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„Der Mensch ist wie ein Hauch; seine Tage sind ein vorbeifliehender Schatten.“

(Psalm 144,4)

 

In seinem Buch „Existentielle Psychotherapie“ weist Irvin D. Yalom darauf hin, dass Psychotherapie unvollständig bleibt, wenn sie nicht die Zusammenhänge der psychopathologischen Symptome mit der ständig unter der Oberfläche des Bewusstseins vorhandenen Angst vor dem Tod einbezieht. „Der Tod ist eine ursprüngliche Quelle der Angst, und als solcher ist er die primäre Quelle der Psychopathologie“ (Yalom). Die Urangst, die letztlich hinter allen anderen Ängsten steht, ist die Angst vor dem Tod als Angst vor dem „Nichtsein, das Nichtsein bleibt“ (P.Tillich). Ihre Abwehr und Verdrängung verstellt die Öffnung zur Fülle des Lebens und blockiert das Selbst- und Welterkennen.

In der Welt zu sein ist „Sein zum Tode“, schreibt Martin Heidegger in seinem Buch „Sein und Zeit“. Die Gewissheit des Todes begleitet das Leben von Anfang an und löst eine latent vorhanden bleibende Grundangst vor dem Erlöschen im Nichts aus. Diese Angst ist wegen ihrer Unbestimmtheit unheimlich, die auf ein Nichts und Nirgends verweist. In dieser Unheimlichkeit der Angst erleben wir uns ungeborgen in der Welt, ohne ein Zuhause. Wir neigen dazu, vor der Unheimlichkeit und Ungeborgenheit zu fliehen und im alltäglichen Getriebe der Gesellschaft unterzutauchen. „Die…Flucht in das Zuhause der Öffentlichkeit ist Flucht vor dem Unzuhause, das heißt der Unheimlichkeit, die im Dasein als geworfenen, ihm selbst in seinem Sein überantworteten In-der-Welt-sein liegt“ (Heidegger). Wenn wir uns dies bewusst machen können, so können wir aus dem Zustand der „Seinsvergessenheit“ (Heidegger) in den Zustand der Seinsbewusstheit wechseln.

Der in den vorherrschenden Gewohnheiten, in der sogenannten Normalität untertauchende Mensch neigt dazu, vor seiner existenziellen Angst in Egozentrik, Selbstmitleid und Aggressionen gegen konstruierte Außenfeinde und Sündenböcke zu fliehen. Er verschließt sich geistig und emotional. Wir begegnen dieser Verschlossenheit oft in der Therapie. In der Therapie geht es u.a. darum, einen Zugang zu den verschlossenen Räumen der Seele zu finden. Es geht um Öffnung und Selbsttransparenz des Menschen hin zum Grund des Daseins. In der Öffnung zum Grund kann der Mensch entdecken, selbst ein endliches Ereignis des Seins zu sein, und das „ist schon fast das Höchstmaß an Selbstdurchsichtigkeit, die das Dasein für sich selbst erreichen kann“ (Rüdiger Safranski, „Ein Meister aus Deutschland – Heidegger und seine Zeit“).

Es gibt Situationen im Leben, um die wir nicht herumkommen und in denen die existenzielle Grundangst hervorbrechen kann. Karl Jaspers nennt sie Grenzsituationen. Wir sterben, leiden, kämpfen, sind dem Schicksal unterworfen und verstricken uns in Schuld. Im Alltag verschließen wir uns diesen Tatsachen und tun so, als ob sie nicht da wären. „Wir vergessen, dass wir sterben müssen, vergessen unser Schuldigsein und unser Preisgegebensein an den Zufall“ (K.Jaspers, „Einführung in die Philosophie“). Grenzsituationen sind nicht nur Situationen, die Angst und Verzweiflung auslösen können, sondern sie können uns auch aus der Seinsvergessenheit, aus der Überanpassung an die gesellschaftliche Scheinsicherheit aufwecken und dazu führen, unser Leben zu verändern. Das Paradoxe der Veränderung besteht darin, dem Unausweichlichen als einem vom Schicksal Geschickten zuzustimmen. Wer seine Verletzbarkeit, Zerbrechlichkeit und Endlichkeit annehmen kann, der kann sich mit neuem Mut dem Leben zuwenden und aus der Angst und Verzweiflung in seine Würde und Kraft kommen.

Arnold R. Beisser beschreibt in seinem Buch „Wozu brauche ich Flügel?“, wie er im Alter von 24 Jahren an Kinderlähmung erkrankte und versuchte, mit dem schweren Schicksal zurechtzukommen, das ihn anfangs in den Abgrund der Verzweiflung stieß. Mit der Zeit lernte er, das, was unumkehrbar war, anzunehmen, und das, was zu verändern war, anzugehen. Ausgehend von dieser Erfahrung entwickelte er die paradoxe Theorie der Veränderung, die in die Gestalttherapie Eingang gefunden hat. Beisser schreibt: „Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist. Veränderung ergibt sich nicht aus einem Versuch des Individuums oder anderer Personen, seine Veränderung zu erzwingen, aber sie findet statt, wenn man sich die Zeit nimmt und die Mühe macht, zu sein, was man ist; und das heißt, sich voll und ganz auf sein gegenwärtiges Sein einzulassen.“  Wenn Gefühle der Angst, Ungeborgenheit, Ohnmacht und Hilflosigkeit hochkommen, hilft nicht ihre Bekämpfung, ihr Wegtherapieren. Vielmehr helfen das bewusste Wahrnehmen und körperliche Spüren der Angst, Ungeborgenheit, Ohnmacht und Hilflosigkeit, das bewusste und achtsame Annehmen dieser Gefühle und das therapeutisch begleitete Hindurchgehen durch sie. Dies führt paradoxer Weise zu einer emotionalen Veränderung und Stärkung.

