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Im Gespräch mit Doris Iding entwirft Dr. Klaus-Dieter Platsch eine neue Dimension für eine heilende Medizin des 21. Jahrhunderts, die den Menschen in all seinen Aspekten würdigt und alle bekannten Möglichkeiten eines Heilungsprozesses ausschöpft. Er greift die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf und zeigt:
Heilung erwächst aus einem Raum jenseits der Methoden und Medizinsysteme. Sie geschieht in einem heilenden Feld, in dem der kranke Mensch wieder Anschluss an das gewinnt, was immer in jedem Menschen ganz und heil ist und bleibt.

Doris Iding: Können Sie bitte das neue Paradigma in der Medizin erklären?

Klaus Platsch: Im Unterschied zum alten Paradigma nehmen wir in der neuen Medizin die Multidimensionalität des Menschen zur Kenntnis. Dazu gehört auch zu erkennen, dass der Mensch nicht ein vom anderen Menschen getrenntes Wesen ist. Diese Sichtweise ist ja das, was seine Isolation und Vereinsamung letztendlich ausmacht. Darüber hinaus erweitern wir in diesem neuen Paradigma die bisher rein intellektuelle Qualität des Verstandes um die Qualität des Herzens.

 

Was genau verstehen Sie unter Multidimensionalität des Menschen?

Bislang haben wir in der konventionellen Medizin den Fokus in erster Linie auf den Körper und auf die Psyche gerichtet. Beide werden in der konventionellen Medizin unserer heutigen Zeit als zwei voneinander getrennte Dimensionen betrachtet, die scheinbar nicht wirklich etwas miteinander zu tun haben. Entweder man ist psychisch krank, und dann reagiert der Körper, oder umgekehrt, der Körper ist krank, und die Seele reagiert mit Depression oder Ängsten. Bis auf ihre kausale Verknüpfung werden sie als nicht direkt miteinander verbunden angesehen. Multidimensionalität heißt, die enge Verbindung zwischen Körper und Geist zu erkennen und die organische und psychische Ebene um die seelisch-geistige Dimension zu erweitern. Und darüber hinaus ist der Mensch noch eingebettet in ein universelles Feld. Auf der einen Seite ist er Teil dieser Dimension und auf der anderen Seite geht er darin auch ganz auf.

 

Das heißt, dass eine ganz neue Herangehensweise, also eine ganz neue Form der Begegnung zwischen Arzt und Patient nötig ist?

Ja, wir als Ärztinnen und Ärzte müssen umdenken. Durch die alte Vorstellung, der Mensch sei eine Maschine, hat sich eine an Objektivität gemessene Medizin entwickelt, die somit den Menschen auch zum Objekt macht. Aber im Quantenfeld gibt es weder Subjekt noch Objekt – nicht einmal Materie.
Diese Art von Objektivität, die die Patienten zu zu behandelnden Objekten macht, hat zur Folge, dass auch wissenschaftliche Studien in derselben Art und Weise fern vom Menschen, fern von seiner Subjektivität gemacht werden. So untersuchen wissenschaftliche Studien die Wirkung von Medikamenten in großen statistischen Patientenkollektiven z. B. bei Rheuma, Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Cholesterin. Die Resultate führen zu statistischen – nicht zu individuellen – Aussagen. Z. B. kann sich für eine bestimmte Art von Brustkrebs eine Überlebenszeit von fünf Jahren bei 30 Prozent oder 50 Prozent der betroffenen Frauen ergeben. Diese Art von Statistiken beeinflussen natürlich auch den behandelnden Arzt bzw. die Ärztin, die nun diese Zahlen im Kopf haben und sich bei nächster Gelegenheit denken: Hier ist eine Patientin mit Brustkrebs, die mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit die nächsten fünf Jahre nicht überleben wird. Das Informationsfeld erschafft sich unsere Welt tatsächlich in gewisser Weise selbst. Das soll nicht heißen, dass die Ärzte daran schuld wären, wenn ein Brustkrebs nicht heilt, oder dass die Patientin schuld daran wäre, dass sie Brustkrebs bekommen hat, weil sie in der Vergangenheit irgendetwas falsch gemacht hat. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht eher darum, dieses Feld von unseren Vorstellungen zu befreien. Wir wissen heute – ebenfalls aus der Quantenphysik – dass es auch bei wissenschaftlichen Untersuchungen keinen objektiven Beobachter gibt, weil der Beobachter selbst – ob bewusst oder unbewusst – das ganze System beeinflusst.

 

Wie erkennt man als Arzt, welche Art des Zugangs, welche Art der Medizin für welchen Patienten in einer Situation die richtige ist?

Ist eine Erkrankung schulmedizinisch gut zu behandeln, dann ist die Schulmedizin die richtige Antwort. Aber viele Erkrankungen lassen sich schulmedizinisch nicht lösen, weil sie viel komplexer als rein organische oder psychosomatische Störungen sind oder sich auf anderen Ebenen abspielen. Dann berühren sie andere Bereiche, in denen das Materiekonzept nicht mehr hinreicht. Dann muss man vielleicht den Weg der Komplementärmedizin wählen. Ich wende in diesen Fällen z. B. die Chinesische Medizin an und arbeite energetisch. Oder ich gehe auf die Ebene des Bewusstseins, damit jemand etwas in sich erkennen kann, wie z. B. bestimmte Konfliktfelder. Denn nicht selten entstehen Erkrankungen aus inneren Kämpfen heraus, die aus Themen herrühren, mit denen die Menschen nicht versöhnt sind. Das bedeutet, dass man auch über diese Bereiche miteinander sprechen muss und versuchen sollte, gemeinsam Lösungen zu finden.

