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Stellen Sie sich einen Mann vor, der gleichermaßen mit seinem Herzen und mit seinem Schwanz verbunden ist. Einen Mann, der liebt und ”Liebe macht”. Einen Mann, der die Tiefe seiner Sehnsucht und Verletzbarkeit ausdrückt, während er seine/n Partner/in mit seinem ganzen Körper begehrt und liebt. Einen Mann, nicht mehr schwanz-zentriert, sondern in der Kraft seines Phallus, verbunden mit dem göttlichen Wesen, das er ist: also, kurz gesagt, einen wirklichen Mann …

Im letzten Jahrhundert hat sich das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander stark verändert. Dinge, die wir noch vor 10 Jahren für richtig hielten, haben inzwischen ihre Gültigkeit verloren. Solch große Veränderungen mitzuerleben verwirrt uns aber gleichzeitig auch. Wir stellen die Sitten der Väter und Mütter in Frage, ohne daß wir unseren eigenen Weg in unsere eigene Zukunft schon entworfen hätten. In diesem Spannungsfeld entsteht für Männer die Herausforderung, zu ihrem emotionalen und spirituellen Wesen zu erwachen. Wie aber kann ein Mann seine alten Verletzungen heilen und dadurch in sein volles Potential als Liebhaber, Partner und Freund hineinwachsen? An welchem Ort kann ein Mann sich selbst wiederentdecken als ein bewußtes, wachsames Wesen, das durch die Verbindung von Herz und Schwanz erstrahlt?

Einige Beispiele…

Billie ist 45 Jahre alt, ein erfolgreicher Designer, liebender Gatte und Vater zweier halbwüchsiger Jungen. Ich traf ihn, zusammen mit seiner Frau, anläßlich einer Dinner Party, die ein gemeinsamer Freund vor einigen Jahren gab. Ich erinnere mich noch daran, daß ich dachte, was für ein schönes Paar sie seien. Gutaussehend, interessant und sehr kreativ schienen sie gute Freunde zu sein und arbeiteten zusammen an vielen professionellen Projekten. Im Laufe der Zeit fand ich heraus, daß Billie ein Geheimnis hatte, ein sexuelles Geheimnis, und daß er sich mir anvertrauen konnte, wie Männer es öfters taten. Billie lebt ein Doppelleben. Er lebt seine sexuellen Abenteuer aus ohne seine Ehefrau. Es nährt ihn, manchmal Wochen im voraus, sich seine zukünftigen Fetisch-Abenteuer vorzustellen. Er gibt viel von seiner Energie und seiner Kreativität in die Vorbereitung, die Ausübung und das Verstecken seiner geheimen sexuellen Aktivitäten. Wenn er mir davon erzählt, dann wird er häufig von Schmerz und Selbstverachtung überwältigt. Er weint öfters, weil er unfähig ist, seine Begierden und tiefen Wünsche in die Beziehung mit seiner Frau zu integrieren, die er liebt.

Uli ist geschieden und der Vater eines jungen Sohnes. Er hat eine Geliebte in einer anderen Stadt, die er an Wochenenden sieht, aber er erzählt mir, daß sie Auseinandersetzungen haben, in denen es um Treue und Eifersucht geht. Er möchte frei sein, andere Frauen zu lieben, aber er möchte sich auch ihr verpflichten, also hat er ab zu eine Eskapade, die er geheimhält. Er weiß nicht, was er tun soll. Uli sieht gut aus und die sexuelle Energie zwischen uns ist stark. Er ruft mich an, einmal, zweimal, dreimal. Wir treffen uns, trinken einen Kaffee zusammen, wir unterhalten uns. Beim dritten Treffen frage ich ihn, was er denn beabsichtigt und er sagt etwas schüchtern, daß er mich attraktiv findet und gerne mit mir Liebe machen möchte.
Ich sage: okay, und fünf Minuten später sind wir im Bett zusammen und erleben wunderbare sexuelle Schwingungen. Zwei Wochen später möchte er sich mit mir verabreden, dann sagt er ab, und dann ruft er im letzten Augenblick an und will doch vorbeikommen, wobei er mit einer Stunde Verspätung erscheint. Er wiederholt seine Geschichten über seine Geliebte und seine Unentschlossenheit in Bezug auf andere Frauen. Ich sage so taktvoll wie möglich, daß, obwohl es mir im Bett mit ihm Spaß gemacht hat und ich es gerne sähe, wenn mehr daraus würde, diese Ebene der Interaktion weder stimulierend noch sexy sei. Er ist verwirrt darüber, wie er die körperliche Liebe in Freiheit und auf kraftvolle und erfüllende Art leben kann. Und damit wird er zu einem kleinen Jungen in einem erwachsenen Körper.

