Wenn wir auf den Jahreslauf schauen, wird an Beltane die Vereinigung der männlichen und weiblichen Kräfte gefeiert. Körperlich, aber auch in seelischer und geistiger Hinsicht. Oft wird die Frage gestellt, wie das gelingen kann. Wenn wir uns in der Natur umschauen – und viele haben selbst auch schon mal eine solche Erfahrung gemacht – es passiert von ganz alleine! Dann wäre die Frage plötzlich eine andere: Wie verhindere ich es? Wie verhindere ich es, jemanden zu finden, mit dem ich mich gut verstehe? Wie verhindere ich es, in der Beziehung, die ich habe, Fülle und Wertschätzung zu leben? Das betrifft Freundschaften genauso wie Paar-Beziehungen oder Kontakte am Arbeitsplatz und in der Familie.

Von Angelika Winklhofer

Übung: Deine 10 Gebote

Um dir darüber selber auf die Schliche zu kommen, kannst du vor dem Weiterlesen eine kleine kurze Übung machen, auf dem Papier oder im Kopf. Notiere dir 5-10 „Gebote“ im Hinblick auf eine Beziehung, die dir im Moment wichtig ist. Gebote für dich und Gebote für den Partner oder die Partnerin. Gebote beginnen in der Regel mit Formulierungen wie „Ich/Du sollst …“ oder „Ich/Du sollst nicht …“. Erlaube dir auch Dinge aufzuschreiben, die du „vernünftigerweise“ vielleicht nicht so vertreten würdest, die aber einem unbestimmten Gefühl oder einer unbestimmten Sehnsucht in dir entsprechen. Wenn du deine Gebote aufgeschrieben hast und anschließend weiterliest, kannst du vielleicht das eine oder andere entsprechend zuordnen.

Wie verhindere ich Beziehung?

Hier möchte ich mich auf zwei wichtige Komponenten konzentrieren:

1. Familiäre Muster und Verstrickungen können das Glücklichsein erschweren

Jedes Kind liebt seine Eltern, manchmal sehr tief unterbewusst. Es liebt seine Eltern oft mehr als das eigene Leben. Das macht evolutionsbiologisch Sinn, weil ein kleines Kind ohne die Erwachsenen seines Stammes nicht überleben konnte. Wegen dieser Liebe, vermischt mit einem Quäntchen magischen Denkens, kann das Kind die Fantasie haben, dass es, wenn es sein eigenes Leben, seine eigenen Bedürfnisse opfert, dadurch das Leben der Eltern retten kann.

Dies kann dazu führen, dass sich traurige Beziehungsmuster in Familien aus dieser falsch verstandenen Treue immer und immer wiederholen. Die Enkelin glaubt den Schmerz der Großmutter mildern zu können, wenn auch sie ohne Mann bleibt, obwohl der Krieg schon lange vorbei ist. Der Sohn möchte der Mutter treu bleiben, die vielleicht schon ihren ersten Verlobten oder einen geliebten Bruder verloren hat, den er „ersetzt“, damit sie nicht noch mal verlassen wird und womöglich daran, manchmal nur im übertragenen Sinne, stirbt. Diese Dinge laufen in der Regel unterbewusst ab.

Es scheint eine genetische Veranlgung zu sein, die Dinge im Wesentlichen so zu tun, wie sie bisher getan worden sind. Die Gehirnstrukturen, die für unser Verhalten zuständig sind, haben sich seit Anbeginn der Menschheit herausgebildet. Die Überlebenschancen waren größer, wenn man auf Bewährtes zurückgriff. Hierzu gehörten auch bestimmte „Stammes- Regeln“. Wer diese durchbrach, musste befürchten, ausgestoßen zu werden. Zu Urzeiten bedeutete dies den sicheren Tod. All das kann durch gute Aufstellungsarbeit ans Licht gebracht werden. Hier kann sich oft eine unerwartete Lösung zeigen.

2. Falsche Vorstellungen und Ansprüche verstellen den Blick auf das Echte

Wenn du möchtest, kannst du im Hinblick darauf deine eigenen Gebote noch mal unter die Lupe nehmen: „Du sollst immer für mich da sein“, „Du sollst mir meine Freiheit lassen“, „Du sollst ab und zu mal weg sein, damit ich dich vermissen kann“, „Du sollst immer Lust haben, wenn ich Lust habe“, „Du sollst mich in den Arm nehmen, besonders wenn ich unausstehlich bin“, „Ich sollte immer und zu jeder Zeit der wichtigste Mensch für dich sein“, „Du solltest ein bisschen … (anders) sein“ „Ich sollte das Ausmaß meiner Liebe verbergen“, „Ich muss unabhängig sein“ und so weiter.

Viele Streitigkeiten entwickeln sich aus der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Freiheit und Geborgenheit. Wie kann beides erlebbar sein? Wie kann dieses zerstörerische Spiel aufhören, dass der andere immer attraktiver wird, je weiter er weg ist. Wie kann ich dafür sorgen, dass die vielleicht ganz anderen Wünsche und Bedürfnisse meines Gegenübers zu einer Bereicherung für das Gemeinsame werden, wie ich es am Anfang empfunden habe? Emotionale und sexuelle Bedürftigkeit und Begierden werden in einem Machtkampf missbraucht und machen die Chance von Berührbarkeit zu einer schmählich erlebten Verletzbarkeit. Die Angst vor einem reinigenden und befreienden Streit, die Unfähigkeit, sich zu offenbaren und zuzuhören, sorgen dafür, dass die Art von „Aggression“, die auch für eine Annäherung vonnöten ist, nicht mehr zustande kommen kann. Der Versuch, sich einander nur von der Schokoladenseite zu zeigen, muss irgendwann scheitern, und dann erlebt man eine bittere Enttäuschung.

