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Auf dem Weg des Aufwachens begegnen wir Gefühlen und betreten Räume, die für uns befremdlich, unangenehm, wenn nicht sogar beängstigend sind. Wenn wir die Krücken des Verstandes langsam loslassen und der Leere und inneren Bodenlosigkeit begegnen, kann das zutiefst erschreckend sein. Ein Erfahrungsbericht von Annegret Torspecken mit der Methode, die der spirituelle Lehrer Christian Meyer lehrt.

 

Seit sechs Wochen mache ich das nun schon, und jetzt tut sich endlich was! Zuerst musste ich mich daran gewöhnen, durch den Mund zu atmen. Wie ungewohnt! Alles trocknet einem ein, ich musste husten, weil keine Feuchtigkeit in meiner Luftröhre war. Aber jetzt habe ich mich wohl daran gewöhnt, oder besser: Der Körper hat sich daran gewöhnt. Ich habe ja jetzt gelernt zu differenzieren. Ich bin nicht mein Körper, ich bin auch nicht meine Gefühle – und erst recht nicht meine Erinnerungen und meine Muster und was da alles sonst noch hochkommt, wenn man so da sitzt auf dem Fußboden im Meditationszentrum und vor sich hin atmet.

Gott sei Dank ist da diese unglaublich sanfte Stimme von Christian Meyer, die einen führt und trägt wie ein großer Engel oder Meister. Durch die Dunkelheit, durch die Gedanken, die auftauchen, und sogar durch die Schmerzen oder was sonst noch aufsteigt. Wie zum Beispiel uralte Gefühle und Erinnerungen, die ich doch schon längst abgelegt hatte. Nein, denkste, die sitzen in der Muskulatur. Jetzt, nachdem ich eine Zeitlang gelernt habe, wie man atmet und dass man nicht sein eigener Körper ist, kommen – Gott sei Dank, nach Meyer – diese Uraltgefühle auch hoch. Sicher „Gott sei Dank“, aber eklig ist es schon.

Der Weg dorthin ist völlig unspektakulär: „Schließe deine Augen und gehe mit deiner Aufmerksamkeit durch deinen Körper. Nimm wahr, was ist. Fange bei den Füßen an, gehe weiter nach oben; es ist wichtig, dass du nichts tust….“ Und auf einmal geht alles ganz schnell: Eben waren wir noch bei den Füßen, dann schon im Beckenbereich, und jetzt soll ich mir den gesamten Körper auf einmal vorstellen. Und ja, da ist es tatsächlich. Ich nehme das Fließen der Lebensenergie wahr, die Lebendigkeit, die da ist, obwohl ich ganz still bin. Jetzt auch noch den Körper loslassen und vor mich platzieren. Und die Gedanken auch… und die Gefühle ebenso, und dann kommt diese nahe, gefühlvolle Stimme mit der alles entscheidenden Frage aus dem Off und fragt völlig unerwartet: „Wer bist du?“  Selbst wenn sich dazu jetzt noch ein Gedanke bildet, trägt mich alleine diese Frage in die Unendlichkeit des Universums, das ist wirklich außergewöhnlich, völlig abgefahren.

 

Ich bin nicht mein Körper

Ich dachte zunächst, das ist sicherlich der Schock, weil ich nicht damit gerechnet habe. Aber nach etlichen Malen, bei denen ich auch zu Hause mit Meyers CD arbeite, kommt es wieder und wieder: „Ich bin mehr als mein Körper, bin mehr als meine Gedanken und Ideen von mir selbst und mehr als meine Erinnerungen und Gefühle.“ Da gibt es etwas, das größer ist als all das. Größer und weiter, und wenn Christian dann auf die nicht vorhandenen Grenzen rechts und links aufmerksam macht – o je. Da kann einem schon angst und bange werden. Aber in seinen regelmäßigen Treffen stellen die Leute immer wieder genau diese Fragen. „Was ist mit der Leere, die da auftaucht?… Was muss ich tun, wenn da nichts mehr ist…“

Mit einer Engelsgeduld beantwortet Christian Meyer all diese vielen, vielen Fragen immer und immer wieder. „Es ist nicht bedrohlich. Die Stille ist immer da. Die Liebe, die auftaucht, unpersönlich nehmen. Das ist ganz wichtig, weil die Gefühle, die da sind, die tieferen Erfahrungen, dazu tendieren, sich schnell ein Objekt zu suchen. Man hat dann das Gefühl, dass die Erfahrung oder das Gefühl leichter handhabbar ist, wenn man sie auf etwas Bestimmtes richtet.“