Carl ist der Geschäftsführer eines exklusiven Hotels und kennt viele einflußreiche Menschen. Er liebt Parties, gute Weine und Zigarren. Wir treffen uns ungefähr einmal im Monat und lachen viel miteinander. Wir haben eine Vereinbarung, uns bei unseren Treffen gegenseitig Geschichten aus unserem persönlichen Sexleben zu erzählen und sind in einem ständigen Wettbewerb darüber, wer die interessanteste, aufregendste oder herausforderndste sexuelle Begegnung seit dem letzten Treffen hatte.
Carl ist ein echter Voyeur. Es bereitet ihm viel Vergnügen, bei allen möglichen, sehr gewagten S/M-Szenarios dabei zu sein und läßt keine Gelegenheit aus, in einen Club oder auf eine Party zu gehen, wenn da möglicherweise was los ist. Carl lebt glücklich mit Sarah zusammen, einer wunderschönen jungen Frau, die er schon seit zehn Jahren kennt. Er erzählt mir: ”Sie weiß nichts über meine Abenteuer, sie ist sehr konservativ. Sie hat nicht soviel mit Sex am Hut. Wir schlafen alle zwei Wochen einmal miteinander in der Missionarsstellung, und das wars. Aber ich liebe sie trotzdem.”

Was ist los mit diesen Männern? Warum verstecken sie sich? Warum können sie ihre au-thentische sexuelle Identität nicht in ihre Partnerschaften und in ihr Leben integrieren?

Nachdem ich viele Jahre tief (und liebevoll) in die männliche sexuelle Seele geschaut habe, kann ich mit Sicherheit behaupten, daß diese Männer nicht ungewöhnlich sind. Und das sind nur ein paar Beispiele, ich habe Ähnliches immer wieder erlebt: Männer, die Versteck spielen. Männer, die ihren Partnerinnen nur die Aspekte zeigen, von denen sie annehmen, sie würden dafür von den Frauen bewundert, akzeptiert und geliebt.
Als ob wir im Krieg wären und sie ihre Köpfe einziehen müßten, damit sie ihnen nicht abgeschossen werden.
Diese Männer sind an einer sehr empfindsamen Stelle verwundet worden, und sich so zu zeigen, wie sie wirklich sind, fühlt sich für sie unsicher und bedrohlich an. In ihrem täglichem Leben legen sie eine harmlose, glatte sexuelle Persona an den Tag, die sie schützen soll vor dem möglichen Verlassenwerden durch ihre Geliebten oder der Kritik von weiblichen Freundinnen und Kolleginnen. Sie wagen es nur dann, zu zeigen, wer sie wirklich sind und ihre sexuelle Wildheit auszuleben, wenn sie sicher sein können, daß niemand etwas herausfinden und damit ihre Gefühle verletzen könnte.
Was ich oft von Männern höre, mit gewissen Variationen, ist dies: ”Niemand könnte mein wahres Ich lieben. Meine Partnerin liebt den guten Versorger, den Vater ihrer Kinder, oder den Freund und einfühlsamen Geliebten. Mein Penis – vergiß es! Wenn sie mich wirklich kennen würde, mit all meinen dunklen Seiten, mit all meinem sexuellen Hunger und meiner ganzen rasenden Begierde, dann würde sie mich sicher verlassen.”
Ich versuche gar nicht mit ihnen darüber zu reden, was Frauen wirklich wollen.

