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Welcher Weg passt für mich? Was hilft mir? Nur die innere Welt erkunden oder eher die äußere bewegen? Fragen, die jeder Suchende sich irgendwann stellt. Michael Habecker versucht sie zu beantworten, indem er sich an verschiedenen Veröffentlichungen des amerikanischen Autors Ken Wilber orientiert.

Die Weisheit der Alten

Eine von den religiösen Traditionen für die spirituelle Suche überlieferte Weisheit lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Meide die Vielen und suche das Eine… …und wenn du es gefunden hast, umarme die Vielen als das Eine.

In den alten Zeiten bestand der spirituelle Weg darin, dieser Welt der Vielen zu entfliehen und sich auf die Suche nach dem Einen zu machen, dem „was nicht von dieser Welt“ ist, dem Nirvana, dem Absoluten, das in allen Formen und Manifestationen zum Ausdruck kommt – so jedenfalls die Versprechung derer, die diesen Weg gegangen waren. Also machte man sich auf die Suche, entsagte der Welt, ging in ein Kloster oder in die Wüste, um Erleuchtung zu finden. Und das tun wir heute auch: meide die Vielen und suche das Eine…

Die große Überraschung

Am „Ende“ dieses Weges kommt die große Überraschung: Es gibt gar keinen Weg, es gibt nichts zu erreichen, „du bist bereits DAS“. Alles dasjenige, was erreicht werden kann, hat einen Anfang und ein Ende, ist an Raum und Zeit gebunden – und kann daher nicht das EINE und Ewige sein. Dummerweise – so die Erfahrung derjenigen, die diesen Weg gegangen sind – stellt sich diese Erkenntnis erst „am Ende“ der Bemühungen ein. Wer’s nicht glaubt, kann den Weg der „Couchspiritualität“ probieren: mit der Bierflasche in der Hand vor dem Fernseher auf der Couch liegend auf die Erleuchtung zu warten, nach dem Motto: “ es gibt nichts zu tun und zu erreichen, wozu sich also anstrengen?“.

Das ganz normale Leben

Aber auch die authentische Selbst-Verwirklichung ist nur eine Zwischenstation, ein erster Schritt – wenn auch einer von unbeschreiblicher Erkenntniskraft und nüchterner Glückseligkeit: „ah, wie konnte ich das nur all die Jahre nicht bemerken?“ – jetzt kommt der zweite Teil der Eingangsaussage zum Tragen „… und wenn du sie gefunden hast, umarme die Vielen als das Eine“. Was nun – im Laufe der Vertiefung dieser Erfahrung der Leere – folgt, ist die Einsicht, dass das Nichtmanifeste und das Manifeste, Himmel und Erde, Gott und die Welt „nicht-zwei“ sind. „Leere ist nichts anderes als Form, und Form ist nichts anderes als Leere“, und so erscheint in und durch die Leere die Welt der Formen, als ein ebenso wundervoller Ausdruck des GEISTES wie die Leere.
Und wir finden uns mitten in unserem Leben wieder, mit unseren Beziehungen, Freunden, Feinden, Familien, in der Gemeinde, der Stadt und dem Land, in dem wir leben – mit allen Fragen und Nöten, die ein irdisches Leben mit sich bringt: Wie erziehe ich meine Kinder richtig? Wie gehe ich mit meinen Eltern und Verwandten um? Wie finde ich einen Job und was mache ich, wenn ich ihn verliere? Wie kann ich mich ins Leben einbringen? Wie verhalte ich mich in meinen derzeitigen Beziehungen am besten? Wie erhalte ich die natürlichen Lebensgrundlagen? Was kann ich zum Frieden in der Welt beitragen? Was passiert, wenn ich krank werde oder sterbe?
Es wird offenbar, dass ein Aspekt von Erleuchtung etwas mit Entwicklung und Tätigsein in der Welt zu tun hat. Und für diesen Teil der Erleuchtung sind unsere konkreten Erfahrungen und Fähigkeiten gefordert. Bist du Handwerker, dann wird die Gnade der Erleuchtung durch dein Handwerk Gestalt annehmen. Bist du Künstler, dann wird sich dein Erwachen in deiner Kunst zum Ausdruck bringen; arbeitest du in einem Büro, dann werden andere Menschen, die mit dir arbeiten, an deinem Bewusstsein teilhaben können; erziehst du Kinder, dann wird sich deine Bewusstheit in ihnen ausdrücken. Es wird deutlich, dass Erleuchtung keine exklusive Ich-Angelegenheit ist, kein Ego-Trip nach dem Motto: „Hauptsache ich werde erleuchtet, alles andere ist mir egal“, sondern sich auch im „wir“ des Miteinanders und im „es“ des Umgangs mit den Gegenständen des täglichen Gebrauchs niederschlägt; ja dass das Eine ohne das jeweils Andere nicht existieren kann. Und so wirst du dich um die Weiterentwicklung von Gemeinschaften kümmern, vielleicht in der Politik, vielleicht aber auch einfach „nur“ in deiner Familie, weil das „Wir“ ebenso ein Ausdruck des GEISTES ist wie das „Ich“, und du wirst mit den materiellen Dingen, die uns umgeben, achtsam umgehen, weil auch das „Es“ ein Ausdruck des GEISTES ist – und all dies sind Beiträge deiner einmaligen Art des In-der-Welt-Seins.

