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Beziehungen und der Mörtel des Kamins

Im August letzten Jahres wurde unser Sohn Paul John geboren. Nach Stunden, die gefüllt waren mit Wehen, Pressen, Bewegen und Atmen war endlich ein Teil seines Köpfchens zu sehen. Die befreundete Hebamme bat mich bereit zu machen, das Kind in Empfang zu nehmen. Zehn Sekunden später hielt ich das kleine, gro-ße Wunder in den Armen. In diesen Sekunden – als er aus meiner geliebten Frau „herausschlüpfte“ – dachte ich: Ja, es gibt Gott/den großen Geist wirklich! Ja, und dann war er da – ein neuer Mensch. Ein Mitglied des großen Stammes der Menschen. Voller Möglichkeiten. Frei, unschuldig, voller Vertrauen. Ohne Stempel, ohne Staat, ohne Partei, ohne Religion. Ein freier Mensch in seiner Essenz, in seinem unschuldigen Wesen – einzigartig.
Alle sind wir das „Ergebnis“ der körperlichen, sexuellen Vereinigung von Mann und Frau. Alle sind wir aus einer Frau gekommen. Unschuldig und voller Vertrauen. Ein Geschenk an die Welt. Ein Wunder der Schöpfung! Reines Sein – Essenz!
Was ist aus all diesen Wesen geworden? Erwachsene Menschen, die ihre Frau, ihren Mann im Beruf, Familie und Gesellschaft stehen. Erwachsene, die selbst Kinder großziehen und ihr Bestes geben, um ihr Leben zu meistern. Und leider auch Menschen, die leiden, isoliert und ängstlich sind. Erwachsene, die vom Leben und der Liebe enttäuscht sind und sich hinter Vorurteilen, erstarrten Meinungen und Masken verstecken. Erwachsene. die aus Angst vor Ablehnung oder aus Angst, sich lächerlich zu machen, nur noch einen Bruchteil ihrer Liebe leben.

Von der Maske zur Essenz

Die Qualität unseres Lebens wird entscheidend durch die Qualität unserer Beziehungen geprägt. Unsere Beziehungen im Außen, sind ein Spiegel unserer Beziehung zu uns selbst.
Wir sind eine Single-Gesellschaft, eine Gesellschaft der Einsamen, Geschiedenen und Alleinerziehenden geworden. Zwar können wir über modernste Techniken mit den Fidschi-Inseln kommunizieren, doch stellt sich die Frage: Wer ist uns inmitten der weltweiten Kommunikationsrevolution innerlich wirklich nahe?
In einer Welt, in der sich vieles so rasant verändert, sind gute Beziehungen so etwas wie ein sicherer Heimathafen, in dem wir Verständnis, Kraft und Liebe tanken können für unsere Reise über die Meere des Lebens. Im Lauf unseres Erwachsenen-Lebens scheint es so zu sein, daß wir – um zu überleben – verschiedene „Personas“ bzw. Masken annehmen (lat: per = durch, sonare = tönen). Wir tönen mehr und mehr durch unsere Masken. Wir entfernen uns von der Wahrheit unserer Essenz (lat: esse = sein) und begegnen uns z.B. als: „Frieda – die Richterin“ oder „Karl – der Immerstarke“ oder „Theodor – der harte Hund, der niemand braucht“ oder „Sara –die Besserwisserin“, „Otto – das hilflose Opfer“, „Ottilie – die spirituelle Frau, die zu gut ist für die Welt“, „Franz – stehts hilfsbereit und immer nett“, „Charlotte – die Zynikerin“, „Peter – der rationale Professor“ und und und …

