefahr macht wach. In dem Moment, wo sie erkannt ist, kann man ihr begegnen, es kann sich etwas verändern. Viel schizophrener war der Zustand vorher. Viele von uns wussten ja bereits, dass wir uns in einer verrückten Welt befinden, dass Zinsblasen keinem materiellen Wert mehr entsprechen und es nicht genug Ressourcen für unseren Konsum gibt etc. Wenn es dann niemand ausspricht und jeder so tut, als wäre alles in Ordnung, ist das  wie in einer Familie, wo niemand sagen darf, dass Papa trinkt. Das Tabu, das Schweigen, verschlimmert den Zustand – es ist eine Gefahr ohne Chance.

 

Das Problem erst mal aushalten

Wie in Familien haben auch wir in unserer Lebensgemeinschaft mit 80 Menschen (im ZEGG) die Erfahrung gemacht, dass Probleme sich dann zementieren, wenn sie nicht offengelegt werden und ins allgemeine Bewusstsein kommen. Und wir haben gelernt, Probleme anzusprechen, bevor es Lösungsvorschläge gibt. Um eine wirklich tragfähige Lösung in einer Gemeinschaft zu kreieren, geht es sogar nur so. Denn nur dann verbinden sich alle Betroffenen auch emotional mit der Situation und der Fragestellung und bringen ihre Gedanken und Fähigkeiten mit ein, so dass sich eine gemeinsame Lösung entwickeln kann.
Im Allgemeinen scheuen wir Menschen uns davor, Probleme anzusprechen, wenn wir nicht gleichzeitig die Lösung präsentieren können. „Hier ist das Problem, und darum handeln wir jetzt soundso“. Dies sieht man gerade allerorts, vor allem in Bezug auf die Wirtschaft: Aktivitäten, Konjunkturpakete, jedes Land kreiert seine eigene Lösung, und wenn etwas nicht hilft, nehmen wir einfach mehr davon… Hat jemand keine Vorschläge und Lösungen, wird dies als Schwäche gedeutet. Dabei bedarf es einer besonderen Stärke, sich auf einen Prozess einzulassen und die Wahrheit auszuhalten, dass es im Moment noch gar keine Lösung gibt. Und den Gedanken zuzulassen, dass dies möglicherweise der notwendige erste Schritt auf dem Weg zu einer wirklichen Veränderung ist.

 

Das Problem sichtbar machen

In unserer Gemeinschaft haben wir erfahren, dass es bei komplexeren Fragestellungen zunächst um das vollständige Sichtbarmachen eines Problems geht. Bevor wir nicht wirklich in die Krise eingetaucht sind und sie in allen Facetten betrachtet und gefühlt haben, kann gar nicht die richtige Lösung auftauchen. Dies erfordert allerdings eine andere Haltung zu Problemen – sie sind nicht nur unnütze Hindernisse, die es möglichst schnell zu überwinden gilt, um wieder zum Status quo zurückzukehren, sondern Wegweiser zu einer notwendigen und wünschenswerten Veränderung. Mit dieser Haltung ist es leichter, auch divergente Meinungen und Informationen zu hören und zu integrieren, ohne die schon angestrebte Lösung als Filter davor zu setzen.

Schnelle Ratschläge, die oberflächlich einzelne Symptome kurieren, haben viele parat. Aber diese verlagern nur die Krise. Wenn wir uns hingegen mit den Fragen auf einer tieferen Ebene verbinden, gemeinsam darauf einschwingen und aus diesem Raum heraus Antworten kommen lassen, entstehen tragfähige Lösungen. Und es sind immer wieder Lösungen, an die wir auf den ersten Blick gar nicht gedacht haben, Antworten aus dem Raum der kollektiven Intelligenz, die ein Einzelner sich vorher gar nicht so leicht in dieser Art ausdenken kann. 

 

Fragen zulassen

Kann man diese Prozesse auf die Gesellschaft übertragen? Ich weiß es nicht. Es geht mir ja auch mit diesem Artikel nicht um eine Lösung, sondern um einen Beitrag aus unserer Erfahrung.
Was würde es zum Beispiel auf gesellschaftlicher Ebene bedeuten, erst einmal die richtige Frage zu finden? Die Grundfrage ist ja nicht: Wie kurbeln wir die Wirtschaft an? Sondern: Wie schaffen wir ein Zusammenleben, in dem die materiellen und emotionalen Bedürfnisse des Menschen erfüllt sind?

