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Sie sind hochgelobt und up-to-date: Soziale Netzwerke und Social Commerce. Doch was sind und leisten sie überhaupt? Fröhlich-bunte Online-Welt mit „Products with Love“ im Angebot oder Ausnutzung und Verramschung der eigenen User? Wir werfen einen Blick auf die unbekannten Schattenseiten der Netzwelt und den Handel mit privaten Daten.

StudiVZ, Facebook, Myspace, Xing, Stayfriends, Spreadshirt, Etsy und DaWanda – bekannte  Namen von äußerst erfolgreich tätigen Firmen im Internet, die Gleichgesinnte zusammenbringen. Ob Online-Kochbuch, innovative Shopping-Seite oder virtueller Treffpunkt für alte und neue Bekannte – Social Network ist einer der Trendbegriffe unserer Zeit. Das Netzwerken betrifft die  unterschiedlichsten Interessengebiete. Allen Projekten gemein ist aber, dass sie von der Gemeinschaft der Menschen leben, die sich auf der jeweiligen Plattform treffen und austauschen.

Im Laufe der letzten Jahre haben sich – neben all den wunderbaren Eigenschaften, die diese Internetseiten bieten – aber auch  zwei negative Dinge herauskristallisiert: Es gibt immer wieder Firmen, die durch die aktive Beteiligung ihrer Mitglieder bekannt werden und diese nach erfolgreicher Etablierung fallen lassen, und User, die sich der Risiken für ihre privaten Daten in der Netzwelt nicht bewusst sind. Denn das Internet hat – dank Suchmaschinen und jahrelang zurückreichenden Archiven – ein großes und langanhaltendes Gedächtnis.

 

Social Commerce – Happy Shopping für die Seele?

Man unterscheidet grob zwischen Seiten, die Social Commerce anbieten, und Seiten, die Social Network betreiben, natürlich gibt es auch Mischformen. Mit Social Commerce – das Wort “Kommerz” impliziert es deutlich – ist ein wachsender Zweig des Online-Handels gemeint. Der zentrale Punkt, der die Besonderheit dieser Einkaufsmöglichkeiten ausmacht, ist, dass man nicht einfach industriell vorgefertigte Produkte erwerben, sondern diese auch personalisieren lassen, aktiv mit designen, bewerten, in Lieblingslisten eintragen, Empfehlungen aussprechen und mit anderen Kunden (und teilweise auch Dienstleistern) diskutieren kann. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf der Community der User und den Beziehungen untereinander.

 

DaWanda – Produkte mit Liebe?

Network_DaWanda.jpgNeben Etsy, Spreadshirt und im Hinblick auf die verwendete “Social Software” auch in Ansätzen Ebay, ist das blühende kleine Unternehmen DaWanda aus Berlin ein Beispiel für Social Commerce in Reinform. Die Firma – vor gut zwei Jahren gegründet – wirbt groß damit, dass man auf dieser Plattform nur “Products with Love” kaufen kann. Industrielle Güter sind vom Handel ausgeschlossen, die Gründer Claudia Helming und Michael Pütz bieten mit ihrer Webseite jedem, der selbst Dinge herstellt, die Möglichkeit, (noch) kostenfrei einen eigenen Shop anzulegen und gegen Provision auf ihren Seiten zu verkaufen. Mit jedem ist allerdings wirklich jeder gemeint – vom Künstler, Goldschmied oder Kunsthandwerker bis hin zur bastelwütigen Hausfrau, die ihre Plastikblumengestecke an den Mann bringen will. Eine tolle Idee, damals neu in Deutschland, begeistert von den Medien aufgegriffen und hochgelobt. Eifrig wurde das Banner “Social Commerce” hochgehalten, Produkte mit Wert und Liebe hergestellt. Die Mitglieder der ersten Stunde engagierten sich sehr stark persönlich, machten kostenlos Werbung für dieses neuartige Portal und initiierten etliche Projekte, versehen mit viel Herzblut.

Und im Forum – dem Rückgrat der sozialen Vernetzung und der Feedback-Möglichkeit, die das Konzept mit ausmacht – rückte man zusammen. Freundschaften, Geschäftsbeziehungen, kreative Ideen entstanden. Doch in Charlottenburg erlebte man Anfang 2008 – nachdem Burda einiges an Geld in dieses Startup investierte hatte – anscheinend geistige Höhenflüge, die zu einem Eklat in der angeblich so glücklichen Gemeinschaft führten. Hatte man vorher noch lächelnd heile Welt mit den engagierten Mitgliedern gespielt, war man in der DaWanda-Schaltzentrale anscheinend plötzlich der Meinung, nicht mehr von den Leuten abhängig zu sein, die sie durch ihre unentgeltliche Arbeit überhaupt erst groß gemacht hatten.

