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Patanjali war ein indischer Gelehrter – wahrscheinlich im 4. oder 5. Jahrhundert nach Christus -, der die heute noch vollständig erhaltenen Yoga-Sutras verfasst haben soll. Wörtlich übersetzt bedeutet Sutra „Faden“. Ein Yoga-Sutra ist also gewissermaßen ein Leitfaden für Yoga. Die Sutren des Patanjali bestehen aus 195 Sanskrit-Versen, in denen in hochkonzentrierter Form die Essenz des Yoga-Weges gebündelt ist. Es ist das älteste erhaltene Werk über Yoga und wird als Ashtanga Yoga (achtgliedriger Yoga) bezeichnet. Alle acht Glieder des Yoga bilden eine untrennbare Einheit. Die acht Stufen bauen aufeinander auf und stellen verschiedene Schwierigkeitsgrade dar.

 

Wo die Forschung nach der Seele beginnt, kommt der Vorgang des Yoga ins Spiel. Hier beginnen die Fragen danach, wer die Seele und was die Quelle der Seele ist. Das Yoga-System des Patanjali beschreibt in acht aufeinander aufbauenden Stufen den Weg zur Seelenerkenntnis. Schlüssel dazu ist die Beherrschung des Geistes. Solange der Geist unkontrolliert bleibt, kann er sich als Begleiter unserer Sinne dem Einfluss der materiell-sinnlichen Welt nicht entziehen. Er wird ständig von den Eindrücken der äußeren Welt abgelenkt und erlaubt uns daher keine Innenschau. Transzendenz ist daher nicht über den Geist erfahrbar. Mit dieser Erkenntnis beginnt Yoga. Yoga baut auf dem Verständnis auf, dass geistige Kontrolle die Voraussetzung dafür ist, die Seele kennenzulernen.

Die erste Stufe des Yoga heißt Yama, was soviel wie “zurückziehen” bedeutet. Bisher haben wir unser Wesen so stark über unsere Sinne nach außen ziehen lassen, dass uns ein richtiges Verständnis unserer eigentlichen Identität fehlt. Was ist unsere wahre Identität? Hat sie irgendetwas mit den Dingen des Außen zu tun, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen? Mit unseren Gewohnheiten, den Menschen, mit denen wir uns umgeben, den Rollen, die wir ihnen gegenüber einnehmen? Die Frage nach dem “Wer bin ich?” wird aber erst auf einer späteren Stufe des Yoga-Systems beantwortet werden können. Auf dieser Stufe des Yama werden als erstes die Sinne zurückgezogen.

Den Geist dauerhaft zügeln

Die zweite Stufe des Yoga-Systems sucht nun nach Wegen, diese Fähigkeit der Sinnes-Zügelung dauerhaft zu festigen. Hier kommen wir zu der Stufe des Niyama. Ni heißt “komplett” und in der Verknüpfung mit Yama bedeutet Niyama dann: “die Sinne dauerhaft mittels einer gewissen Regelmäßigkeit zu zügeln”. Solange der analytische Geist versucht, die philosophischen Grundlagen zu verstehen, der Mensch diese Erkenntnisse aber nicht auch in einen Lebensstil übersetzt, bleiben sie rein theoretisch. Wenn wir davon sprechen, eine bestimmte Lebensweise zu entwickeln, dann geht es letztlich darum, neue Gewohnheiten in unser Leben zu integrieren. Gewohnheiten erfordern Stetigkeit und Beharrlichkeit. Niyama lehrt uns, wie man nun über Disziplin und einen geregelten Tagesablauf die Sinne nachhaltig unter Kontrolle bringt.

Kommen wir zur dritten Stufe des Yoga: den Asanas. Auf der Stufe der Asanas lernt man seinen Körper mittels bestimmter körperlicher Stellungen in der Tiefe wahrzunehmen. Asanas sind entgegen der heutzutage in manchen Yoga-Kreisen gängigen Praxis jedoch nicht als Fitnessübung gedacht, sondern zur Heilung von Krankheiten angelegt. Nicht jedes Asana ist für jeden Menschen geeignet, da jeder Mensch einen individuellen Körperbau besitzt. Alle Stellungen müssen sorgsam ausgeführt werden, da sie sonst langfristig sogar zu körperlichen Schäden führen können. Aus diesem Grund wird im Yoga-Sutra davor gewarnt, solche Übungen ohne einen Lehrer zu praktizieren. Doch letztlich dient auch das Praktizieren der Asanas einem übergeordneten Zweck: nämlich zu erforschen, inwiefern das Selbst auf der körperlichen Ebene zu finden ist. Verfolgt man diese Stufe ernsthaft, kommt man zu dem Ergebnis, dass der Körper vergänglich ist. Und da alles, was vergänglich und zerstörbar ist, nicht wahr und essentiell sein kann, kann auch dieser Körper nicht unsere wahre Identität sein.