Und dann kommt da plötzlich wieder der Körper ins Spiel. Hier ein Zipperlein und dort ein Schmerz melden sich, und zur zurselben Zeit kommen einem auch die alten Geschichten in den Sinn. Männer, Situationen, was auch immer man für Themen hat. Christian dazu: „Ja, manchmal hat der Schmerz schon ein Thema. Aber wenn man sich ein Thema richtiggehend sucht, dann bedeutet das oft, dass man dadurch das Gefühl mehr unter Kontrolle haben will. Die Liebe, die unpersönlich ist, auszuhalten, ist oft nicht einfach. Einfach schon, aber nicht so leicht, weil sie so gewaltig ist. Und wenn man dann ein Objekt, eine Person oder irgendetwas sucht, dann scheint sie handhabbarer zu sein. Dann kann man sie ausagieren. Sie erscheint dann auf etwas bezogen, auf etwas gerichtet und dadurch mehr unter der eigenen Kontrolle. Und sie ist innerlich nicht mehr so weit und erfordert weniger Hingabe, nicht dieses völlige Öffnen in diese Leere, die diese unpersönliche Erfahrung von Liebe und Stille auf einmal ist. Sich dem hinzugeben erfordert ein größeres Loslassen, ein Aushalten dieser ungeheuren Energie. Die unpersönliche Liebe hat eine viel größere Energie, als wenn man sich ein Objekt für sie gesucht hat. Die Liebe richtet sich natürlich auch auf alle Formen, aber deswegen, weil alle Formen Liebe und Unendlichkeit sind.“

 

Wissenschaft des Aufwachens

Damit hatten wir jetzt nicht gerechnet, oder? Kein Mitleid, keine Bewertung, keine alte Geschichte, die wir berichten und zerpflücken können. Nur das Durchschreiten von – ja, von was eigentlich? Den Grenzen des Körpers? Bin ich jetzt reines Bewusstsein, wenn ich da so liege?

Ich folge den Anweisungen der sanften Stimme auf der CD, die immer nachdrücklicher und lauter wird. Ich komme wieder ins Hier und Jetzt und trage – wie mir die Stimme sagt – diese Stille weiterhin in mir, was ich tatsächlich auch spüre.
Ja vielleicht stimmt das: Es gibt da etwas, was bleibt, nachhallt, mich von innen her berührt. So, als wenn der riesige grenzenlose Raum immer noch in mir ist und mich – mmh –  hält?!

Aber was kommt nach der Leere, was ist, wenn ich plötzlich ohnmächtig werde oder aus meinem Körper austrete und sterbe?
Christian Meyer hat sozusagen eine Wissenschaft aus dem Prozess des Aufwachens gemacht. Ein Programm, das jeder, der Interesse daran hat, durchlaufen und befolgen kann  und mit dem er – wenn es so sein soll – dann auch aufwacht. Jedenfalls geschieht das in seinen Retreats sehr oft. Er nennt sein Programm „die sieben Schritte zum Aufwachen“. Christian Meyer dazu: „Diese Schritte sind Entwicklungsstufen bis hin zur vollständigen Erleuchtung, dem Aufwachen in der nicht-dualen Wirklichkeit. Sie stellen das tatsächliche Potenzial des Menschen dar und sind zugleich der geheime Impuls der Evolution. Er äußert sich als Sehnsucht nach Wachstum, Ganzheit und Erkenntnis. Dem wirklich zu folgen erfordert gleichzeitig, der Angst vor dem Tod, dem Alleinsein und der inneren Bodenlosigkeit zu begegnen.“

 

Die Stille des Verstandes

Da haben wir es wieder, alles okay, auch meine Angst vor der Ohnmacht, vor dem Sterben.
Das gilt letztlich für alles, wie Meyer ausführt: „Die Tiefe ist da und du bist vollkommen bereit und gibst dich hin. Du darfst dich entspannen, musst dich nicht anstrengen mit der Welt. Alles, was wir nicht unter Kontrolle haben, können wir sowieso nicht beeinflussen. Wenn es nicht geschehen will, wird es nicht geschehen. Aber auch alles, was wir gestalten und tun können, das tun wir nicht selber, sondern das Leben selbst. Wir sind nur diejenigen, die zurücktreten, damit das Leben wirklich Platz und Raum hat.“
Puh, das geht tief, oder? Das berührt und macht Hoffnung: Nicht anstrengen mit der Welt, loslassen und aufgefangen werden. Aber halt, was ist dann? Nach dem Aufwachen sozusagen?

