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Rückkehr zu einer natürlichen Perspektive des menschlichen Erwachens

Vor langer Zeit, ein paar tausend Jahren, unternahmen die ersten erwachten Wesen den Versuch, die Wahrheit über Erleuchtung im Kontext des menschlichen Erlebens zu erklären. Es war eine schwierige Aufgabe, denn die grundlegenden konzeptionellen Werkzeuge, die den Rahmen zur Verständigung bilden könnten, existierten noch nicht. Es bedurfte der Anstrengungen vieler Generationen, um eine grundlegende Struktur der philosophischen, ethischen und mystischen Modelle für spirituelle Erkenntnis herauszukristallisieren, die in befriedigender Weise die Realität der Erleuchtung widerspiegeln konnte. Es bestand jedoch stets die Gefahr, dass die natürliche Realität des Erwachens durch das Eingreifen des menschlichen Verstandes verzerrt werden könnte, da dieser stets dazu neigt, der Wirklichkeit eine bestimmte lineare und vereinfachende Logik überzustülpen, und extrem oder dogmatisch zu werden. Und das ist, was passiert ist: der Mythos der Erleuchtung ersetzte die Realität der Erleuchtung.

Vor langer Zeit wurde das Konzept der Befreiung geschaffen: die Vision eines freien Mannes, gottähnlich, erhaben über das Leiden, und Unvollkommenheit, ein makelloses Wesen. Diese Idee, welche die ultimative Freiheit vom menschlichen Dasein verspricht, war nicht falsch, aber extrem in ihrer Abspaltung von der menschlichen Natur und sie negiert eine wesentliche menschliche Sensibilität. Der Preis, den wir für das Verfolgen dieses Modells zu seinem Ende zahlen, ist der Verlust unserer Menschlichkeit, ein Verschließen, das unsere ganz wesentliche Verletzlichkeit negiert, die kindliche Qualität der Seele. Die Seele kann nicht erwachen, bevor sie ihren innewohnenden Sanftmut, ihre Unschuldigkeit nicht anerkennt.

Ein befreites Wesen ist nicht automatisch auch zur Seele erwacht. Erleuchtung, wie sie traditionell verstanden wird, kann einen sogar noch weiter von der Realität des reinen Ich abtrennen. Warum? Weil man stecken bleibt im unpersönlichen Erleben, nicht fähig, den letzten Schritt zu tun: das Erwachen zum persönlichen Erfahrer.

Jenseits der Erleuchtung

So wie der Mensch in einem Stadium der Evolution ein werden muss, um Unwissenheit zu überwinden, so muss der Buddha über Erleuchtung hinaus gehen, um Mensch zu werden und den wahren natürlichen Zustand zu erreichen. Das vollständige Verständnis des natürlichen Zustandes geht weit hinaus über ein Bewusstsein frei von Gedanken oder den nicht-seienden Zustand des reinen Seins. Der natürliche Zustand ist totale Existenz, radikale Ganzheit, wo menschliche Sensibilität, Intelligenz und Emotion, bedingungslos gehalten sind im universalen Raum der Istheit, der die Einheit von Sein und Liebe ist. Wieder wie ein Mensch zu werden ist verschieden von der Zen-Idee der „Rückkehr zum Marktplatz“. Hier sprechen wir über das ultimative Sosein, in welchem die menschliche Sensibilität anerkannt ist und die Anwesenheit der Seele sich voll manifestiert.

Wer ist der menschliche Buddha? Er oder sie ist einfach ein vollständiger Mensch, der eins mit dem Licht der Schöpfung ist. Es ist wahr, dass uns die Erleuchtung über die menschliche Ebene hinausführt, aber paradoxerweise wird sie erlebt und realisiert durch das menschliche Bewusstsein und innerhalb der grundlegenden Beschränkungen der menschlichen Dimension. Unser Wunsch ist es, wieder eine wahrhaft menschliche Perspektive in die Realität der Selbst-Verwirklichung zurückzubringen. Wir nennen es Mitgefühl für unsere menschliche Natur.