 

Das Prana kanalisieren

Auf der vierten Stufe des Yoga kommen wir zu Pranayama. Prana ist die Lebensenergie, die in Form von Luftströmungen im Körper zirkuliert. Sie durchfließt sowohl unseren Körper als auch das gesamte Universum. Wenn die Seele nach der Zeugung in den Fötus eingeht, nutzt sie die Prana-Strömungen, eine der fünf Luftströmungen, im Körper als Kanal. Manchmal wird fälschlicherweise behauptet, dass die Seele direkt im Herzen oder in der Herzregion sitze. Sie hält sich jedoch, nicht eindeutig lokalisierbar, in einer der Prana-Strömungen auf, die sich um das Herz herum bewegen. Über den Atem mehren wir das Prana in unserem Körper; wir nehmen Sauerstoff auf, und der Sauerstoff verwandelt die weißen in rote Blutkörperchen. Je mehr der Mensch davon in seinem Blut anreichert, desto gesünder und vitaler wird er. Meist sind wir uns wenig darüber bewusst, welche Energie uns zur Verfügung steht, um die Aufgaben des Lebens zu bewältigen. Auf der Ebene des Pranayama lernen wir, die Lebenskraft bewusst wahrzunehmen und zu kanalisieren. Auf der Basis dieser Wahrnehmung gehen wir dann der Frage nach, ob Prana der Repräsentant unserer wahren Identität ist. Doch da der Körper zerstörbar ist, wird auch das mit dem Körper verbundene Prana zerstört, was diese Hypothese ad absurdum führt. Die Existenz des Prana setzt die Existenz einer höheren Energie voraus: das Bewusstsein, die Energie der Seele. Dieses Bewusstsein durchdringt unseren Körper; daher kann sich auch das Prana im Körper verteilen. Zieht sich das Bewusstsein im Sterbeprozess aus dem Körper zurück, verliert das Prana seine “Trägersubstanz”.

 

Wer sind wir wirklich?

Wir kommen zum Pratyahar, der fünften Stufe. Pratyahar bedeutet “erweitertes Ablehnen der Dinge, die unnötig sind”. Das bedeutet, dass wir die Sinne zurückziehen und alles ablehnen, was tamasisch (Erscheinungsweise der Unwissenheit) und rajasisch (Erscheinungsweise der Leidenschaft) ist. Jetzt verankern wir uns in Sattva-Guna, der Erscheinungsweise der Tugend. Hier geschieht die Erkenntnis, dass alles, was mit dem Körper in irgendeiner Form verbunden ist, mit dem Tod des Körpers endet und daher die Suche nach dem wahren Selbst im Außen und im Körper selbst uns nicht fündig werden lässt. Hier fragen wir weiter: “Woraus besteht unser Wesen noch?” Unsere Existenz beinhaltet neben dem grobstofflichen auch einen feinstofflichen Körper, der aus den drei Elementen Geist, Vernunft und Ego bzw. falschem Ego zusammengesetzt ist. Mein Ego ist jene Funktion des Bewusstseins, das mich immer wissen lässt, dass ich existiere. Das Ego wird aber in dem Moment zum falschen Ego, im Sanskrit als Ahankara bezeichnet, wenn das reine Bewusstsein der Seele sich fälschlicherweise mit dem Körper bzw. dem Geist identifiziert. Durch diese falsche Vorstellung verunreinigt, verwandelt sich das reine Bewusstsein des Egos in das falsche Ego. Doch auf der Erkenntnisebene des Pratyahar beginnen wir zu verstehen, dass auch die Ebene des Geistes mit seinen Gedanken und Gefühlen nicht unsere wahre Identität sein kann. Bis zu diesem Punkt ist der Prozess der Wahrheitsfindung in den Veden induktiv. Induktiv bedeutet, auf der Basis konkreter Beispiele mittels Logik zur Ableitung allgemeiner Prinzipien zu gelangen. Mit Hilfe unserer Intelligenz und unseres Geistes versuchen wir, der Wahrheit durch logisches Schlussfolgern auf den Grund zu gehen. Dies geschieht durch den Prozess des Ausschlussverfahrens. Weil ich die Wahrheit nicht kenne, nähere ich mich ihr, indem ich die für mich wahrnehmbare Welt beobachte und dann mit Hilfe meiner Logik das ausklammere, was ich als nicht wahr erkenne. Über diesen Prozess der Verneinung schließe ich also schrittweise mehr und mehr Aspekte der Welt als wahr, das heißt, als etwas beständig immer Existierendes aus – mit dem Ziel, irgendwann alles Nicht-Wahre ausgesiebt zu haben und zum Kern der Wahrheit zu kommen. Dieser Vorgang der rationalen Analyse wird bis zu dem Punkt praktiziert, an dem wir erkennen, dass unser wahres Selbst nicht da draußen in der Welt, sondern nur über eine direkte Seelenerfahrung zu erleben ist.

