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Verlieben wir uns in einen Menschen, richtet sich der Fokus meist auf eine sehr enge Bandbreite seiner Persönlichkeit. Lernen wir ihn dann näher kennen, kommt es darum oft zu Irritationen. Denn: Wir sind viele. Viele innere Persönlichkeitsanteile, die durchaus unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse haben. IndividualSystemics hilft, die einzelnen Mitglieder dieser inneren Familie zu erkennen und zu verstehen – Grundlage für ein inneres wie äußeres lebendiges Miteinander von großer Intimität, ohne das harmonische Beziehungen nicht möglich sind.

Wenn etwas so ewig rätselhaft ist wie die Liebe, die Frauen, das Universum, das Sockenphänomen oder die Launen deines Partners, dann kann das zwei Gründe haben. Erstens: Es ist seiner Natur nach unverständlich und gerade in dieser Mystik so wunderbar geheimnisvoll. Zweitens: Du hast es einfach noch nicht kapiert.

Falls du zu Grund eins neigst, solltest du jetzt aufhören zu lesen. Es wird dir nur die Freude am Geheimnis verderben. Es soll hier nämlich um Beziehungen gehen, die geheimnisvollste aller menschlichen Heimsuchungen.

Und es geht um die Frage, ob es in diesem ewigen Hin und Her zwischen den Menschen nicht doch so etwas wie Logik gibt: die Logik der Liebe.

Unser Leben ist geprägt von Beziehungen: zu unseren Eltern und Geschwistern, zu Lehrern und Gurus, zu Chefs und Kollegen, zu unserer großen Liebe, zu unseren Kindern und den Kindern von anderen, zu Lebensabschnitts-Partnern und nicht zuletzt zu uns selbst. Und ob es uns gefällt oder nicht, immer wieder mal müssen wir uns auch mit Busfahrern, Bedienungen, Briefträgern, Hundebesitzern, Nachbarn und anderen merkwürdigen Wesen befassen.

Einige dieser Beziehungen sind vielleicht ganz wunderbar und erfüllend, andere nur öde. Und manche bringen uns Schmerz und tiefe Konflikte. Die große Frage lautet: Warum funktionieren manche Beziehungen und andere gar nicht?

Himmel, Durststrecke und Hölle

Wahrscheinlich hast du schon mehrere Bücher zum Thema gelesen und eine Reihe entsprechender Tests in Zeitschriften mitgemacht („Welcher Liebestyp bist du? Elefant, Schlange oder Gottesanbeterin? Auflösung auf Seite 112“).

Von deiner Teilnahme an Beziehungs-Seminaren und Paartherapien wollen wir hier nicht sprechen. Du hast jedenfalls schon einiges gemacht.

Nach den durchaus interessanten Versuchen, das Wesen von Beziehungen zu durchdringen, bleibt aber oft nur die Einsicht, dass es wohl drei Stadien von Beziehung geben muss und dass man alle drei mit dem gleichen Menschen erleben kann: Himmel, Durststrecke und Hölle – in dieser Reihenfolge.

Die wirklich wichtigen Beziehungen beginnen meist im Himmel: Du verliebst dich und fällst unvermittelt ins Glück. Deshalb heißt es „falling in love“. Du willst bei diesem wunderbaren Sturz nach oben gar nicht wissen, warum das jetzt so schön ist.

Du fragst ja auch nicht deinen Arzt, warum du dich gesund fühlst. Dabei wäre es gar nicht so dumm, die Frage schon jetzt zu stellen. Denn alles, was danach kommt, auch der Weg in die Hölle (durch die Durststrecke und dann immer geradeaus), ist hier schon angelegt.

Sogar das Verliebt-Sein hat seine eigene Logik, und die ist viel eindeutiger, als man denkt.

Paul und Klara: Wer liebt hier eigentlich wen?

