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Der Wunsch nach Individualität und ihre Ausdrucksformen in der modernen Gesellschaft

Aus der Masse hervorstechen – Ist es das, worauf es ankommt?

In unserer modernen Gesellschaft scheint Individualität das Maß aller Dinge zu sein. Doch woher kommt dieser Drang, einzigartig zu sein? Der folgende Artikel setzt sich mit dieser und anderen Fragestellungen auseinander und gibt Aufschluss darüber, was Individualität eigentlich bedeutet. Bringt Individualität nur Vorteile mit sich und wie individuell können Menschen eigentlich sein, die in einer Gesellschaft leben, welche sich ständig ändernden Trends unterworfen ist?

Individualität – Bruch mit der Tradition

Individualisierung beschreibt in der soziologischen Theorie die Entwicklung hin zu einer modernen bürgerlichen Gesellschaft im Zuge der Industrialisierung. Die Menschen lösen sich aus den traditionellen Strukturen des dörflichen Familienlebens und somit auch aus dem „Wir-Gefühl“. Die „Ich-Perspektive“ rückt in das Zentrum der eigenen Betrachtung und des Verständnisses einer Person von sich selbst. Doch woher kommt der Wunsch des Menschen einzigartig zu sein und bringt Individualität nur positive Aspekte mit sich?

Woher kommt der Wunsch nach Individualität?

Jedes Individuum scheint den Wunsch nach Individualität in sich zu tragen. Ob nun bewusst oder unbewusst – wir definieren uns selbst immer in Abgrenzung zu anderen. Individualität scheint heute wichtiger zu sein denn je. Dies ist vor allem in Großstädten zu beobachten. Großstädter müssen sich schnell und möglichst rational auf die sich ständig verändernden Bedingungen ihrer Umgebung einstellen. Die Vielzahl an Menschen, die in einer Großstadt leben, zwingt das Individuum förmlich dazu, sich selbst mit individuellen Eigenschaften auszukleiden, um in der gesichtslosen Masse nicht unterzugehen.

Heute, wo eine E-Mail einem Brief und ein Chat einem Telefonat oder gar einem Treffen zum Kaffee vorgezogen wird, hat der Einzelne eine Vielzahl an sozialen Kontakten. Die Interaktion mit selbigen ist jedoch meist sehr kurz, weshalb es noch wichtiger wird, sich durch Einzigartigkeit von der Masse abzuheben und dem Gegenüber dadurch im Gedächtnis zu bleiben. Die große Zahl an täglichen Interaktionen mit anderen Menschen begünstigt zudem ein gewisses Misstrauen anderen gegenüber. Dieses Misstrauen verstärkt den Wunsch nach Einzigartigkeit zusätzlich, da es dem Einzelnen nicht nur um die Abgrenzung zu anderen, sondern auch um die Erhaltung des eigenen Ichs geht.

 

Individualität – Die zwei Seiten der Medaille

Individualisierung geht mit einem enormen Maß an Freiheit, Emanzipation und Autonomie einher. Wusste früher noch jeder aus der Familientradition heraus, was seine Aufgaben sind und wie er den Tag zu füllen hat, können sich die Menschen heute aus einer schier unendlichen Auswahl an Optionen das eigene Leben und das eigene Ich zusammenbasteln.

Die große Freiheit klingt im ersten Moment sehr verlockend, doch bringt sie auch Negatives mit sich. Traditionen und Konventionen verlieren im Hinblick auf die Individualisierung an Bedeutung. Das bedeutet auch, dass dem Individuum die Orientierungshilfen genommen werden. Wer alles selbst entscheiden kann, muss auch ständig selbst Entscheidungen treffen und sich selbst organisieren. Die Reizüberflutung, die in unserer modernen und durch die weltweite Vernetzung immer schneller werdenden Gesellschaft auf den Einzelnen einprasselt, überfordert viele Menschen. Sie suchen nach etwas, was ihnen Halt gibt und an dem sie sich orientieren können. Einfache Rezepte und Ideologien werden so verlockend.

 

Die Scheinindividualität des Mainstream

Aber ist Individualität nicht inzwischen zum Mainstream geworden? Es scheint ganz so. Bestsellerlisten und neue Modetrends geben uns vor, was wir zu lesen, zu tragen, ja, zu konsumieren haben. Die breite Masse passt sich diesen Trends an, ohne zu merken, dass die von ihr hoch geschätzte Individualität somit zu einer Scheinindividualität innerhalb einer gleichgeschalteten Gesellschaft wird.

Doch sehnt sich der Einzelne in den Zeiten der unendlichen Freiheit nicht paradoxerweise gerade nach dieser Gleichschaltung? Es lässt sich doch viel entspannter leben, wenn andere die Entscheidungen treffen und dem Individuum Anregungen bieten, wie es seine Freizeit gestalten kann, was es tragen oder wie es sich einrichten soll. Hinzu kommt, dass der Einzelne trotz des Wunsches nach Individualität immer auch den Wunsch verspürt, dazu zu gehören und ein Teil des großen Ganzen zu sein.