 

Durch Meditation Verbindung zur Seele

Auf der sechsten Stufe des Dhyana steht die Meditation im Vordergrund. Unter dem Begriff der Meditation werden in unterschiedlichen Schulen verschiedene Vorgänge verstanden. Doch wenn Patanjali von Dhyana spricht, dann sieht er den Zweck der Meditation nicht darin, sich auf irgendeinen Punkt zu konzentrieren und lediglich den Geist zur Ruhe kommen zu lassen, sondern in einer ernsthaften Forschung nach dem wahren Selbst. Einer Suche, die mittels Klangschwingungen in Form von Mantren eine Verbindung mit unserem feinstofflichen Wesen, der Seele, schafft. Das Wort Dhyana kommt von der Wurzel dhi, was soviel wie Intelligenz bedeutet. Man hat den Zustand des Dhyana erreicht, wenn man die Intelligenz voll und ganz ohne Störung durch seinen Geist auf das wahre Selbst zu richten vermag. Hier erfahren wir, dass es eine universelle und individuelle Realität gibt. Eine universelle Realität, die jeder erfahren kann, aber auch eine individuelle Realität, die man persönlich als real erlebt. Wie ich meiner Außenwelt begegne, wird weitestgehend dadurch bestimmt, welches Abbild der Welt ich in meinem Inneren trage, und weniger dadurch, wie die Welt da draußen wirklich ist. Jemand, der die Stufe des Dhyana erreicht hat, weiß, dass er der Schöpfer seiner Welt ist. Schöpfer nicht in dem Sinne, dass er all die Objekte der Welt kreiert hat, sondern durch die Schöpfung in seiner Wahrnehmung. Langsam, aber sicher hat der Geist aufgehört, das Leben zu dominieren. Durch den Vorgang des Yoga entwickelt sich nun eine Verbindung zur nicht-materiellen Dimension. Die Brücke zur transzendentalen Energie der Seele beginnt sich herauszukristallisieren. Hier bewegen wir uns in einer völlig neuen Dimension, einer transzendentalen Dimension, welche wir mit dem Geist nie erfahren könnten.

 

Die Unsterblichkeit der Seele erfahren

Die nächste Stufe ist die des Dharana. Dharana bedeutet “wo das Dhyana ununterbrochen wie Honig fließt”. Wenn man diesen Zustand erreicht hat, lässt man sich weder von Äußerlichkeiten noch von körperlichen Bedürfnissen stören, und die Vertiefung in der Meditation wird so stark, dass man nichts anderes außerhalb der Seele mehr wahrnimmt. Man spürt eine Glückseligkeit, die man bis dato nie in seinem Leben erfahren konnte. Hier bekommen wir den ersten Vorgeschmack auf die Unsterblichkeit der Seele. Da sie unsterblich ist, ist sie auch eine Quelle des Wissens, die uns auf ewig aus dem Kreislauf von Geburt und Tod befreien wird. All das Wissen um die vielen Geburten, die wir auf uns genommen, und der Vorleben, die wir geführt haben, erscheint auf den Stufen von Dhyana und Dharana wie in einem Film vor uns. An dieser Stelle hat man sein Bewusstsein aus der Herrschaft des Geistes unter die Kontrolle der Seele gegeben.

