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Viele Menschen spüren, dass die Risse in der eigenen Seele nicht unabhängig von den scheinbar ­äußeren Problemen dieser Welt sind und umgekehrt. Doch die Gespaltenheit moderner Theorie zwischen Psychologie und Sozialtheorien macht es kaum möglich, dies zusammenzudenken und zusammenzufühlen.

Es gibt einen aus den modernen Theorien verbannten Begriff, der persönliche und ­gesellschaftliche Sphären zuinnerst verband – den Begriff der Seele. Es könnte daher Sinn ­machen, diesen Begriff auf moderne Weise zu rekonstruieren. Im Folgenden ein erster Versuch dazu. Gedanken zum Philosophiefestival der Liebe vom 5.-9. September in Berlin

Die Seele – der individuelle Ausdruck der universellen Schöpfung

In allen Menschen wohnt eine Sehnsucht danach, sich sowohl als einzigartiges Wesen frei zu entfalten als auch mit anderen Menschen intensiv verbunden zu sein. Diese universelle Sehnsucht hat in jedem Einzelnen eine jeweils ganz individuelle Ausprägung und Stimme – und wird oft auch als Seele dieses Menschen bezeichnet.

Der Psychologe C.G. Jung kam sogar zu dem Schluss, dass diese innere Stimme der Seele eine zweite Ich-Instanz ist – ein inneres Pendant zum eher außenorientierten ersten Ich, das die familiären und kulturellen Prägungen der materiellen und sinnlichen Bedürfnisse des Einzelnen umfasst.

Diese innere Stimme der Seele ist der individuelle Ausdruck des universellen Grundes der Evolution oder Schöpfung, den alle großen Kulturen bzw. Religionen letztlich als Liebe beschreiben. Denn Liebe ist – wie die Seele als ihre individuell-menschliche Stimme – die einzige Qualität oder Energie des Seins, die sowohl verbindet als auch befreit.

Und erst wenn Menschen diese oft eher leise innere Stimme der Seele oder Liebe in sich verstehen und von dieser aus ihr außenorientiertes Ich gestalten lernen, beginnen sie ihr wirkliches menschliches Potenzial zu entfalten.

Die Seele im Bezugsraum Erde

Um sich seiner Seele als Kern und Stimme des eigenen Potenzials bewusst zu werden, braucht der Mensch einen ­kulturellen Bezugsraum, der sich weder ­allein am eigenen Wohlergehen orientiert noch ausschließlich an einer nie ganz erfassbaren spirituellen Dimension (Gott, Allah, Brahma etc.).

Dieser kulturell zu organisierende Bezugsraum der menschlichen Seelen könnte ihr gemeinsamer Heimatplanet Erde sein. Solange es diesen gemeinsamen kulturellen Bezugsraum Erde nicht gibt, scheint es nur vereinzelten Menschen zu gelingen, sich ihres seelischen Potenzials bewusst zu werden und es zu entfalten. Die Mehrzahl der Menschen bleibt solange noch fast völlig mit beschränkten kulturellen Mustern identifiziert.

Die seelische Sehnsucht

Das hat zur Folge, dass sie die größere irdische Dimension ihrer seelischen Sehnsucht und Intention weder verstehen noch fühlen kann und deren „seelische Energie“ stattdessen in kulturellen Abgrenzungstraditionen – von Religions- und Völkerhass bis hin zu Kriegen – absorbiert wird.

Die individuellen Sehnsüchte nach innerer seelischer Gesundheit und äußerem irdischen Frieden und Ökologie sind dabei nichts voneinander Getrenntes, sondern nur verschiedene Dimensionen einer neuen Qualität seelischer Reife.

Einheit in Vielfalt

Die Erweiterung und Befreiung der seelischen Sehnsucht und Energie auf dem gemeinsamen Planeten Erde bedeutet jedoch nicht, dass die kulturelle und religiöse Vielfalt menschlicher Existenz dabei zerstört wird.

Diese „lebendigen Kleider des Göttlichen“ (Goethe) sind dann eher verschiedene Wege und Räume, in denen menschliche Seelen auf die ihnen jeweils vertrauteste Art und Weise den irdischen Bezug leben und tanzen.