Wie individuell sind wir wirklich?

Die Interaktion mit anderen Menschen und das Teilen gemeinsamer Interessen sowie die soziale Anerkennung sind dem Individuum meist ebenso wichtig, wie seine Einzigartigkeit. Erscheint uns das Verhalten anderer logisch, ahmen wir es nach. So folgen wir Modetrends und haben zu allem und jedem, was gerade in der Öffentlichkeit diskutiert wird, eine Meinung. Nicht unbedingt, weil uns das Thema so sehr interessiert, nein, weil wir uns an unserem Umfeld orientieren. Sich an anderen zu orientieren, verlangt dem Einzelnen nur wenig Kreativität und Eigeninitiative ab und birgt zudem immer ein geringeres Risiko mit der eigenen Persönlichkeit anzuecken und möglicherweise dadurch zu riskieren, nicht dazu zu gehören.

 

Individualität und Konsum

Der Wunsch nach Einzigartigkeit äußert sich in unserer modernen Gesellschaft auf vielfältige Art und Weise. Sowohl der Wunsch nach Individualität als auch der Wunsch „dazuzugehören“ werden dabei geschickt in Konsum umgelenkt.

Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken

Noch nie war es Individuen möglich, sich so pointiert selbst darzustellen, wie in den heutigen sozialen Netzwerken. Wer in der Masse an weltweiten Usern seine eigene Identität wahren will, muss die einheitliche Benutzeroberfläche mit möglichst vielen persönlichen Daten füttern. Das User-Profil ist sozusagen Werbung in eigener Sache. Individualität kann hier so weit getrieben werden, wie es der Einzelne wünscht. Sei es durch die Nennung der Lieblingsband oder eben dadurch, dass jeden Morgen aufs Neue das ach so individuelle Frühstück fotografiert und anschließend mit der Welt und den zahlreichen „Freunden“ geteilt wird.

Je mehr Interessen im Profil angegeben werden, desto individueller ist auch die geschaltete Werbung. Manch einer findet das praktisch, andere fühlen sich ausspioniert, merken jedoch nicht, dass es an ihnen ist, ihre Privatsphäre zu schützen. Für Unternehmer ist dies natürlich ein gefundenes Fressen. Der Einzelne stellt seine Wünsche und Begehren ins Netz und sie brauchen sich mit ihren Produkt- oder Dienstleistungsangeboten nur noch darauf einzustellen. Böse Zungen könnten behaupten, diese Form der Individualität sei besonders flach und einfallslos und im Hinblick auf die noch folgenden Ausdrucksformen der Individualität ist die Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken das wahrscheinlich wirklich.

 

Mode – Individuelle Kleidung

Modetrends sind immer Momentaufnahmen innerhalb eines kontinuierlichen Wandels. Mode zeichnet ein Bild der Gesellschaft und vermag es dabei, Neues zu schaffen und die Richtung der zukünftigen Trends mitzubestimmen. Doch Mode ist nicht nur Ausdruck der Zeit, in der wir leben, sie bietet auch jedem Einzelnen die Möglichkeit, Individualität auszudrücken und sich somit von der breiten Masse abzuheben.

Dies hat eine enorme soziale Komponente: Lernen sich Personen neu kennen, wissen sie erst einmal nichts über den Charakter des jeweils anderen. Sie können lediglich anhand der äußeren Erscheinung Rückschlüsse auf das Wesen des Menschen ziehen. Ob nun unbewusst oder nicht, jeder Mensch beurteilt sein Gegenüber innerhalb von Sekundenbruchteilen. Die Kleidung trägt entscheidend dazu bei, wie ein Mensch auf andere wirkt. Eine Frau im schlichten Kostüm wirkt seriös, während ein Punker in zerrissenen Hosen einen rebellischen Eindruck macht.

Je mehr sich eine Person mit Hilfe ihrer Kleidung von der breiten Masse und den vorherrschenden Modetrends lösen will, umso ausgefallener wird ihr persönlicher Stil sein. Die Beweggründe dafür können unterschiedlich sein. Manch einer möchte einfach provozieren, während andere ihre aktuelle Stimmung durch die Wahl ihrer Kleidung ausdrücken wollen. So hat Mode auch immer viel mit dem Gefühl von Sicherheit zu tun. Wir fühlen uns dann in unserer Haut wohl, wenn unsere Kleidung den eigenen Vorstellungen entspricht.