Wer zahlt meine Miete, werde ich zum Vagabund, Bettler, Obdachlosen, komme in die Klapse oder das andere Extrem: Muss ich dann auch Satsangs geben oder Psychotherapeut werden? Kommen Leute zu mir und fragen mich Dinge, die ich nicht beantworten will, muss ich mich dann auf den Berg in ein einsames Gehöft zurückziehen, so dass ich nicht mehr gefunden werde? Mein Gott, sind das wirkliche Fragen oder spricht da meine Angst?

Dazu fällt mir die Geschichte eines Erleuchteten aus dem Zen-Buddhismus ein, der das Thema so auf den Punkt brachte: „Vor der Erleuchtung Holz schlagen und Wasser schleppen, nach der Erleuchtung Holz schlagen und Wasser schleppen.“ Also vielleicht doch alles nicht so wild? Christian Meyer dazu: „Der Kern des aufgewachten Seins ist die Stille des Verstandes. Und die bewirkt, dass du einen unendlichen Frieden wahrnimmst. Solange der Verstand am Plappern ist, hat man einfach keinen Zugang dazu. Und diese Stille des Verstandes wird dadurch erzeugt, dass aufgrund des Aufwachens die Illusion des Ichs wegfällt, das alles auf sich bezieht und mit jeder einzelnen Wahrnehmung ein Gestrüpp von Gedanken erzeugt: „Ich muss das machen und das nicht, das ist für mich gut, das nicht“. Wenn das Ich plötzlich wegfällt, dann fallen auch achtzig Prozent der Wahrnehmung weg! Du bist auf eine unpersönliche Weise involviert und berührt von dem, was geschieht. Nur durch das Wegfallen dieser Ich-Struktur, die eine Gedankenkonstruktion ist, kann diese Stille des Verstandes auftauchen und dadurch unendlicher Frieden, Liebe und Glückseligkeit. Alle Aufgewachten stimmen überein, dass der Frieden, der Gleichmut und die Leere dauerhaft präsent sind und die Glückseligkeit dich in unterschiedlichem Maße überflutet. Auf die Frage, ob das nun Erleuchtung sei, hat Ramana Maharshi meistens geantwortet: „Wache auf, dann findest du es selber heraus, das ist viel spannender für dich.“


Sieben Schritte zum Aufwachen

  1. Deine Wünsche und Ziele erkennen – den Sinn und das Ziel deines ­Lebens entdecken.
  2. Annehmen, was jetzt ist – die ­Bereitwilligkeit, alles zu fühlen und zu erfahren, den Schmerz ebenso wie die Freude.
  3. Die Position des Zuschauers, der ­Beobachterin einnehmen: Du siehst das ganze Drama deines Lebens.
  4. Die Muster deines Lebens und deine Charakterfixierung verstehen gemäß Enneagramm*.
  5. Die Identifikation mit dem Körper aufgeben – der Körper wird durchlässig und energievoll.
  6. Die Vergangenheit beenden – dich aussöhnen mit dem, was war, deine ganze Energie für die Gegenwart verfügbar machen.
  7. Dem Tod und der Angst begegnen und das entdecken, was keinen Anfang und kein Ende hat.

 

*Christian Meyer bezieht sich hier auf das spirituelle Enneagramm, wie Eli Jaxon-Bear es entwickelt hat.


Abb: © frenta – Fotolia.com

3 Responses

  1. WellenbeobachterHH

    Man wacht auf, wenn das „Ich“ wegfällt?

    Wie wäre es denn mit der Transformation vom „Ich“ zum „Selbst“?

    @the xx

    Freiheit ist Emanzipation vom Kapital. Kapital ist die Illsuion, Tauschen sei eine gute Idee. Ist es in Wahrheit nicht unbedingt. Teilen wäre schlauer. Nur, welches Selbst denkt schon über sowas nach? Darin würde echtes aufwachen stecken…

    Antworten
  2. Tina

    Das partielle Erwachen ist ja gar nicht so die Schwierigkeit. So ziemlich jeder spirituell Praktizierende – egal welche Form er auch ausübt – macht auf kurz oder lange die sogenannte Erfahrung des Erwachens. Es ist also kein soooo großes Kunststück (ich meine, 90% der Leser und Leserinnen hier, werden für sich sagen können, diese Erfahrung gemacht zu haben, egal ob mit Yoga, Meditation, Tantra, was auch immer…)

