Über ein Leben in der Essenz der Liebe – auch wenn es manchmal wehtut…

von Lena Grabowski

Wenn dich die Liebe ruft, vertiefe dich in ihre Essenz
Der Tempel der Liebe ist nicht die Liebe selbst. Die wahre Liebe ist nicht der Altarraum, sondern das Allerheiligste darin. Verehre nicht den Schmuck, sondern vertiefe dich in die Essenz, in den Duft, der dich berührt und in dich eindringt – das Alpha und das Omega. Wenn du die wahre Liebe entdeckst, ersetzt sie alles andere – das Offensichtliche und das Unergründliche. Zeit und Raum sind ihre Knechte. Rumi

Als ich mit Anfang zwanzig mein erstes psychospirituelles Retreat in der Schorfheide besuchte und mich der damalige Lehrer fragte, was mein höchstes Lebensziel sei, antwortete ich unvermittelt: ein offenes Herz. Er war gerührt und begann zu weinen. Er fragte mich, ob ich wisse, was ich mir da wünsche und was das für mein Leben bedeute. Seine Reaktion hatte ich damals nicht wirklich verstanden, doch begann auch ich zu weinen. Er schob noch eine Frage hinterher: „Wirst du also auch weiterhin lieben, wenn das Leben wehtut?“ Ich spürte, wie sich etwas in mir aufbäumte, der Kloß in meinem Hals größer wurde und ich gerne „nein“ schreien wollte, weil meine Vorstellung von Liebe und dem Leben mit Anfang zwanzig eine ganz andere, eher romantische und zuweilen vielleicht eine illusorische war, dass dann eben „alles in einem freudigen Fluss“ ist.

Doch wie der Begriff schon aussagt: Es war eben nur eine Vorstellung von Liebe und dem Leben. Ich antwortete unsicher, dass ich an die Liebe glaube und mir nicht vorstellen könne, dass sie wirklich wehtun würde. Er lächelte mich an und die Sharingrunde ging weiter. Die Tragweite dieses Dialogs habe ich erst viele Jahre später erfassen können. Ich habe von der Liebe, dem Leben, von liebevollen Erfahrungen und auch schmerzlichen Erfahrungen kosten können, die mein Herz in einer besonderen Weise bewegt haben und dies immer noch tun. Und alles lässt in mir etwas heranreifen, das ich als eine zarte Pflanze beschreiben würde. Und vielleicht ist das Liebe.

Die Essenz der Liebe – Lass es brennen

Der persische Dichter und Gelehrte Rumi sagt in einem seiner Liebesgedichte: Lass dein Herz so lange brechen, bis es sich öffnet. Dieses Gedicht klingt für viele Menschen sehr heftig und kaum zärtlich. Und doch ist es für mich eine wichtige und notwendige Lebensweisheit, die mich durch mein Leben begleitet. Sie sagt mir nicht: Geh und renne ununterbrochen ins offene Messer. Nein, sie erinnert mich daran, dass ich als Mensch immer verletzlich sein werde und mein menschliches Leben angreifbar bleibt. Und doch wird während alledem etwas in mir geschliffen – von Erfahrung zu Erfahrung – wie ein roher Diamant. Wann immer etwas geschieht, das mir wehtut, das gegen meine innere Haltung verstößt, etwas scheinbar Unkontrollierbares, lasse ich es lichterloh in mir, in meinem Herzen, brennen. Und vertiefe mich in alle Gefühle, die in einem verwundeten Herzen aufkeimen können. Gefühle wie Trauer, Verzweiflung, Wut, Hilflosigkeit, Enttäuschung, Unverständnis und vieles mehr.

