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Hast du jemals tief in dein Innerstes geblickt?
Wir fliehen vor unseren Wunden, doch auf einmal ist die Hülle zerbrochen. Plötzlich spüren wir unsere ganze Verletztheit, und wir erkennen unser Handeln aus dieser Verletztheit heraus. Verzweifelt suchen wir Halt in der Halt- losigkeit und Struktur in der Auflösung. Alles ist zerschlagen,  das Vergangene vorbei, die Zukunft nicht mehr greifbar und die Gegenwart unerträglich…

 

Sterben, um zu leben

Kali, die siebenarmige Göttin, drastisch dargestellt mit Halskette aus Schädeln und herausgestreckter Zunge, gebiert ihre Kinder und frisst sie wieder auf. Sie, die Schreckliche, ist Ursprung, Mutter der Welt, Beginn von allem, aber auch Zerstörerin und damit Göttin der vollständigen Vernichtung, in die alles zurückkehrt, und die dafür Sorge trägt, dass nichts verloren geht. Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung geschehen in der Zeit („kaala“). Dabei tanzt Kali in Ekstase, wenn sie das Alte zerstört, um einen neuen Zyklus zu ermöglichen. Sie greift den Dämon an und schlägt ihm den Kopf ab, Symbol für die Befreiung von unserem Ego. Sie, die furchteinflößende Göttin der Transformation, zerschlägt unser Verhaftetsein am Gewohnten, zerstört die negativen Kräfte und Illusionen, die uns daran hindern, unseren Geist zu befreien, durchschneidet Verwirrung, Unwissenheit und Bindungen und macht dadurch den Weg frei für Erlösung. Alles oder nichts! Und wieder entsteht ein leerer Raum, aus dem alles entstehen kann. 

 

Die – und das – homöopathische Kali

Es gibt Momente unseres Lebens, da können wir uns keine Schwäche eingestehen. Immer nur kämpfen, sich anstrengen und durchhalten. Pflichtbewusst laden wir uns immer mehr auf. Gefühlskonflikten weichen wir aus. Wir möchten uns verkriechen, keine Verletzungen mehr zulassen müssen. Angst vor dem heilenden Berührt-Werden. Emotional versteift und verhärtet, drohen starke Gefühle im Innern, auf die wir nicht eingehen können, uns aufzufressen und zu zerstören. Unserer Rigidität entsprechend versteinern die Nieren, der Körper lagert Wasser ein, Muskulatur und Herz, die vom rhythmischen Austausch leben, werden schwach, die Wirbelsäule bzw. Gelenke deformieren schleichend. Von anderen als stark erlebt, ist unsere Stärke nichts als Fassade, und wir bekommen in unserer Abwehr etwas Unbeugsames, in unserer Front etwas Starres. Wir spüren, wenn überhaupt noch, nur Angst im Magen. Eisern ist unsere Kontrolle. Fest eingemauert in einer Struktur gleich einer Hülle, die wir uns selbst geschaffen haben und in der wir uns sicher fühlen und an die wir uns klammern. Aber auch irgendwie festgefahren, erstarrt, im Gefängnis und nicht mehr durchgängig für Neues. Da stellt sich die Frage, welche Lebensbereiche wir konservieren, indem wir so unbedingt die Form wahren wollen.

 

Das Drama an der Zellmembran

Leben aus der Perspektive der Zelle läuft nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip an der Zellmembran ab. Erregung führt zum Zusammenbruch des Membranpotenzials. Kaliumionen verströmen sich aus der Zelle, die innere Zellspannung bricht zusammen und Natriumionen dringen von außen ein. Eine Ionenpumpe sorgt daraufhin für das ursprüngliche Konzentrationsgefälle. Ein neues Membranpotential wird aufgebaut – usw. Was uns fehlt, wenn wir homöopathisch Kalium brauchen, ist das Vertrauen in den Rhythmus des Lebens, in das Sich-Verströmen, weil es aussieht wie Zusammenbruch und Tod. Wir halten fest an dem, was im Inneren ist, schotten uns unbeugsam ab gegen die „Bedrohung“, die von außen eindringen will, bis zum Schluss, bis zum Zusammenbruch, bis zu starke und zu lange deformierende Kräfte eingewirkt haben und gewaltsam die Schleusen öffnen.

 

Einstürzende Fassaden

Obwohl unsere Abwehr gegen die Umwelt heftig ist, spüren wir doch immer mehr, wie wir auf den Zusammenbruch zusteuern. Es scheint lebenswichtig, das Innere zu schützen. Alles oder nichts! Sterbe ich, wenn ich meine Struktur verlasse? Habe ich dann keine Identität mehr? Was bleibt von mir, meinem Selbstbewusstsein dann noch übrig? Die Möglichkeit des Scheitern erscheint plötzlich am Horizont. Eine Atmosphäre von existenzieller Bedrohung und vernichtender Gewalt. Heilung fühlt sich bedrohlich an, wie potenzielle Zerstörung, wenn die Membran durchgängig wird und die Schleusen sich öffnen. Eine neue Situation entsteht. Sie macht Angst. Aber es kommt noch schlimmer. Wir müssen alles hinter uns lassen, die Hülle ablegen. Mit homöopathischer Hilfe kommt es hier kurz vor dem Zusammenbruch zum Perspektivenwechsel.

 

Der Weg aus der Starre in die Lebendigkeit

Unser Ich-Gerüst ist eine Baustelle. Hinter der zerbröckelnden Fassade spüren wir nun unsere ganze Verletzlichkeit und dass es nicht Gefahr, sondern Geschenk ist, wenn sich die Barrieren auflösen. Unser Herz wird freigesprengt, so wie Kalisalzlagerstätten ausschließlich durch Sprengstoff aufgeschlossen werden.
Während ich im Café diese Zeilen schreibe, streckt eine Frau, die mir gegenübersitzt, die Zunge heraus. Sie hat einen Säugling auf dem Arm. Resonanz ist halt überall.


Abb.: © Shankha_Shubhra – Fotolia.com

Über den Autor

Avatar of Werner Baumeister

ist Heilpraktiker mit homöopathischer Praxis in Berlin.

Die im SEIN regelmäßig veröffentlichte Fortsetzungsserie: „Homöopathische Arzneibilder von Werner Baumeister“ versteht sich auch als homöopathischer Spiegel aktuellen Zeitgeschehens.

(Sammlung aller bisher veröffentlichten Artikel) beim Autor direkt unter: 0172 – 391 25 85

Eine Antwort

  1. Andy

    Ihr Zitat: „Kali, die siebenarmige Göttin…“

    Wo haben Sie denn dieses Wissen her?

    Besser wäre zum Beispiel der Text: „Kālī hat mehrere Arme – meist vier, seches oder zehn – die klassische bildliche Darstellung ist jedoch der Archetyp mit den vier Armen.“

    Antworten

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