Wenn wir glauben, die Angst vor dem Nichts und Nirgends nicht auszuhalten, wird sie so schnell als möglich abgewehrt und verdrängt. Wir versuchen, sie mit Hilfe religiöser Vorstellungen zu bannen, – Vorstellungen von der Unsterblichkeit der individuellen Seele, von einem Weiterleben im Jenseits oder von der Wiedergeburt. Wir verwandeln die Angst vor dem Nichts und Nirgends schnell in die Furcht vor etwas Bestimmten, etwa in die Furcht vor den Umständen des Sterbens, vor dem Verlust von Menschen, Tieren und Dingen, an denen wir hängen und die wir im Tod zurücklassen müssen. „Aber letztlich sind die Versuche, die Angst in Furcht umzuwandeln, vergebens. Die Grundangst, die Angst eines endlichen Wesens vor der Drohung des Nichtseins, kann nicht aufgehoben werden. Sie gehört zur Existenz selbst“ (Paul Tillich, „Der Mut zum Sein“). Die Angst vor dem Nichtsein ist die tiefste und am tiefsten verdrängte Angst. Ihr nahe steht die Angst vor dem Schicksal, vor dem Ausgeliefertsein an die Macht des Zufalls. Angst macht dabei die „Irrationalität, die undurchdringliche Dunkelheit des Schicksals. Aber die relative Bedrohung ist nur Bedrohung, weil im Hintergrund die absolute Drohung steht. Das Schicksal würde keine unausweichliche Angst erzeugen, wenn nicht der Tod dahinter stünde“ (Tillich).

Manche Psychotherapeuten und Psychiater sehen in der Angst nur ein pathologisches Phänomen, das sie durch Beseitigen heilen wollen. Sie übersehen die in der Sterblichkeit liegende Wurzel der Angst. Die existenzielle Grundangst kann nicht beseitigt werden. „Der Psychiater, der behauptet, dass Angst immer pathologisch sei, kann nicht leugnen, dass die Krankheit in der menschlichen Natur potentiell immer gegenwärtig ist. Er muss dem Vorhandensein von Endlichkeit, Zweifel und Schuld in jedem menschlichen Wesen Rechnung tragen. Unter seiner eigenen Voraussetzung muss er die Universalität der Angst anerkennen“ (Tillich). Die existenzielle Grundangst gehört wohl zum Menschsein dazu. Wir können ihre pathologischen Formen analysieren und mildern. Wir können Verhaltensweisen trainieren, um mit neurotischen Ängsten wie Spinnenangst oder Platzangst besser umgehen zu lernen. Wir können die Übernahme von Ängsten aus dem Familiensystem aufdecken und bei den Personen lassen, von denen wir sie übernommen haben. Wenn uns die Angst so überschwemmt, dass wir handlungsunfähig werden, können wir uns Psychopharmaka verschreiben lassen, die helfen, sich wieder angstfreier in der Umwelt bewegen zu können. Am Grund der Existenz aber bleibt die Angst vor dem Nichts und Nirgends. Es geht nicht, diese existenzielle Angst wegzutherapieren, so wie es nicht geht, unsere Sterblichkeit wegzutherapieren.

Aus unserer Sicht geht es vielmehr darum, sich der Grundangst in der Offenheit hin zum Sein oder – in der religiösen Sprache – zum Göttlichen, das Leben gewährt, trägt und wieder zurücknimmt, zu stellen. In diesem Urgrund sind wir angenommen und genau richtig, so wie wir sind. Eine Methode unseres Ansatzes ist das Sich-Spüren im Hier und Jetzt und das Wahrnehmen und Zulassen von allem, was auftaucht. „Lass die Vergangenheit ruhen und vergiss die Zukunft. Ich werde dich das Jetzt lehren“, heißt es im buddhistischen Majjhima-Nikaya. Gelingt dieser Prozess, der mit Meditationen und körpertherapeutischen Übungen unterstützt werden kann, so kann sich der Nebel der egozentrischen Anhaftungen an die Daseinsgebilde lichten und wir können jenen Zustand erreichen, der im apokryphen Thomas-Evangelium mit den Worten von Jesus benannt wird: „Seid Vorübergehende.“ In diesem Satz ist unsere Vergänglichkeit, dass wir nur für eine kurze Zeitspanne Gäste in der Herberge des Diesseits sind, vom Zustand des passiven Erleidens in den Zustand des bewussten Annehmens gewandelt. Seid achtsam Vorübergehende in der Welt, – in Einklang mit eurer Seele. Die Seele ist still und weiß von der endlichen Existenz, vom Kommen, Aufblühen und Vergehen. Sie weiß vom Gegebensein des Lebens und von dessen Aufgehobenheit im unergründbaren Urgrund. In der Seele sind wir mit dem Unergründbaren verbunden. Im Annehmen des Aufgehobenseins im Unergründbaren kommen wir mit unserer Seele in Einklang und können inneren Frieden finden.  

Eine Antwort

  1. Isabel Gempel

    Ich finde den Beitrag sehr interessant und eigentlich auch nicht so
    ‚beängstigend‘, wenn ich davon ausgehe dass Informationen eher
    beruhigend auf mich wirken.

    Es verwundert mich immer wieder wie manche Autoren das doch oft
    Tabuthema so anschaulich beschreiben und so treffende Worte finden
    für das oft unaussprechliche.

    Der Tod wird sicher in jedem etwas anderes auslösen, aber für mich
    heute war der Artikel hilfreich.

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