Anzeige

Interview mit der australischen Tanz- und Körpertherapeutin Navanita.

Navanita arbeitet seit über 20 Jahren in Australien, Taiwan und ganz Europa als Heilerin, Therapeutin und Bodyworkerin.
Vor ein paar Jahren hatte sie bei einem schweren Unfall eine Nahtod-Erfahrung, die ihr Leben und ihre Arbeit entscheidend veränderte. In diesem Interview berichtet sie über ihre faszinierenden Erfahrungen und den anschließenden Heilungsprozeß, der vor allem durch ihre innere Stimme geleitet wurde.
Navanita kommt von Ende Juni bis Mitte Juli nach Berlin.

F: Vor ein paar Jahren hattest Du einen schweren Bus-Unfall, der Dein Leben und Deine Arbeit radikal verändert hat. Was passierte damals?

N: Es war Ostern vor 5 Jahren – fast als Aprilscherz. Schon einige Wochen zuvor hatte ich in einem Traum zwei gebrochene Beine und beim Aufwachen wußte ich, daß dies nicht nur ein Traum war.
Am Tag vor dem Unfall hatte ich das Gefühl, daß sich irgendetwas Besonderes anbahnte, und während einer Meditation sprach ich aus, daß ich jetzt offen und bereit sei für alles, was auch immer notwendig ist, um heimzukommen.
Dann, am Unfalltag, verpaßte ich zwei mal das Taxi auf dem Weg zur Busstation, was sehr extrem war. Also fragte ich meine innere Stimme, ob ich trotzdem fahren sollte und die Antwort war ja.
Als ich in den Bus stieg, konnte ich mich nicht entscheiden, wohin ich mich setzen sollte, was auch ungewöhnlich war. Erst setzte ich mich genau auf den Sitz hinter den Busfahrer, der dann später ums Leben kam. Ich sah Farben um den Fahrer herum, was mir vorher noch nie passiert war – schillerndes Rosa, Grün und Gelb. Ich fragte zwei andere Mitfahrer, ob sie nicht auch so ein merkwürdiges Gefühl bezüglich des Busfahrers hätten, und sie sagten: „Nein, das ist ein ganz normaler betrunkener indischer Busfahrer.“ Dann setzte ich mich doch weiter nach hinten, irgend-etwas in mir war auf Alarm geschaltet.

F: Wohin bist Du gefahren?

N: Es war eine Nachtfahrt von Goa nach Poona. Während der Busfahrt war ich total glücklich, sehr entspannt und ruhig und schlief irgendwann ein.

F: Und dann?

N: Ich weiß nicht, vielleicht schlief der Fahrer auch ein. Jedenfalls ist der Bus von der Straße abgekommen, hat sich überschlagen und beinahe wären wir auch noch in den Fluß gerollt. Dann verlor ich mein Bewußtsein. Wenn ich es richtig zusammenkriege, wurden wir erst nach 2 1/2 Stunden aufgefunden.
Ich weiß nicht, ob ich nur bewußtlos, halbtot oder in was für einem Zustand auch immer war. Ich weiß nur, daß dort ein unglaublicher Friede herrschte. Am besten kann ich es als bloßes „Sein“ beschreiben, einfach nur hier und jetzt, ganz ohne Gedanken. Dieser Zustand ist jetzt immer für mich da.

F: Was hast Du gesehen?

N: Zuerst schaute ich auf meinen Körper hinunter und mich überkam ein enormes Mitgefühl, so viel Liebe für diesen zerschmetterten Körper, den ich da unten sah.

F: Was für Verletzungen hattest Du?

