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Prabhavati Dwabha leitet das Waisenhaus Ramanas Garden in Rishikesh, das Kindern Zuflucht bietet, die von Sklaverei und Prostitution bedroht sind. Bettina Homann sprach mit ihr über ihre Arbeit und ihr abwechslungsreiches Leben mit verschiedenen spirituellen Meistern.

 

Dr. Dwabha, Kinder stehen im Zentrum Ihres Lebens, wie war Ihre eigene Kindheit?

Mein Vater verschwand, als ich 18 Monate alt war und ich lebte mit meiner Mutter auf der Farm ihrer Eltern. Die schönsten Kindheitserinnerungen sind die an meine Großmutter Amanda. Wir haben gemeinsam Brot gebacken, einen Gemüsegarten angelegt und Lämmer auf die Welt gebracht. Die Schwierigkeiten begannen, als meine Großeltern starben und meine Mutter den Handelsposten in Durango, einem winzigen Cowboy-Kaff, übernahm. Wir wurden als katholische Iren ziemlich angefeindet. Ich wurde sogar als Hexe verschrien, weil ich an Elfen, Feen und Geister glaubte, die in Bäumen und Blumen lebten, so wie meine Großmutter es mir beigebracht hatte.

 

Was hat Sie geprägt?

Die stärksten Eindrücke empfing ich von den indianischen Familien aus dem nahegelegenen Reservat, mit denen ich mich anfreundete. Als ich neun Jahre alt war, wurden die Wasserrechte des Reservats an den kalifornischen Staat verkauft, der das Wasser abzog, um die Besiedlung des San Fernando Valleys voranzutreiben. Gemeinsam mit den Indianern sah ich, wie die Felder vertrockneten und die Tiere starben. Es brach mir das Herz, dem Ruin dieser schönen starken Menschen zuzusehen. Kurz danach begann der Vietnamkrieg, in dem viele meiner Kindheitsfreunde getötet wurden. Ich ging auf die Straße, protestierte und verbrannte in Berkley meinen BH. Irgendwann gab ich auf und ging nach Europa und beschloss, nie mehr in die USA zurückzukehren.

 

Sie haben es aber dann doch getan?

Ja, ich war fest entschlossen, ein großer Filmstar zu werden und das bedeutete Hollywood. Ich machte einen Deal mit meiner Mutter, die unbedingt wollte, dass ich Ärztin werde: Ich würde ein Jahr nach Hollywood gehen und wenn ich es in dem einen Jahr nicht schaffte, ein Star zu werden, Medizin studieren.

 

Sind Sie nach Hollywood gegangen?

Ja, ich bin hingefahren und habe eine Annonce in die Zeitung gesetzt, in der ich Mithilfe im Haushalt im Austausch gegen Kost und Logis anbot – ich habe ziemlich obskure Angebote bekommen.

 

Wie ging es aus?

Ich habe schließlich Medizin studiert …

Eine Karriere als Filmstar scheint ihrer jetzigen „Karriere“ diametral entgegengesetzt – gibt es für Sie Gemeinsamkeiten, was die beiden Träume angeht?

Magie. In meiner Liebe zur Schauspielerei ging es um die Magie, die man durch Kreativität erzeugen kann. Für mich dreht sich alles um die Magie der Kreativität. Sie ist das Rückgrat all dessen, was hier in Ramanas Garden passiert.

 

1978 sind Sie nach Indien gegangen, warum?

Ich hatte das Gefühl, dem Ruf meines Herzens zu folgen. Mein Leben lang hatte ich nach dem „Never-Land“ aus meiner Lieblingsgeschichte Peter Pan gesucht, nach einem Ort, an dem Menschen frei sind, ihren individuellen Weg der Erfüllung zu gehen. Östliche Meister versprachen einen Seins-Zustand, der harmonisch und friedlich war – unabhängig von äußeren Umständen. Das hat mich sehr angesprochen.

 

Wie waren ihre Erfahrungen?

Ich habe Himmel und Hölle erlebt und alles, was dazwischen liegt, aber vor allem habe ich eine tiefe Liebe für Indien und seine Menschen empfunden. Ich hatte das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

 

Und sofort beschlossen, für immer zu bleiben?

