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Aufgefordert, einen Beitrag zum Thema „Genießen macht glücklich“, bezogen auf Kaffee, Tee oder Schokolade, zu schreiben, entstand vor meinem inneren Auge zuerst das Bild eines Caféhauses, wie dieses zu Beginn des vorigen Jahrhunderts existierte und in dem Zeitungs-, Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte geschrieben wurde. Ich hatte vor vielen Jahren eine Promotionsschrift über einen Kreis junger Prager Autoren verfasst, zu denen Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Max Brod und Franz Kafka gehörten und in deren Tagebuchaufzeichnungen und Briefen Kaffee und Caféhaus den Rang nachgerade eines Paradieses einnahmen, in das man aus dem tristen oder hektischen Alltag in eine tiefe Gemeinsamkeit und Gemeinschaft floh, beargwöhnt von den Eltern, die in den Etablissements Orte des Müßiggangs und in ihren Kindern gewissermaßen missratene Geschöpfe sahen. Ich selbst hatte all diese Cafés in Prag, Wien und Berlin besucht und war in ihnen für wenige Augenblicke dem erlegen, was Friedrich Schlegel als das „einzig gebliebene Fragment aus dem Paradies“ bezeichnet hatte, der reinen Anschauung – der „Faulheit“. Die längst verstorbenen Autoren waren mir nahe. Ich war weder im Gestern noch im Heute und verspürte ein großes Glück. Wenn der Augenblick Ewigkeit ist, wie es in Goethes Vermächtnis heißt, und eben dieser Augenblick ein höchster Genuss, in dem nicht zuletzt sein Faust mit dem „Verweile doch“ zu ruhen und auszuruhen sucht nach all den vergeblichen Versuchen, auf rationale Weise letzte Kenntnis und Erkenntnis zu erlangen, so spürte ich in jenen Augenblicken diese Art von Ewigkeit. Die meisten der damals besuchten Caféhäuser hatten sich im Laufe der Jahrzehnte offenbar wenig verändert. Mobiliar und Gäste schienen, abgesehen von ihrer Kleidung, dieselben wie auf den alten Fotografien. Die Zeit war, so hatte es den Anschein, stehen geblieben. Zu diesen ersten, unmittelbar in mir entstandenen Erinnerungen im krassen Gegensatz traten bald Bilder des in Mode gekommenen Coffee Shop, in dem – nomen est omen – Kaffee, Tee oder Schokolade zuvörderst verkauft und gekauft und nicht unbedingt getrunken werden und in dem der „Coffee to go“ den hektischen Konsumenten wohl nur vorbereiten und konditionieren soll auf den „Wine to run“ und die „Cigar to bike“. Sogleich bewusst wurde mir jedoch auch, dass in meiner persönlichen Abscheu vor den mit Kaffee, Tee oder Schokolade – bestenfalls ohne Eis –, gefüllten Plastik- oder Pappbechern, die wie Fackeln des Zeitgeistes spazieren getragen werden, eine unzulässige Vereinfachung liegt, ich gewissermaßen Schwarz/Weiß male und das auf uns gekommene amerikanische Kulturgut des auf neue Weise Kaffeetrinkens verdamme, als seien wir ein Opfer dunkler Mächte. Die zu Studienzwecken (und um mich meiner unsinnigen Vorurteile zu entledigen) arrangierten Besuche größerer und kleinerer Caféhausketten wie Balzacs & Co. indes haben mich eines Besseren belehrt. Denn hier wird auch im Sitzen getrunken. Es wird gelesen, telefoniert und geflirtet. Ich wurde Zeuge eines Vorstellungsgesprächs um eine Praktikantenstelle, einer handfesten Standpauke, die ein Vater seiner Tochter hielt, weil diese ihre Handyrechnungen nicht bezahlt und dafür einen Schufa-Eintrag bekommen hatte. „Das ist in Deutschland wie ein Todesurteil, meine Liebe“, rief er, während einen Tisch weiter und während die Tochter nach diesen Worten in Tränen ausbrach, eine Gruppe Japaner jedweden Alters von ihren Digitalkameras Stadtansichten löschte. Ein junger Mann ging von Tisch zu Tisch und bot den Gästen eine seiner Obdachlosen-Zeitungen an. Hier ist jeder unter vielen und dennoch für sich, allein, doch irgendwie aufgehoben. „Geselligkeit als Spielform einer Gesellschaft bestätigt“, so Ernst Bloch, diese Gesellschaft „noch in der Flucht“. … bleibt allein die Frage: hinein ins Paradies? oder aus diesem heraus?

Bild: Das damals (17. Jhd) neue Trio anregender Getränke ohne Alkohol: Kaffee, Tee und Kakao

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