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Das „Cheyenne  Halbblut“ mit deutschen Vorfahren wurde in den 70er Jahren als Autor des Buches  „Die Sieben Pfeile“ bekannt. Er war maßgeblich an der Indianerbewegung der 70er Jahre beteiligt. Elaf H. Funke sprach mit ihm.

Sein: Herr Storm, die Entwurzelung der amerikanischen Ureinwohner von ihrer Heimat, das Leben in den Reservaten, hat seinen Tribut gefordert. Hohe Arbeitslosigkeit und Alkoholkonsum bestimmen das Leben vieler Ureinwohner. Welche Rolle spielt unter diesen Umständen das traditionelle und spirituelle Leben?

Storm: Die nordamerikanischen Indianer durchleben in den Reservaten eine sehr komplizierte Veränderung, die Jugendlichen in unseren Reservaten wissen meistens nichts von indianischen Traditionen und deren Bedeutung. Sie versuchen wie alle anderen Jugendlichen der Welt herauszufinden, was ihre Kultur ist. Wir alle müssen das Wissen um unsere Kultur erlernen, egal, ob wir Deutsche oder Indianer sind. Die Jugend in unseren Reservaten befindet sich daher genauso wie die Jugend in Deutschland in einer komplizierten Lernsituation, sie befindet sich in einer Übergangszeit, und versucht herauszufinden, was in unserer modernen Welt vor sich geht. Schwierigkeiten, wie die schreckliche Verschmutzung und Zerstörung unserer Umwelt sind der Grund für die komplizierte Angst, bei der Jugend der ganzen Welt, auch der Jugend der Ureinwohner Amerikas. Die Frage ist, wie wir uns an die modere Welt anzupassen.

Die Erde ist ein heiliges, lebendiges Wesen. Die meisten modernen Menschen vergegenwärtigen sich nicht, daß sie ein lebendiger Teil dieser lebendigen Erde sind, daß wir uns nicht vom Spirit abtrennen können, von den Tieren, den Bäumen, vom Gras und den Wäldern. Darum reisen Swan und ich um die Welt und reden mit vielen spirituellen Gruppen, Kirchen usw. über diese Dinge.

Das erste, was Swan und ich tun, egal ob wir im Reservat sind, in Berlin, in Israel oder Mexiko: wir setzen uns mit den Kindern und  jungen Leuten zusammen, und erzählen über unsere lebendige, heilige Erde. Wir sagen ihnen, daß es wichtig ist zu wissen, daß die Welt noch nicht zu Ende ist. Das Jahr 2000 kommt auf uns zu und die Menschheit wird überleben. Sie werden überleben und sie sollen Mut fassen und Hoffnung haben. Es  ist völlig  egal, was die Leute sagen, die ihre Geschäfte mit der Angst machen – die Menschheit wird das Jahr 2000 überleben und zwar wohlbehalten.

Viele Menschen in der Welt sind derzeit damit beschäftigt einen Spirit zu finden. Viele junge Deutsche wissen nicht mehr, wie sie den Spirit im eigenen Zuhause finden können,  wenn die alle in die Reservate kommen würden, um den Sonnentanz zu lernen,  würden hier 150.000  Jugendliche sein, das funktioniert natürlich nicht. Genausowenig würde es funktionieren, wenn 150.000 Amerikaner nach Israel gingen, um dort den Spirit zu finden. Wir müssen begreifen, daß der Spirit an einem heiligen Platz genau bei uns zu Hause lebt. Wir müssen unsere Erde zu einem heiligen Platz machen und unser Zuhause zu einem heiligen Land.

Sein: Sie sind der Sohn einer Cheyenne und eines deutschen Einwanderers. Eine Reise nach Deutschland bedeutet also für Sie auch eine Reise ins Land der Ahnen. Wissen Sie, woher der deutsche Teil Ihrer Familie stammt?

Storm: Sie stammt aus dem nördlichen Deutschland, aus dem Gebiet zwischen Hamburg und Danzig. Wir sind auch mit Schweden verwandt, wie viele Deutsche mit dem Namen Storm und Sturm. Ich nehme an, daß ich auch mit dem Schriftsteller Theodor Storm verwandt bin.
 
Sein: Sie wollen auch in Deutschland den Bau des Medizinrades lehren. Wie  sinnvoll ist es überhaupt, Menschen einer hochindustrialisierten Welt spirituelles Wachstum nach indianischer Tradition nahezubringen?

Storm: Vollblut-Indianer gibt es nicht mehr, auch Deutschland ist ein Volk mit gemischtem Blut. Die neuen Menschen sind also die, die wir sind. Die Vergangenheit zu fragen bedeutet, unsere Großmütter und Großväter zu fragen: Wie können wir als moderne industrielle Menschen, die Plastik-Schuhe tragen und Fernsehen schauen, wissen, was Spirit ist.

Das Bauen des Medizinrades ist ein Erinnern der Leute an den heiligen Kreis. Es bedeutet für uns zu lernen, wie all die Dinge der Erde und von Zeit und Raum im menschlichen Wesen funktionieren und wie wir damit umgehen. Schau Dir die Vergangenheit des Medizinrades an. Auch unsere Ahnen haben schon diese Räder gebaut, und die Räder sind wie ein Buch. Du konntest einfach direkt in diese Räder hineingehen und dort beten.

Jeder Stein in diesem Rad repräsentierte etwas vom Spirit, etwas vom Leben. Du könntest also sagen,  daß die Großmutter und Großväter der alten Zeit natürlich nicht nur unsere biologischen Großmütter und Großväter waren, sondern auch die Großmütter und Großväter der Erde, der Luft, des Feuers und des Wassers. Daher haben sie die Räder vor mehr als 2000 Jahren gebaut und daher geschieht das auch in der modernen Welt.

Übersetzung: Dörthe Machul

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