Viele erwachten Wesen haben gelitten und versuchten vergeblich, sich in das Modell eines spirituellen Helden oder Übermenschen zu pressen. Wenn man nicht erwacht ist, neigt man dazu, viele unrealistischen Erwartungen und Ideen auf die Realität der Selbst-Verwirklichung zu projizieren. Aber wenn man Erleuchtung erreicht, sieht man, dass es keinen Weg gibt, aus dem menschlichen Schicksal zu entkommen. Dennoch mag ein erleuchtetes Wesen dies nicht verstehen, weil er oder sie durch alte Konzepte zu sehr konditioniert wurde. Aus diesem Grund sehen wir, wie wichtig die Rolle von Intelligenz und Verständnis ist, da es eine neue Art von Erwachen zum selbstverwirklichten Zustand hinzufügt.

Das menschliche Schicksal

BuddhaWenn wir das Leben des historischen Buddha Shakyamuni betrachten, können wir spüren, dass auch er das Leiden erfahren hat, er hatte menschliche Probleme und Sorgen. Dies muss deutlich erkannt werden, denn dieses Verständnis befreit von falschen Vorstellungen. Ein Buddha ist nicht unbesiegbar. Ein selbstverwirklichtes Wesen mag sogar noch anfälliger für die Schwierigkeiten dieser unsensiblen Dimension sein, als ’normale‘ Leute. Dies gilt insbesondere, wenn das Herz erwacht ist.

Es ist nicht nur wahr, dass Erleuchtung uns vom Leiden befreit und uns enorme Kraft gibt, das Gegenteil ist genauso wahr. Erleuchtung macht uns sehr viel empfindlicher und bewusster für Schwierigkeiten. Was dies bedeutet ist, dass Erleuchtung ine neue Art des Leidens schafft. Wir nennen es das reine Leiden. Das reine Leiden nicht durch die neurotischen Tendenzen des Mind verursacht, sondern spiegelt die Realität des Menschseins.

Der menschliche Buddha ist jenseits von Menschlichkeit und jenseits von Buddhaschaft. Er oder sie ist jenseits dieser Polaritäten und lebt das wahre natürliche Leben eines erwachten Menschen. T Der menschliche Buddha hat nicht aufgehört, sich zu entwickeln und zu wachsen, den sein letzter Atemzug ist noch nicht getan. Er oder sie sieht die Notwendigkeit einer nie endenden Reifung auf allen Ebenen. Er oder sie akzeptiert und anerkennt ehrlich und vollständig die Wirklichkeit des menschlichen Lebens, einschließlich der schwierigen Teile. Der menschliche Buddha anerkennt seine menschlichen Wünsche und Bedürfnisse, einschließlich emotionaler Sehnsucht. Ja, der menschliche Buddha hat tatsächlich Wünsche und Bedürfnisse und erfährt die verschiedenen Konflikte und Widersprüche des menschlichen Lebens.

Der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Menschen und dem menschlichen Buddha ist jedoch enorm. Es ist nicht, wie sie die menschliche Wirklichkeit erfahren, was sie so anders macht, sondern von welchem Ort oder aus welcher Perspektive. Der menschliche Buddha erlebt das menschliche Schicksal, tief in der unsichtbaren Dimension des Jenseits verwurzelt. Er oder sie ist eins mit dem Göttlichen. Sein oder ihr Geist ist still und frei, und das Herz, ist zu allen Zeiten versunken in der ruhigen Ekstase und erlebt die ständige Freude der Einheit mit dem Geliebten.