Begleitet von einem Wunsch, es möge bald aufhören. Und begleitet von unbeholfenen Versuchen, mit psychologischen Techniken, spirituellen Weltbildern und anderen Ansätzen das Ganze erträglicher zu gestalten, es zu verändern, in andere Bahnen zu lenken. Einzig, um dem Brennen in mir zu entrinnen. Es hat für mich mit Liebe zu tun, genau dann dranzubleiben und dem Weg zu vertrauen, selbst wenn es gerade wehtut. Darin drückt sich für mich Liebe aus. In diesem Dranbleiben. Es ist diese beharrliche Kraft in mir, die mir zeigt, wie sehr ich offensichtlich das Leben will, genau so, wie es ist. Darin gedeiht etwas, das ich als Liebe beschreiben würde. Eine Liebe zu mir selbst und zum Leben. Und zu allem, was dieses Leben umfasst. Dem Leben zu vertrauen, sich hineinzugeben, genau dann, wenn es nicht unbeschwert ist und den Finger in unsere Wunden legt, kann eine Tür zu etwas Verborgenem öffnen. Etwas, das uns von innen heraus trägt und sich wie ein heilsamer Balsam über unser Herz legt, während es sich unter all diesen wirren Gefühlen aufbäumt.

Und so lasse ich mich noch zwanzig Jahre später von dem Satz, dass mein Lebensziel ein offenes Herz ist, leiten. Und meine Reise zu dieser Essenz, tief in meinem Herzen verborgen, ist noch nicht vollendet.

Was am Ende zählt

Warum ich gerade in diesem Jahr eine noch tiefere Liebe und auch Dankbarkeit für mein eigenes Leben empfinde, obwohl es so herausfordernd war, möchte ich für euch kurz zusammenfassen. Zwei mir sehr nahestehende Menschen haben sich im Sommer diesen Jahres von ihrem Leben verabschiedet. Mein guter Freund und Patenonkel meiner Tochter ist im Sommer diesen Jahres infolge einer schweren Erkrankung verstorben, die trotz Hingabe an alternativmedizinische, schulmedizinische und spirituelle Heilungsansätze und einem unbändigem Lebenswillen nicht ausheilte. Ein weiterer mir sehr nahestehender Mensch ist genau eine Woche später, ganz plötzlich und unerwartet an einem akuten Herzversagen verstorben. Da es keinerlei Vorerkrankungen oder Anzeichen dafür gab, nicht einmal eine leise Vorahnung, hat es uns alle sehr unvorbereitet getroffen und aufgewühlt.

Hinzu kommt, dass sich mein Vater, zu dem ich eine besondere Verbindung habe, seit diesem Frühjahr mit einer – laut Schulmedizin unheilbaren – Krankheit und gleichsam mit seinem Leben auseinandersetzt. Tiefer und nachhaltiger konnte mich das Leben in diesem Jahr nicht fassen. Auch wenn mir bewusst ist, dass wir uns bereits mit der Geburt dafür öffnen, uns eines Tages wieder aus diesem Leben zu verabschieden, und uns einer Verwandlung hingeben. Und dass es ebenso natürlich ist, dass auch Eltern sich eines Tages aus dem Leben ihrer Kinder verabschieden, da das Leben besonderen Gesetzmäßigkeiten folgt.

Obwohl ich früher viele Jahre in der Sterbebegleitung tätig gewesen bin, haben mich diese mächtigen Themen wie Tod, Sterben und die Möglichkeit, im Leben durchaus auch unheilbar zu erkranken und vorzeitig aus dem Leben auszutreten, in einer enormen Tiefe gepackt und durchgeschüttelt. Es ist die Nähe, die Verbundenheit und die Liebe zu all diesen Menschen, die ein schmerzliches Gefühl des „Loslassen-Müssens“ in mir hervorholten. Mein sonst so natürlicher Zugang zum und Umgang mit dem Tod, all meine Erfahrungen aus der Sterbebegleitung versagten an dieser Stelle. Was blieb, war ein nacktes, verletzliches Herz. Ich ließ die Frage meines damaligen Lehrers in mir erklingen: „Wirst du also auch weiterhin lieben, wenn das Leben gerade wehtut?“ Da war sie wieder. Diese Sache mit dem offenen Herzen und der Essenz der Liebe.

