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Die Forschung zeigt immer mehr, dass unser Denken und unser Körper enger zusammenhängen, als wir denken. Körper, Geist und Emotionen beeinflussen sich gegenseitig in einem Ausmaß, das sich vielleicht besser begreifen lässt, wenn wir die Drei als verschiedene Aspekte derselben Realität begreifen.

Der Körper und das abstrakte Denken

Außer im Falle entkleideter Frauen und zu Sportsendungen im Fernsehen spielt der Körper in unserer Gesellschaft eher eine untergeordnete Rolle – bei allem Materialismus und Reduktion auf das Physische, die ihr nachgesagt wird. Schon unser Schulsystem erzieht uns den Körper geradezu ab, wie Sir Ken Robinson in seiner herausragenden Rede auf der TED-Konferenz richtig bemerkt. Bildung finde nur statt „vom Hals aufwärts und dann auch noch nur zu einer Seite“ beklagt er dort. Unsere Körper seien in akademischer Hinsicht eigentlich nur „Transportsysteme für unsere Köpfe“ und wir klammern 90 % unseres Körpers quasi permanent aus.

Das lässt sich leicht auch an der Wichtigkeit ablesen, die wir den einzelnen Fächern beimessen: Naturwissenschaften und Sprachen sind die Königsdisziplinen, Kunst, Musik und Sport sind allenfalls Rahmenprogramm, die der Vollständigkeit halber eben mal mitunterrichtet werden. Tanz – diese unmittelbare Ausdrucksform, oder Theater spielen dann wirklich praktisch überhaupt keine Rolle mehr. Das ist aus der Verwertungslogik der Gesellschaft zwar auch einleuchtend, denn die Relevanz eines Fachs leitet sich nicht aus dem Wert für den Menschen ab, sondern aus der wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Als Mensch wird uns dies aus einer ganzheitlichen Sicht aber kaum gerecht. Wieso sollte nicht ein Schulsystem denkbar sein, dass nicht nur beide Gehirnhälften gleichermaßen anspricht, sondern auch den Körper mit einbezieht?

Dafür gäbe es bei Weitem nicht nur Gründe, die einem ganzheitlichen oder gar esoterischen Denken entspringen. Kognitive und körperliche Entwicklung sind in der Kindheit eng miteinander verknüpft. Das Kind lernt seine Umwelt hauptsächlich durch Bewegung verstehen. Klettern führt beispielsweise zu einem besseren räumlichen Vorstellungsvermögen, un kann später auch dem mathematischen Verständnis zugute kommen – zwei Disziplinen, die man auch nicht unbedingt zusammen denkt. Dergleichen Wechselwirkungen sind schon länger bekannt. In welchem Ausmaß Körper und Geist jedoch interagieren, überrascht die Forscher selbst nach jahrelanger Forschung immer noch. Gerade in Bezug auf das abstrakte Denken scheint es mehr und mehr, als würden wir geradezu mit dem Körper denken.

Gerade die Begriffe unseres abstrakten Denkens scheinen eng mit räumlich-körperlichen Vorstellungen zusammenzuhängen. Offenbar führen unsere Beobachtungen in der Kindheit zu einer festen Verbindung zwischen abstrakten Konzepten und räumlicher Anordnung. Ob sich ein Glas mit Wasser füllt oder Dinge gestapelt werden: Oben und hoch heißt fast immer auch mehr. Mehr wiederum ist in den meisten Fällen auch positiv und so lädt sich räumliche Vorstellung mit abstrakten Konzepten und sogar Wertungen auf.

Murmeln und Zahlen

Dass dem tatsächlich so ist, konnte kürzlich mit einer Reihe von einfachen Versuchen nachgewiesen werden. In einer dieser Studien wurden die Probanden gebeten, eine möglichst zufällige Abfolge von beliebigen Zahlen zum Takt eines Metronoms zu sprechen. Während die Versuchspersonen dies taten, beobachteten die Forscher die Augenbewegungen. Es zeigte sich, dass die Zahlen stets grob aus der Augenbewegung vorhergesagt werden konnten: Blickte der Proband nach links unten, wurde die nächste Zahl kleiner als die vorhergehende, blickte er hingegen nach rechts oben, wurde sie größer. Sogar das Ausmaß dieses Unterschieds ließ sich aus dem Ausmaß der Augenbewegungen ablesen.

Ob es allerdings die Augen waren, welche die Gedanken beeinflussten oder andersherum, kann dieser Versuch freilich nicht zeigen – in einem anderen Versuch jedoch ist der Zusammenhang eindeutig. Dort wurden die Versuchspersonen gebeten, Murmeln von einem Regalbrett auf ein anderes umzuschichten, welches entweder höher oder tiefer lag. Dann wurden ihnen neutrale Fragen gestellt – etwa „Was hast Du gestern gemacht?“ Es zeigte sich, dass die Probanden entweder positive oder negative Erlebnisse erinnerten, je nachdem, ob sie die Murmeln nach oben oder unten umschichteten. Sie dachten positiv, wenn sie Murmeln nach oben bewegten und negativ, wenn sie diese nach unten legten. „Ist das nicht furchteinflößend?“, fragt Studienleiter Daniel Casasanto vom Max-Planck-Institut in Nijmegen. Ein einem weiteren Experiment konnte er auch nachweisen, dass Rechtshänder Dinge zu ihrer rechten meist positiver bewerten als Dinge zu ihrer linken, während es bei Linkshändern andersherum ist.

