Anzeige

Ein Gartenprojekt an der Kreativitätsgrundschule in Berlin-Karlshorst. Eine tiefenökologische Kultur erschließt sich dann, wenn auch das „morphogenetische Feld“ (Rupert Sheldrake) des jeweiligen Gartenstandortes wahrgenommen wird – die Landschaft, die Geschichte, die Region, der Stadtteil. 

Karlshorst, im Ostteil Berlins gelegen, ist uns heute vor allem als ehemalige Hochburg der sowjetischen Besatzung bekannt. Hier wurde im Mai 1945 die Kapitulation Deutschlands besiegelt. Heute ist es ein ruhiger Stadtteil mit Kopfsteinpflaster und restaurierten Landhausvillen – nach der Wende muss es hier große demographische Veränderungen gegeben haben. 

 

Der Blick zurück nach vorn

Seinen Namen erhielt der Stadtteil von dem aufgeklärten Gutsbesitzer Carl von Treskow, der hier Mitte des 19. Jahrhunderts – nah am Ufer der Spree und mitten im Berlin-Warschauer Urstromtal – ein Vorwerk des barocken Schlosses Friedrichsfelde gründete. Und das „Vorwerk Carlshorst“ war eine Art landwirtschaftliches Mustergut mit angegliederter Schule nach dem Vorbild des Schweizer Pädagogen Fellenberg. Um 1900 wurde das Vorwerk Karlshorst im Zuge des rasanten Wachstums der Hauptstadt zu einer Villenkolonie für den wilhelminischen Mittelstand erweitert – einem städtebaulichen Musterprojekt. Die Straßenzüge im „Dahlem des Ostens“ wurden nach den preußischen Prinzen benannt. Das Gebäude der Kreativitätsgrundschule stammt aus dieser kaiserzeitlichen Gründung. 

 

Kreativitätsschule

Das geflügelte Wort „Kreativität“ ist lateinischen Ursprungs und hat zwei Wurzeln: „creare“ bedeutet „erschaffen“ und bezeichnet den menschlichen, inneren Anteil, „crescere“ ­bedeutet „wachsen“ und ­bezeichnet den natürlichen, äußeren Aspekt bei der Wirklichkeitserfahrung. Beides – Mensch und Natur – darf ineinanderfließen, um so zu ­einer harmonischen Form zu finden. 

Das großzügige Schulgelände verfügt über ­einen schönen alten Baumbestand. Am Ende der Straße gibt es eine Bezirksgartenschule noch aus den Zeiten der DDR – willkommene Kooperationspartner für unser Projekt.

Neben Englisch, Französisch und Arabisch wird ab der ersten Klasse auch Chinesisch unterrichtet. Da die Kinder die bildhaften chinesischen Schriftzeichen lesen können, werden wir einen oktogonalen I-Ging-Kräutergarten anlegen.

 

I Ging – das älteste Buch der Welt 

Die Botschaft des uralten I Ging ist universal und integral – die 64 Hexagramme entsprechen der Struktur unserer DNA und werden in der chinesischen Medizin sowie im Tai Chi als heilendes Medium eingesetzt. Die oktogonale Form des I Ging mit seinen acht Trigrammen bedeutet „Aufbruch zur Vervollkommung“. Und es handelt sich um einen an den Abläufen der Natur orientierten kreiskausalen Ansatz, der uns aus der Misere des linearen Denkens und des quantitativen Wachstums heraushelfen kann.

Als wundersamer historischer Anker für den I-Ging-Garten erweist sich die kaiserzeitliche Kuppel auf dem Dach des Schulgebäudes, die in Form eines Oktogons wie in alter Zeit die Himmelsrichtungen und die Jahreszeiten anzeigt. 

Die chinesischen Bildzeichen, auf denen das Orakel beruht, sind archetypisch, tief naturverbunden und vieldimensional. Es geht darum, den eindimensionalen Blick der Moderne zu weiten und mit Hilfe des ältesten Buches der Welt wieder tiefenökologisch und kreiskausal wahrnehmen zu lernen. Und was könnte kreativer als ein künstlerisch gestalteter Garten sein?

Drachen als Erdhüter

Für das Drachenfest im November haben wir bereits begonnen, zwei große Hochbeete in chinesische Glücksdrachen zu verwandeln. Aus Weidengeflecht und Feldsteinen sind sprechende Kräuterbeete entstanden, die nun zunächst in den Winterschlaf geschickt werden. 

Das Drachenpärchen, dessen Name noch gefunden wird, stellt eine „soziale Plastik“ (Joseph Beuys) oder auch eine „vorbereitete Umgebung“ (Maria Montessori) für die kindliche Phantasiewelt dar. Die Kinder können ihre Wunschzettel in die Drachenflügel hängen und die schlafenden Hochbeete mit ihren Traumbildern ausfüllen. Und Drachen sind wahre Erdhüter und mahnen uns an einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Nicht Siegfried, der Drachentöter, sondern Eragon, Fuchur oder Mac, der alternde Flugdrache aus Käptn Blaubär, sind die Helden unserer Zeit. 

Erdbotschafter sein 

Die beiden Kräuterdrachen und der oktogonale I-Ging-Garten werden im Frühjahr, wenn die Natur wieder erwacht, den Schulhof in einen Garten Eden verwandeln und der hier entwickelten Kreativitätspädogogik eine wichtige Erweiterung durch lebenspraktische, tiefenökologische Bildung möglich machen. Erdbotschafter sein bedeutet kreativ sein. Der Schulhof wird zu einem Campus für Paradiesgestaltung und einem Experimentierfeld für regionale Lebenskultur: „Verantwortung ist immer konkret. Sie hat einen Namen, eine Adresse und eine Hausnummer“ (Karl Jaspers). Und so macht Schule Sinn und kann das morphogenetische Feld eines Berliner Stadtteils ganz entscheidend prägen. Ein Ausflug nach Karlshorst ins wiedererblühte Prinzenviertel lohnt sich daher immer.

 


 

Abb. 1: Drachenbeet

Kreativitätsgrundschule Karlshorst, Ehrlichstraße 63, 10318 Berlin, www.krea-schulzentrum.de

 

Informationen zum I-Ging: 

http://i-ging-orakel.net/

 

Lothar Gütter, Naturlernwelten e.V., 

www.nachhaltig-sein.net

www.facebook.com/erdbotschafter

Eine Antwort

  1. Martin

    Alles hat zwei Seiten, so auch der Drache :

    „…Dagegen ist der ostasiatische Drache ein zwiespältiges Wesen mit überwiegend positiven Eigenschaften: Regen- und Glücksbringer und Symbol der Fruchtbarkeit und der kaiserlichen Macht.“

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Drache_%28Mythologie%29

    Es kommt immer auf die Sichtweise an…

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*