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Diagnose Skoliose: neue Behandlungswege für eine unterschätzte Erkrankung.

Von Stefan Datt

 

Aus welchem Grund der Rücken der kleinen Mimi plötzlich so schief geworden war, wissen weder die Eltern noch die Ärzte. Mimi war gerade einmal elf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern zu ihrem ersten Termin zu uns in die Praxis kam. Die Diagnose: Skoliose, das seitliche und verdrehte Ausweichen der Wirbelsäule mit Rippenbuckel, Lendenwulst, ungleich hohen Schultern, Beckenschiefstand. Ratlose erstaunte Eltern, ein schüchternes Kind und ein gruseliges Röntgenbild: 38 Grad Skoliosewinkel (Skoliosewinkel nach Cobb, der die Abweichung von der optimal geraden Wirbelsäule angibt) in der Brustwirbelsäule, 29 Grad in der Lendenwirbelsäule, Entwicklungs- Prognose: schlecht. Die Prognose war schlecht, weil Mimi bei der Diagnosenstellung noch recht jung und klein war; das heißt, es war noch ein Wachstumsschub in den nächsten Jahren zu erwarten und die Verknöcherungszeichen an Hand oder Becken waren noch lange nicht ausgereift. Was nun?

Skoliosen gelten als beachtenswert, wenn sie den Winkel von zehn Prozent überschreiten. Bei den leichteren Verschiebungen liegen die Jungs zahlenmäßig vorne, bei den größeren Skoliosen jedoch die Mädchen im Verhältnis zehn zu eins gegenüber den Jungen. Mädchen sind deswegen gravierend häufiger betroffen, weil bei ihnen im Gegensatz zu den Jungen (die langsamer und beständiger wachsen) der Wachtumsschub im Alter zwischen 10 und 13 Jahren häufig rapide einsetzt. Warum sich bei dem einen Jugendlichen eine Skoliose ausbildet und bei dem anderen nicht, ist der Medizin nicht bekannt. Man spricht von „idiopathischen Skoliosen“, Skoliosen unbekannter Ursache. Man weiß lediglich: Es macht keinen Unterschied, wie man seine Tasche trägt, welchen Sport man macht oder wie die Körperhaltung aussieht. Und man weiß auch: Skoliosen können sich in recht kurzer Zeit teilweise dramatisch verschlechtern.

Skoliose: Die unterschätzte Erkrankung

Eine Skoliose wird in der Früherkennung am besten durch den Vorbeugetest festgestellt. Dabei neigt sich der Patient mit locker hängenden Armen nach vorne. Eine zweite Person blickt von hinten über die Wirbelsäule und erkennt eventuelle Asymmetrien wie Hüftprominenz (eine vorstehende Hüfte), einseitig erhöhte Schulterblätter oder den verkrümmten Verlauf der Wirbelsäule. Diesen Test sollten Eltern bei ihren zehn- bis dreizehnjährigen Kindern regelmäßig durchführen.

Durch fehlende Informationen wird die Skoliosebildung gelegentlich unterschätzt. Frei nach dem Motto: „Ach, ein bisschen schief ist doch jeder.“ Ohne den Betroffenen Angst machen zu wollen, müssen jedoch die Fakten auf den Tisch: Wirbelsäulen-Fehlstellungen über 20 Grad verschlechtern sich in der Regel über die Zeit deutlich, aber auch bei Winkeln unter 20 Grad muss man mit sukzessiven Verschlimmerungen rechnen. Zu Beginn der Erkrankung treten Rückenschmerzen eher selten auf, doch ab dem 30. Lebensjahr klagen Skoliotiker häufig über Rückenschmerzen und andere skoliosebedingten Beschwerden. Die Organe weisen Fehlstellungen auf, die Lunge ist je nach Krümmungswinkel verformt, das Herz kann komprimiert sein, Bandscheibendegenerationen können genauso angebahnt werden wie Muskelverkürzungen und Nackenschmerzen. Ab zwanzig Grad Skoliosewinkel wird dem Betroffenen in Deutschland ein Korsett verordnet, das der Jugendliche 23 Stunden am Tag, also auch nachts, tragen soll. Das Korsett wird maßangepasst und soll die Skolioseverkrümmung zu mindestens 50 Prozent aufrichten. Die Korsettversorgung bringt selbst bei den stärksten und selbstbewusstesten Kindern verständlicherweise häufig psycho-soziale Spannungen hervor, die in einzelnen Fällen bis in eine Depression oder Suchterkrankung führen können.