Die dazu nötige Anerkennung und Wertschätzung sowohl kultureller und religiöser Vielfalt als auch eines gemeinsamen Kerns irdischer Liebe ist auch aus anderen Gründen wünschenswert: Die äußeren ökologischen und sozialen Krisen der modernen Zivilisation werden erst lösbar, wenn nicht die Unterschiede, doch die Verhärtungen und Kämpfe zwischen den Kulturen und Religionen aufgehoben werden.

Denn zum einen verschlingt der Kampf um Vorherrschaft erhebliche Ressourcen (von kulturellen Abgrenzungsritualen bis hin zu Rüstungs- und Kriegsausgaben), die für gemeinsame Lösungen ökologischer und sozialer Probleme gebraucht würden.

Zum anderen blockiert die damit einhergehende Abgrenzung genau das menschliche Potenzial, das es zur Lösung dieser Krisen braucht.

Kulturelle Identität ist notwendig

Da es nicht leicht ist, dieses Zusammenspiel von kultureller Vielfalt und gleichzeitiger irdischer Identität zu verstehen, dies noch einmal etwas anders formuliert: Die Unterschiede der Kulturen und Religionen sind ein lebendiger Reichtum an Traditionen, Formen, Farben und Tönen, dessen   Einebnung – aus welcher übergreifenden Ideologie auch immer – nur unnötige neue Ressentiments schaffen würde.

Vielmehr geht es darum, die Unterschiede im tiefsten Grund sowohl erkennbar als auch lösbar zu machen. Den tiefsten Grund nennen die einen Gott, die anderen Allah, Jahwe, Brahma, Tao oder anders. Allen Kulturen und Religionen gemeinsam ist jedoch, dass ihre tiefste Grundlage eine je kulturell unterschiedlich getönte, doch letztlich identische Art von universeller Liebe ausdrückt und verkörpert.

Die Lösung der drängendsten Zukunftsprobleme kann daher weder durch die Einebnung der vielfältigen äußeren noch der spezifischen innersten Töne der unterschiedlichen Kulturen gelingen.

Entscheidend ist es, sich darauf zu verständigen, dass es zwei entscheidende Gemeinsamkeiten gibt: die gemeinsame irdische Lebenswelt und die Liebe als innerste Essenz von Spiritualität.

Welt-Liebe

Eine solche kultur- und religionsverbindende Welt-Liebe darf sich jedoch nicht als Forderung über die Seele der Menschen stellen. Sie ist nur so weit wirksam, wie sie in der inneren Stimme, Kreativität und Freude vieler einzelner Seelen zum Erleben gebracht werden kann.

Die Entwicklung und kulturelle Etablierung des Begriffs und Phänomens „Welt-Liebe“ macht daher doppelten Sinn für eine wünschenswerte Zukunft von Mensch und Erde: zum einen zur  Aufhebung der kulturell-religiösen Differenzen und zum anderen zur Entfaltung menschlicher Potenziale. Dafür Impulse zu setzen und einen ersten Austausch zu ermöglichen, ist das zentrale Anliegen und  Thema des diesjährigen Philosophiefestivals der Liebe vom 5.-9. September in Berlin.

 


Mehr dazu unter www.becomelove.de

Mehr zum transdisziplinären ­Seelen-Forschungslab auf  www.seelenresonanz.jimdo.com

 

Über den Autor

Avatar of Anselm Grün, Gerald Hüther und Maik Hosang

Philosophie-Gerald HütherDr. Gerald Hüther ist ein bekannter Neurobiologe, Redner und Autor erfolgreicher populärwissenschaftlicher Bücher zu Themen wie Angst, Liebe und menschliche Potenzialentfaltung.

Philosophie-Anselm GrünPater Anselm Grün studierte Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft. Viele seiner ca. 300 Bücher beschäftigen sich auf ganzheitliche Weise mit philosophischen, theologischen und psychologischen Dimensionen der Liebe.

Philosophie-Maik HosangDr. phil. Maik Hosang studierte Philosophie und Psychologie in Berlin. Er baute zusammen mit Rudolf Bahro das Institut für Sozialökologie an der Humboldt-Universität Berlin auf, nach dessen Tod Weiterführung im LebensGut Pommritz.

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