Zum Loslassen gezwungen

Veränderungen und Wandlungsprozesse im Leben sind natürlich. Und wir alle kennen sie. Manchmal erzeugen wir sie bewusst, manchmal packt das Mysterium Leben zu und zwingt uns in solch eine Veränderung. Dann verlieren wir Jobs, Menschen, Umgebungen, die zuvor Teil unseres Lebens waren. Nachdem wir anfänglich mit den Armen gegen den Strom dieser Lebendigkeit gerudert haben, gewöhnen wir uns doch eines Tages daran, akzeptieren die Veränderung und begreifen bestenfalls, wofür sie notwendig war. Dann hat uns das Leben auf eine neue, zuweilen bewusstere Ebene heben können. Doch was, wenn etwas so Unausweichliches wie der Tod anklopft? Uns zum Loslassen zwingt.

Einem Loslassen, das kein „rückwirkend irgendwas anders machen“ ermöglicht. Kein „das können wir ja noch mal nachholen“ erlaubt. Stattdessen Fragen über Fragen, ob ich in diesen Verbindungen alles gegeben habe. Hatte ich aufrichtig geliebt und diesem Menschen das wirklich gezeigt? Hatten wir genügend Zeit miteinander? Habe ich seinem Leben überhaupt gedient? Und auf welche Weise? Seit diesem Sommer lausche ich, wenn ich des Nachts im Bett liege, dem Ticken meines Weckers. Er scheint lauter zu ticken als früher. Jedenfalls kommt es mir so vor. Dann fühlt es sich an, als würde Sand durch meine eigene innere Sanduhr rieseln. Und mir auf einer sehr tiefen und bewussten Ebene schonungslos klarmachen, dass auch mir dieser heilige Tag bevorstehen wird, an dem ich dieses Leben und diese Form verlasse. Und so hat mich das Leben an einer sehr menschlichen Wunde gepackt: Dass es einen Tag geben wird, an dem ich dieses großartige Geschenk zu leben loslassen werde. An diesem Tag wird es einfach kein Zurück mehr geben.

Nichts aus meinem Leben davor werde ich nachholen können. Das, was bis dahin liegengeblieben ist, wird liegen bleiben. Werde ich dann sagen können, ich habe das Leben mit einem offenen Herzen in mir aufgenommen? Es wahrhaft gelebt – und geliebt? Jetzt kann ich nur sagen: Ich bleibe auf diesem Weg, auf eine zutiefst menschliche Weise auch weiterhin dem Ruf einer Liebe zu folgen, die stärker ist als alles Weltliche, Brüchige, vermeintlich Beständige. Eine Essenz der Liebe, die sämtliche menschengemachten Hürden überwinden und das ewige schmerzliche Loslassen überdauern kann. Erlaube ich jenes Brennen in meinem Herzen, so wie auch in diesem Jahr, koste ich in so manchen Augenblicken von diesem Nektar der Liebe, die stärker ist als alles andere. Und in allen anderen Momenten lasse ich mich von dieser süßen Sehnsucht in mir leiten, all jene vom kleinen Ich gebauten Zeit- und Raum-Hürden noch zu Lebzeiten zu bezwingen, voller Hoffnung, mich in etwas Essenziellem zu vertiefen.

