Mit Achtsamkeit hält man den Schlüssel zum glücklichen Leben in der Hand und kann das Leben in all seiner Fülle wahrnehmen und auskosten.

von Christa Spannbauer

Gefragt nach den Grundlagen eines gelingenden Lebens, griff Zen-Meister Ikkyu einst zum Pinsel und schrieb nur drei Worte: „Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit“. In allen Weisheitstraditionen gilt die Achtsamkeit als der Ausgangspunkt für ein erfülltes Leben. Sie vermag uns dorthin zu führen, wo wir leider viel zu selten sind: in unser Leben im Hier und Jetzt. Im Augenblick anzukommen heißt, im eigenen Leben anzukommen, zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen, ganz da zu sein mit allen Sinnen, ganz präsent zu sein mit Körper und Geist. Doch weshalb, um Himmels willen, fällt uns dies oft so schwer? Weshalb beschleicht uns immer wieder das beunruhigende Gefühl, dass unser Leben ganz woanders stattfindet, nur nicht da, wo wir gerade sind? Wie können wir in unserem Leben ankommen, anstatt diesem ständig hinterherzuhetzen oder vor ihm auf der Flucht zu sein? Im Februar sind wir in Gedanken bereits bei unserem Sommerurlaub und auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit hoffen wir auf den baldigen Feierabend, nur um uns dann am Abend gelangweilt vor dem Fernseher wiederzufinden. Es ist genau diese Einstellung, die uns so ruhelos und unzufrieden durchs Leben streifen lässt. Wir leben in den Tag hinein, als ob uns alle Zeit dieser Welt zur Verfügung stünde. Und verpassen dabei so viele unwiederbringliche Augenblicke unseres Lebens.

Auf den Wellen des Lebens reiten

Achtsamkeit macht es möglich, für die vielen Dinge in unserem Alltag aufmerksam zu werden, die wir oft gar nicht wahrnehmen oder die wir als selbstverständlich hinnehmen. Die Grundzüge basieren auf 2500 Jahren buddhistischen Geistestrainings. Vormals in der Abgeschiedenheit buddhistischer Klöster praktiziert, hielt die Achtsamkeitspraxis in den vergangenen Jahrzehnten rasanten Einzug in den säkularisierten Westen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen mittlerweile deren gesundheitsförderndes und stressreduzierendes Potenzial. Was für ein hochwirksames Handwerkszeug uns die buddhistische Geistesschulung damit an die Hand gab, beginnen wir im Westen derzeit erst so richtig zu erkennen.

Denn die Achtsamkeit fördert genau das, was wir in der hektischen und reizüberfluteten Welt der Gegenwart so schmerzlich vermissen und wonach wir uns so sehr sehnen: innere Balance und Stärke, Gelassenheit und Ruhe. Hierfür stellt sie eine Vielzahl praktischer und alltagstauglicher Lösungen im Umgang mit Stress, körperlichen und seelischen Problemen und schwierigen zwischenmenschlichen Beziehungen bereit. „Wir können die Wellen des Lebens, die auf uns zurollen, zwar nicht aufhalten“, so die Leiterin des Instituts für Achtsamkeit Dr. Linda Lehrhaupt, „doch wir können lernen, auf den Wellen zu reiten anstatt kopfüber in ihnen unterzugehen.“

Sich dem glücklichen Leben öffnen

In der Achtsamkeitspraxis richten wir unsere Aufmerksamkeit ganz bewusst auf das, was im Hier und Jetzt geschieht. Dies schärft die Wahrnehmungsfähigkeit und verfeinert die Sensibilität. Wir öffnen uns damit für die vielen neuen Eindrücke und überraschenden Empfindungen, die das Leben jeden Augenblick für uns bereithält. Das ist der erste Schritt zu einem intensiv erlebten Leben. Doch das ist noch nicht alles: Die Achtsamkeit ist zugleich auch der Schlüssel für ein glückliches Leben. Denn wer in seinem Leben präsent ist, kann sich in jedem Augenblick entscheiden, worauf er seine Aufmerksamkeit richten will. Die Energie folgt unserer Aufmerksamkeit und worauf wir fokussieren, das erhält Bedeutung und Stärkung in unserem Leben. Wenn wir also bewusst auf das Positive blicken, können wir die schönen Seiten des Lebens wahrnehmen und Freude an den alltäglichen Dingen des Lebens entwickeln. Schauen Sie sich um! Hören Sie hin! Riechen und schmecken Sie! Was können Sie gerade jetzt in Ihrer Umgebung entdecken, das Ihnen Freude bereitet und ein gutes Gefühl beschert? Wer Schönes in den einfachen Dingen des Lebens zu finden vermag, wer positive Erlebnisse wahrnehmen und vermehren kann, befindet sich auf einem Glücksweg und ist für die Schwierigkeiten und Herausforderungen des Lebens bestens gewappnet.

Das Gute suchen

Doch seien wir ehrlich: Oft blicken wir wie gebannt auf die negativen Ereignisse des Lebens. Viele von uns wurden durch Erziehung und Umwelt geradezu darauf getrimmt, besorgt auf das halbleere Glas zu starren anstatt sich am halbvollen zu erfreuen. Damit bringen wir viel unnötiges Leid in unser Leben. Verstehen Sie mich recht: Es geht bei der Achtsamkeitspraxis nicht darum, die Probleme und Schwierigkeiten des Lebens zu leugnen. Es geht auch nicht darum, den Kopf in den Sand zu stecken und das Leid des Lebens einfach auszublenden. Bei der Achtsamkeitsmethode handelt es sich nicht um simples positives Denken. Vielmehr geht es darum, sich der ganzen Bandbreite des Lebens bewusst zu werden. Angesichts der Komplexität jeder Situation können wir uns bewusst dafür entscheiden, das Positive zu fördern und eine Perspektive einzunehmen, die das Gute stärkt.