Wie komme ich da raus?

Übung: Schreibe statt der zehn Gebote einen Wunsch für dein Gegenüber und fünf Wünsche an dich selbst auf. „Ich wünsche mir von dir/mir … „ Der Weg heraus ist sehr viel schwieriger zu beschreiben, weil es hier nicht darum gehen kann, neue Richtlinien aufzustellen. Es kann nur darum gehen, Anregung zu finden, wie jeder Mensch die eigenen Schritte setzen möchte. Dass du in die Lage versetzt wirst, dein Leben auf das auszurichten, was dir wirklich wichtig ist und am Herzen liegt. Auf das auszurichten, wohin deine Sehnsucht dich ziehen möchte. Was kann also helfen, die zerstörerischen Kräfte, die sich aus falschen Vorstellungen und Ansprüchen bilden, zu befrieden?

Du kannst anfangen, deine Ansprüche und Bedürfnisse zu überprüfen. Du könntest gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin herausfinden, welche gemeinsamen Werte und Aktivitäten ihr miteinander teilen möchtet. Manchmal bedeutet das, „Vater und Mutter zu verlassen“, in dem Sinne, dass du deine eigenen Werte findest. Das Prinzip zeigt sich manchmal an banalen Dingen, wie an der Frage, ob man Salzkartoffeln oder Pellkartoffeln bevorzugt.

Wenn du das Problem bist, dann bist du auch die Lösung

Du könntest statt Geboten anfangen Wünsche zu äußern, und jeder kann anfangen, für die eigenen Bedürfnisse selber Verantwortung zu übernehmen. Das ist gerade vielleicht unmodern oder fühlt sich wie eine Kränkung oder ein Aufgeben an. Tatsächlich ist es aber sehr befreiend, denn wenn du das Problem bist, dann bist du auch die Lösung. Man hat festgestellt, dass ein neuer Partner das beste Anti-Aging-Mittel ist. Die Empfehlung lautet: Sei ein neuer Partner. Wenn man jemand neu kennen lernen möchte, nimmt man sich sehr viel Zeit. Und man wird festellen: Man findet diese Zeit auch.

Ein weiterer Schritt ist der Entschluss, auf eine sehr radikale Weise – so gut es geht – wahrhaftig zu sein. Was nützt es denn, wenn dich jemand gerne mag, weil du dich so gut verstellt hast. Du alle deine Schattenseiten versteckt und verborgen hast. Weil du alle deine Wünsche und Begierden in den Keller gesperrt hast. Wie lange kann und soll das gut gehen? Dann kannst du der Tatsache ins Auge sehen, dass du genau die Person bist, die du gerade bist. Dass die andere Person genau die Person ist, die sie gerade ist. Alles andere ist einfach gerade nicht wahr. Dass die Eltern und die Verhältnisse gerade genauso sind, wie sie sind.

Wenn das Aufbegehren gegen Tatsachen, der Kampf gegen Windmühlen aufhört, siehst du dich mit den Gefühlen konfrontiert, die mit diesen Tatsachen einhergehen. Du kannst dir auch hier wieder Zeit nehmen. Zeit, den Gefühlen Raum zu geben. Von da aus wird es möglich zunächst eigene Verhaltensweisen und Empfindungen ein klein wenig zu verändern.

Übung: Ein Wunsch – ein wirklicher Wunsch

Wenn nur ein einziger Wunsch übrigbleibt, der so stark ist, dass du dafür dein Leben geben würdest – in dem Sinne, dass dessen Erfüllung, die Suche oder das Streben danach deinem Leben einen Sinn geben würde: Welcher Wunsch wäre das?

Was ist die tiefste Sehnsucht?

Wenn es gelingt, Tatsachen zu akzeptieren und die damit verbundenen Gefühle zu erfahren, dann hast du den Schlüssel zu deinem eigenen Herzen gefunden. Wenn der verschüttete Zugang zu den wirklichen Gefühlen beginnt sich zu öffnen, kannst du in deinem tiefsten Herzen entdecken, dass du in der Lage bist zu lieben. Diese Liebesfähigkeit gehört nur dir alleine. Sie gehört zu deinem tiefsten, ureigensten Wesen. Diese Liebe kann dir niemand wegnehmen. Die Partnerschaft ist dann nur noch ein wundervoller Bonus zu deinem inneren Erfülltsein.

Das ist das Gegenteil von dem, was bisher erzählt wurde. Dass die Wahrheit zu zweit beginnen würde und dass man alleine nicht vollständig wäre. Wenn du auf dem bis hierher ge – schilderten Weg noch ein wenig weitergehst, kann immer deutlicher werden, dass die Sehnsucht nach deinem Zuhause, nach einem Verschmelzen in deinem eigenen tiefsten Innern Erfüllung finden kann. Die Erfahrung von Einssein ist ganz und gar unabhängig von anderen Menschen. Dann ist das Fest des Sommers und der Fruchtbarkeit, genau wie jeder einzelne Tag, ein weiterer Ausdruck der Liebe des Lebens zu sich selbst.

Author: Oliver Bartsch

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