    Spannend wird es jedoch dann, wenn man mit erwachten Geist in die Welt geht und wirkt, weil ansonsten – seien wir doch mal ehrlich – diese ganze Aufwach-Geschichte doch etwas sehr narzisstisches hat: Menschen mühen sich Jahrzehnte ab, um „die Erleuchtung“ zu erlangen – und damit meinen sie in der Regel einen Zustand zu erlangen, der sie vom Schmerz des Lebens befreit. Eine Wohlfühl-Erleuchtung sozusagen. Wie sagte da ein spiritueller Lehrer: Ich kann jederzeit in einen Zustand der Glückseligkeit gehen…
    Und hier liegt die Gefahr: Sich in der Gier nach einem endlosen Zustand der Glückseligkeit zu verlieren (oder Stille, Frieden…)

    Eine narzisstische Spiritualität für eine narzisstische Gesellschaft? Zumindest sollte man darüber mal nachdenken…

    Tina

    Antworten
  3. the xx

    gute idee anegreet

    ich würd es um einen punkt ergänzen: du bist nicht deine gesellschaft.

    das mag überflüssig klingen, aber das kapital, blöde mechanismen, interessieren sich nicht für unsere würde, tiefe und wärme. dieses ich, ist ja auch sozial und entsprechend auch wirtschaftlich erschaffen worden, von unseren bekannten, freunden, verwandten und jobs. wenn es kein anfang und kein ende gibt, heißt dass, dass man dann durch einen endlosen alptraum rennt, weil die mehrheit der menschen sich nicht an größere entscheidungen rantraut?!?!

    yoooo.
    wie weit geht das nun?

    wie erleuchtet kann man mit dieser wut umgehen? wir haben heutzutage viel häufiger die chance freier zu wählen und schräge lebensweisen demokratisch nebeneinander zu akzeptieren.

    zum einen find ich blöd, dass der „Wunsch nach vollständiger Freiheit und Selbstverwirklichung“ dann leider doch eine teure preisliste hat:

    Seminargebühr
    470 Standard oder alternativ 550 Solidaritätsbeitrag,
    350 Ermäßigung auf Anfrage an stipendium@zeitundraum.org
    780 für beide Sommerretreats zusammen
    600 bei Ermäßigung
    Kosten für die Unterkunft und Verpflegung:
    689 im EinzelZ | 494 im DoppelZ | 390 im 3-BettZ,
    390 im Familienzimmer | 338 im Zelt /Wohnmobil.
    Für ÜN+VP bitte direkt beim Tollense-Lebenspark anmelden
    info@tollense-lebenspark.de | 03962-22 18 51 | Die Verpflegung ist
    vegetarisch, aus vorwiegend regionalem und eigenem Anbau.
    Frühzeitige Buchung der Unterkunft ist ratsam

    vollständig freiheit wäre so eine art weltrevolution, wenn ich die für 500 oder mehr euro bekomme nehme ich gleich 3 und vielleicht wenn es geht dazu noch zwei döner von erleuchtetem schlachtvieh.

    freiheit ist immer wieder partiell bzw. wäre es wichtiger eben auf diese therminologie der freiheit zu scheißen und entsprechend zu wissen dass ich dann auch in’s gefängnis bereit bin zu gehen, weil ich weiss dass es ein stück weit egal ist, man muss es nicht wie charles mansion machen, aber warum nicht pferde, oder besser pferdestärken damit klauen?

    oder zumindest auch die theorien quasi durchzumeditieren bis da nix mehr is, also eine postmoderne dekonstruiernde praxis zu entwerfen, denn bestimmt ist es ätzend, toll high tief zu gehen und dann in die eigene city zurückzugehen und langsam von dem aufgesogen zu werden, was man unbedingt verlassen wollte!

    und dit passiert automatisch glaube ich. deswegen möchte ich empfehlen egal ob du papa jjjjeeeeeeeesus oder sonstewem folgst: spiritualität ist scheiße weil es einem auch ein schmerzbewußtsein eröffnet mit dem man dealen muss und da würd ich sagen reicht es nicht aus nur zu meditieren. spiritualität ist ein „weg des sterbens“ um danach leben zu können musst du schauen wie du eine revolutionäre liebe oder was auch immer an den start bringst, eine, von der andere auch ne menge haben, zumindest besteht die möglichkeit dazu!

    das kapital interessiert sich nicht für unsere würde!
    „und das ist auch gut so“
    amen

    °; )

    Antworten

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