Wenn jemand behauptet „Paul liebt Klara“, dann ist das maßlos verkürzt. Paul ist nicht einfach nur Paul, das hat Klara schon länger verstanden. Was sie unter dem Namen Paul zusammenfasst, ist eine Reihe von ganz unterschiedlichen Pauls.

Zuerst dachte sie, es handle sich hier einfach nur um Pauls unterschiedliche Launen – mal ist er zärtlich, mal zurückgezogen, mal ganz gesellig, dann wieder so ernst – und manchmal wie ein kleiner Junge. Mit der Zeit erkannte sie dann die unterschiedlichen Pauls.

Ohne dass es ihr richtig bewusst war, begann sie, zu den verschiedenen Pauls verschiedene Beziehungen aufzubauen. Den kleinen Paul findet sie meistens süß, weil er etwas von ihr braucht und will, und wenn sie ihm Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit schenkt, belohnt er sie mit seiner Dankbarkeit.

Der ernste Paul ist nicht dankbar. Wenn er da ist, wird Klara eher still. Er erklärt ihr oft Dinge, die sie schon weiß, und manchmal denkt er über Fragen nach, die sie ziemlich beschwerlich findet. Einmal fragte er sie tief ernst, wo sie gerade herkam.

„Ich habe nach dem Sinn des Lebens gesucht“, antwortete sie übermütig. „Leider habe ich in der Küche nur Schokolade gefunden.

Ich hatte mir die Antwort irgendwie spektakulärer vorgestellt.“ Sie schüttete sich aus vor Lachen und Paul wurde sehr still und traurig. Das war der Beginn einer schwierigen Phase zwischen den beiden.

Innere Personen

„Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft“ – das erkannte schon Novalis. In jedem von uns leben unterschiedliche Anteile. Überraschenderweise kann man diese Teile einzeln ansprechen und kennen lernen.

Dabei erlebt man, dass jeder Teil so komplex und eigensinnig ist wie eine ganze Person. Man kann sie mit Recht „innere Personen“ nennen.

Wenn Klara und Paul wüssten, wer in Paul so grübelt und wer in Klara lieber lustig wäre, hätten sie ein Problem weniger. Aber so verhakeln sich die beiden inneren Personen miteinander und niemand weiß, was los ist.

Der Philosoph in Paul ist ärgerlich, weil Klara seine Tiefe nicht teilt. Die lebensfrohe junge Frau in Klara ist genervt, weil sie mit Paul nicht lachen und tanzen kann. Aber Klara und Paul wissen das nicht und finden den andern nur noch doof.

Dabei waren es genau diese beiden inneren Personen, die sich zu Beginn der Beziehung gegenseitig toll fanden. Der Philosoph war begeistert von ihrer Lebensfreude und die junge Frau in Klara war beeindruckt von seiner Ernsthaftigkeit.

Was sie nicht wussten: Paul ist ganz identifiziert mit dem Denker. Auch wenn er Klaras Art so erfrischend und belebend fand – der Denker denkt gar nicht daran, so zu werden wie sie. Musste er ja nicht! Die junge Frau in Klara fand ihn doch wunderbar.

Sie sah erst mal nur die Vorteile seiner Haltung: Tiefsinn, Klugheit, Wittgenstein.
Was die beiden auch nicht wussten: Klara ist ganz identifiziert mit der jungen Frau. Sie besteht mit dem gleichen Eigensinn auf ihrer Leichtigkeit wie der Denker auf seiner Weisheit. Ein Philosoph, der nicht kapiert, dass man alleine nicht tanzen kann!

Was für ein Dummkopf! Er denkt für zwei, aber tanzen soll sie alleine.

Zwei Arten zu lieben

Dummerweise sind uns die meisten inneren Personen völlig unbewusst, selbst wenn sie unser Leben dauernd bestimmen. So kommt es, dass wir uns Hals über Kopf in einen Menschen verlieben und gar nicht merken, dass es nur Teile in uns sind, die sich in bestimmte Teile des andern verlieben. Dabei wäre das gar nicht so schwer herauszufinden.

