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Finanzcrash: Ist die Weltwirtschaft eine Blase? Wird sie platzen? Welche Auswirkungen hätte eine US-Staatspleite?

Finanzblasen – schwer zu erkennen

Dank des Geldregens von oben durch die Maßnahmen der Federal Reserve Bank befinden sich die Börsen wieder im Höhenflug – genau wie kurz vor der Lehman-Pleite, wo sich die Kommentatoren aller Zeitungen gegenseitig zu einer hervorragenden Zeit beglückwünschten. Dies ist aber nicht das Zeichen einer Erholung von der Rezession, glaubt der US-Autor Robert A. Wiedemer, sondern nur ein letztes Aufblähen der Blase, bevor sie endgültig zerplatzt.

Das Platzen einer Blase lässt sich nie aus dem Zustand des Aktienindex ableiten, der künstlich aufgeblasen werden kann, sondern allein aus dem Missverhältnis von der Größe der Blase zu tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklungen. Denn der Finanzmarkt existiert eben doch nicht völlig abgekoppelt von der Realwirtschaft. Blasen sind besonders aus der Nähe nicht einfach zu erkennen, wie Wiedemer beschreibt:

„Die meisten Menschen, sogar die meisten „Experten“, erkennen eine Blase erst, nachdem sie geplatzt ist (wie etwa die Internet-Blase der 1990er Jahre). Es ist viel schwieriger, eine Blase zu erkennen, bevor es knallt, und noch schwerer eine ganze zusammenhängende Multi-Blasen-Wirtschaft, bevor sie zusammenbricht. Eine einzelne – noch – nicht geplatzte Blase sieht aus wie ein wachsender Markt und eine Sammlung von mehreren – noch – nicht geplatzten Blasen kann aussehen wie echter wirtschaftlicher Wohlstand.“

Wiedemer beschreibt in seinem Buch „Afterschock“ sechs Blasen, welche die Grundlage des scheinbaren Wohlstands der USA bilden: Immobilien, Verbraucher-Kredite, Aktien, wahlloser Konsum, Dollar und Staatsschulden. Alle diese Bereiche haben sich von der Realität völlig abgekoppelt und bizarre Zustände angenommen und werden deshalb zwangsläufig irgendwann kollabieren. Die erste Blase – Immobilien – ist 2008 bereits geplatzt, drei weitere sind gerade dabei zu platzen und die letzten beiden – Dollar und US-Staatsschulden – werden in einer „finalen Kernschmelze“ aller Blasen bis spätestens 2016 ebenfalls platzen, so seine Prognose. Und dabei handelt es sich nicht um eine kleine Abwärtsbewegung der Märkte, von der sich die Wirtschaft bald wieder erholt, sondern um einen Crash, der alle in den Blasen eingeschlossenen Werte für immer vernichtet.

Die Blase platzt – Die globale Party ist vorbei

Die internationale Nachfrage nach US-Dollars ist in den letzten Jahren enorm gestiegen – gut für die USA, die trotz kränkelnder Realwirtschaft Schulden machen konnten, so viel sie wollten. Doch ein Großteil dieser Dollars wurde gebraucht, um in genau jene Blasen zu investieren, die nun kurz davor stehen, zu bersten.

Die Situation ist laut Wiedemer deshalb so gefährlich, weil es nicht nur eine Blase ist, deren Platzen vom Rest der Wirtschaft aufgefangen werden könnte, sondern sechs miteinander verwobene Bereiche. Erst die Kombination aller sechs Blasen vereint sich zur Mega-Blase der US-Wirtschaft, die über Jahrzehnte aufgeblasen wurde und der USA zu ständigem Wachstum verholfen haben. Davon profitierten nicht nur die USA, sondern die ganze Welt. Der enorme Konsum der USA verhalf Ländern wie China und Indien zu einem raketenhaften Wachstum, Amerika boomte nicht allein, sondern im profitbeschwipsten Chor mit der ganzen Welt. Der Hunger nach Energie und Ressourcen machte Nationen rund um den Globus reich und versetzte die globale Wirtschaft in eine einzige taumelnde Dollar-Party. Verständlich, dass fast alle Nationen den Größenwahn der USA unterstützten – die Party sollte weitergehen, und die USA waren nunmal der Gastgeber. Verständlich, dass Länder wie China Staatsanleihe um Staatsanleihe aufkauften, um den Dollar stabil zu halten. Aber lange wird das nicht mehr gutgehen, die Party nähert sich dem Ende, meint Wiedemer:

„Jetzt, da unsere globalen verwobenen Party-Blasen beginnen, sich zu entleeren und zu fallen, kehrt sich die glorreiche Aufwärts-Spirale um zu einer teuflischen Abwärtsspirale. Alle Blasen sind miteinander verbunden und drücken hart gegeneinander und jedes Mal, wenn eine Blase durchhängt und zerplatzt, führt das zu enormem Druck auf alle übrigen. Zuerst hatten wir den Fall der US-Immobilien-Blase und ihr Abwärtstrend hatte Auswirkungen auf die Aktienmarkt-Blase, die Blase der privaten Verschuldung, und die Blase des willkürlichen Konsums – das nennen wir das Blasen-Beben (Bubblequake). Als Nächstes kommt der Aftershock: Die Dollar-Blase und die Blase der US-Staatsverschuldung beginnen ihren unvermeidbaren Abstieg. Und wenn diese finalen Blasen von Amerikas Blasen-Wirtschaft zu platzen beginnen, platzt auch die Blase der Weltwirtschaft insgesamt.“

Die Dollar-Blase

Der Wert des Dollars hängt allein ab von der Nachfrage nach Dollar ab – fast wie bei einem Rohstoff. Als Weltreservewährung muss der Dollar sich dabei um Nachfrage kaum Sorgen machen – solange es Wirtschaft auf der Welt gibt, werden auch Dollar gebraucht. Bis zum Aufkommen des Euro wurden fast alle internatonalen Güter in Dollar gehandelt. Wer immer handeln wollte, brauchte Dollar. Und je mehr Dollar gebraucht wurden, desto größer der Profit bei US-Assets und US-Staatsanleihen, und je größer deren Nachfrage, desto mehr Dollar werden wieder gebraucht. Es schien wie die Erfindung des Perpetuum Mobile.

Aber in den letzten zehn Jahren hat der Dollar im Verhältnis zum Euro fast die Hälfte seines Wertes verloren und glaubt man Wiedemer, hat der wirkliche Abstieg noch nicht mal begonnen. Sobald internationale Investoren US-Assets nicht mehr als profitabel ansehen, wird der Dollar fallen. Eine Weile werden die Investoren noch bleiben, wie auf einer Party, die zu schön war, um wirklich zu Ende zu gehen – besonders weil weltweit fast alle Wirtschaften von der US-Wirtschaft direkt abhängen und ein schwacher Dollar eine Katastrophe für Länder wie zum Beispiel China wäre.

Aber gerade für private Investoren geht es am Ende doch ums kurzfristige Geschäft:

„Eine Möglichkeit, dies zu betrachten ist, sich die Vereinigten Staaten als einen großen Investmentfonds zu denken. Wenn unsere Leistung gut ist, werfen ausländische Investoren mit ihrem Geld geradezu nach uns, aber wenn die Leistung nicht so gut ist, werfen sie weniger Geld. Und wenn die Leistung schlecht genug wird, werden sie raus wollen, ihr Geld nehmen und nach Hause gehen. Basierend auf unserer Analyse gehen wir davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit eines Massen-Exits zwischen 2012 und 2014 sehr hoch werden wird,“ schrieb Wiedemer 2009. Und er hat womöglich Recht behalten.

Milliardäre wie Warren Buffet, John Paulson und George Soros haben ihre Anteile an US-Aktien und US-Finanzhäusern wie JPMorgan Chase, Citigroup und Goldman Sachs in 2013 größtenteils fast komplett verkauft und weltweit tun viele andere Insider das Gleiche. Sie wechseln in Euros, EU-Aktien und Gold.

Auch der Finanzexperte Max Keiser stimmt der Analyse Wiedemers zu:

„Finanz-Terroristen haben die amerikanische Wirtschaft übernommen. Ich meine, das ist schlicht und einfach. Warren Buffet traf den Nagel auf den Kopf – Amerika ist nur ein riesiger Hedge-Fonds. […] Ein Hedge-Fond, aus dem Sekunde für Sekunde Reichtum extrahiert wird.“

Schwindendes Vertrauen in den Dollar

Die Staatsverschuldung der USA könnte bald das Übrige tun, das Vertrauen in den Dollar auch bei anderen Investoren und Regierungen wie China schwinden zu lassen – wie es sichtbar während der aktuellen Debatte um die Erhöhung der Schuldengrenze ja auch bereits der Fall war.

Langfristig gibt es für Wiedemer trotz der Anstrengungen, Manipulationen und verzweifelten Rettungsakte ausländischer Zentralbanken und der Fed kein anderes realistisches Szenario, als einen fallenden Dollar – und das wird den USA eine „zweistellige Wirtschaft“ bescheren, wie Wiedemer sarkastisch witzelt: zweistellige Arbeitslosigkeit, zweistellige Inflation, zweistellige Zinsraten.

„Die unsichtbare Dollar-Blase wird bis kurz vor Schluss nicht platzen, aber wenn sie platzt, wird es sehr schnell gehen.“

 

Inflation 

Wenn die Investoren zunehmend aus den USA abwandern, wird ein enormer Druck auf die darunter liegenden Blasen – Aktien, Kredite und Konsum entstehen. Die Zinsraten würden steigen. Die FED würde versuchen, die Zinsraten zu senken, indem sie noch mehr Geld in die Märkte pumpt.