* * *

Oh ja, Buddha kann traurig sein, ja, Buddha kann weinen, ja, Buddha kann einen schlechten Tag haben, ja, Buddha, kann Frustration erfahren und wütend werden, ja, Buddha kann eine falsche Entscheidung treffen, ja, Buddha kann ein Glas auf den Boden fallen lassen und Tee auf dem Teppich verschütten, ja, Buddha kann zu spät zu einem Treffen kommen oder es vergessen, ja, Buddha kann Wünsche und Bedürfnisse haben, ja, natürlich mag auch Buddha die menschliche Liebe erfahren wollen und nicht nur Mitgefühl; ja, manchmal ist es schwierig für einen Buddha, ein Mensch zu sein, ja, auch Buddha muss noch lernen, ein Mensch zu sein.

Buddha ist frei, ein Mensch zu sein. Buddha ist frei, jenseits der Freiheit zu sein.
Der menschliche Buddha ist frei und jenseits der Freiheit.

Dieser Text ist die Einleitung des Buches „The Human Buddha“, das von Anadi noch unter dem Namen Aziz veröffentlicht wurde.

 

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4 Responses

  1. Kato

    @Chris

    Danke für das hervorragende Beispiel, wie man seine vorkonditionierten Gedanken über etwas anderes stülpt.

    Vielleicht ist die Art des „anders denkens“ genau das, was es braucht für die neue Zeit.

    Ich weiß nicht, wie es in Indien ist, aber hierzulande laufen die meisten Menschen mit einer idealisierten Ideen-Form von Erleuchtung rum. Die Idee, dass der Buddhismus im Laufe der Jahre nicht verfälscht worden sei, finde ich ebenso absurd, wie die Idee, dass das Christentum heute noch so existiert, wie zu Jesus Zeiten. (Beim Christentum wird das gemeinhin akzeptiert, beim Buddhismus wird es meist geleugnet).

    Ebendrum macht es Sinn, wenn auch mal andere perspektiven präsentiert werden, oder verhält es sich mit dem Buddhismus so wie mit dem Christentum? = An erster Stelle steht der Selbsterhalt (von Lehre und den Gemeinschaften) und erst danach folgen, die eigentlichen Werte, die dann natürlich unter Punkt 1 leiden? Scheint wohl so.

    Schade drum, allerdings nicht verwunderlich.

    Antworten
  2. Löwenzähnchen

    ??? – leider nix verstehen!

    Vielleicht wäre der Artikel für mich leichter verständlich, wenn der Autor von SEINEN EIGENEN Leiden, Problemen und Sorgen berichtet hätte, als über die des historischen Buddha Shakyamuni zu philosophieren.

    Antworten
  3. Chris

    Ich weis wirklich nicht wo ich Anfangen soll und ob ich überhaupt irgendwas schreiben sollte über eine Sache die nicht zu beschreiben ist.

    Ich werde hier also nicht darlegen was Erleuchtung ist oder nicht Ist da das Wort niemals die Sache oder das beschriebene ist.

    Als erstes einmal gibt es im Buddhismus keine Seele (anatta) sondern der Buddhismus geht vom Anatman aus.

    Ein Buddha ist auch nicht eins mit dem Licht oder sonst irgendein Unsinn. Ein Buddha ist weder eins noch zwei . (Er ist nicht Identisch aber auch nicht verschieden mit dem Phänomenen in dieser Welt)

    Dem Autor würde es gut tun sich wenigstens einmal mit den buddhistischen Sutren zu beschäftigen . wie z.B dem Lotus-Sutra,Diamant-Sutra, Herz-Sutra,Vimalakirti-Sutra und dem Plattform-Sutra auseinander zusetzen den dann würde es diesen Artikel hier in dieser Form nicht geben.

    Ein Buddha leidet im übrigen nicht er hat Mitgefühl kein Mitleid.

    Allerdings, ist dieses Mitgefühl nicht etwas was der normale Mensche kennen lernt oder Erlernen kann. Das Mitgefühl was ein Buddha hat ist ein komplett anderes Mitgefühl …ja ein komplett anderer Zustand er ist jenseits des Verstandes.

    Ein Buddha, hat weder ein ich noch kein ich ! Der Seins Zustand eines Buddhas ist jenseits von sein oder nicht sein !

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