 

Maulkorb für die Community

DaWanda legte plötzlich ein seltsames Geschäftsgebaren an den Tag. Anfragen wegen einer von DaWanda initiierten Gutscheinaktion, über die sie aber die betreffenden Verkäufer nicht einmal unzureichend informiert hatten, wurden entweder gar nicht oder nur sehr patzig beantwortet. Die zunächst hochgelobten und aktiven Mitglieder der ersten Stunde wurden im Forum erst ignoriert und – nach hartnäckigem und unbequemem Nachfragen – schließlich gesperrt. Eine extreme Maßnahme. Selbst neueren Nutzern, die nur objektiv zwischen den Parteien zu vermitteln versuchten, wurde kommentarlos sofort die Möglichkeit genommen, weitere Beiträge einzustellen. Eine einfache, aber wirksame Methode, Menschen einen Maulkorb zu verpassen und unliebsame Fragen zu unterbinden. Als dies alles nichts half, Leute sich im Forum und in ihren Weblogs (tagebuchartige Einträge auf speziellen Internetseiten) über diese Willkürmaßnahmen beschwerten, bei der Community die Empörung und die Zahl der gesperrten Verkäufer wuchs, liefen plötzlich die Telefone heiß. Die Geschäftsführerin Frau Helming rief höchstpersönlich alle renitenten Mitglieder an, um sie wieder auf Linie zu bringen. Bei diesen telefonischen Verhören wurde auch nicht mit kreativ-abfälligen Bezeichnungen für die sonst so hochgeschätzte Kundschaft gespart. Wer nicht spurte und augenblicklich die Seite wechselte, blieb gesperrt. Viele Mitglieder schlossen daraufhin ihre Shops und kehrten dieser sozialen Plattform, die sie mit aufgebaut hatten, den Rücken.

Ausverkauf der User

 

Network_GeldHerz.jpg

Interessant ist auch der Fall der CDDB (Compact Disc Database, heute Gracenote) Ende der Neunziger. Was als freies Datenbankprojekt zur Erfassung von Informationen über CDs (Titel, Interpret usw.), mit der Beteiligung ungezählter Privatpersonen begann, wurde irgendwann für die freie Nutzung gesperrt und kostenpflichtig gemacht. Die Gemeinschaft, die selbst die Daten geliefert hatte, wurde quasi ausgesperrt.

Auch “Marions Kochbuch”, eine riesige Rezepte-Datenbank im Internet, hat eine vergleichbare Geschichte. Die Betreiber Marion Knieper und ihr Ehemann leben inzwischen von den Werbeeinnahmen der Seite und dem Geld, das sie aus gewinnbringenden Klagen gegen die unerlaubte Nutzung ihrer Rezepte einnehmen. Das Forum, in dem registrierte User regen Rezepteaustausch betrieben, wurde 2004 geschlossen. Die dort eingestellten Rezepte finden sich nun – ohne Erlaubnis der jeweiligen Hobbyköche – mit geringfügigen Änderungen in der Datenbank wieder.

 

Social Networks – die Gefahren des sozialen Netzwerkens

Network_StudiVZ.jpgDie StudiVZ Ltd. (Studentenverzeichnis – es gibt auch ähnlichnamige Anbieter wie zum Beispiel  SchülerVZ und meinVZ; Facebook bietet einen StudiVZ inhaltlich verwandten Service –) wurde im Jahr 2005 gegründet. In diesem sozialen Online-Netzwerk mit inzwischen über 8 Millionen registrierten Usern, kann man sich kostenlos ein großangelegtes persönliches Profil mit Universität, Studiengang, Hobbys und vielem mehr anlegen, Kontakt mit Freunden und Bekannten aufnehmen, sehen, wer bei wem verlinkt ist und bei verschiedenen  Interessengruppen und den daran angeschlossenen Foren Mitglied werden.