Wiedemers Szenario: Investoren werden nicht mehr alle US-Bonds kaufen wollen, so dass die FED sie schließlich selbst aufkaufen muss. Dies ist bereits verdeckt der Fall: die FED kauft derzeit Bonds im Wert von 45 Milliarden Dollar im Monat vom Markt, um die Nachfrage hoch zu halten. Hält dies an, wird es wiederum das Zeichen für Investoren sein, ihre US-Bonds abzustoßen und keine neuen mehr zu kaufen – ein Teufelskreis setzt ein.

„An diesem Punkt werden die Treasury-Auktionen komplett versagen, was bedeutet, niemand wird unsere Schulden kaufen wollen. Wenn niemand unsere zukünftigen Schulden kaufen wird, werden wir keine Möglichkeit haben, die Zahlungen auf unsere bereits existierenden Schulden zu tätigen. Die US-Regierung wird auf seine Schulden in Verzug geraten, und die große Staatsverschuldungs-Blase wird beginnen, zu zerplatzen.“

An diesem Punkt gäbe es dann nur einen Ausweg: Inflation. Und zwar sehr hohe Inflation, im mittleren dreistelligen Bereich, die kurz darauf durch massive Kürzungen und Steuererhöhungen wieder ausgeglichen wird, um sich dann auf einem zweistelligen Niveau einzupendeln. So könnten die USA ihre Schulden weginflationieren.

„Entgegen aller Bedenken über einen Zusammenbruch des Finanzsystems, wird es definitiv in der Lage sein, genügend Liquidität zu stellen, um den Zahlungs-Mechanismus zu erhalten. Dies ermöglicht normale Zahlungsabwicklung innerhalb der Vereinigten Staaten und außerhalb der Vereinigten Staaten“, zerstreut Wiedemer apokalyptische Szenarien dieser Phase.

„Wenn die Blasen von Dollar und Staatsverschuldung vollständig geplatzt sind, werden die Zinsen in die Höhe schnellen, die Inflation wird sehr hoch sein, die Arbeitslosigkeit wird steigen, der US-Aktienmarkt wird abstürzen – aber immer noch offen bleiben – der Immobilienmarkt wird abstürzen, der wahllose Konsum wird austrocknen, und die Zahl der Banken wird stark reduziert werden. Der Dollar wird relativ zum Euro nur noch einen Bruchteil seiner Spitzenwerte wert sein, und Gold wird für viele Jahre eine stellare Investition sein. Die meisten Amerikaner verlieren fast ihr ganzes Geld, werden aber nicht in den Straßen verhungern. In der Tat haben wir so viel Reichtum, dass es den Vereinigten Staaten weit besser gehen wird, als vielen anderen Ländern, obwohl das Leben in der Post-Dollar-Welt ganz anders sein wird, als es heute ist.“

 

Verleugnung

Wiedemer glaubt: All das wird verleugnet werden, noch während es passiert, wobei er sechs Phasen der Verleugnung beschreibt: komplette Verleugnung, Hinweis auf natürliche Marktzyklen, Vergleiche mit der großen Depression (und der Erholung von ihr), Versuche des Rückgängig-Machens, Angst vor „Amargeddon“ und schließlich die Einsicht in die Realität der Lage und die Forderung nach fundamentalen Veränderungen des Finanzsystems.

Alle diese Mechanismen existieren schon jetzt und es ist leicht erkennbar, von wo aus Menschen die Lage betrachten. Wirkliche konstruktive Veränderung wird aber in Wiedemers Augen erst möglich sein, wenn die Lage akzeptiert wurde, in der Erkenntnis, dass es keine Rückkehr zu vergangenen Zeiten geben wird, und auch keine Apokalypse.

 

Andere Szenarien

Das dies so eintreten wird, ist jedoch nur eines von vielen Szenarien. Andere Ökonomen sind der Ansicht, dass die USA allein durch ihre bloße Größe gerettet werden. Genau wie die großen Banken ist Amerika „too big too fail“ und die internationale Wirtschaft wird alles daran setzen, einen Crash zu verhindern. Schließlich ist es gerade das Ausland, dass US-Anleihen hält und bei einem Crash große Verluste erleiden würde. Die Frage ist: Wird das reichen, um Panik-Verkäufe zu verhindern? Oder werden Investoren ab einem bestimmten Punkt panikartig alle US-Anleihen verkaufen, um den Verlust für sich selbst zu minimieren?

Ein anderes mögliches Szenario wäre, dass die USA eine zweistellige Inflation in Kauf nehmen, um ihre Schulden langsam wegzuinflationieren und dass die internationale Gemeinschaft dies quasi zähneknirschend mitträgt, um einen Kollaps zu verhindern. Es würde so eine Gegenbewegung zur Globalisierung entstehen, in der sich verschiedene Länder zu möglichst autarken, regionalen Binnenmärkten zusammenschließen.

Dies hätte wohl gravierende Auswirkungen auf die diplomatischen Beziehungen, würde aber einen globalen Finanzkollaps vorerst abwenden.

Was jedoch ein Crash für die Welt bedeuten würde, beschreibt Teil 3 dieser Serie:

Der Crash (Teil 3): Auswirkungen und Vorsorge

 

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