Wir müssen nur zwei Dinge verstehen: dass die inneren Personen da sind und dass es zwei ganz unterschiedliche Arten von inneren Personen gibt. Die eine Art von inneren Personen ist stark und machtvoll. Die bestimmen, wie wir sind und was wir tun. Bei Paul ist das zum Beispiel der Denker, bei Klara die junge lebenslustige Frau.

Andere innere Personen sind klein, bedürftig und verletzlich, wie Kinder. Sie sehnen sich danach, geliebt und umsorgt zu werden. Bei Paul ist das der kleine Junge, der sich freut, wenn Klara ihn umsorgt. Bei Klara ist es – ja, wer ­eigentlich? Jetzt, als sie darüber nachdenkt, merkt sie, dass sie ihre verletzlichen Teile gar nicht bewusst wahrnimmt. Dabei wäre das für ihren Konflikt mit Paul von großer Bedeutung.

Macht und Verletzlichkeit sind die tiefsten Gegensätze in jeder Beziehung. Der Tanz zwischen den mächtigen und den verletzlichen Anteilen bestimmt, wie frei, wie versorgt und wie glücklich wir in einer Beziehung sind.

Machtvolle Gegensätze

Um den Beziehungstanz bewusst zu tanzen, musst du erst einmal herausfinden, wer in dir lebt. Die inneren Personen, mit denen du identifiziert bist, sind dir meist unbewusst. Sie sind dir so vertraut, so nah, dass du sie nicht wahrnehmen kannst.

Du blickst durch ihre Augen in die Welt. Ihre Werte und ihre Haltungen sind dir so selbstverständlich, dass du sie leicht für „die Wahrheit“ halten kannst – und deinem Partner geht es genauso.

Und dann beginnen die machtvollen Teile miteinander zu kämpfen. Der Denker kämpft mit der lebenslustigen jungen Frau; die Mutter kämpft mit dem Geschäftsmann; der Hippie kämpft mit der Buchhalterin; die Abenteurerin mit dem Bausparer.

In den Augen des Denkers ist die junge Frau oberflächlich und in ihren Augen ist der Denker schwer wie Blei. Die Mutter findet den Banker kalt und er findet sie umständlich und tüttelig.

Der Hippie verachtet die Buchhalterin, weil sie nur an Sicherheit denkt, und sie verachtet den Hippie, weil er in einem bestimmten Zustand nicht schnell rechnen kann. Also fast nie.

Die inneren Kinder

Aber warum werden die machtvollen inneren Personen oft so defensiv, kritisch und kämpferisch? Weil sie die inneren Kinder in uns schützen! Vom inneren Kind hast du sicher schon einmal gehört, aber das ist ein Sammelbegriff, wie Paul oder Klara.

Es gibt ganz unterschiedliche innere Kinder in dir und sie brauchen ganz unterschiedliche Dinge. Manche wollen einfach nur frei sein und spielen. Die lebenslustige Frau in Klara erzeugt dauernd eine leichte und unbeschwerte Atmosphäre.

Sie hat keine Ahnung davon, dass sie das vor allem für ein inneres Kind in Klara tut: ein süßes Mädchen, das froh und unbekümmert ist und das man sehr leicht erschrecken kann. Wenn Klara und Paul das wüssten, könnten sie viel besser verstehen, warum Klara den existentialistischen Gedankenspiralen des Philosophen mit verstärktem Spaßeinsatz entkommen will.

Manche inneren Kinder sind so klein, empfindlich und ungeschützt, dass sie in eine emotionale Daunendecke gehüllt werden müssen. Eine machtvolle innere Person übernimmt diesen Job mit großer Entschlossenheit, aber wieder ganz unbewusst.

“Du bist so ungreifbar“ hört sie immer wieder. Aber solange sie nicht weiß, warum sie das ist, wird sie es nicht verändern können. Die Liebe zu dem inneren Kind wird stärker sein als all die Forderungen nach Spontaneität und Direktheit, die von außen kommen.