 

Wohndesign als Ausdruck des individuellen Lebensstils

Die Individualität hört selbstverständlich bei der Kleidung nicht auf. Im Gegenteil, vielen Menschen ist eine individuelle Wohnungsgestaltung sogar wichtiger, als sich durch Kleidung von der Masse abzuheben. Das eigene Zuhause soll ein Ort sein, an dem sich der Mensch wohl und geborgen fühlt. Die Einrichtung spiegelt demnach immer den eigenen Geschmack wieder und die Wohnung wird zu einer Art Visitenkarte, die Besuchern auf einen Blick etwas über den Bewohner erzählt. Neben Wohnlichkeit spielt für viele auch Extravaganz eine Rolle.

Natürlich lässt sich ein komplettes Wohnzimmer im Katalog bestellen, die persönliche Atmosphäre kommt jedoch durch individuelle Einzelstücke zustande. Aktuell setzt sich der Trend der Self-Made-Möbel immer weiter durch. Das Schöne daran ist, dass die Stücke wirklich individuell sind und so sicher in keiner anderen Wohnung stehen. So bieten auch zahlreiche Tutorials im Internet Anleitungen, wie Möbel selbst gebaut oder individuell gestaltet werden können. (Ein Beispiel dafür ist der Artikel „Shappy chic – wie sie Möbel mit rustikalem Charme versehen“ von Helpster.)

Einrichten ist gerade für junge Menschen auch immer ein Prozess der Selbstfindung. So werden aktuelle Trends zwar übernommen, jedoch meist mit einer persönlichen Note kombiniert, um sich von der Masse abzuheben. Am einfachsten gelingt dies durch den Einsatz von Dekorationselementen. Wer jedoch auf Nummer sicher gehen will, kommt um einen Besuch auf dem Flohmarkt oder eben um Self-Made-Möbel nicht herum.

 

Individualismus in der Arbeitswelt

Individuen, die anders denken als die Masse, sind für die Arbeitswelt unverzichtbar. Dennoch ecken die meisten Arbeitnehmer an, wenn sie sich gegen Teamwork sträuben oder anderweitig versuchen, ihre eigenen Vorstellungen im Berufsalltag durchzusetzen. In einer optimierten Arbeitswelt ist Konformität gewünscht. Wo scheinbar die Individualität als Konsument sehr gefragt ist, gilt dies für das Arbeitsleben weit weniger.

Doch wo wären wir heute ohne all die klugen Köpfe und erfolgreichen Individuen der Arbeitswelt? Geniale Erfinder und Begründer innovativer Ideen sind es, die unsere Wirtschaft und auch unsere Gesellschaft immer wieder aufs Neue verändern und vorantreiben. Nur, wenn Menschen anders denken, neugierig sind und auch den Mut aufbringen, mit den bestehenden Normen zu brechen, können innovative Prozesse in Gang gesetzt werden. Hätte niemand den Computer oder das Internet erfunden, sähe unsere moderne Gesellschaft heute sicher ganz anders aus. Ob besser oder schlechter, sei einmal dahingestellt. Fakt ist: Es braucht mutige Individualisten, damit eine Gesellschaft sich immer wieder wandeln und neu erfinden kann.

 

Besondere Lebensstile zur Abgrenzung von der Masse

Während sich Menschen früher ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft bewusst waren, sind die Grenzen heute sehr verschwommen. Der persönliche Geschmack und die Präferenzen eines Individuums spiegeln sich heute nicht in dem Milieu, in dem dieser lebt, wider. Im Gegenteil, die moderne Gesellschaft lebt von den unterschiedlichen Lebensstilen ihrer Mitglieder, geht doch aus ihnen eine gesellschaftliche Dynamik hervor, so die PDF „Veränderte Lebensstile als Herausforderung für die Aufstiegsgesellschaft: Die Rolle von Eltern und Familien“ des Politikwissenschaftlers Michael Borchard.

Nicht die harten Fakten, also der Beruf, das Einkommen oder das Elternhaus sind zwangsläufig ein Ausdruck von persönlichem Lebensstil. Es sind heute viel mehr die persönlichen Vorlieben und Wertevorstellungen, die den Lebensstil eines Individuums ausmachen. Lebensstile sind also Ausdruck der individuellen Wahl, die ein Einzelner innerhalb der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für sich trifft.

Der individuelle Lebensstil dient auch als soziales Unterscheidungsmerkmal und somit wieder der Abgrenzung. Es ist nicht nur wichtig, wer jemand eigentlich ist, sondern vor allem, wie er sich selbst darstellt. Je einzigartiger der Lebensstil eines Menschen ist, desto mehr grenzt er sich von der breiten Masse ab. Der individuelle Lebensstil kann jedoch nicht nur als Mittel zur Abgrenzung, sondern auch zur Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, die diesen Lebensstil teilt, angesehen werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es ein Mensch mit einem besonders ausgefallenen Lebensstil schwieriger haben wird, Gleichgesinnte zu finden.

 

Bild: © Antonioguillem – Fotolia.com

 

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