N: Einen gebrochenen Rücken, beide Beine hatten schwere Brüche und gebrochene Rippen. Das erste, woran ich mich erinnere, werde ich nie vergessen. Es war so ein wertvoller Moment im Leben, so ein unfaßbares Gefühl der Unschuld. Das erste was kam, war das Gefühl, daß ich mich entschieden hatte zurückzukommen, um zu lernen, was Liebe ist und daß der Körper die Tür auf dem Weg dorthin war. Das war die Botschaft, die ich erhalten hatte, während ich meinen Körper verlassen hatte. Irgendwie sollte ich durch diesen Körper lernen, was Liebe ist.
In den Körper zurückzukehren fühlte sich an wie ein Kind, das zum ersten Mal aufwacht und um sich schaut. Der Blick war noch ein wenig unklar, aber gegenwärtig. Ich sah ein Bein, das in die entgegengesetzte Richtung zeigte wie normalerweise, mit einem völlig verdrehten Fuß. Ich brauchte eine Weile, bis ich verwundert feststellte, daß das mein Bein war. Es war in einer absurden Stellung. Aber in mir war keine Panik. Als nächstes sah ich etwas Großes auf den Beinen liegen. Ich glaube es war die Treppe. Ich wußte, ich mußte es von meinen Beinen herunterkriegen und versuchte es, aber es war so schwer. Ich wurde wieder bewußtlos und als ich wieder zu mir kam, war es weg. Wieder war ich von diesen unfaßbaren, geheimnisvollen Wundern erfüllt.

F: Hat Dir jemand geholfen?

N: Nein, jeder war mit sich selber beschäftigt. Einige schrien. Ich konnte die Angst im Bus riechen. Dann fing der Körper an, mir Botschaften zu senden. Das waren wirklich magische Momente. Die erste Botschaft war: „Du wirst nicht sterben“. Dann sagte es: „Du mußt Dich auf die Ellenbogen stützen, damit Du nicht wieder ohnmächtig wirst“, was ich tat.
Was dann passierte, läßt sich am besten so beschreiben: Da war ein Licht, wie die Strahlen aus einem Leuchtturm, das aus meinem dritten Auge kommend meinen ganzen Körper untersuchte. Dann sagte es: „Keine inneren Schäden“. Meine Gedanken mischten sich ein: „Was ist, wenn der Bus rollt oder in Flammen ausbricht?“ Wieder kam eine Botschaft: „Panik wird nicht helfen. Wenn wir rollen, wirst Du Deinen Körper verlassen.“ Es kam überhaupt keine Angst auf, nur ein „Ah, okay.“
Meine Hände begannen nach zerbrochenem Glas herumzutasten, wieder nicht aus Angst, sondern nur um sicherzugehen, daß nichts Scharfes um mich herumlag, denn ich konnte nicht richtig sehen. Dann war alles okay, ich fühlte mich sicher hier und absolut ruhig.

Dann hörte ich jemanden rufen: „Navanita, bist Du okay?“ Also hatte sich einer der Passagiere an meinen Namen erinnert. Das war ein bedeutungsvoller Moment. Das hieß, daß ich an einem Platz war, wo auch andere Leute waren. Und das hieß, ich existiere. Es war unglaublich. Als ob ich ganz neu auf diesem Planeten wäre. Und als ich mich dann selbst sagen hörte „Ja“, war es, als ob alle Farben durch mich flössen. „Ich existiere, ich gehöre hierher!“
Ich fühlte wieder in meinen Körper hinein und bemerkte, daß mein Atem stockend war, weil meine Rippen gebrochen waren. Aber wieder kam keine Angst. Die ganze Zeit war alles nur Beobachtung. Da bin ich wirklich dankbar, Meditation zur Verfügung gehabt zu haben; für dieses Geschenk, Beobachter sein zu können.
Dann kam ein Mann auf mich zugekrochen, jemand, der mich nicht kannte, und fragte: „Madam, sind Sie okay?“ Später starb er und ich mußte ihn im Krankenhaus identifizieren. Und obwohl ich ihn am Unfallort nicht richtig hatte sehen können, wußte ich, daß er es war.

So viele kleine magische Momente passierten. Die Lichter von Taschenlampen erschienen im zeitlosen Raum. Ich habe keine Ahnung, wie lange das dauerte. Ich lebte total im Moment, nichts anderes existierte. Keine Gedanken darüber, wer da kommen würde, was passieren könnte. In diesem Zustand gab es nur das, was hier und jetzt gerade ist. Das war so wertvoll und hat mein ganzes Leben verändert.