Diese Haltung spiegelt eine tiefe, energetische Verletzung. Die Wunden, die ich in Männern sehe, sind zum Teil eine Folge der Mißachtung und Zurückweisung der Kraft des Phallus in unserer Kultur. Männer lernen sehr früh in ihrem Leben, daß der Penis eine Gefahr für die Gemeinschaft ist. Ist er weich und bleibt wo er hingehört – in der Hose – ist alles in Ordnung. Aber in der Öffentlichkeit, z.B. am Strand oder in einem Umkleideraum wird ein erigierter Penis sofort als Gefahr für Frauen und Kinder, wenn nicht gar als Perversion angesehen. Sein Träger kann im Gefängnis landen, wenn er ihn sichtbar macht. Keiner stellt das in Frage, ja wir wagen uns kaum, zu überlegen, wie dieses Feindbild Phallus unser öffentliches, aber gerade auch unser persönliches Leben prägt.

Männer haben einen langen Weg hinter sich, seit sie in den Kindertagen entdeckten, daß das Anfassen und Geniessen des Penis Spaß macht und eine tiefe Befriedigung verschafft. Irgendwo zwischen diesen frühen, aufregenden Jahren und der jetzigen, verachtenden und niedermachenden Atmosphäre für alles Phallische haben die Männer ihren Weg verloren. Erst wurde der Penis geliebt und geschätzt, und kurze Zeit später wurde aus ihm eine gefährliche und zerstörerische Kraft – eine Waffe, ein Instrument der Vernichtung. Etwas, das kontrolliert oder ausgegrenzt werden muß.
Meine langjährige Arbeit als Priesterin in einem Liebestempel hat mich gelehrt, Männer mit allem, was sie mitbringen, zu lieben und zu akzeptieren. Sie hat mich außerdem viel gelehrt über ihre Verwundungen. Ich glaube, daß für Männer die Heilung einsetzen wird, wenn sie für sich selbst damit beginnen, ihre erotische Energie wieder zu heiligen, in einen göttlichen Zusammenhang zu bringen. Der heilige Phallus, wie er in der mythologischen Figur des Priapus verkörpert wird, repräsentiert das Leben selbst – schöpferisch, lustvoll, aufsteigend und fallend, durchdringend, heilend und ausdauernd… Welch ein kraftvolles Bild der Heilung für Männer!

Männer müssen wieder dahin kommen, diese innere Kraftquelle zu ehren, indem sie sich nicht nur mit dem Pornografischen, sondern mit der absoluten Göttlichkeit ihres Eros identifizieren. Wenn der Schwanz wieder zum Phallus wird und Männer ihre sexuelle Energie wieder als heilig und lebensspendend ansehen können, werden sie feststellen, daß sowohl ihre Beziehungen als auch die Gesellschaft um sie herum immer mehr Heilung erfahren werden. Das Versteckspiel wird in dem Moment aufhören, in dem Männer anfangen, überholte, archaische Konzepte über sich selbst und darüber, was es bedeutet, ein Mann zu sein, loszulassen. Eine zeitgemäße, neue Form der  Sexualität des Mannes gibt sowohl seiner Sanftheit und emotionalen Verletzlichkeit ihren Platz, als aber auch der Wiedergeburt seines wilden und leidenschaftlichen phallischen Selbst. Es ist seine Kraftquelle und sein Weg und wird ihn zu tiefem Erwachen und wahrer Selbstermächtigung führen.

Meine Prophezeiung für das kommende Jahr ist, daß überall auf dem Planeten Männer anfangen werden, sich auf den Weg zu machen und damit beginnen werden, ihre Wunden zu heilen, und sie werden das tun, indem sie sich ihrer wahren, göttlichen Phalluskraft besinnen und dieser Kraft in ihrem Leben einen Platz geben.

Über den Autor

Avatar of Maggie Tapert

ist eine 52jährige Amerikanerin, die in Europa zwei Kinder großgezogen hat und mit ihrem Mann in Basel lebt und eine Heilpraxis leitet. Maggie Tapert ist aber auch die Heilige Hure. Drei Jahre lang übernahm sie diese Rolle in Männer-Workshops von John Belicchi und empfing Männer im Tempel der Liebe. Heute unterrichtet sie in eigenen Seminaren Männer und Frauen darin, ihre sexuelle Seite zu akzeptieren, zu leben und sie zu heilen.

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