Was mich meine Mitmenschen über die Liebe lehren

Zu guter Letzt möchte ich eine kleine Geschichte von einem meiner Klienten erzählen, dessen letzte Therapiesitzung mich an die Kraft jener Liebe erinnert hat. Er hat mich im Juni diesen Jahres aufgrund heftiger Traumafolgestörungen aufgesucht. Zu seinen Hauptsymptomen zählten jahrelange ganzkörperliche, quälende Schmerzen, Gefühle der Einsamkeit und starke Ängste. Seither begleite ich diesen mutigen, wenngleich verwundeten Krieger auf seiner Reise durch das Leben. Die Sitzungen konnten ihm bereits schmerzfreie Lebensphasen und einen bewussten Umgang mit seinen Ängsten ermöglichen. Letzte Woche stürzten ihn die aktuelle Corona-Krise, seine Auseinandersetzung mit der eingeführten 2G-Regel und der gesellschaftlichen Entwicklung, aufwühlende Gespräche mit Mitmenschen und die Infos diverser Nachrichtenkanäle in eine Retraumatisierung. All dies löste enorme Ängste und innere Anspannungen in ihm aus. Er fühlte wieder diese tiefe Verzweiflung in sich, erlebte sich als nackt und verletzlich und dem Leben „hilflos ausgeliefert“.

Analog dazu wuchsen auch wieder seine physiologischen Schmerzen, aufgrund derer er mich damals im Sommer aufgesucht hatte. Wir einigten uns an diesem Tag auf eine verbindende Teilearbeit. Er wollte sich seine tiefen Ängste erschließen. Und sich gleichzeitig wieder sicher und geborgen fühlen in sich selbst. Und, wie er sagte: „Es muss doch etwas Größeres und Mächtigeres geben, das uns Menschen durch diesen ganzen Wahnsinn trägt.“ Und so begannen wir die Sitzung. Er tauchte ein in das Feld von etwas Größerem, das er selbst als Gotteskraft bezeichnete. Tränen flossen über seine Wangen und er stieß ein schmerzliches: „Unglaublich, was man als Mensch so erleben kann“ aus. Sein Leib zitterte, er weinte. Er vernahm berührende Worte in sich: „Fürchte dich nicht“, die sich für einen kurzen Augenblick beruhigend über seine menschliche Seele legten. Mein Praxiskollege im Raum über uns arbeitete gerade mit einem Kind, das plötzlich zu brüllen begann und mit voller Wucht auf etwas einschlug. Ein nahezu perfektes Timing. Ich lud ihn ein, wenn er möge, ebenso hemmungslos und ungefiltert alles rauszulassen, falls da noch etwas in ihm brodelte.

Die Essenz der Liebe

Er begann sich zu winden, zitterte, und sein Leib bäumte sich wie ein wildgewordenes Tier auf. Erst schluchzte er, Tränen flossen wieder über sein Gesicht. Dann begann er wie ein Raubtier zu brüllen, zu fauchen. Bis er sagte: „Gerade fühle ich mich wie ein feuerspuckender Drache.“ Sein Leib wurde groß. Nach einer Weile rief er: „Meine Sinne sind hellwach. Bin total bei mir. Fühle mich wie eine große Raubkatze, die nichts zu befürchten hat.“ Eine nie zuvor dagewesene Lebendigkeit wurde in ihm frei, als könne er mit all seinen Leibeskräften sein Leben in jeglicher Hinsicht verteidigen und sichern. Er eroberte sich ein eigenes Revier, einen Raum, der nur ihm gehörte und in dem er sich zu Hause fühlen konnte. Dieser wunderschöne organische Prozess mündete schlussendlich in einem tiefen und beruhigenden Gefühl von innerer Geborgenheit. Sämtliche Ängste waren vergessen. Tränen der Berührung und der Dankbarkeit rannen über seine Wangen. Dann wurde es still im Raum. Als habe ihn eine tiefe Weisheit urplötzlich heimgesucht, öffnete er unvermittelt die Augen, holte tief Luft und hauchte in die Stille hinein: „Das ist es. Nur die Liebe lässt sich nicht aufhalten!“

Über den Autor

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Lena Grabowski ist als Dozentin und Referentin für humanistische und integrale Psychotherapieverfahren tätig und bildet soziale, psychologische und medizinische Berufsgruppen darin aus. Sie bietet Traumatherapie und traumasensibles Coaching für Werte- und Zielfindung in einer Berliner Gemeinschaftspraxis an. Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel und Kurzgeschichten.

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