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Rupert Sheldrake über Raum und Zeit, morphische Resonanz und das Jahr 2012

Auszüge aus einem Interview mit Rupert Sheldrake anlässlich seines Berlin-Besuches am 12. November 1999.

Das Interview führten das Berliner Forscherpaar Franz Bludorf und Grazyna Fosar sowie Shako M. Burkhardt Kerstin Wiechmann in der SEIN-Redaktion.
Übersetzung: Bludorf+Fosar.

„Sein“: Sie haben einmal gesagt, dass Tiere nicht denselben Zeitsinn hätten wie wir, dass sie ein Stück weiter in der Zukunft sind und dass das von der Tatsache abhängt, dass sie nicht sprechen können…

Rupert Sheldrake: Ich erinnere mich nicht, das einmal gesagt zu haben. Wo habe ich das gesagt?

„Sein“: Im Buch „Cyber-Talk“…
(R.Sheldrake im Gespräch mit Terence McKenna und Ralph Abraham, Scherz Verlag 1998, Anm. d. Red.)

Rupert Sheldrake: Ich denke, das war nicht meine Theorie, sondern die Ansicht von Terence McKenna, der eine sehr unübliche Theorie der Zeit hat. Ich stimme nicht mit seiner Theorie der Zeit überein. Seine Erklärung dafür, dass Tauben in ihren Schlag zurückfinden, ist, dass die Taube den Schlag in der Zukunft sieht und die Zukunft sie dann Richtung Heimat zieht. Ich verstehe seine Theorie nicht, und so ist es nicht meine Theorie.

„Sein“: Würden Sie sagen, dass die morphogenetischen Felder unabhängig von Raum und Zeit sind?

Rupert Sheldrake: Nein. Wenn sie unabhängig von Raum und Zeit wären, dann wären sie so etwas wie platonische Archetypen. Der ganze Punkt der Theorie ist, dass sie nicht platonisch ist. Es gibt ein Gedächtnis in diesen Feldern, und so hängen sie viel stärker von der Vergangenheit ab als von der Zukunft. Die Vergangenheit hat einen starken Einfluss, und ich glaube nicht, dass die Zukunft einen vergleichbaren Einfluss hat. Wenn die Zukunft einen vergleichbaren Einfluss hätte, wäre es eine andere Theorie. Ich denke, man könnte eine Theorie aufstellen, dass Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen die Gegenwart beeinflussen, aber dies wäre eine unterschiedliche Theorie von der, die ich propagiere. Es wäre auch sehr schwer, den Einfluss der Zukunft zu überprüfen, weil wir nicht wissen, was in der Zukunft geschehen wird.

F. Bludorf: Man könnte einige Jahre abwarten und sehen, ob es geschehen wird…

Rupert Sheldrake: Man müsste möglicherweise Millionen Jahre warten, wenn es nicht durch die Zeit begrenzt ist. Es gibt eine grenzenlose Zukunft. Ich denke, es gibt einen Einfluss der Zeit. Zeit ist polar. Es gibt eine Polarität der Zeit. Es gibt einen größeren Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart.
Also ist das, was ich morphische Resonanz nenne, nicht unabhängig von der Zeit, aber ich vermute, ihre Wirkung wird nicht verringert durch die Entfernung in der Zeit. Es spielt keine Rolle, ob etwas hundert Jahre zurückliegt oder Millionen von Jahren. Es gibt immer noch einen Einfluss. Es spielt auch keine Rolle, ob es einen Kilometer entfernt ist oder zehntausend. Die Entfernung spielt keine Rolle, aber es ist nicht unabhängig von Raum und Zeit in dem Sinne, dass es einen unterschiedlichen Einfluss von Vergangenheit und Zukunft gibt.

F. Bludorf: Es gibt nun einige physikalische Indizien dafür, dass morphogenetische Felder auf irgendeine Weise mit magnetischen Feldern, eventuell sogar mit dem Erdmagnetfeld verbunden sind. Was würde dann Ihrer Meinung nach geschehen, wenn es zu einem Wechsel der magnetischen Pole käme, so wie es in der Vergangenheit schon öfter der Fall war? Würde es einen Einfluss auf die morphogenetischen Felder haben? Wenn ja, wie könnte dann diese Information Millionen von Jahren überdauern?