Was ist zu tun – oder zu unterlassen?

Missverständnis Nichtstun: Ein spiritueller Weg ist nicht mit einer Couchpotatoe-Mentalität vereinbar

Bei der Frage, welcher spirituelle Weg der jeweils geeignete Weg ist, sind allgemeine Hinweise problematisch: Es gibt sehr viele gute Methoden und Wege, zu viele, um sie alle aufzuzählen, und was für die eine richtig ist, kann für den anderen ungeeignet sein – für den eher „neurotischen“ Typ mit einer verhärteten Ich-Struktur sind Methoden der Strukturauflösung empfehlenswert, wie z.B. Atemarbeit, gruppendynamische Prozesse, Körperarbeit, gegenstandsfreie Meditation, ein bisschen Chaos ins Leben bringen usw.. Für den eher „psychotischen“ Typ mit einer instabilen Ich-Struktur braucht es hingegen Selbstorganisation, Struktur im Alltag, Konzentrationsübungen, Orientierung an Modellvorstellungen, gegenständliche Meditation, Disziplin usw.
Für den „introvertierten“ Meditierenden ist es vielleicht geboten, den tätigen sozialen Weg zu gehen, z.B. durch verstärkten zwischenmenschlichen Austausch, soziales Engagement und berufliche Aktivitäten, wohingegen ein anderer sich in zu vielen sozialen Beziehungen verloren hat, und auf einem Meditationsretreat wieder den Kontakt zu sich selbst findet.
Dem verkopften Bücherwurm, vollgestopft mit spirituellen Modellen und Weisheiten, kann ein Gang an die frische Luft empfohlen werden, verbunden mit praktischer ökologischer Arbeit, wohingegen der sich ständig in der – von Menschen unberührten – Natur befindende ökologisch Orientierte gut beraten ist, sich auch einmal auf die – von Menschen gemachte – Kultur einzulassen. Für Lichtarbeiter kann – wie nach einem zu langen Sonnenbad – ein Aufenthalt im Schatten ganz erfrischend sein, wohingegen Schattenjägern das Licht der Sonne gut tut.