Ursachenforschung: bisher wenig erfolgreich

Für mich ergeben sich zum Thema Skoliose eine Menge Gedanken und Fragestellungen: Wieso ist die Ursachenforschung bisher so erfolglos? Werden neue physiologische Erkenntnisse der Kinesiologie, der Spiraldynamik*, der Atlaswirbel-Kontrolle, der Faszien-Therapie und des psychosomatischen Ansatzes in die aktuelle Ursachenforschung einbezogen? Wieso werden Statikverschiebungen erst ab zehn Grad für relevant erklärt? Ist vielleicht die fehlende Behandlung der geringgradig abweichenden Wirbelsäulen der Grund dafür, dass im höheren Lebensalter etwa 50 Prozent der Menschen eine Skoliose und häufig auch daraus entstandene Beschwerden entwickeln? Sind die degenerativen Prozesse an der älter werdenden Wirbelsäule möglicherweise erst durch die zu Beginn noch leicht verschobene Statik entstanden?

Die klassische Skoliose-Therapie

Glücklicherweise wird das Thema Skoliose in Deutschland traditionell tiefgründig erforscht und nach einem ausgeklügelten System behandelt. Die Handeslsschullehrerin Katharina Schroth, die selbst an Skoliose erkrankt war und versuchte, sich selbst zu heilen, initiierte vor zirka hundert Jahren ein nach ihr benanntes Übungsprogramm, nach dem auch heute noch von hervorragend geschulten Therapeuten behandelt wird. Die Schroth-Therapie wirkt als einzige Therapieform nachweislich effektiv an der Aufrichtung der verkrümmten Wirbelsäule. Hier wird die individuelle Skolioseform exakt differenziert: C-förmig, S-förmig, mit oder ohne Beckenbeteiligung, Konvexitäten, schwache Stellen, Schulterpaket.

Eine einfache Physiotherapie, Rückenschule oder Sport, wie zum Beispiel Schwimmen, reichen auf keinen Fall aus, die Skoliose maßgeblich zu beeinflussen. Der Schroth-Therapeut legt großen Wert auf die Atemlenkung, die sogenannte „Dreh-Winkel-Atmung“. Sie wirkt, als würde man in die Delle eines plattgewordenen Balls neue Luft pusten. Mit Hilfsmitteln wie Stäben und Gummibändern, Beckengurten und Hüftholz kann nun mit der Aufrichtung der skoliotischen Wirbelsäule begonnen werden. Aber auch ohne diese Hilfsmittel können Betroffene zu Hause mit individuell ausgewählten Übungen an ihrer Skoliose arbeiten.

Der kombinierte Übungsansatz

Grundsätzlich braucht jede Skoliose immer eine genau abgestimmte individuelle Behandlung. In unserer Praxis in Charlottenburg ist die Skoliose- Behandlung nach Schroth ein wichtiger Tätigkeitsschwerpunkt. Die geschulten Therapeuten erarbeiten liebevoll und gekonnt individuelle Übungsprogramme und beziehen die Eltern in die Therapie mit ein, sollten die Kinder noch klein sein. Das wichtigste Element ist, eine entspannte, wohltuende und motivierende Übungsatmosphäre zu kreieren, so dass die Jugendlichen gerne zu ihrer Übungs-Session zu uns kommen. Dabei wird der Therapeut nicht nur zum Übungsleiter, sondern auch ein Stück weit zum Freund und Wegbegleiter. Das ist wichtig, denn auch wenn die komplexen und effektiven Schroth-Übungen zu Beginn recht fordernd und anspruchsvoll sind, werden sie mit der Zeit jedoch häufig als etwas eintönig empfunden. Hier beginnt der gute Skoliose-Therapeut mit der eigentlichen Arbeit: Motivation und Abwechslung.

Gerne bieten wir Kleingruppen an, in denen zwei oder drei Teenager zusammen trainieren und sich austauschen können. Durch Partnerarbeit werden die Patienten hier häufig schon selber halbe Therapeuten und verstehen die Übungen auf einer neuen Ebene. Gleichzeitig erweitert sich das Übungsspektrum um angepasste Übungen der Spiraldynamik und des Yogas. Über das Verständnis der Spiraldynamik werden die Übungen aus dem separaten Trainingsraum herausgeholt und in den Alltag integriert. Hier geht es um das spielerische Sich-aus-der-Skolioserichtung-heraus-Bewegen. Mittels der „Autoelongation“, dem bewussten Vergrößern des Abstandes zwischen Kopf und Becken, und einer gezielt eingesetzten „Thoraxrotation“ bieten sich auf Schritt und Tritt im Alltag unzählige Möglichkeiten, sich aus seiner Skoliose herauszubewegen und Kraft aufzubauen.