An sich eine hübsche Sache – aber die Betreiber (2007 wurde die StudiVZ Ltd. von dem Konzern Holtzbrinck Networks aufgekauft) haben diesen Service ja nicht aus uneigennützigen philanthropen Gründen in die Welt gerufen, sondern weil er Geld bringt. 

Alltägliche Daten werden – mit Akzeptanz der AGBs durch den Nutzer – unauffällig im Hintergrund gesammelt, gespeichert und in einem größeren Gesamtbild ausgewertet.

Nicht nur das Alter, der Wohnort oder das Geschlecht, auch politische Ansichten, Bildungsstand, sexuelle Präferenzen, der Inhalt des virtuellen Einkaufskorbs und persönliche Vorlieben werden gespeichert, weiterverkauft und für personalisierte Werbung zur Verfügung gestellt. Die Nutzer dieser Netzwerke präsentieren sich selbst als gläserne Bürger – sehr zum Schrecken der mahnenden Datenschützer. Und dies ist bei weitem nicht die verrückte Zukunftsvision eines paranoiden Verschwörungstheoretikers, sondern harte Realität des Menschen im 21. Jahrhundert.

Datenmissbrauch

Zudem gibt es nicht nur gerüchteweise Hinweise auf Sicherheitslücken und Datenlecks, die Dritten freie Hand zum Missbrauch persönlicher Informationen lassen. So endete mehr als nur eine Karriere, bevor sie überhaupt begonnen hat. Viele User mussten feststellen, dass potenzielle Chefs gerne der Neugier nachgeben und über ihre Bewerber im Social Network nachrecherchieren. Da kommt es dann manchmal schlecht, wenn persönliche Präferenzen zu Tage treten. Ob nun ein freundlicher Kommilitone von damals netterweise den eigenen Namen bei einem Schnappschuss von der letzten komatösen Orgie im Studentenwohnheim einstellt oder die aktive Zugehörigkeit zu Gruppen mit Namensgebungen wie  “Bewusst Essen – Bewusstlos Trinken”, “ Studieren? Scheiss drauf, ich werd Pirat!“, “Vier ist bestanden, bestanden ist gut, gut ist fast Eins”, “Fünf Minuten dumm stellen erspart oft eine Stunde Arbeit” oder “Schakke-line, komm wech von die Regale, du Arsch” – keins dieser Beispiele ebnet den Weg zum neuen Traumjob und überzeugt den zukünftigen Arbeitgeber von der Befähigung des dort wiedergefundenen Bewerbers.

Freiwilliger Verzicht auf Privatsphäre

Das Verwirrende hierbei ist, dass die Nutzer dieser Systeme bedenkenlos per Mausklick den AGBs der Betreiber zustimmen und so – um der Freude der Kommunikation und Freundschaftspflege willen – ihre eigene Haut blauäugig zu Markte tragen, während die umstehenden Firmen schon die Messer wetzen. Eine Transparenz, die Angst vor der Zukunft macht – ein freiwilliger Verzicht auf Privatsphäre und geschützten Raum.
Denn eines sollte man bei den hübschen bunten Bildchen auf dem Monitor und zu Zeiten geplanter Bundestrojaner nicht vergessen: Die großen Medienmogule wie Holtzbrinck oder Burda zahlen für das soziale Netzwerk von Menschen, das sich gebildet hat und und das sie für kommerzielle Zwecke nutzen können, nicht für die Software, die jeder einigermaßen begabte Entwickler in einer Woche programmieren könnte. Ihre Investition macht sich vielmehr durch die ungeheure Menge an persönlichen Daten der Netzwerker bezahlt, die nicht nur daraufhin abgeklopft werden, wie man diesen Personen Produkte des eigenen Unternehmens näher bringen kann, sondern oft auch noch frech weiter verkauft werden. Dieses Wissen sollte jeder im Hinterkopf haben, wenn er das nächste Mal versonnen lächelnd auf ein Häkchen klickt, um die AGBs einer weiteren unschuldig blinkenden Webseite zu akzeptieren. 


Weiterführende Links:

Was hinter Facebook steckt  (wenn dies bei Facebook so ist, wird es bei anderen (kommerziell ausgerichteten) Anbietern auch nicht anders sein)

Sehr ausführlicher Essay über die Überwachung  (sollte man lesen wenn man die „Ich hab nichts zu verbergen“ – Mentalität besitzt)

1. Bild: © Franck_Boston-fotolia.com

3. Bild: © Maksim_Godkin-fotolia.com

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