Der Tanz der Beziehung

Jede Beziehung ist ein Tanz zwischen den machtvollen und den verletzlichen Anteilen der beiden Beziehungs-Tänzer. Wenn es den Tänzern gelingt, ihre Macht und ihre Verletzlichkeit bewusst in den Tanz einzubringen, erzeugen sie ein lebendiges Miteinander von großer Intensität und Intimität. Aber oft vergessen Menschen entweder ihre Macht oder ihre Verletzlichkeit. Oder sie leben nur aus einer oder zwei inneren Personen heraus.

Dann wird der Fluss unterbrochen und die Beziehung zum Problem. Dann wundern wir uns, wie wir aus dem himmlischen Zustand in die öde Durststrecke oder noch weiter fallen konnten. Die Logik der Liebe ist ein Bewusstseinsprozess, der beiden Partnern hilft, sich ihrer machtvollen und verletzlichen Anteile bewusst zu werden.

Es ist ein Werkzeug, mit dem wir jede Beziehung erforschen können, um herauszufinden, wo und wie genau der Tanz unterbrochen wird – und wie wir ihn wieder in Schwung bringen können.

Dieses Verständnis führt gleichzeitig zu einem tieferen Verständnis des inneren Systems der beiden Partner. So wird die Beziehung selbst zu einem Lehrer und Führer in die eigene Innenwelt.

 


Vortrag „Die Logik der Liebe“:
Fr, 26. Juni 2015,
19 Uhr, Seminar­zentrum Palisa.de,
Palisadenstr. 48, 10243 Berlin, www.palisa.de

 

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Über den Autor

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Artho Wittemann lebt mit seiner Frau Veeta in Schweden, wo sie gemeinsam das Institut für IndividualSystemik leiten, das Vorträge und erfahrungsorientierte Seminare in IndividualSystemik anbietet. ­Bereits seit seiner frühen Jugend galt das zentrale Interesse des Autors psycholo­gischen und spirituellen Fragen. Die Überzeugung, dass alle menschlichen Er­fahrungen einen sinnvollen und beschreibbaren inneren Zusammenhang haben, ­wurde zur Grundlage seiner praktischen und theoretischen Arbeit.
Seit über zwanzig Jahren beschäftigt sich Artho Wittemann intensiv mit Fragen der systemischen Selbstorganisation der Psyche. Zehn Jahre lang war er Schüler, dann Mitarbeiter von Dr. Hal und Dr. Sidra Stone, den Begründern der Voice-Dialogue-Methode. Er übersetzte zwei ihrer Bücher ins Deutsche und lehrte Voice-Dialogue sechs Jahre lang im Zentrum für Individual- und Sozialtherapie (ZIST) bei ­München.

Dann schlug er, gemeinsam mit seiner Frau Veeta, einen eigenen Weg ein, den er unter dem Begriff IndividualSystemik zu einer umfassenden psychologischen Theorie und Praxis weiter entwickelte. Dieses Konzept ist eine Weiterentwicklung der Arbeit mit „Bindungsmustern“, wie sie von Dr. Hal und Dr. Sidra Stone entwickelt wurde. Es wurde im Rahmen von IndividualSystemics um entscheidende Parameter erweitert und vertieft. In seinem ersten Buch,“Die Intelligenz der Psyche“, sind die grundlegenden Konzepte der IndividualSystemik dargelegt. Die vertiefende Forschung in der psychotherapeutischen Praxis und in Ausbildungsseminaren für Therapeuten und Berater führte zu den Einsichten und Techniken, die in seinem zweiten Buch, „Warum wir erst anfangen, uns selbst zu verstehen“, beschrieben sind.

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Buchtipp:
Artho Wittemann: Die Architektur der Innenwelt, CreateSpace Independent Publishing Platform 2015

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