Nicht sofort, nach einiger Zeit bin ich in die USA zurückgegangen und fühlte mich wie ein Alien. Ich habe Indien so sehr vermisst! Ich habe die offenen Herzen und das offene Lächeln vermisst, all die Farbe, das Chaos und den Wahnsinn, der Indien bedeutet. Das wusste ich, dass Indien meine Heimat ist. Ich habe meinen indischen Namen ganz bewusst ausgewählt: Er bedeutet „göttliches Chaos“.

 

Haben Sie als Ärztin gearbeitet?

Nein, nicht im westlichen Sinne. Ich habe gelernt, alles zu vergessen, was ich über Medizin zu wissen glaubte und eine Heilerin zu werden. Ich habe viel Karma-Yoga gemacht, jede Aufgabe, die in einer Gemeinschaft anfällt, vom Kloputzen über Kochen bis zu Lastwagenfahren.

 

Sie haben mit vielen spirituellen Meistern gelebt?

Ja, zunächst mit Osho, dann mit Krishnamurti, mit Papaji und seinen Nachfolgern Siddhi Ma und Amma Ji.

 

Papaji war es auch, der Ihnen geraten hat, als Einsiedlerin in einer Höhle im Himalaya zu leben?

Ja, er hat mir gesagt, ich müsse ein Jahr in Stille an den Ufern des Ganges leben, um die Lehren des Flusses zu verstehen.

 

Eine für einen europäischen Stadtbewohner kaum vorstellbare Erfahrung, wie war es?

Am Anfang war es unglaublich schwer. Ich habe den gewohnten Komfort sehr vermisst. Aber schneller, als ich es mir hätte vorstellen können, wurde es ganz leicht und zutiefst befriedigend, mich nur um die einfachsten Bedürfnisse zu kümmern: Wasser holen, Holz sammeln, Nahrung pflanzen und zubereiten.

 

Waren Sie immer allein?

Bis auf die Kinder, die aus den nahe gelegenen Dörfern kamen. Sie brachten mir auch regelmäßig Milch und Käse. Da begann meine Arbeit mit Kindern.

 

Was haben sie die ganze Zeit gemacht?

Ich habe viel Zeit damit verbracht, einfach am Ufer zu sitzen und ins Wasser zu schauen, zuzuhören, zu meditieren. Die wichtigste Lehre, die ich erfahren habe, war die Vergänglichkeit von allem, der ständige Wandel. Du kannst deinen Fuß nicht zweimal in den selben Fluss tauchen. Jeder Moment vergeht, um Platz zu schaffen für das Jetzt. Selbst als der Fluss meine Höhle geflutet hat und alles zerstört hat, was ich besaß, war das nur eine weitere Lektion, die mir dabei half, Vergänglichkeit zu akzeptieren.

 

Was ist passiert?

Eines Tages als ich unterwegs war, trat der Fluss, der durch den Monsun Regen Hochwasser hatte, über die Ufer und schwemmte all meinen irdischen Besitz weg, meinen Pass, mein Geld, meine ganze Identität. Die Dorfbewohner taten sich zusammen und bauten mir innerhalb weniger Stunden eine Hütte, die sie mit Dingen aus ihren Häusern ausstatteten. Als wir dann später am Feuer zusammen saßen und diese Menschen, die selbst so wenig hatten, ihr Essen und ihr Lachen mit mir teilten und ich ihre Gesichter voller Freundlichkeit und Liebe sah, beschloss ich, etwas zu tun, um die Zukunft ihrer Kinder zu verbessern.

 

Das Kinderheim?

Ich fing zunächst mit einer Schule und einer medizinischen Notaufnahme an. Über die Jahre wurden immer mehr Kinder einfach vor meiner Tür abgelegt, so dass ich schließlich Ramanas Garden eröffnete.

 

Wie haben sie das finanziert?

Ich habe alle Freunde angerufen, gebettelt, eine zeitlang in Japan als Heilerin gearbeitet, um Geld zu verdienen.

 

Wer war das erste Kind, das Sie aufgenommen haben?

Ein neun Jahre alter Junge namens Shankar, seine Eltern waren beide am Fieber gestorben. Er hatte nie viel Interesse an Schule, aber er hat 11 Jahre lang sehr erfolgreich unsere Küche gemanagt. Heute tut er das in einem anderen Heim in Nepal, wo er herstammt.