Der Bus lag auf der Seite. Ich konnte sehen, wie sie Dinge aus dem Bus zogen, bis ich erkannte, daß es Körper waren. Irgendwann stießen sie zu mir vor und ich sah zwei Arme durch’s Fenster kommen, um mich zu holen. Aber ich konnte mich nicht bewegen und so zogen sie mich. Mit den Armen ging es, aber sobald die Beine bewegt wurden, fühlte es sich merkwürdig an. Ich wußte, daß der Körper viele Schmerzen hatte, aber ich war nicht in Kontakt mit ihm. Es war nicht so schlimm, es war mehr das Beobachten des Schmerzes. Sie schleppten uns auf Tüchern den Berg hoch und legten uns auf die Straße, um zu sortieren, wer wohin gebracht werden sollte. Dann legten sie uns auf Militärlaster, einfach nur auf Decken auf den Boden. Meine Beine wollten immer in eine bestimmte Stellung, in der der Schmerz verschwand. Auch jetzt noch benutze ich diese Stellung sehr viel bei Dehnübungen. Jedesmal, wenn ich bewegt wurde und die Beine dabei ausgestreckt wurden, bedeutete das Schmerz; wenn ich sie wieder in die von ihnen gewünschte Stellung bringen konnte, überkam mich Stille.
Wir fuhren los mit dem Laster und ein anderer Verletzter schrie gewaltig. Es war ein Mann, bei dem die Knochen durch die Haut rausstaken. Er hatte vorher nie meditiert und ich nehme an, daß es sehr heftig für ihn war, weil er nicht Beobachter sein konnte. Ein anderer schrie den Fahrer an, langsamer zu fahren. Schließlich kamen wir morgens um 7 Uhr in einem Krankenhaus an. Das Ganze hatte 8 Stunden gedauert.

Sie röntgen mich und sagten, daß ich keine Kopfverletzung habe. Dann sollte ich diesen Mann identifizieren. Ihn jetzt zu sehen, war ein Schock. Sein ganzer Körper war völlig zerschmettert.
Im Krankenhaus waren alle so beschäftigt und ich wurde nur auf’s Nötigste versorgt. Niemand wusch mich und nur selten bekam ich was zu trinken. Aber trotz allem war da immer dieses große Vertrauen.
Und immer wieder kam mir diese innere Stimme zu Hilfe. Z.B. hatte ich Angst vor der Bluttransfusion, aber ich hatte keine Wahl. Also ging ich in mich und die Stimme sagte: „Umgib Dich selbst mit weißem Licht, den Transfusionsschlauch mußt Du mit rosa Licht umgeben und das Blut selbst mit Gold.“ So etwas hatte ich vorher noch nie gemacht. Ich war bis dahin ein Körpertyp, eine Fitneß-Person. Aber mit dieser inneren Führung empfand ich eine unglaubliche Geborgenheit und Dankbarkeit, so von der Existenz geleitet zu werden. Nicht irgendsoein La-la-Gefühl, sondern wirkliches Vertrauen, daß dies der Tanz durch’s Leben ist.
Und nach zwei Tagen konnte dann endlich jemand meine Freunde benachrichtigen. Die ersten zwei, die kamen, fielen in einen Schock – mit so etwas hatten sie nicht gerechnet. Sie kümmerten sich dann ganz viel um mich und gaben mir viel Kraft.

F: Wie lange dauerte der Heilungsprozeß?

N: Erst 8 Wochen im Krankenhaus, danach verbrachte ich 6 Monate zu Hause im Bett auf dem Rücken liegend. Dann begann ich erst im Rollstuhl, danach mit einer Gehilfe und schließlich mich mit Stöcken zu bewegen. Insgesamt 1 1/2 Jahre.

F: Was sagte man Dir über Deine Chancen, jemals wieder tanzen zu können?

N: Nichts, und das war auch gut so. Ich wollte mich ganz auf die Heilung konzentrieren, ohne Manipulation von außen.

F: Mit was für Methoden hast Du Dich geheilt?