 

Ist das dann sozusagen ein heilendes Feld?

So, wie man den Menschen als multidimensionales Feld betrachten kann, so ist auch die Begegnung oder das Zusammensein eines Arztes mit einem Patienten oder einer Patientin nicht nur eine Begegnung zweier Körper und zweier Verstandesmuster, sondern es ist ein Zusammenkommen im Sinne eines Feldgeschehens. Wenn wir keine Festlegungen machen, wie eine Krankheit zu verlaufen hat, kann sich in diesem Feld jede Heilungsmöglichkeit realisieren. Es ist kein Feld des Machbaren, sondern ein Feld der Möglichkeiten. Und die größte Kraft in diesem heilenden Feld ist die Liebe. Weil in diesem Feld die Liebe von Herz zu Herz schwingt. Meiner eigenen Erfahrung nach ist die Liebe das Heilsamste überhaupt. Es gibt keine größere Heilkraft als sie. Mit Liebe ist hier nicht Liebe im persönlichen Sinne gemeint. Es bedeutet nicht, dass ich den Patienten mit all seinen Erscheinungsformen und all seinen Schwierigkeiten als Person jetzt unbedingt immer tief lieben muss. Sondern die Liebe fließt zwischen dem Wesen dieses Menschen und dem Wesen des Arztes. Von Herz zu Herz. Mein Fokus richtet sich auf das Göttliche im Patienten. Wenn man mit einem Menschen zusammen ist, tiefe Liebe zum Leben in sich und zum Patienten spürt, wandelt sich etwas in der Atmosphäre. Da entsteht Resonanz. Und genau diese Resonanz der Liebe ist tiefste Heilkraft. Diese Art der Liebe, die über das Persönliche des Menschen hinausgeht, drückt sich auch in einer von Liebe getragenen Beziehung aus. Wir haben heute ein Manko an Arzt-Patienten-Beziehung zu beklagen. Wir brauchen mehr Beziehungskultur miteinander. Oft passiert es im medizinischen Alltagsbetrieb, dass die Patienten wie ein zu reparierendes Auto behandelt werden. Was wir aber brauchen, ist eine liebende Beziehungskultur.

Jenseits der Liebe im heilenden Feld schwingt aber noch etwas anderes. Es ist jene universelle Liebe, die tiefste Verbundenheit zu allem ist. Der Mensch ist mit allem verbunden, von Mensch zu Mensch, von Mensch zur Welt, von Mensch zum Kosmos, von Mensch zu Gott – oder zum Göttlichen, wenn man es nicht personifiziert ausdrücken will. Diese All-Verbundenheit führt den Menschen aus seiner tiefsten Einsamkeit und Isolation heraus, an der so viele kranken. Das spürt der Patient auch. Dies ist die eine besondere Qualität.

Lieben bedeutet ein fundamentales Ja. Ein Ja zum Leben. Die größten Schwierigkeiten, auch gesundheitlicher Art, entwickeln sich dadurch, dass wir im Widerstreit mit dem liegen, was unsere Situation ist. Wir mögen entweder uns selbst oder unseren Körper nicht. Oder wir mögen unsere Beziehungen nicht oder unsere Arbeitssituation. Wir mögen nicht, dass wir krank sind. Die Liebe, in der Qualität einer umfassenden, über jede Form von Persönlichkeit hinausgehenden Liebe, ist das fundamentale Ja zu dem, was ist. So wie Krishnamurti sagt: „Ich habe nichts gegen das, was ist“. Das bedeutet aber nicht, fatalistisch alles anzunehmen. Es heißt auch nicht, dass ich nicht den Wunsch haben sollte, gesund zu werden. Aber das anzunehmen, was ist, ist der Ausgangspunkt, von dem aus ich den nächsten Schritt tun kann. Das Problem entsteht dadurch, dass wir die Situation bewerten. In dem Augenblick, in dem wir aus der Bewertung herausgehen können, kommen wir mit der Liebe in Kontakt. Liebe wertet nicht. Liebe nimmt an. Wenn das geschieht, haben wir ein Potenzial zur Verfügung, das wir uns kaum vorstellen können.
Diese tiefe Liebe in uns würde ich auch als den Teil in uns sehen, der nicht krank werden kann, und somit auch keine Heilung braucht.

Wenn wir versuchen, wieder gesund zu werden, dann ist es gut zu erkennen, dass wir in unserer Essenz gesund sind. Im innersten Kern ist jeder Mensch vollkommen heil. Es gibt keinen Menschen, der das nicht ist. Und das, was in der Tiefe immer heil und ganz ist, zum Ausgangspunkt eines Heilungsprozesses zu machen, ist das Allerbeste, was wir tun können. Das heißt, mit diesem Heilkern in sich selbst in Berührung zu kommen, mit dem, was nicht krank ist. Das als eine Kraftquelle zu nehmen, die alles andere durchdringt.
Neben dem, was wir im Äußeren an notwendigen medizinischen Maßnahmen tun, geben wir dem Raum, was jenseits aller Erscheinungsformen existiert – der Quelle allen Lebens. Ihr Geschmack ist jene universelle Liebe, aus der heraus nicht ich als Arzt heile, sondern es heilt.

Über den Autor

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Dr. Klaus-Dieter Platsch ist Arzt für Innere Medizin, Chinesische Medizin und Psychotherapie. Dozent der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur, Leiter der Tagungsreihe „Medizin und Spiritualität“ und des
Instituts für Integrale Medizin.

Literatur

Klaus-Dieter Platsch: Was heilt, vom Menschsein in der Medizin, Theseus Verlag 2007, 19,95 €

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