Ausgewogene Praxis

Empfehlenswert ist eine ausgewogene Praxis, eine – wie Ken Wilber sie nennt – „integrale Praxis“, welche alle Bereiche unseres In-der-Welt-Seins umfasst und berücksichtigt und so einer einseitigen Entwicklung vorbeugt.
Da ist zuerst einmal der Körper, das Fahrzeug unserer Reise: Hier geht es um Ernährung, Bewegung, die Vermeidung von schädlichen Einflüssen aller Art, und die Durchführung von notwendigen Reparaturmaßnahmen und ggf. auch die Einnahme von Medikamenten. Auf der emotional/energetischen Ebene können z.B. Tai-Chi, Yoga, Bioenergetik, Sexualität, Musik und Homöopathie geeignet sein, ein gesundes Gefühlsleben zu fördern und unsere energetische Vitalität zu steigern.
Die mentale Ebene spricht z.B. auf Psychotherapie, Visualisierungen, Lesen und Affirmationen an und ist dankbar für gesunde „geistige Nahrung“.
Für die höheren – transmentalen – Ebenen gibt es eine Fülle von transzendenten Techniken wie z.B. Meditation, Kontemplation, schamanistische Praktiken, Zen usw., die alle dabei helfen können, über den Tellerrand eines begrenzten „Ich“ hinauszuschauen.

Arbeit im Hier und Jetzt

Dies ist jedoch nur der persönliche Bereich, der erst im Bezug zu Gemeinschaften zu einer wirklich integralen Praxis wird, und dazu gehören z.B. das Engagement für Beziehungen, Familie bzw. Lebensgemeinschaften, die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, organisatorische und infrastrukturelle Verbesserungen (wie z.B. das Anlegen eines Kinderspielplatzes, oder einfach nur das – buchstäbliche – Kehren vor der eigenen Haustür), und ein tätiges Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen. Bevor wir uns an die großen Aufgaben wagen (den Hunger in der Welt beenden, „Schwerter zu Pflugscharen“ umbauen, oder die Rettung von „Gaia“ unternehmen), versuchen wir es vielleicht erst einmal mit kleinen Alltäglichkeiten: eine ehrliche Steuererklärung, ein freundliches Gesicht am Montagmorgen in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder ein nettes Wort an die Busfahrerin, die – tagaus, tagein – unzählige Menschen sicher durch den Asphaltdschungel manövriert.

Lehrer, Meister, Therapeuten

Es ist keine Schande – sondern ein Zeichen von Reife – sich einzugestehen, dass man noch nicht alles weiß und sich auf dem spirituellen Weg Rat und Hilfe holt (wobei die Suche nach einem geeigneten Lehrer/Meister manchmal ebenso spannend und aufregend sein kann wie der Bewusstwerdungsprozess selbst). Das Angebot ist groß und allgemeine Qualitätsmaßstäbe sind rar, aber mit einem offenen Herzen und einem klaren Verstand kommt man früher oder später sicher ans Ziel. Da niemand alles abdecken kann und das Angebot an integral (im obigen Sinne) ausgerichteten Lehrern/Therapeuten rar ist, empfiehlt sich eine – den eigenen Bedürfnissen angepasste – „gesunde Mischung“ und Kombination von Verfahren und Lehrern. Eine Art „spirituelle Differentialdiagnostik“ kann dabei nützlich sein: Was bekomme ich von einem Lehrer/Meister, und was nicht? So finde ich z.B. in einem Satsang nicht unbedingt kompetent Auskunft darüber, ob ich eine bestehende Beziehung beenden sollte, eine Krankheit mit Antibiotika oder mit homöopathischen Mitteln behandeln soll, oder wie ich mein Einkommen steigere. Andersherum kann ich bei einem Therapeuten oder Psychologen nicht davon ausgehen, dass er/sie auf der Basis der Erfahrung des Seinsgrundes seine Diagnose stellt.

Und: Dieser Weg ist ein Weg der Leidenschaft des Herzens, aber kein Weg des Zwanges und der inneren Diktatur. Es bringt nichts, sich zusätzlich zu bereits bestehenden Problemen und Projekten ein weiteres aufzuladen: das „Unternehmen Erleuchtung“. Erleuchtung ist nicht in Zeit und Raum zu erlangen, sondern ist – hier und jetzt – bereits vollständig gegenwärtig. Machen wir uns auf den Weg – der keiner ist!

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