Wenn wir die Frage zulassen, würden wir vielleicht in eine Diskussion darüber kommen, was wir eigentlich wirklich konsumieren wollen und nicht darüber, was die Wirtschaft braucht. Die Abwrackprämie zeigt eindeutig, dass es nicht mehr darum geht, ob wir Autos brauchen, sondern wir sollen funktionstüchtige Autos verschrotten, weil die Wirtschaft neue produzieren muss. Vielleicht erkennen wir, dass auch Arbeit nicht nur Selbstzweck ist, sondern die Frage beinhaltet: Wofür will ich meine Energie in der Gesellschaft einsetzen? Und wie können wir mit den Menschen, mit denen wir zusammen sind, Gemeinschaft erzeugen? Wie können wir dazu beitragen, dass aus einer Gruppe Individuen (von Familie über Arbeitsteams bis zum Sportverein) eine Gemeinschaft entsteht, in der Unterstützung und Solidarität herrscht? Wie entsteht eigentlich ein Miteinander, das auf Respekt und Vertrauen aufbaut und nicht auf Konkurrenzdenken und Kampf? Konkurrenz und Kampf entstehen immer wieder, wenn wir Komplexität nicht aushalten und daher zu schnelle Lösungen suchen, wenn bei Konflikten nur ein „entweder – oder“ möglich scheint. Sieg oder Niederlage. Wenn wir aus diesem Muster austreten und gemeinschaftlich zu denken beginnen, entsteht eine Sicht- und Fühlweise, die die Niederlage meines Gegenübers für mich genauso inakzeptabel werden lässt wie meine eigene. Und daraus wird der Blick frei für die dritte Möglichkeit, die die Bedürfnisse beider Seiten integriert.

Der dritte Weg

Was wäre auf gesellschaftlicher Ebene der dritte Weg? Vor 20 Jahren, als die Welt noch in zwei Möglichkeiten aufgeteilt war, war dieser Begriff in aller Munde. Und nach dem Zusammenbruch der DDR gab es auch eine Zeit lang den Prozess der Suche danach. Es gab noch keine Lösungen – es entstanden „Runde Tische“, die Betroffenen setzten sich zusammen und auseinander, und auf vielen gesellschaftlichen Ebenen entstanden Vorschläge. Leider wurden die meisten davon nie umgesetzt, da die Wiedervereinigung – als zu schnelle Lösung – den Prozess abgebrochen und damit eine wirkliche Entwicklung verhindert hat. Die Frage, wie ein anderer Weg oder auch nur einzelne Schritte dahin aussehen könnten, wurde nicht mehr zugelassen.

Das kapitalistische System hat damals gesiegt. Heute steht es wieder in Frage, das Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft wird neu gefordert. Doch was heißt das? Zurück zur Planwirtschaft will auch niemand. Tatsächlich ist die Frage nach dem dritten Weg aktueller denn je. Auch hier heißt es: innehalten. Wahr nehmen, was ist. Nicht zu schnell die von den Medien vorgegebenen Lösungen akzeptieren. Selber Fragen stellen. Die wirklichen Fragen.

Suche nach dem Miteinander

Zu all diesen Themen findet an Pfingsten ein fünftägiges Kultur-Festival statt. „ConnAction – wenn Mauern fallen“ ist der Titel, und während des Festivals werden wir immer wieder an den Moment herankommen, wo Mauern fallen und wir uns Zeit nehmen, dem Unbekannten zu begegnen. Wir beginnen bei den Mauern in uns, erforschen in verschiedenen Kreativ-Workshops den Raum dahinter, begegnen uns in Gemeinschaft und beschäftigen uns mit Ideen rund um den Dritten Weg. Erfahrungen aus 18 Jahren Gemeinschaftsleben helfen mit, Räume zu gestalten, wo die individuelle Suche wieder mit der kollektiven in Berührung kommen kann. Und natürlich werden wir gemeinsam Theater und Konzerte erleben und Feste feiern, denn wie schon die Zapatisten in Mexiko sagten: „Es muss viel gelacht werden, um die Welt zu verändern.“


Abb.: © RolandFicht – In das Problem einfühlen und das Nichtwissen aushalten: Voraussetzung für eine Lösung, die aus dem kollektiven Feld kommt.

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