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Die Maultrommel ist eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit. Ihr Stammgebiet  ist Sibirien und Zentralasien.  Dabei fällt auf, daß die Maultrommel bei  jenen  Volksgruppen zu finden ist, die auch den Schamanismus praktizieren. Ihre Bedeutung geht über die Funktion als Musikinstrument weit hinaus.  Sie war immer auch ein Instrument der Heilung.

In diesen Naturreligionen wird dem Maultrommelspiel eine spezielle Bedeutung zugewiesen, die über die Funktion als Musikinstrument hinausgeht. Sie wird entweder allein, oder zusammen mit Spiegeln, Stöcken, Fächern, Trommeln, Rasseln und Glöckchen eingesetzt zur Geistheilung und Kontaktaufnahme mit den verstorbenen Ahnen.

Speziell in der nordsibirischen Republik Sacha-Jakutien gehört heute das Maultrommelspiel wieder zum gültigen Kulturgut. 300 anerkannte Virtuosen unterrichten das Instrument an staatlichen Schulen und lehren ausgefallene Spieltechniken: Zungen- und Mundhöhlenvibrato, Zungenschnalzen, Staccatotechnik, Tierstimmen- imitation und die „sprechende Maultrommel“. Die Maultrommel dort Chomus genannt, ist nicht mehr das Instrument der lese- und schreibunkundigen Menschen, sondern im Gegenteil, es ist symphonisches Instrument und Instrument der Heilung.

Der jakutische Maultrommelvirtuose Spiridon Schischigin berichtete kürzlich auf seinem Workshop im Ökowerk Berlin von seiner therapeutischen Arbeit mit der Maultrommelmusik. Zusammen mit der Nervenärztin, Galina Trofimoba, arbeitet er im Rehabilitationszentrum des städtischen Krankenhauses seiner Heimatstadt Pokrowsk. „.

Ein jakutisches Sprichwort sagt: Schmied und Schamanen sind aus demselben Nest. Maultrommelschmiede gelten in Jakutien als Seher und geistige Heiler. „“, weiß Schischigin zu berichten. Er sieht sich in der Tradition der Kultur seines Volkes, bezeichnet sich selbst aber nicht als Schamane. Im Alltag ist er Lehrer für Mathematik und Direktor der Schulzentrums.  Er arbeitet an der Vernetzung der Schule mit Computern und eMail. Im Workshop mit Schischigin und später auch bei Einzelbehandlungen bemerkte ich, daß sein Maultrommelspiel beruhigend und ausgleichend wirkte. In Gesprächen kamen wir zu der Erkenntnis, daß die Wirkung darin bestehen kann, daß die Klänge die Linke und Rechte Gehirnhälfte zu harmonisieren scheinen. In zwei Einzelbehandlungen haben am Ende der Session die Patienten in einem Wachtraum ähnlichen Zustand gesungen.

Weltweit verbreitet ist die Bügelmaultrommel. Sie besteht aus einem steigbügelförmig zusammengebogenen Rahmen aus starkem Stahldraht mit zwei parallel auslaufenden Enden, zwischen denen eine hauchdünne Stahlzunge Platz findet. Die vibrierende, freischwingende Zunge dient als Klangerzeuger. Zum Spiel wird der Rahmen leicht gegen die Zähne gedrückt und mit dem Finger die Stahlfeder in Schwingung versetzt. Die Mundhöhle dient dabei  als Resonanzraum. Jedes Instrument ist auf einen festen Grundton gestimmt. Wie für alle mit dem Mund gespielten Instrumente, spielt auch beim Maultrommelspiel der Atem eine große Rolle. Rhythmisches aus- und einatmen prägen den Fluß der Töne gleichermaßen wie das anzupfen oder schlagen der Feder. Diese Techniken ermöglichen dem Spieler ungezählte Varianten von Obertönen, Timbres und Effekten. Der intensive, langandauernde rhythmische Atemfluß versetzt den Spieler, ähnlich wie beim blasen des australischen Didjeridoos, in einen angeregten, fast tranceähnlichen Zustand, der sich auf die Zuhörer überträgt. Hinzu kommt, daß das auf den Zähnen aufliegende Rahmenende der Maultrommel den ganzen Schädelknochen zum vibrieren bringt und so der Spieler sich durch sein Spiel innerlich leicht massiert. Der so doppelt entspannte Maultrommelspieler erzeugt Schwingungen, die in der Aura der Zuhörer wirken: er massiert und balanciert, er entspannt und öffnet.

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