 

Wie viele Kinder leben bei Ihnen?

Heute sind es 65, 20 sind inzwischen erwachsen.

 

Wie kommen die Kinder zu Ihnen?

Die meisten sind absolute Notfälle, weil wir eigentlich überfüllt sind. Das heißt, es sind Kinder, deren Eltern getötet wurden oder die sich gegenseitig umgebracht haben. Wir nehmen nur Kinder, von denen wir fürchten müssen, dass sie den nächsten Tag nicht überleben, wenn wir sie nicht aufnehmen. Zum Beispiel haben wir viele nepalesische Mädchen aufgenommen, als die maoistische Guerilla in Nepal an die Macht kam. Die Mädchen dort waren hochgradig gefährdet, tausende wurden über die Grenzen in die Prostitution verkauft.

 

Ist es nicht sehr gefährlich, diese Mädchen zu holen?

Ja, so gefährlich, dass wir damit aufhören mussten.

 

Was ist passiert?

Darüber kann ich leider nicht sprechen, weil ich Menschen, die uns geholfen haben und immer noch helfen, gefährden würde.

 

Warum vertrauen die Kinder, die viel Schlimmes erlebt haben und sie gar nicht kennen, Ihnen?

Aus dem gleichen Grund, aus dem alle Kinder, die hier herkommen, sich sicher und wohl fühlen: Sie spüren die Liebe, die ihnen hier entgegengebracht wird.

 

Was können sie den Kindern geben?

Bei uns erfahren sie, dass sie einzigartige göttliche Wesen sind. Wir helfen ihnen, die Fülle zu erleben, selbst wenn wir äußerlich wenig haben, die Fülle und den Luxus der Kreativität.

 

Was geben die Kinder Ihnen?

Sie sind ein Spiegel meiner selbst.

 

Sie bekommen keine finanzielle Unterstützung durch die indische Regierung, und auch wenn sie einigen Kindern helfen können, gibt es immer noch endlos viele, die Sie nicht retten können. Woher nehmen Sie Kraft, immer weiter zu machen?

Aus den Wundern, die ich jeden Tag erleben darf, wenn ich sehe, wie diese Kinder, die alles verloren haben, sich vom Leben alles wieder zurückholen.

 

Ist Yoga für Sie eine Kraftquelle?

Ja, ich praktiziere Yoga, wann immer ich kann, vor allem Kundalini Yoga mit meiner Lieblingslehrerin Gurmukh.

 

Inwiefern hilft Ihnen Yoga?

Es hat alles mit Balance zu tun. Umso mehr man Körper und Geist in einen harmonischen ausgeglichenen Zustand bringt, desto einfacher wird es, mit seinem inneren Wesen in Kontakt zu kommen, ob man es nun Seele nennt, höheres Bewusstsein oder wie auch immer. Für mich ist Yoga der perfekte Weg zu diesem ausgeglichenen Zustand. Der Körper ist das Instrument für das Göttliche – wie eine Flöte. Umso besser der Körper eingestimmt ist, umso schöner wird die Melodie, die man empfängt.

 

Sie leben in Rishikesh, der „Welthauptstadt des Yoga“, was halten sie von all den westlichen Menschen, die dorthin reisen in der Hoffnung, den Schlüssel zu einem erfüllten Leben zu finden?

Viele Meister haben gesagt: „In dem Moment, in dem du einen Fuß auf indischen Boden setzt, trittst du in die Fußstapfen der Buddhas“. Ich glaube, dass das stimmt. Dennoch ist es für mich nicht leicht, zuzusehen, wie Rishikesh immer touristischer wird, weil damit die Zerstörung der Natur einhergeht, insbesondere des Ganges.

 

Was empfinden Sie, wenn Sie mitbekommen, dass Yoga im Westen hauptsächlich praktiziert wird, um schöner und leistungsfähiger zu werden?

Es macht mich schon ein wenig traurig, aber ich bin davon überzeugt, dass eine intensive Yoga-Praxis die Wahrnehmung der Welt verändert und ich hoffe darauf, dass daraus mehr Mitgefühl erwächst.

 

Eine Methode, die Welt in einen weniger egoistischen Ort zu verwandeln?