Das Essenz-Modell von Gay und Kathlyn Hendricks illustriert diese Zusammenhänge sehr anschaulich:
Aus einer möglichen Beziehung zweier Menschen von Essenz zu Esssenz mit allen Möglichkeiten, wird leicht eine Verstrickung von Maske zu Maske. So entstehen – nach dem Zerplatzen der romantischen Projektionen – allzuleicht Vorwürfe, Machtkämpfe und gegenseitige Verletzungen. Im oben skizzierten Essenz-Modell, sind die Gefühle der Essenz am nächsten. Und so ist es auch im Leben: das Zulasssen und bewußte Erleben unserer Gefühle führt uns ganz natürlich nach innen, zu unserer Essenz. Das braucht den Mut, das gut gepflegte und gestylte Image oder die schützende Ritter-Rüstung loszulassen. Uns wieder verletzlich, unsicher, erschüttert oder auch voller Freude und ausgelassen zu zeigen.
Auf meinem eigenen Weg war und ist das Zulassen meiner Traurigkeit und Tränen das, was das Echte in mir hervorscheinen läßt und mich meinen Herzensfreunden, Geliebter und Gott/den großen Geist nahe sein läßt. Jedes Mal, wenn ich meine Traurigkeit bewußt erlebe und zulasse, hält sie eine Botschaft für mich bereit und führt mich zu einer tieferen Wahrheit in meinem Leben. Wieder zu fühlen bedeutet auch, das kleine Mädchen, den kleinen Jungen in uns wieder leben zu lassen.
Wir sind eine oberflächliche „Fun-Gesellschaft“ geworden. Input – Output. Immer auf der Jagd nach dem nächsten Reiz. Hauptsache Fun – ey!! Oberfläche statt Tiefe. Fassade und Schein statt Essenz und Sein. Kollektiv sind wir gewohnt, unsere Erfolgs- und Schokola- denseiten zu zeigen und unsere Niederlagen und unseres persönliches Leid zu verstecken. Krankheit, Vergänglichkeit, Alter, unsere täglichen Sorgen, persönliches Leid, das Leid vieler Menschen auf der Erde, unser Tod … all das wird an den Rand gedrängt. Angesichts dieses Zustands fällt mir manchmal nur noch folgender sarkastischer Satz ein: „Uns geht es von Tag zu Tag besser“, sprachen die Weihnachtsgänse kurz vor Weihnachten.
Reife Liebe bedeutet: den Mut zu haben, sich mit allem, was uns bewegt zu zeigen und so einem anderen Menschen die Chance zu geben uns wirklich nahe zu sein. Es gibt in der Psychologie ein Modell, das behauptet, dem Menschen seien 10% seiner Handlungen bewußt und 90% unbewußt. Heilung bedeutet demnach, Bewußtsein in alle unsere Handlungen zu bringen. Zur Veranschaulichung wird oft die Metapher des Eisbergs benutzt: 10% des Eisbergs sind sichtbar, die restlichen 90% befinden sich unterhalb der Oberläche – das Unsichtbare, Unbewußte. Dazu eine kleine Geschichte:
Es war einmal ein Eisberg. Eines Tages bekam der Eisberg Lust in Venedig einen Cappuccino zu trinken. Also nahm er Kurs auf Venedig und setzte sich in Bewegung. Aber wie das Leben (das Unbewußte) so spielt, landete er doch wieder am Nordpol. Traurig, nicht wahr? Dabei schmeckt Cappuccino in Venedig so gut!!

Spiritualität ist der Mörtel unserer Ganzheit

Reife Liebe bedeutet, einen eigenen Sinn, eigene Interessen, eigene Freundschaften und vor allem einen gesunden Selbst-Wert zu entwickeln. Unseren Partner, unsere Partnerin von der Last zu befreien, uns glücklich machen zu müssen und ein perfekter, vollkommener Über-Mensch zu sein. Vor allem bedeutet reife Liebe, eine eigene Spiri- tualität zu leben, die uns Sinn und Zentrierung schenkt.

Romantische Ent-Täuschung oder menschliche Liebe.

Der „Romantische Mythos“ ist das größte Energie-System der westlichen Welt. Tag für Tag sind Millionen Menschen auf der Suche nach dem/der „Richtigen“. Wir alle haben den „Romantischen Mythos“ wie mit der Muttermilch aufgesogen. Radio, Fernseh-
en, Kino, Bücher, Zeitschriften nähren Tag für Tag die romantische Illusion der Traumgestalt des Märchen-Prinzen/der Märchen-Prinzessin. Sie suggerieren uns: Wenn ich erst mal meinen Traum-Prinzen/meine Traum-Prinzessin gefunden habe, dann hängt der Himmel voller Geigen, dann hat mein Leben wieder Sinn und ich bin glücklich bis an’s Ende meiner Tage … schön wär’s ja.
Beziehung und Sexualität sind für viele Menschen der letzte und einzige Bereich, in dem sie Ganzheit, Ekstase oder „etwas-über-sie-hinausgehendes“ erfahren können. Dadurch projezieren viele Menschen all’ ihre Sehnsüchte auf ihren Partner bzw. Partnerin. In der Zeit der Verliebtheitsphase geht erst einmal alles gut, aber wehe wenn die „Pickel-und-Warzenphase“ beginnt! Dann sind wir wieder einmal enttäuscht und es entscheidet sich, ob aus der romantischen Liebe eine reife, menschliche Liebe wird.

Es war einmal ein Mann. Er war Alkoholiker. Nach einem langen und beschwerlichen Weg des Entzugs war er schließlich trocken und lebte sein Leben anders als vorher. Eines Tages wurde er von Freunden eingeladen und gebeten, einen Vortrag zu halten zum Thema „Spiritualität“. Zwei Stunden sprach er vor einem großen Auditorium. Die Menschen hörten ihm gerne zu. Er machte seine Sache wirklich gut, und als er seinen Vortrag beendet hatte, sagte er: „Jetzt könnt ihr Fragen stellen.“ Eine alte Dame bat ihn daraufhin, ihr ein Beispiel für den Nutzen von Spiritualität im Alltag zu geben. Der junge Mann überlegte. Nichts, aber auch gar nichts fiel ihm ein. Er starrte ins Auditorium, alle schauten ihn an. Eine Minute verging … zwei Minuten vergingen. Einige Zuhörer rutschten unruhig auf ihren Plätzen hin und her … einige räusperten sich. Der Mann starrte auf den Kamin an der gegenüberliegenden Wand. Er war aus Steinen gemauert, die in den umliegenden Bergen zu finden waren. Auf einmal hörte er sich sagen:
„Praktische Spiritualität im Alltag ist wie der Mörtel, der die Steine dieses Kamins zu einem Ganzen verbindet. Praktische Spiritualität ist wie der Mörtel, der alle Bereiche unseres Lebens zu einem Ganzen verbindet.“

