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Aus der Perspektive des normalen Bewusstseins erfahren wir uns meist als ‚jemanden’ – eine wie auch immer benannte Identität –, dem Zeit und die Wirklichkeit widerfährt. Wir erleben den Lauf des Lebens in Raum und Zeit als von uns getrenntes Geschehen, dem wir mehr oder weniger ausgeliefert sind. Oder wir versuchen, mit besten Kräften und Einsatz einen Einfluss darauf zu nehmen.

Um das Wesen der Zeit und der Wirklichkeit in seiner Tatsächlichkeit zu erforschen, müssen wir uns zunächst ‚demjenigen’ zuwenden, dem Zeit und Wirklichkeit scheinbar widerfährt. Die Frage ist, ob es ‚denjenigen’ wirklich gibt, der Zeit und Wirklichkeit erfährt? Ist der Erfahrende tatsächlich existent? Und ist das, was wir den Erfahrenden nennen – also das ‚Ich’, das erfährt, tatsächlich getrennt von ‚seiner’ Erfahrung?

Wie aber können wir erforschen, was das ‚Ich’ ist, und ob es tatsächlich existiert? Lassen Sie uns nun gemeinsam beginnen: Wer denkt? Sind Sie es, der denkt, oder sind da einfach Gedanken, die auftauchen und wieder gehen? Wer fühlt? Sind Sie es, der fühlt, oder sind da einfach Gefühle, die auftauchen und wieder gehen? Wer hat Körperempfindungen? Sind Sie es, der Empfindungen im Körper hat, oder sind da einfach Empfindungen, die auftauchen und wieder gehen?

Wenn Sie es überprüfen möchten, dann versuchen Sie doch einfach einmal, Ihre Gedanken anzuhalten. Einfach so – STOPP. Gelingt das? Wenn Sie einen Augenblick ganz bewusst und aufrichtig sind, werden Sie sehen, dass Sie die Erfahrung des Denkens, Fühlens und Empfindens nicht so einfach abschalten können. Was Sie erkennen, ist ein unaufhörlicher Strom von Bewegung (Erfahrung), der einfach geschieht.

Nun, wem aber widerfährt diese Bewegung? Wer ist sich dessen schon immer bewusst? Was genau ist das, was sich bewusst ist? Normalerweise werden Sie sagen: ICH bin (mir) bewusst. Überprüfen Sie das kurz, wenn sie möchten. Sind Sie sich der gegenwärtigen Erfahrung, wie immer diese auch sein mag, gerade bewusst? Natürlich sind Sie es schon. Was ist nun dieses ‚Ich’, das sich bewusst ist? Es ist das Bewusstsein selbst. Also sind SIE Bewusstsein, nicht wahr?

Zeit ist Bewegung im Bewusstsein

Wie wir also bei näherer Erforschung feststellen, ist da Bewusstsein, in dem die Bewegung des Denkens, Fühlens und Empfindens im Körper auftaucht und wieder geht. Diese Bewegung im Bewusstsein fühlt sich an wie ein Geschehen in der Zeit. Wenn Sie sich aber wieder einen Augenblick nehmen, um einfach still und bewusst zu sein, werden Sie feststellen, dass die Zeit selbst eine Illusion ist, die durch die sich beständig verändernden Erfahrungen im Bewusstsein erschaffen wird. Ohne die Bewegung des Denkens, Fühlens und Körperempfindens gibt es keine davon unabhängige Zeit, die sich messen, d. h. erfahren ließe.

Zeit ist also nicht getrennt von der Erfahrung, sondern eingeschlossener Teil der Erfahrung, ja, sie ist die Erfahrung selbst. Zeit ist Bewegung im Bewusstsein. Und auch das ‚Ich-Gefühl’ ist in der Bewegung enthalten und damit nicht von ihr getrennt.

Lassen Sie uns jetzt kurz innehalten und ‚Zwischenbilanz’ ziehen: Wir sehen, dass Bewusstsein nur durch Bewegung entsteht. Das ist alles. Da ist niemand, der etwas erfährt. Es ist das Erfahren, das sich selbst erfährt als Bewegung im Bewusstsein – und das wir sind.
Was uns manchmal verwirren kann, ist, dass die Bewegung der Aufmerksamkeit verwechselt wird mit dem ruhenden reinen Gewahrsein. Lassen Sie uns nun auch diesen Unterschied klären.

Die Bewegung der Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist die natürliche Fähigkeit, Energie auf ein Objekt zu richten, es zu beobachten. Das kann beispielsweise ein Objekt ‚im Außen’, aber auch ein Objekt ‚im Innen’ sein wie ein Gedanke oder ein Gefühl. Wir können also mit der Aufmerksamkeit fokussieren. Wenn Sie nun genau forschen, sehen Sie, dass durch den reinen Akt des Beobachtens (Fokussierens) einerseits das Gefühl eines Ich-Beobachters und gleichzeitig das beobachtete Objekt als getrennt von Ihnen erscheint. Das Beobachten erschafft erst das Gefühl eines ‚Ichs’ und einer von ‚Ihnen’ getrennten Erfahrung. Beides jedoch existiert so nicht. Weder das ‚Ich’ noch das vom ‚Ich’ getrennte Objekt, z. B. eine Erfahrung, sind tatsächlich da. Beides taucht nur scheinbar als duale Realität auf, wenn sich Aufmerksamkeit ausrichtet.

Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie feststellen, dass die Aufmerksamkeit selbst ein Teil der Bewegung ist. Sie wandert ständig und unaufhörlich von einem Objekt zu anderen. Ähnlich wie ein Affe springt sie umher. Je schneller und ruheloser sich die Aufmerksamkeit bewegt, desto unterschiedlicher ist die Erfahrung von Zeit. Schnelle, sprunghafte Bewegung der Aufmerksamkeit erschafft ein schnelles Zeitempfinden. Langsame und ruhige Bewegung erschafft das Gefühl von Zeithaben und Langsamkeit. Nicht nur Zeit an sich ist also eine Illusion, sondern auch die erfahrene Zeitgeschwindigkeit.

Nun aber wieder zurück zum Bewusstsein, im dem all das erkannt wird. Sie – das Bewusstsein – sind sich also der Erfahrungen inklusive der Bewegung der Aufmerksamkeit bewusst. Um es nochmals klar zu machen: Sie sind sich dessen schon bewusst; genau jetzt, in diesem Augenblick.

Erfahrung entsteht durch Beobachten

Wo nun ist die Grenze zwischen Bewusstsein und der Erfahrung (einschließlich des Beobachtens), die auftaucht und wieder geht? Wenn Sie weiter forschen, werden Sie keine Grenze finden. Es gibt diese Grenze nicht. Da ist Bewusstsein und im Bewusstsein geschieht Erfahrung – aber keines ist vom anderen getrennt. Bewusstsein – SIE – und die Erfahrung sind bereits EINS. Da gab es niemals zwei. Oder anders ausgedrückt, den Erfahrenden und eine von ihm getrennte Erfahrung hat es nie wirklich gegeben. Sie wurden und werden nur durch den Akt des Beobachtens selbst erschaffen. Auch die moderne Quantenphysik stellt fest, dass zwischen dem Beobachter eines Experiments und dem Ergebnis des Experiments eine Beziehung besteht. Tatsächlich ist es aber so, dass der Beobachter die beobachtete Wirklichkeit ist. Es gibt keine Trennung. SIE SIND DAS, was im Bewusstsein erkannt wird.

tat1.jpgUnterscheidet sich Zeit nun von Wirklichkeit? Und existieren beide getrennt von uns? So, wie wir es bis hierher erforscht haben, können Zeit und Wirklichkeit nicht außerhalb von uns, sozusagen als ‚externer Film’ vor unseren Augen ablaufen. Vielmehr ist alles, was geschieht, bereits in uns enthalten. Zur Erinnerung: SIE SIND Bewusstsein. UND SIE SIND gleichzeitig das, was im Bewusstsein auftaucht. Alles, was Sie sehen, sind immer nur Sie selbst. Nichts existiert und geschieht unabhängig von Ihnen.

Nun stellt sich die Frage, ob überhaupt irgendetwas geschieht? Oder ob die geschehene Wirklichkeit selbst eine Illusion ist? Wie wir bereits festgestellt haben, ist die erfahrene Zeitgeschwindigkeit abhängig von der Schnelligkeit der Bewegung von Aufmerksamkeit. Wie schnell oder langsam also Zeit, d. h. die Wirklichkeit erfahren wird, variiert beständig. Was bestimmt nun die Geschwindigkeit, mit der sich Aufmerksamkeit im Bewusstsein von Objekt zu Objekt bewegt?
Wenn wir uns erneut einen Moment nehmen und uns einfach nur der gegenwärtigen Körperempfindungen bewusst sind, können wir feststellen, dass je mehr Stressenergie im Nervensystem gespeichert ist, desto schneller und sprunghafter sich die Aufmerksamkeit bewegt. Meist können wir das als flimmernde Energie und zitterndes Erregtsein im Nervensystem bemerken. Ähnlich einem durch Schreck aufgescheuchten Tier, wird die Aufmerksamkeit durch die Stressenergie ferngesteuert. Damit verbunden sind Unruhe, Getriebensein, Angst, rastloses Denken und Fühlen und körperliche Anspannung. Genau diese nicht entladene Stressenergie in den Nervenzellen erschafft das Beobachten und die Geschwindigkeit einschließlich des automatischen Denkens, Fühlens und Körperempfindens. Von dort erscheint uns Leben als gewohnheitsmäßiger Ablauf von Zeit und Wirklichkeit.

Wenn all das zutrifft – und Sie sind nochmals herzlich eingeladen, es für sich selbst zu durchdenken und zu erkennen – dann stellt sich folgerichtig die Frage: Da ich Bewusstsein bin, und Wirklichkeit und Zeit eine Erfahrung in ‚mir’ sind – sind diese für immer unveränderbar, oder können sich die erlebte Zeit und Wirklichkeit verändern, wenn sich Stress aus den Zellen des Nervensystems entlädt und es zu seinem natürlichen Ruhezustand zurückkehrt?

Meine Erfahrung ist ein klares JA.

Fotos Schnecken, Uhren: pixelio.de

2 Responses

  1. NosUnumSumus
    Danke für diesen Artikel

    „Es ist das Erfahren, das sich selbst erfährt als Bewegung im Bewusstsein – und das wir sind.“ -ein wunderbarer Satz, der durch die Begrenztheit, das unaussprechliche ausgedrückt. Danke.

    Antworten
  2. Ray

    Die Illusion von Zeit und Wirklichkeit

    Diesen Artikel finde ich besonders Int und würde Ihn gerne unter Angabe der Quelle auf meine Website mit übernehmen, bestehen Ihrerseits einwende diesbezüglich.

    MfG

    Ray

    Antworten

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