Unser Körper hat Einfluss auf unser Denken, unser Erinnerungsvermögen, unsere Realitätswahrnehmung und unsere Werturteile – mehr als mancher denken würde.

Der fühlende Körper

Doch nicht nur das abstrakte Denken, auch unser Fühlen steht mit unserem Körper in inniger Wechselwirkung. Inzwischen ist nachgewiesen, dass schon zwei Minuten des Verharrens in einer bestimmten Körperhaltung ausreichen, um unseren Hormonspiegel signifikant zu verändern.

Eine Versuchsgruppe wurde gebeten, für zwei Minuten eine Körperhaltung einzunehmen, die gemeinhin mit Stärke assoziiert wird (Brust raus, Schultern runter, Beine auseinander, Kinn leicht nach oben und Arme vom Körper weg), während eine Kontrollgruppe das Gegenteil tat. Jeweils vor und nach dem Posieren wurden der Spiegel verschiedener Hormone und das Verhalten mit einfachen Tests überprüft. Das Ergebnis: Schon zwei Minuten in der Stärke-Pose führten zu einem deutlichen Anstieg von Testosteron, einem Absinken des Stresshormons Cortisol, einem subjektiven Empfinden von Stärke und mehr Selbstvertrauen in Verhaltenstests. Die Gruppe in der Schwäche Pose, zeigte exakt die gegenteiligen Symptome: mehr Cortisol, weniger Testosteron und ein subjektives Empfinden von Schwäche.

Nicht schlecht: Wenn mensch mal richtig übel draufkommen möchte, reichen also schon zwei Minuten zusammengekrumpelt in der Ecke sitzen. Der Fakt, dass unsere Körperhaltung sowohl unsere Hormone als auch unsere Psyche und unser Verhalten derart unmittelbar beeinflussen kann, ist wohl den wenigsten Menschen bewusst.

Solche Erkenntnisse unterstreichen nicht nur die Relevanz von Körperarbeit und Praktiken wie beispielsweise Yoga oder Chi Gong, sondern geben auch Anlass, den Stellenwert, den wir unserem Körper beimessen noch einmal zu überdenken – gerade auch in Hinblick auf Erziehung und Bildung.

Wechselwirkung

Die Beziehung zwischen Geist und Körper ist, das wird immer klarer, eine unmittelbare – und zwar in beide Richtungen. Dass sich unsere Stimmung auf die Körperhaltung auswirkt, sich langfristig tief in unser Skelett und unser Gesicht eingräbt, ist uns allen ganz unmittelbar klar. Dass dies auch andersherum funktioniert, liegt zwar auf der Hand, diese Form der Selbstkommunikation wird aber wohl von den wenigsten bewusst genutzt.

Was das praktisch bedeuten könnte, geht aber noch sehr viel weiter, als eine tablettenfreie Stimmungsaufhellung an schwierigen Tagen. Plötzlich erscheint der Gedanke, dass bestimmte Bewegungsformen wohlmöglich weit reichende Auswirkungen auf sehr viel tiefere Schichten unseres Seins haben, alles andere als zu weit hergeholt. Ob alte Formen wie Yoga und Tai Chi, oder neue Systeme wie Transegrity oder The Form – gibt es wohlmöglich tatsächlich so etwas wie heilige Bewegungen, die in Resonanz stehen zu höheren oder tieferen Aspekten unseres Seins?

Und sollten wir die gedachte Trennung von Körper und Geist nicht vielleicht noch einmal überdenken, zu Gunsten einer Sicht, welche diese beiden Ebenen als zwei Aspekte des Ausdrucks derselben grundlegenden Realität begreift? Eine Sicht, in der die beiden letztlich dasselbe sind? Ein solches Denken, wenn es wirklich verinnerlicht ist, führt nicht nur zu einer neuen Selbstwahrnehmung, sondern auch zu einer ganzheitlichen Therapie und Medizin – wie sie ja such schon seit vielen Jahren am Entstehen ist. Der Körper formt den Geist, der Geist den Körper und beide stehen wiederum in Wechselwirkung mit unseren Emotionen. Wenn diese Drei eine Einheit bilden, ist klar, dass sowohl Krankheit als auch Gesundheit sich immer auf allen diesen Aspekt-Ebenen gleichzeitig zeigen werden und andersherum auch alle Ebenen über die jeweils anderen therapeutisch zugänglich sind.

Den Körper als Ausdruck des Bewusstseins zu begreifen, heißt auch ihn wieder in seiner ursprünglichen Heiligkeit wahrzunehmen. Den weder die Identifikation mit dem Körper noch seine Degradierung zu einem reinen Transportmittel werden der tieferen Realität gerecht. Der Körper ist der Punkt, wo unsere Seele, wo das Unendliche in die materielle Schöpfung hineinragt.

 

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