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Die Verantwortung der 99 Prozent

Die Demonstrationen gegen die Banken haben etwas mit der Piratenpartei gemeinsam: Sie stellen viele Fragen, wecken viele Hoffnungen und haben kaum Antworten. Auch eine klare Analyse der gegenwärtigen Lage fehlt. Sicher ist diese Offenheit der gegenwärtigen Situation angemessen. Keiner weiß ja so genau, wie es weiter gehen kann. Und sie ist eine Chance für eine Menge kreatives Potential.

Dennoch kehrt eine bestimmte Meinung immer wieder, nämlich die Auffassung, dass die Gier der Banken und der Reichen, des 1% also, die jetzige Krise ausgelöst habe. Diese These will ich von philosophischer, politisch-ökonomischer und spiritueller Perspektive aus betrachten. Sie ist zwar einseitig und zumindest stark übertrieben. Sie lenkt aber den Blick auf einige Kernprobleme der gegenwärtigen Krise und führt zu einigen viel versprechenden Lösungsansätzen.

 

Philosophisches über die Gier

Sucht man nach einer philosophischen Antwort auf die Frage, was Gier eigentlich ist, dann stößt man auf den Ausdruck „Pleonexie“. Mit diesem Ausdruck bezeichneten Philosophen wie Platon und Aristoteles ein Art endloses Mehr-haben-wollen, das auch damals schon weit verbreitet war.

Was aber ist verkehrt daran, gierig zu sein? Ein Verteidiger der Pleonexie, der Sophist Kallikles, hält die Pleonexie für die beste Strategie, um glücklich zu leben. Wer gut leben wolle, der müsse „(…) seine Begierden so groß als möglich werden lassen (…), ohne sie im Zaum zu halten; wenn sie aber recht groß sind, dann muß er imstande sein, ihnen zu fröhnen (…) und die Begierde zu befriedigen, worauf sie sich auch jedesmal richten mag.“ (Platon: Georgias) Es folgt daraus, dass ein Tyrann von allen Menschen am besten und glücklichsten lebt, da er in der Lage ist, alle Begierden zu befriedigen.

Platon, der diese Meinung des Kallikles wiedergibt, ist ganz und gar nicht einverstanden. Er schildert das Leben eines solchen Menschen als vom „Stachel“ der Begierden getrieben. (Platon: Der Staat, 9. Buch) Ein gieriger Mensch lebe rastlos, unglücklich und verstricke sich in Verbrechen aller Art. Es sei weitaus besser und glückverheißender „besonnen“, d.h. überlegt und bescheiden, zu leben. Nur so könne Harmonie in Seele und Staat einkehren.

 

Politisch-Ökonomisches über die Gier

Aber beschreibt Kallikles wirklich das Leben, das die Reichen und Mächtigen heute führen? Nun, es ist sicher so, dass einige Reiche tatsächlich getrieben sind von einem rastloses Streben nach immer mehr Geld, Genuss und Macht. Dennoch übersieht dieses Bild einige wesentliche Aspekte. Zunächst stimmt es einfach nicht, dass nur Reiche, Banker und Unternehmer nach immer mehr streben. Die Pleonexie durchzieht im Gegenteil unser gesamtes politisches und ökonomisches System.

Jedes Unternehmen und jede Bank ist bestrebt, immer höhere Gewinne bzw. immer größere Umsätze zu erzielen. Unternehmen und Banken können letztlich nur schwer anders handeln, wenn sie in einem immer radikaleren Wettbewerb überleben wollen. Die Politik wiederum hat ein vitales Interesse daran, dieses Spiel zu unterstützen: Die Regierungen brauchen Geld, um wenigstens einen Teil der Dinge zu finanzieren, die sie selbst oder ihre Wähler für sinnvoll oder wünschenswert halten. Das Ganze wiederum beruht auf einer immer fortschreitenden Unterwerfung der gesamten Erde und der Vernichtung natürlicher Lebensräume.

Dieses Mehr-haben-wollen, diese Gier, ist also nicht persönlich und „heiß“. Sie ist anonym, unpersönlich und „kalt“. Und sie beruht auf einem institutionellen Rahmen, dem radikalisierten Markt, der das einzelne Unternehmen zum Wachstum nahezu zwingt. Diesen Rahmen müssen wir politisch so verändern, dass die Exzesse des Marktes abgeschwächt und Ungleichheiten abgebaut werden. Außerdem muss soziales und ökologisches Verhalten auch ökonomisch attraktiver werden. Wachstum ist dann immer noch möglich, wird aber umwelt- und menschenfreundlicher sein.