Mit der Zeit wächst so eine unerschütterliche Ruhe und innere Stärke in uns. Das eigene Wohlbefinden wird immer weniger von äußeren Umständen bestimmt. Darauf können wir auch in Lebenskrisen oder Krankheiten zurückgreifen. Denn wie wir uns den Herausforderungen des Lebens stellen, hängt ja immer davon ab, aus welcher Perspektive wir sie betrachten und mit welcher Einstellung wir ihnen begegnen. Wem es gelingt, auch einer Krankheit einen Sinn abzuringen, dem wird es leichter fallen, diese zu bewältigen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass eine optimistische Grundhaltung die Heilung entscheidend fördert. „Gerade im Hinblick auf Krankheit, Alter, Verlust und Tod besteht die Herausforderung darin, jeden Moment als neu zu erleben“, erkannte die Achtsamkeitslehrerin Elana Rosenbaum, die selbst mit einer schweren Erkrankung konfrontiert war.

Nichts führt uns die Kostbarkeit des Lebens deutlicher vor Augen als die Erkenntnis von dessen Fragilität. Wir erkennen, wie wertvoll unsere Lebenszeit ist, und erachten nichts mehr als selbstverständlich. Schon gar nicht das eigene Leben.

Vom Kultivieren der Glücksmomente

Ein achtsames und glückliches Leben können wir einüben, indem wir unser Gehirn mit positiven Erfahrungen versorgen und dadurch nachhaltig umstrukturieren. Das ist die frohe Botschaft der modernen Hirnforschung. Vor diesem Hintergrund erhält die alte Lebensweisheit „Besser ein Licht anzünden als über die Dunkelheit klagen“ eine ganz neue und aktuelle Bedeutung. Denn wir können uns tatsächlich in einer optimistischen Lebenshaltung schulen und einen Lebensweg wählen, auf dem wir Zufriedenheit und Glück entwickeln. Wer sich gezielt auf das Gute und Schöne im alltäglichen Leben besinnt, in dessen Gehirn wird eine positive Grundeinstellung nachhaltig verankert. Da alle starken Empfindungen unsere neuronalen Netzwerke verändern, können wir unserem Gehirn Synapse für Synapse mehr Lebensfreude einpflanzen. Dieses zarte Pflänzchen gilt es fortan zu düngen, zu hegen und zu pflegen und dadurch zum Wachsen und Gedeihen zu bringen. Aufgrund der Formbarkeit unseres Gehirns rät der Neuropsychologe Rick Hanson in seinem Buch Denken wie ein Buddha dazu, so oft wie möglich positive Erlebnisse bewusst in sich aufzunehmen.

Denn je achtsamer wir Momente des Glücks wahrnehmen und je intensiver wir sie genießen, desto nachhaltiger prägen sich diese als Glücksspuren unserem Gehirn ein. Suchen Sie daher bewusst nach Gelegenheiten, angenehme Sinneserfahrungen zu machen. Sammeln Sie Glücksmomente! Zaubern Sie sich und anderen ein Lächeln ins Gesicht! Und nehmen Sie sich ausgiebig Zeit, diese Momente auszukosten. Vielleicht möchten Sie dieses Er – leben noch intensivieren, indem Sie eine Kerze anzünden, duftenden Tee aufbrühen, sich in Ihre Lieblingsdecke kuscheln und ihre Lieblingsmusik auflegen. Seien Sie sich bewusst: Jeder Moment der Geborgenheit ist fortan Teil Ihres Lebens, eine Ressource, auf die Sie gerade in schwierigen Zeiten zurückgreifen können.

Das Gute teilen

Wir können diese guten Erfahrungen noch intensivieren, indem wir sie mit anderen Menschen teilen. Wenn zwei oder mehrere Menschen sich gemeinsam an etwas erfreuen, springen deren positive Gefühle wie in einer Art Kettenreaktion hin und her. „Das Gute ist umso ergiebiger vorhanden, je mehr wir darüber reden“, erkannte der englische Dichter John Milton. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir uns Geschichten erzählen: Geschichten vom Wunder der Liebe, von den großen Momenten der Menschlichkeit, von magischen Begegnungen der Seele auf ihrer Lebensreise. Geschichten, die unser Herz öffnen und unseren Lebensmut stärken. Diese späten Wintertage laden dazu ein, aufmerksam zu werden für die vielen angenehmen Dinge des alltäglichen Lebens: die woh – lige Wärme des Kachelofens, das warme Bad am Abend, die köstliche Mahlzeit im Freundesoder Familienkreis. Wenn wir uns der Kostbarkeit dieser Augenblicke bewusst werden, dann wächst mit der Dankbarkeit für das eigene Leben auch der Wunsch, dessen Fülle zu teilen und Fürsorge für unsere Menschen in Not zu entwickeln. „Je mehr Freude wir anderen Menschen machen, desto mehr Freude kehrt ins eigene Herz zurück“, besagt eine alte Lebensweisheit. Ja, Teilen macht glücklich. Großzügigkeit macht das eigene Leben reicher. Und so wird unsere Achtsamkeit zur Quelle der Mitmenschlichkeit.

Am 28. Februar hält Christa Spannbauer den Vortrag „Die Kunst der Selbstliebe“ in der Urania.

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