Darüber denke ich ständig nach, wenn ich all diese Zerstörung in der Welt beobachte. Die Zerstörung ist so offensichtlich die Folge davon, dass sich Einzelne nicht mehr als Teil des Ganzen empfinden. Nur wer nicht begreift, dass er selbst Teil der Natur ist, ist fähig, sie so nachhaltig zu zerstören. Ich versuche die Kinder zu inspirieren, sich für eine Welt einzusetzen, in der Ganzheitlichkeit der Normalzustand ist.

 

Wie machen Sie das?

Indem ich sie Mitgefühl lehre. Sie lehre, sich selbst und andere zu lieben als Manifestationen des Göttlichen auf dieser Erde.

 

Was raten Sie Menschen, die auf der Suche nach mehr Sinn in ihrem Leben sind?

Öffnet die Augen und die Herzen für all jene, die euch umgeben. Erlebt sie als Teil von euch. Sperrt euch nicht in eure Komfort-Zonen ein. Da draußen wartet so viel mehr auf euch:

Es geht im Leben nicht darum, darauf zu warten, dass der Sturm vorüber zieht, sondern darum, zu lernen, im Regen zu tanzen!

Über den Autor

Avatar of Prabhavati Dwabha

1952 in Marvel, Colorado, mitten im damals noch recht wilden Westen geboren, wuchs Prabhavati Dwabha auf der Farm ihrer Großeltern auf und träumte davon ein Filmstar zu werden. Nach einem abenteuerlichen Ausflug nach Hollywood studierte sie ihrer Mutter zuliebe Medizin. 1978 zog sie nach Pune, wo sie 18 Jahre lang in Oshos Ashram lebte und vielen spirituellen Meistern begegnete. Einer von ihnen – Harivansh Lal Poonja, genannt Papaji – empfahl ihr ein Jahr lang in einer Berghöhle am Ufer des Ganges zu leben, um von dem heiligen Fluss zu lernen. In diesem Jahr wurde ihr klar, dass es ihre Aufgabe im Leben ist, Kindern zu helfen. 1988 gründete sie das Waisenhaus Ramanas Garden in Rishikesh. Obwohl sie permanent gegen Geldnot, Korruption und die Zerstörung der Umwelt kämpft und ohne jeden westlichen Komfort lebt, bezeichnet sie sich selbst eine glückliche Frau. Sie praktiziert seit vielen Jahren Yoga und Meditation und ist der Meinung, dass jede spirituelle Praxis nur ein sinnvolles Ziel hat: anderen zu helfen.

Mehr Infos

www.friendsoframanasgarden.org

Am Sonntag, den 13.6. 2010, 18.45 Uhr, erzählt Prabhavati Dwabha nach einem gemeinsamen Satsang von ihrer Arbeit.
Ort: Jivamukti Yoga Berlin, Brunnenstr. 29, III Hof, Mitte www.jivamuktiberlin.de

2 Responses

  1. Kuhnert

    Nachtrag,
    habe soeben eine Antwort von Frau Dr. Prabhavati Dwabha bekommen.
    Wenn auch eine Absage – wegen übervoll – hat sie mir ein weiteres Heim in Haridwar genannt.

    Vielleicht habe ich dort Glück und ich werde geduldiger “ abwarten “

    lieben Gruß
    Elisabeth Kuhnert

    Antworten
  2. Kuhnert

    Sehr geehrte Frau Homann,
    ich bin sehr beeindruckt von Ihrem Artikel über die Tätigkeit dieser Frau Prabhavati Dwabha.
    Ich habe vergangene Woche eine große Bitte für Hilfe für einen Buben, der keine Eltern mehr hat und wirklich kein gutes Leben bisher hatte an sie geschickt. :bisher keine Antwort oder irgendeinen Kommentar. Auch ein indischer Freund, Dr. in Dehradun hat mehrfach versucht dort anzurufen. Das Telefon wird nicht abgenommen.
    Ich selber bin seit 10 Jahren in Nordindien tätig. Ich kenne die Geflogenheiten der Inder mehr als gut, aber dass eine “ Ausländerin “ oder ihre Staff, nicht sofort eine Kurze Mail schickt, finde ich sehr erstaunlich.

    Ich wünsche Ihnen ein friedvolles Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr
    Elisabeth Kuhnert
    German Help to Kuling villagers

    Antworten

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