Scolio-Yoga

Betritt ein Patient erstmalig unsere Praxisräume, ist er von dem gemütlichen, farbenfrohen Ambiente überrascht. Neben den wohltuenden großen Behandlungszimmern gibt es auch einen schicken Yogaraum. Wir fahren hier zweigleisig: Physiotherapie-Praxis und Yogaschule in einem. Im Yogabereich bieten wir neben den normalen täglichen offenen Yogastunden auch therapeutisches Yoga für Patienten oder Bewegungsanfänger sowie „Yoga barrierefrei“ für Rollstuhlfahrer an. Gerade die Skoliosepatienten können von den auf auf sie zugeschnittenen Yogaübungen enorm profitieren – auch die erwachsenen. Manche haben sich sogar wunderbar in die fortlaufenden Yogagruppen integriert.

Seitlich verbogene Wirbelsäule: Röntgenbild einer Skoliose; Abb: © draw05 - Fotolia.com

Seitlich verbogene Wirbelsäule: Röntgenbild einer Skoliose; Abb: © draw05 – Fotolia.com

Die Zeitschrift Gesundheit & Wissenschaft schreibt in der Ausgabe 11/2014: „Menschen mit Skoliose, die mehrmals wöchentlich eine bestimmte Yogahaltung für ein bis zwei Minuten halten, können so die Verkrümmung ihrer Rückenwirbel reduzieren, meinen Forscher der Columbia Universität in New York. Die amerikanische Skoliose-Stiftung empfiehlt 25 Yoga-Übungen. In einer aktuellen Studie untersuchte (der Mediziner und Rückenspezialist, Anm. d. Red.) Loren Fishman die Wirkung der Yoga-Positionen bei 25 Menschen mit verschiedenen Arten von Skoliose. Die Krümmung der Wirbelsäule nahm im Durchschnitt um 32 Prozent ab.“

Doch nicht jede Yogaübung wird dem Skoliotiker so gut helfen, denn ganz so einfach ist es nicht, mit einer Skoliose Yoga zu üben. Die Schroth’schen Gedankengänge müssen unbedingt verstanden worden sein. Wann immer man beim Yoga nur an den Bogen in der Brustwirbelsäule denkt, wird man die Skoliose eher verschlechtern als verbessern. Eher ungünstig wirken zum Beispiel das Dreieck oder der Drehsitz. Besser sind sanft ausgeführte Rückbeugen und stabilisierende Yogaübungen zum Beispiel aus dem Fersensitz. Hier kann die Dreh-Winkel-Atmung genauso integriert werden wie das „Raffen des Pakets“ und andere Schroth-Elemente. Richtig angeleitet machen die Yogaübungen den Patienten großen Spaß, verbessern die Körperwahrnehmung und sind als Abwechslung „mehr trendy“ als die Schroth-Therapie.

Ergänzende Behandlungen Ergänzt wird die Skoliose-Behandlung durch eine fachgerechte Kontrolle der Atlaswirbelposition und der daraus resultierenden Kopfhaltung als Ursachenforschung. Hierzu führen wir gerade eine interne Studie durch. Auch haben sich Wirbelkorrekturen nach Dorn und wohltuende Rückenmassagen bewährt. Und um auf das Fallbeispiel vom Anfang zurückzukommen: Mimi ist jetzt 16 Jahre alt und hat mit tollem Einsatz und Regelmäßigkeit und mit der Atlaswirbelkorrektur ihren Skoliosewinkel thorakal von 38 auf 11 Grad reduzieren können. Sie kennt ihre Schroth-Übungen in- und auswendig, weiß aber auch, wie sie sich im Alltag aus ihrer Fehlhaltung herausbewegt, also ihre Fehlhaltung verlässt, und liebt die Yogaübungen (und Yoga-Philosophie) über alles. Sie möchte später entweder Physiotherapeutin oder Yogalehrerin werden; ich denke, … am besten sogar beides.

 


*Die Spiraldynamik ist ein Bewegungskonzept, das den funktionellen Gesamtzusammenhang im Körper schult. Sie definiert „gesunde Bewegungen“, die unter physiotherapeutischer Anleitung erlernt werden sollen.

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