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Nidrâ-Yoga ist eine mündliche Tradition, die hauptsächlich durch persönliche, direkte Erfahrung von Lehrer zu Schüler weitergegeben wird. Durch tiefe Entspannungsübungen in Verbindung mit Konzentration soll eine Begegnung mit dem inneren Prinzip des Todes stattfinden, den Übenden dabei von seiner Todesangst befreien und ihn damit erst dem Leben schenken.

 

Was ist der Tod? Ein einmaliges Ereignis und radikales Ende oder eine Verwandlung in einen anderen, unbekannten Zustand? Niemand hat je eine klare Antwort auf diese Frage geben können. Sicher scheint nur, dass die Religionen ihre Anhänger in aller Welt mit vielen Vorstellungen gefüttert und ihnen auch Verhaltensweisen auferlegt haben, ohne aber irgendeine allgemein anerkannte Antwort zu geben – außer für diejenigen, die diese Annahmen glauben, ohne sie zu hinterfragen.

Vielleicht ist es erst einmal wichtig, sich dazu Fragen zu stellen. Was bedeutet es, wenn etwas aufhört? Gibt es einen Vorgang, der etwas – überhaupt irgend etwas – zu einem Ende hinführen kann? Gibt es überhaupt so etwas wie ein Ende, das irgend jemandem oder etwas widerfährt?
Die Nidrâ-Tradition betont den wesentlichen Unterschied zwischen dem Tod als einem Ereignis, das nur einmal geschieht (aus der Sicht derer, die noch am Leben sind), und dem Todesvorgang, der eine natürliche dynamische Kraft des Lebens selbst darstellt und sich andauernd vollzieht.
Wenn wir in unserem Alltag schauen, erscheint es ganz offensichtlich, dass bei allem, was zu einem Ende kommt in unserem Leben, dieses Ende nicht völlig aus dem Nichts erwächst, sondern sich aus mindestens einer vorhergehenden Ursache ergibt – und häufiger noch aus mehreren verschiedenen Ursachen. Es zeigt sich, dass es viele Faktoren gibt, derer wir uns nicht bewusst sind, die bereits darauf hinwirken, irgendetwas zu einem Ende zu bringen. In dieser Hinsicht könnten wir auch sagen, dass der Tod als Ereignis viele vorhergehende Ursachen hat, bevor er plötzlich geschieht.

Kann etwas enden?

Andererseits haben wir alle schon gemerkt, dass es, unabhängig von der zu Ende gehenden Situation, immer auch etwas Neues gibt, das gleich danach weitergeht – doch es ist sehr schwierig, die Verbindung zu sehen, die zwischen beidem besteht. Nidrâ-Yoga ist eine praktische Möglichkeit, die Verbindung zwischen derartigen Situationen in unserem Leben zu erforschen, aber auch nachzuprüfen, ob es so etwas wie ein Ende wirklich gibt.

Nidrâ-Yoga geht davon aus, dass es keine festgelegte Wesenheit in uns gibt, die beanspruchen kann, etwas oder jemand Besonderes zu sein – wir sind vielmehr nichts anderes als die Bewegung des Lebens selbst. Mit anderen Worten, die Vorstellung, etwas könne enden, sieht Nidrâ-Yoga als einen Mythos, es gibt demnach nichts, was jemals wirklich an ein Ende kommt, sondern alles durchläuft in jedem Bruchteil einer Sekunde einen Wandlungsprozess.

Wenn das klar und auch gespürt wird, gibt es keinen Raum mehr für irgendwelche Ängste in Bezug auf den Tod. Dann können wir als Menschen diesem wunderschönen Mysterium des Todes einen Platz geben, ohne ihm eine Bedeutung oder einen Sinn in unserem Leben zuweisen zu wollen. Wir können den Tod so empfinden, als ob er ein sehr naher, intimer Freund wäre, und versuchen nie mehr, seine sehr wahre Realität aus unserem Leben zu vertreiben.

 

Entspannung über den Körper hinaus

Nidrâ lehrt uns eine Möglichkeit, dem Tod als einer Realität entgegenzusehen, der wir nicht entkommen können, und gleichzeitig zu erkennen, dass der Wandel das Gesetz des Lebens ist und dass wir damit umgehen müssen. Nidrâ-Yoga hat mehrere Praktiken entwickelt, mit denen man das Mysterium des Unbekannten, das Tod und Todesprozess darstellen, zutiefst erforschen kann. Das erfordert, sehr tief entspannen zu lernen, viel tiefer als nur den physischen Teil unserer selbst, sondern bis dahin, wo sich auch die Vorgänge im Verstand zutiefst entspannen, so dass auch die Ängste verschwinden. Es scheint, dass viele Ängste nur aus unseren Erinnerungen kommen, die tief in Überzeugungen oder Missverständnissen wurzeln, die in der Vergangenheit entstanden. Die Vorstellung vom Tod ist dabei nur eine unter vielen anderen. Aber sie kann unser ganzes Leben bestimmen und es entweder bewusst oder unbewusst „verderben“.
Sehr tief in die Entspannung zu gehen, bringt uns in einen Zustand vollkommener Hingabe, einen Zustand, in dem wir bewusst die Bewegung des Lebens in ihrem tieferen Wesen beobachten können. Diese Bewegung, bei der wir den Ausgangspunkt, dann die Entwicklung und dann das Ende jedes Ereignisses, das sich abspielt, sorgfältig beobachten, bringt eine andere Realität hervor, die noch tiefer liegt. Das Leben als eine dynamische Kraft, die mit unserer begrenzten Verstandeskapazität nicht erklärbar ist. Das als Tatsache zu akzeptieren, ohne es weiter ergründen zu wollen, bereitet dem Tod ein Ende.

Das Ende des Todes ist kein Zaubertrick für naive Persönlichkeiten. Es ist die einzige Realität, die einen Gefühlszustand von Ruhe, Weite und Freude hervorbringt – das große Geschenk, das wir uns eigentlich vom Tod selbst versprochen hatten.

 


Abb: © PinkShot – Fotolia.com

 

Über den Autor

Avatar of Yogi Andre ji

(Andre Riehl) ist Schüler von Chandra Swami aus der Udasin-Tradition, Präsident der Federation des Yoga Traditionnels, Frankreich, Yoga-Lehrer-Ausbilder in Frankreich, Indien, Luxemburg, Marokko und in der Schweiz, Leiter von Yoga-Retreats in Somapa, Frankreich, und Prana Bindu, Indien.

Auf dem Yogafestival gibt Andre Riehl am Samstag, den 3. Juli, um 15.45 Uhr einen Yoga-Nidrâ-Workshop.

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