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Exemplarisch für mehrere Generationen von Reisenden, die sich seit Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf der Suche nach Sinn und spirituellen Werten auf den Weg rund um den Globus machten, ist das Leben der Hamburgerin Astamaya M. Bremer. Für SEIN hat sie ihre innere und äußere Reise rekapituliert. Die Fragen stellte Shako M. Burkhardt.

Du bist in deinem Leben viel unterwegs gewesen. Was hat dich so angetrieben?
Es gab einen Punkt, Ende der 70er Jahre, da fühlte sich mein Leben völlig sinn- und ausweglos an – ich war wie in einem Hamsterrad gefangen. An einem grauen Herbstnachmittag, der meine Stimmung exakt widerspiegelte, auf dem Weg zur S-Bahn, wurde mir klar, dass ich so nicht weiterleben konnte und es gab einen sehr starken Impuls, einen Schlussstrich unter mein bisheriges Leben zu ziehen – ohne dass ich irgendwie gewusst hätte, wie es danach weitergehen sollte.

Dem „Aufbruch zu neuen Ufern“ ging also ein „Nein“ voraus?

Genau. Das Hamsterrad drehte sich auf meine Kosten, ernährte sich von meiner Energie, und davon hatte ich genug. Ich wollte aussteigen, anstatt es mir dort gemütlich einzurichten und es weiter am Laufen zu halten. Trotz fehlender Perspektive gab es eine große Bereitschaft für neue Erfahrungen. Die machte ich dann bald mit der Entdeckung des Rebirthing*), wo ich zum ersten Mal erlebte, dass sich tief eingeschlossene Gefühle ausdrücken durften. Und statt meinen Schmerz weiter abzuwehren, versank ich in einem tiefen Meer aus unendlicher Traurigkeit. Die wiederum entfachte eine starke Sehnsucht nach Liebe.

Woher hast du den Mut genommen, dich auf die Traurigkeit einzulassen?
Erstaunlicherweise bedurfte es von meiner Seite aus nur der Entscheidung, mir und dem Leben auf neue Weise zu begegnen. Die Frage des Mutes stellte sich mir nicht. Ich war bereit, mich auf eine mir völlig unbekannte Reise zu begeben, und ohne mein Zutun eröffnete sich mir nach und nach eine neue Welt. Das Rebirthing war so etwas wie eine Initialzündung gewesen, von der aus es keinen Weg mehr zurück gab. Ich bekam ein Buch von Eileen Caddy in die Hand, der Begründerin der Findhorn-Lebensgemeinschaft in Schottland, und mir war gleich klar, dass ich dorthin wollte. Ohne lange abzuwägen folgte ich diesem Impuls und reiste dorthin.

Was hat dich an dem Buch so fasziniert?
Es war das richtige Buch zur richtigen Zeit. Mir imponierte, dass Eileen Caddy ihrer Inspiration gefolgt war und etwas ins Leben gerufen hatte, wovon ich zu dieser Zeit nur träumen konnte: ein alternatives Lebensmodell – erdverbunden, von spirituellen Ideen getragen, auf dem Land. In einem ihrer Workshops wurde mir dann klar, dass mir der Schmerz sehr viel näher war als die Freude. Ich vertraute ihm, weil ich ihn für tiefer und wahrhaftiger hielt – Freude empfand ich als etwas Oberflächliches. Tatsächlich konnte ich damals noch keine Freude empfinden. Findhorn war eine große Entdeckung, aber ich bemerkte relativ schnell, dass es mir von der Struktur her nicht so sehr entsprach. Vielleicht war es mir ein bisschen zu dogmatisch: z.B. durften nur verheiratete Paare dort zusammen wohnen. Letztendlich war es aber der Schmerz, der mich nach einiger Zeit weiter trieb. Ich wollte damals einfach alles ausprobieren und mir nichts mehr vorgeben lassen. Ich probierte verschiedenste Meditationsformen aus, machte Reinkarnationsgruppen, entdeckte Zen-Encounter und ließ mich schließlich in biodynamischer Physiotherapie, Bioenergetik und in Tantra ausbilden.