N: Keine Methoden. Ich war ganz auf den Moment konzentriert, habe auf meine innere Stimme geachtet. Oft habe ich einfach alle Körperteile einzeln angespannt und wieder entspannt. Anfangs machte ich das 45 Minuten lang, später bis zu 6 Stunden täglich mit sanftem Strecken.
Manchmal, wenn ich mit dem Körper sprach, roch ich den Bus und die Angst, die aus dem rechten Oberschenkel kam. „Er“ lehrte mich eine Menge, das rechte Bein. Das rechte Bein war sehr aktiv, es wollte gern mit Aktion geheilt werden. „Sie“ – das linke Bein – mochte es, mit Berührung, Umarmungen und Küssen geheilt zu werden. Ich entdeckte dies nach Monaten. Sie waren sehr verschieden.

F: Hast Du auch mit Visualisierung gearbeitet?

N: Ich habe immer genau das erlaubt, was passieren wollte. Die erste Visualisierung passierte nach 3 Wochen. Es war ganz rührend. Am Ende sah ich kleine Männchen, sowas wie Zwerge, Elfen oder Feen, die Schubkarren zu den gebrochenen Stellen schoben und dort Zauber-Schlammpackungen drauf taten. Am Ende tanzten die Elfen um die gekitteten Stellen.
Der ganze Heilungsprozeß war immer wieder anders. Der Körper hat mich angeleitet. Manchmal fragte mich jemand, ob ich mich langweile – nein! Es war eine Entdeckungsreise mit immer wieder ekstatischen Momenten und neuen Richtungen.

F: Wann hast Du wieder angefangen zu unterrichten?

N: Schon während ich selber noch auf der Gehhilfe trainierte. Mein Herz war so offen. Die Leute waren total angetan davon. Ich bin Australierin, eigentlich eine zähe Frau und dann plötzlich diesen unglaublichen Herzensraum zu haben, der die ganze Zeit da war – wow!

F: Gibt es Unterschiede zwischen der Arbeit, die Du vor dem Unfall gemacht hast und Deiner jetzigen Arbeit?

N: Es ist 100% anders! Ich habe mit dem Tun aufgehört. Nun ist der Fokus auf Erlauben, ohne Anstrengung zuzulassen. Und ich bringe mehr Körperbewußtheit hinein, einfaches Erden und vor allem das Spielerische. Es geht darum, Spaß im Leben zu haben.

F: Was bekommen die Leute in Deinen Gruppen?

N: Vertrauen in sich selbst, daß sie ihre eigenen Heiler sind und das Leben ein Tanz ist. Die Erfahrung, daß alles im Leben so passiert, wie es sein soll und Du aufhören kannst zu kämpfen. Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, daß die Leute für sich selbst verantwortlich sind. Ich spiele nicht gern die Gruppenleiterin. Ich helfe den Leuten zu lernen, für den eigenen Körper zu sorgen und sich selbst zu lieben.

F: Also brauchen die Leute, die in Deine Gruppen kommen, keine Tänzer zu sein.

N: Nein, nein, darum geht’s überhaupt nicht. Ich lehre, durch Nichtkämpfen zu beobachten, wie Dein ureigener Lebenstanz passiert. Ich habe auch professionelle Tänzer trainiert, die dann weinten und sagten, sie hätten so viele Jahre damit verbracht, genau das zu finden, was ich mache.

F: Was sagen Teilnehmer später über die Erfahrungen in Deinen Gruppen?

N: Daß es ihr Leben verändert hat. Das höre ich oft. Und Ausdrücke wie: „Es gibt so viel Freiheit, so viel Raum…“ Viele Leute finden nach der Gruppe eine neue Arbeit, ändern ihren Lebensstil. Mein Schwerpunkt liegt auf dem Nachhausekommen, Deine Wahrheit zu leben. Wahrheit ist ein großes Wort für mich in den Gruppen.

F: Und Du benutzt den Körper, um dahin zu kommen?

N: Der Körper ist ein Medium. Manchmal habe ich das Gefühl, wir müssen uns erst im Körper verankern, bevor wir über ihn hinaus gehen können. Erst muß dieses Vertrauen da sein: „Ja, ich habe Wurzeln“. Viele Leute versuchen, gleich zu fliegen, aber so geht’s nicht. Sonst hätte uns die Existenz keinen Körper gegeben.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*