Rupert Sheldrake: Ich denke nicht, dass morphogenetische Felder sehr eng mit magnetischen Feldern verknüpft sind. Es muss eine Beziehung zwischen ihnen geben, aber sie ist vermutlich nicht sehr eng. Natürlich, wenn die Wanderungen von Tieren durch magnetische Felder gesteuert werden, was sie in gewissem Maße tun, dann könnte der Wechsel der Pole einen Störeinfluss haben. Aber die Tatsache, dass Vögel und andere Tiere weiter wandern über Millionen von Jahren, legt nahe, dass sie sich leicht solchen Magnetfeldänderungen anpassen können. Das Magnetfeld hat sich vermutlich in den letzten 20 Millionen Jahren 40-50 Mal umgekehrt, und doch ging das Leben auf der Erde weiter, es wurde nicht zu stark gestört. Wir haben keine Beweise für das Aussterben einer großen Anzahl von Arten.

F. Bludorf: Während einer Polumkehr gibt es einen kurzen Moment, in dem das Magnetfeld Null ist. In dieser Zeit fällt die Schutzwirkung des Erdmagnetfeldes gegen Sonnenwind und kosmische Strahlung fort. Wenn wir zum Beispiel eine Computerdiskette dieser Strahlung aussetzen würden, würde die Information auf ihr möglicherweise gelöscht werden…

Rupert Sheldrake: Ich denke, das ist eine empirische Frage. Es gibt bislang keine Beweise für größere Veränderungen des Lebens rund um einen Polwechsel.

F. Bludorf: In manchen Fällen sind sogar in der Tiefsee zahlreiche Arten ausgestorben.

Rupert Sheldrake: Es gab eine große Umwälzung etwa vor 60 Millionen Jahren, doch die meisten Menschen glauben, es sei durch einen Asteroiden gewesen.

„Sein“: Ich habe eine Frage zu den „Dimensionen“. Viele Menschen sagen, dass wir in die vierte oder fünfte Dimension „aufsteigen“ werden bis zum Jahr 2012. Dies soll sich u.a. jetzt schon daran bemerkbar machen, dass sich Gedanken schneller manifestieren. Können Sie dazu etwas sagen?

Rupert Sheldrake: Nicht wirklich. Ich denke, der Dimensionswechsel ist eine Metapher. In der Physik gibt es viele Dimensionen. Die String-Theorie hat zehn Dimensionen, die Quantentheorie hat Hunderte von Dimensionen. Dimensionen sind billig in der modernen Physik. Mit einem Federstrich kann man Hunderte von ihnen generieren. Die Gleichungen der Quantenphysik haben multidimensionale Bereiche und Möglichkeiten. Also bedeutet die Existenz von zusätzlichen Dimensionen für mich nicht viel. Es ist ein mathematisches Konzept. Daher halte ich es für eine Art Metapher, die mich nicht sonderlich anspricht.
Wenn es darum geht, dass sich Gedanken schneller manifestieren, so ist es offensichtlich, dass das Leben sich beschleunigt hat. Jeder kann es sehen anhand der momentanen Kommunikation, e-Mail usw. Es gibt viele Gründe, die für die Ansicht sprechen, dass die Dinge sich beschleunigt haben. Ich sehe das eher als eine Konsequenz davon, wie unsere Gesellschaft arbeitet, dass unsere Kommunikation immer schneller wird. Natürlich kann das auch mit dem Wechsel der Zeitalter zu tun haben, mit dem Millennium oder dem Jahr 2012. Ich weiß es nicht. Ich habe viel mit Terence McKenna darüber diskutiert, denn, wie Sie wissen, glaubt er an das Ende der Welt im Jahre 2012. Es ist eine Art neue Version einer apokalyptischen Vision. Er hat viele Metaphern dafür, was für Veränderungen im Jahre 2012 geschehen könnten. Ich jedoch wurde von ihm nicht überzeugt, dass dies wirklich eine entscheidende Zeit ist. Viele Dinge geschehen zur Zeit, und viele Dinge verändern sich. Ich sehe nicht, wieso das Jahr 2012 da eine privilegierte Position haben sollte.
Er selbst kann seine Argumentation nicht untermauern, außer, dass er sagt, dass ihm dies offenbart wurde. Es ist eine Art offenbarter Wahrheit. Doch nicht jeder wird überzeugt durch eine Offenbarung, die unter dem Einfluß von „magic mushrooms“ entstand. Es könnte wahr sein oder auch nicht.

„Sein“: Wir danken für dieses Gespräch!

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