Du hast also jede Menge neuer Erfahrungen gemacht. Haben sie dich und dein Leben grundlegend verändert?
Mein Leben ja, mich nicht. Es war dieselbe Angst in mir, dieselbe Schwere, dieselbe Traurigkeit, Gefühle, die nach wie vor nach Erlösung riefen. Die innere Suche ging mit immer ausgedehnteren Reisen einher. Mit dem Sufi-Meister Jabrane Sebnat ging ich in den Höhlen von Siena durch eine Erfahrung namens „Der blaue Tod“, eine Art Sterbe- und Ablöseprozess, dem eine halbjährige intensive Vorbereitung vorausging. Nach einer 14-tägigen inneren und äußeren Reinigung, der sich drei Tage und Nächte in der Dunkelheit unter der Erdoberfläche anschlossen, sah ich die Erde mit neuen und staunenden Augen, und da spürte ich zum ersten Mal so etwas wie Dankbarkeit, begleitet von einer großen Kraft. Leider hielten auch diese Gefühle nicht allzu lange an. Damals war mein Vertrauen einfach noch nicht groß genug. Es gab immer noch jemanden in mir, der diese Erfahrungen festhalten wollte. Ich wollte, dass sie mir gehörten, für immer bei mir blieben. Ich wollte etwas für mich. Aber letztlich blieb alles beim Alten: Ich versuchte nach wie vor, mir selbst zu entkommen. Anstatt das Leben einfach so anzunehmen wie es war, suchte ich weiterhin nach der Erlösung. Und nahm immer weitere Wege dafür in Kauf. Beim Wasserrebirthing im warmen Meer vor Koh Samui in Thailand machte ich dann eine Erfahrung, die meiner Vorstellung von Erlösung sehr nahe kam: ein unbeschreiblich schönes embryonales Empfinden – ganz von Meerwasser umgeben fühlte ich mich vollkommen sicher und geborgen. Diese Geborgenheit und Sicherheit wollte ich in meinem Leben finden, und sie schien mir in der Lebensweise der Schüler von Osho (Bhagwan Shree Rajneesh) widergespiegelt. Ihre Art, miteinander umzugehen, sprach mich unmittelbar an. Ich fand es revolutionär, wie Osho Therapie und Meditation miteinander verband, und erlebte es als ungemein befreiend, dass seine Lehre nichts Asketisches an sich hatte. Bald darauf ging ich zu ihm nach Poona und wurde seine „Sannyasin“. Zum ersten Mal gab es für längere Zeit keine Widerstände mehr. Ich fühlte mich entspannt und wohl in meiner Haut. Ich wollte endlich leben.

Und damit war die Reise zu Ende?
Nein, keineswegs. Es zog mich weiter, diesmal nach Kalifornien. Ich wollte mich ausprobieren und arbeitete dort als Gruppenleiterin und Physiotherapeutin. Die Entspannung hielt an, die Sonne schien schon morgens am stahlblauen Himmel, ich hatte eine gute Zeit. Aber auch das war es nicht wirklich. Es war schön, aber ohne Tiefgang. Nach einem Jahr kehrte ich nach Hamburg zurück, wo ich dann von Freunden hörte, dass Michael Barnett nach Berlin kommen würde, der bis kurz zuvor noch als einer von Oshos „Star-Therapeuten“ unter dem Namen Somendra für Furore gesorgt hatte. Ich fuhr also nach Berlin – um wenige Wochen später in Michaels Community am Lago Maggiore in Italien einzuziehen. Ich wusste sofort, dass ich dahin wollte und irgendetwas ließ mich dort wirklich ankommen. Es tauchte kein Impuls mehr auf, weiter zu ziehen. Als die Community dann vier Jahre später von Italien nach Frankreich umzog, ging ich mit.

Eine spirituelle Gemeinschaft mit Meister und allem Drum und Dran – wie lebt es sich da, was hast du da gemacht?
Michael Barnetts „Energy University“ wurde zu meinem Zuhause, und er selbst bildete zum damaligen Zeitpunkt das Zentrum meiner Welt. Der Tagesablauf war stark strukturiert, es gab wenig freie Zeit. „Tune in, shut up and work“ (Stimm dich ein, sei still und arbeite) war eine von Michaels Lieblingsweisungen. Und da war einiges dran. Nach und nach unterschied ich immer weniger zwischen der reichlich anfallenden Arbeit und den Meditationen. Das allabendliche Zusammensein mit dem Meister, das „Tuning-in“, bildete den Höhepunkt eines jeden Tages. Da ich in den zehn Jahren davor viele therapeutische und körperorientierte Ausbildungen gemacht und eigene Gruppen geleitet hatte, arbeitete ich nach kurzer Zeit im Therapeutenteam. Andererseits war ich auch ein ganz gewöhnliches Community-Mitglied, das voll in den täglichen Arbeitsablauf eingebunden war: Toiletten putzen, Geschirr spülen, kochen, Kinder betreuen, eben alles, was es so zu tun gibt.

Was ist da für dich passiert?
Um Geschirr zu spülen und Toiletten zu putzen, hättest du dich doch erst gar nicht auf die Reise begeben müssen? Zunächst: Es macht einen sehr großen Unterschied, ob du mit achtzig Menschen zusammen bist, die ohne Maske leben wollen, oder ob du weiterhin angestrengt versuchst, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Hier lebten Menschen, die genau wie ich selbst auf der Suche waren. Das empfand ich als unendlich erleichternd. Dadurch bot sich mir die Möglichkeit, Menschen auf sehr viel tiefer liegenden Ebenen zu begegnen. Aber im Laufe der Zeit kam noch etwas ganz anderes, sehr viel Entscheidenderes hinzu: Ich konnte dort einfach sein und zu mir finden. Irgendwie wuchs ich in mich hinein und aus mir heraus. Da gab es immer öfter Momente, in denen sich die Dinge wie von alleine taten. Es war ganz so, als ob ich im Tun aufgehen würde und darin verschwand. Schwer zu beschreiben, aber absolut wahrnehmbar. Ich war immer öfter mit allem einverstanden – selbst wenn da Schmerzen waren oder Traurigkeit. Ich konnte sie einfach da lassen.