 

Der Vorwurf der Gier aus spiritueller Perspektive

Auch wenn bestimmte Praktiken von Banken, Unternehmen und Politik exzessiv waren, letztlich macht es also wenig Sinn, die Schuld für die Krise einzelnen Personen oder Gruppen in die Schuhe zu schieben. Außerdem lenkt eine solche Schuldzuweisung von unserem ganz persönlichen Anteil an der gegenwärtigen Situation ab. Wir übersehen dann, dass wir alle uns als Wähler, Sparer, Angestellte und Konsumenten an diesem Spiel beteiligt haben. Sicher, manche profitieren mehr davon als der einfache Bürger, aber die meisten von uns haben bereitwillig mitgenommen, was sie kriegen konnten. Und sicher, wir hatten als einzelne (scheinbar) oft kaum eine Wahl als mit zuspielen, aber das würde Herr Ackermann von sich ebenfalls behaupten.

Dabei ist es wichtig zu sehen, dass das Streben nach mehr auf der persönlichen Ebene oft so alltäglich daherkommt, wie unser Entschluss, uns mal eben ein neues, chices Handy zu besorgen, obwohl das alte noch funktioniert. Es zeigt sich auch, wenn wir wegen einem oder zwei Prozent mehr Zinsen unser Geld auf ein anderes Konto verschieben, ohne zu fragen, wie dieses Geld angelegt wird. Das Streben nach mehr zeigt sich also in lauter alltäglichen Entscheidungen, die jede für sich harmlos und nur in der Summe gefährlich sind. Und genau da liegt ein weiterer Ansatzpunkt, unsere Situation zu verändern – nämlich durch viele kleine und alltägliche Entscheidungen.

Das muss dann nicht auf Verzicht hinauslaufen, wenn wir einen neuen Wohlstandsbegriff entwickeln, der stärker auf immaterielle Werte setzt und Fülle und Wachstum in denjenigen Bereichen fördert, die uns Menschen und anderen Lebewesen wirklich dienen. Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, müssen wir das gierige Streben nach immer und immer mehr Gütern in uns selbst zum Erliegen bringen.

Diese neue Perspektive ist letztlich spirituell. Der Philosoph Schelling meinte, dass wir deswegen gierig und getrieben sind, weil wir es versäumen, die göttliche Liebe in uns zu erkennen und zu verwirklichen. Statt dessen sollen allerlei Äußerlichkeiten und Genüsse die entstandene Leere füllen und das Eigentliche ersetzen. Machen wir uns also auf die Suche nach dem Eigentlichen und fragen, was uns wirklich erfüllt, was uns verbindet und Sinn für uns macht.

Eine Übung: Die Lust am guten Leben

Eine mögliche Quelle von Freude und Erfüllung liegt in dem persönlichen Beitrag, den ich für eine lebenswerte und lebensfreundliche Lebensweise leisten kann. Etwas Sinnvolles zu tun, ist zutiefst befriedigen. Um herauszufinden, was das für Sie konkret bedeuten kann, schlage ich Ihnen ein kleines Experiment vor:

Setzen Sie sich bequem hin und schließen Sie die Augen. Vielleicht atmen Sie ein paar mal tief aus und lassen es still werden in ihrem Geist. Wenn Sie soweit sind, dann fragen Sie sich: „In welcher Gesellschaft möchte ich leben? Wie sieht das Leben aus, das ich mir für uns alle erträume?“ Lassen Sie ganz spontan Bilder kommen und lassen Sie sich mitnehmen.

Dann machen Sie eine kleine Pause, entspannen sich wieder und stellen sich die Frage: „Was kann ich dazu beitragen, dass meine Vision Wirklichkeit wird?“ Lassen Sie sich zu dieser Frage Bilder und Einfälle kommen. Wähle Sie die Ideen aus, die eine liebevolle und respektvolle Haltung zum Ausdruck bringen, und notieren Sie sie. Und vor allem, setzen Sie das ein oder andere davon in die Tat um. Es lohnt sich.

 

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Über den Autor

Avatar of Dr. Oliver Florig

verbindet als philosophischer Seminarleiter und Coach Fühlen und Denken, um Menschen auf ihrem Weg zu einem sinnvollen und authentischen Leben zu unterstützen:

„Mir geht es darum, dass wir unser Leben sinnvoll und authentisch leben. Mich begeistert die Freiheit jedes einzelnen Menschen, er selbst zu sein und das, was er fu?r sich als richtig und stimmig erkannt hat, zu leben.“

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