Von der Fixierung auf die Form zum Wert einer Beziehung

Wir alle wurden allein geboren und werden allein sterben. Jeder unserer Partner wird uns von der Existenz anvertraut. Für eine bestimmte Zeit sind wir Gefährten auf der großen Reise des Lebens. Eine Beziehung von Essenz zu Essenz kann viele Veränderungen ihrer Form „ertragen“ (erfahren?). Oftmals wird sie dadurch reifer und tiefer. Durch das Ende einer bestimmten Form (z.B. die sexuelle Anziehungskraft wird schwächer) muß nicht die Beziehung an sich enden. Sie kann in einer neuen, veränderten Form weiterbestehen!

Drei Länder der Liebe:

das Männerland, das Frauenland und das Menschenland
Männer sind anders. Frauen auch. Männer stammen vom Mars. Frauen von der Venus. Männer wollen Sex. Frauen wollen Liebe. Frauen und Männer sind verschieden – so scheint es oft. Der Beziehungsforscher John Gray hat in seinen Büchern die Bedürfnisse und die häufigsten Mißverständnisse zwischen Frauen und Männern erforscht. Hier ein kleiner Auszug:
Frauen brauchen vor allem:
Fürsorge, Verständnis, Respekt, Hingabe, Wertschätzung, Sicherheit

Männer brauchen vor allem:
Vertrauen, Akzeptanz, Anerkennung, Bewunderung,  Zustimmung, Ermutigung
Männer und Frauen begegnen sich zu oft im Menschenland. Viele Paare lieben sich, sind aufrichtig bemüht und geben ihr Bestes. Doch im Menschenland verlieren beide  oft ihre Kraft. Diese Kraft lebt für die Frauen im Frau- enland und für die Männer im Männerland. Eine Frau kann in ihrem bewußten Alleinsein und im schwesterlichen Sein mit anderen Frauen ihre weibliche Kraft wiederfinden. Ein Mann kann in seinem bewußten Alleinsein und im brüderlichen Sein mit anderen Männern seine männliche Kraft wiederfinden. Dann ist die Begegnung im Menschenland ein Fest und eine Freude. Die natürlichen Polaritäten Yin und Yang, weiblich und männlich, bereichern und ergänzen sich!

 

Angesichts des Todes ist jede psychologische Angst lächerlich

Immer wieder werden wir – ob in Beziehung oder nicht – auf uns selbst zurückgeworfen. Das fordert uns heraus, unsere Selbst-Liebe zu vertiefen. Uns in diesem Moment des Lebens so zu akzeptieren und zu lieben wie wir sind. Ja! zu uns zu sagen, mit allem, was wir sind und was wir nicht sind! Inmitten der Anforderungen des Tages stelle ich mir mehrmals die Fragen:

• Was bedeutet es in diesem Moment meines Lebens, mit mir selbst in Liebe und in Frieden zu sein?
• Wofür bin ich mir selbst in diesem Moment meines Lebens dankbar?
• Wen liebe ich? Wer liebt mich?

Die Antworten lassen mich liebevoller, geduldiger und weiser mit mir selbst und meinen Mitmenschen sein! Abends schließe ich den Tag mit einem Gebet und der Frage ab: Was habe ich heute gelernt – was hat mir dieser Tag meines Lebens geschenkt?
Es gibt nicht viele inspirierende Vorbilder im Land der Liebe. Wir alle sind herausgefordert, neue Wege zu finden. Manchmal – wenn ich Angst oder Scham empfinde, meine Liebe auszudrücken – dann stelle ich mir vor, wie ich auf meinem Totenbett liege, als alter Mann, und Bilanz ziehe. Und jedesmal taucht der Satz auf: „Angesichts des Todes ist jede psychologische Angst lächerlich.“
Daraus wächst die Entschlossenheit, meine Liebe zu leben und sie den Menschen zu schenken!

Über den Autor

Avatar of Frank H. Fiess

ist Diplom-Pädagoge, Heilpraktiker für Psychotherapie, Tantra-, Yoga-, Feuerlauf-Lehrer und Therapeut für integrative Körperpsychotherapie.

Er wurde 1958 geboren, ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Gemeinsam mit Michaele V. Kuhn leitet er das 1991 gegründete Institut für Lebenskunst und Tantra in Berlin.

Seit über fünfzehn Jahren arbeitet er darüber hinaus im Rahmen des von ihm gegründeten Projekts „Im Kreis der Männer“. Seine praktische Art, seine leidenschaftliche und lebensbejahende Ansprache und Kompetenz lassen einen spüren und erleben, was es heißen kann, ein Mann zu sein.

Sein Buch ist ein lebensnahes, spirituelles Männerbuch, dessen Inhalte und Übungen mit mehr als eintausend Männern aus allen Schichten, Berufen und Altersgruppen praktiziert und weiterentwickeltwurden.

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