Letztendlich geht es darum, die eigene finale Frage zu finden

Willst du damit sagen, dass du aufgehört hast dich zu wehren?
Michael sagte mir einmal während des Tuning-ins: „Ich sehe dich nackt schreiend über die Felder rennen.“ Das beschreibt es ziemlich genau. Doch es gab immer öfter Phasen, in denen sich diese schmerzerfüllte Astamaya in einer unendlich stillen Weite auflöste. Besonders wenn sie Gruppen leitete, Sessions gab oder im Park arbeitete. Das geschah wie von selbst: ein plötzliches Innehalten, ganz ohne Grund – es nahm immer mehr Raum ein.

Du sprichst von „ihr“ – ganz so, als ob du mit „ihr“ nichts mehr zu tun hättest …
Ich konnte die Struktur der Person immer besser sehen und mir wurde deutlich, dass sie nicht alles ist, was ich bin. Natürlich war die Struktur immer noch da und stellte mir ihre Themen vor, aber all das beeindruckte mich nicht mehr so stark. Trotzdem verwechselte ich mich nach wie vor mit der Person. Aber im Gegensatz zu früher gab es einen sehr großen Unterschied: Ich hielt es inzwischen für möglich, ein und für alle Mal anzukommen und mir wurde bewusst, dass ich nicht der Spielball der Umstände bin. Ich war kein Opfer mehr und versuchte nicht mehr, mir zu entkommen. Aber ein feines Geflecht von Vorstellungen hielt mich immer noch gefangen. Das waren natürlich ganz lichte und freiheitsliebende Vorstellungen. Aber es waren Vor-Stellungen. – Als ich dann für eine Wochenendgruppe nach Deutschland kam, traf ich den mir damals völlig unbekannten Advaita-Lehrer Isaac Shapiro. Seine Aufrichtigkeit und seine kompromisslose Einfachheit berührten mich zutiefst. Er war so voll Liebe und Dankbarkeit für seinen eigenen Lehrer Papaji (Sri Poonja), dass sich daraus bei mir ein starker Impuls ergab, Papaji selbst aufzusuchen. Drei Tage, nachdem ich Isaac getroffen hatte, saß ich also wieder einmal im Flieger nach Indien. Ich wollte diese Quelle der Freude für mich selbst entdecken. Papaji hielt es zu dieser Zeit kaum noch in seinem Körper. Er saß auf einem von Blumengirlanden umgebenen Stuhl und lächelte uns nur noch an: er war die stille, selige Freude selbst. Zurück in Deutschland wollte ich nur noch eines: Isaac wiedertreffen. In München stellte ich ihm dann nur eine einzige Frage. Seine Antwort beendete alles. Die Reise war vorbei.

Was? Einfach so? Was hast du ihn gefragt?
Diese Frage war meine Frage. Das heißt nicht, dass sie für jemand anderen bedeutungsvoll ist. Letztendlich geht es darum, die eigene finale Frage zu finden. Heute ist mir absolut klar, dass sich meine Reise auf überaus intelligente und folgerichtige Weise auf diese eine und für mich alles entscheidende Frage zu bewegt hat. Es ging also gar nicht um die Reise, sondern darum, diese Frage zu entdecken.

Warum willst du sie uns nicht mitteilen?
Weil jeder Weg nur einmal gegangen werden will. Während ich fast dreißig Jahre lang auf einem – wie mir heute bewusst ist – völlig illusionären Weg war, will die Reise für einen anderen Menschen vielleicht viel früher zu Ende gehen. Voraussetzung dafür ist, dass die Frage nach dir selbst zum Wichtigsten in deinem Leben wird und lichterloh brennt. Solange du dich an das Vorübergehende verlierst, wirst du dich immer wieder verloren fühlen und versuchen, neue Ziele zu erreichen. Dabei ist nichts dazu da, für immer bei dir zu bleiben. Nichts, außer dir selbst. Darum gilt es, das allem zugrunde liegende Sein, die Präsenz deiner selbst, zu entdecken.

Ist das der Grund warum du heute Satsang gibst?
Willst du den Leuten ersparen, was dir nicht erspart geblieben ist? Das trifft es nicht ganz. Wenn wir über meine Reise sprechen, dann sieht es so aus, als ob sie mich schließlich ans „Ziel“ gebracht und von allen Leiden erlöst hätte, doch letztendlich ist das Leben selbst die eine, niemals endende Reise. Wenn du das wirklich erkennst und dich dem Leben vorbehaltlos anvertraust, können keine neuen Illusionen entstehen und damit ist es mit dem Leiden ein und für alle Mal vorbei. Dann verlierst du jede Idee von dir selbst und wirst völlig vorstellungslos. Und nur wenn du vorstellungslos bist, wirst du den herrlich duftenden Wind der Freiheit auf deinem Gesicht spüren – nur dann. Wenn es mir überhaupt noch um etwas geht, dann darum, aufzuzeigen, dass die Freiheit darin liegt, von allen Illusionen frei zu sein.

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