Auf der achten und letzten Stufe des Yoga-Systems, in dem Zustand des Samadhi, löst sich langsam die Unterscheidung zwischen der äußeren und der inneren Welt auf. Bis dahin waren wir der Dualität unterworfen. Hier hört die Dualität auf zu existieren und wir sind jetzt in unablässigem Kontakt mit der ewigen spirituellen Energie. Im Samadhi zu sein bedeutet, ein geistiges Gleichgewicht gefunden zu haben, wo wir erstmals nicht mehr von Leid und Freude, von Beleidigung oder Lobpreisung berührt werden. All dies wird gleichgültig, weil wir im Kontakt mit unserer Seele erkennen, dass wir gar nicht zu dieser Welt gehören. Die Seele kommt aus einer anderen Quelle und wird lediglich aufgrund ihrer karmischen Reaktionen gezwungen, einen verkörperten Zustand anzunehmen. Im Samadhi entfaltet sich die Verwirklichung, dass die Seele ewig, unzerstörbar, voller Wissen und Glückseligkeit ist. 

 


Abb: © Mahesh Patil – Fotolia.com
Abb 2: © 43538_L – Fotolia.com

 

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Über den Autor

Avatar of Sri Sarvabhavana

ist ein indischer Mystiker in der Bhakti-Tradition Indiens – dem “Pfad der Hingabe”.
Parallel zu diesem Jahrtausende alten spirituellen Weg wurde er am Ufer des Ganges über mehrere Jahre von dem großen Meister Sri Chakravartiji in der Kunst der Mystik unterwiesen. Sri Sarvabhavana erhielt von ihm die mystischen Fähigkeiten und das geheime Wissen im Hellsehen, in der vedischen Astrologie (Jyotisch) und der Handlesekunst. Die Erfahrung all dieser Ausbildungen findet in seinen Lebensberatungen Anwendung. Von seinem spirituellen Meister wurde er persönlich autorisiert, original vedische Schriften aus dem Sanskrit und Altbengali zu übersetzen und deren Bedeutungstiefe mit eigenen Erläuterungen zugänglich zu machen. Die Tiefe seines Wissens über die vedischen Schriften kann man in seinen wechselnden Vorträgen in Berlin erfahren.
Darüber hinaus ist Sri Sarvabhavana Reiseführer zu einer der wenigen autorisierten Bhrigu-Palmblattbibliotheken Indiens.

3 Responses

  1. fke030

    „Vielen Dank für Ihren Kommentar, Feliz.
    Sie haben recht, wir sollten die Einleitung aus dem Artikel entfernen. Die Einleitung stammt nicht von Shri Sarvabhavana Prabhu, ich glaube er hat sie noch gar nicht gelesen. “

    Dann tun Sie es doch bitte auch !!

    Antworten
  2. Elvira Polzer

    Vielen Dank für Ihren Kommentar, Feliz.
    Sie haben recht, wir sollten die Einleitung aus dem Artikel entfernen. Die Einleitung stammt nicht von Shri Sarvabhavana Prabhu, ich glaube er hat sie noch gar nicht gelesen.

    Antworten
  3. Feliz

    Zitat aus der Einleitung: „Alle acht Glieder des Yoga bilden eine untrennbare Einheit. Die acht Stufen bauen aufeinander auf und stellen verschiedene Schwierigkeitsgrade dar. “

    Diese Aussage ist falsch. Zudem wurde sie offensichtlich aus dem Internet kopiert, exakt diese Sätze finden sich in einer alten Artikelversion des Artikels „Patanjali“ in der deutschsprachigen Wikipedia (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Patanjali&oldid=62316787).

    Es gibt im Yogasutra nach Patanjali keine verschiedenen, hierarchischen „Schwierigkeitsgrade“. Es sind auch keine „Stufen“. „Ashta anga“ bedeutet acht Glieder, wie die Teile eines Körpers, eines Organismus. Keines dieses Glieder kann ohne die anderen existieren. Es handelt sich nicht um acht Stufen, die nacheinander durchlaufen werden. Man kann anhand dieser acht Glieder auch nicht die eigenen Fortschritte auf dem Yoga-Pfad messen, nach dem Motto, jetzt habe ich Yama und Niyama absolviert und beginne mit Asana, dann Pranayama. Und eins ist schwieriger als das andere. Das wäre ein völlig falsches Verständnis.

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